Interview | Medienkritik

„Das Wissen um die Wucht“ (19. November 2020)

Die Medienwissenschaftler Michael Meyen und Lutz Mükke stammen aus ganz verschiedenen Ost-Milieus. Der eine studierte am Roten Kloster Journalistik, der andere schrieb unter anderem einen Protestbrief an Honecker. Gut möglich, dass sie sich nie begegnet wären, hätte die DDR weiter existiert. Nach 30 Jahren Vereinigung blicken sie auf 30 Jahre Erfahrungen in der Bundesrepublik zurück. Ein Ost-Ost-Gespräch über die schwierige Medienwende, die Arroganz der Westmedien im Osten und vom Ende des „hegemonialen Diskurses“.


Lutz Mükke:
Stimmt es, dass Ossis seit 30 Jahren die tonangebenden bundesrepublikanischen Leitmedien Frankfurter Allgemeine und Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel und DIE ZEIT so gut wie nicht abonnieren? Falls ja, wie ist das zu erklären?

Michael Meyen ist Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München. Er studierte in der DDR an der Sektion Journalistik und hat in Leipzig vom Diplom bis zur Habilitation alle akademischen Stationen durchlaufen. // Foto: Ekkehard Winkler

Michael Meyen: Das stimmt, ja. Die Blätter, die du da nennst, werden ja von Großstadt-Akademikern für Großstadtakademiker gemacht. Das heißt: Dort kannst du lesen, wie die Menschen die Welt sehen, die in dieser Gesellschaft im Moment den Ton angeben. Wir wissen alle, wie die Besitzverhältnisse in diesem Land sind und wie wenige Ostdeutsche es in Führungspositionen gibt. Die Linien der sozialen Spaltung laufen nicht nur zwischen Akademikern und Nicht-Akademikern oder zwischen Stadt und Land, sondern auch zwischen Ost und West. Wer nicht auf der gleichen Seite des Grabens steht wie die Redaktionen in München, Hamburg oder Frankfurt, findet seine Sicht der Dinge in den Leitmedien nur sehr bedingt und mag dann vielleicht auch nicht das gar nicht so billige Abo zahlen.

Mükke: „Wer nicht auf der gleichen Seite des Grabens steht…“ ist ein drastisches Bild. Ist die Wortwahl für das Thema nicht ein wenig heftig? Wir sind doch nicht im Krieg oder im Klassenkampf.

Meyen: Wir können auch von sozialer Spaltung sprechen oder von kultureller Verwerfung. Ich habe dazu gerade Paul Collier gelesen, „Sozialer Kapitalismus!“. Untertitel: „Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft“. Ich mag zwar nicht, wie er dort der guten, alten Sozialdemokratie hinterher weint und die Rezepte von damals feiert, die Diagnose aber ist gut. Die Konzentration von Vermögen in den westlichen Industriestaaten, die Wohlstandskluft zwischen Norden und Süden, die Konflikte vor unserer Haustür. Die Großstadt gegen die Provinz oder das Land, die Hochqualifizierten gegen die Geringqualifizierten. Damit lässt sich Trump erklären, der Brexit, Macron. Und damit lassen sich all die Kämpfe der jüngsten Vergangenheit erklären. Die Flüchtlinge, das Klima, die Ernährung, jetzt Corona.

In Deutschland kommt das Ost-West-Problem dazu. Was in Medien und Öffentlichkeit über die DDR erzählt wird und über Ostdeutschland, dient vor allem dazu, das politische System der alten Bundesrepublik zu legitimieren. Der Diktaturdiskurs und das eher negative Bild des Ostens haben sehr konkrete Folgen, die bis in das Private hineinreichen und Lebensentscheidungen beeinflussen. Mit der DDR und dem Osten werden ja auch die Erfahrungen abgewertet, die wir gemacht haben, oder unsere Qualifikationen, unsere Fähigkeiten. Wenn wir hier über Medien sprechen, geht es sehr wohl um einen Kampf. Es geht um Definitionsmacht. Wer schafft es, seine Sicht auf die Wirklichkeit in die Öffentlichkeit zu bringen und zur Medienrealität werden zu lassen.

Die Medienwende vor 30 Jahren

Lutz Mükke ist freier Journalist mit dem Schwerpunkt Afrika. Zuvor lehrte er viele Jahre in Leipzig Journalistik. Außerdem ist er Mitherausgeber von Message. // Foto: Mükke

Mükke: Es gibt ja eine ganze Reihe an Studien und Diskussionen über das Versagen von Spiegel, ZEIT, FAZ und SZ im Osten. Zu meiner Einstiegsfrage noch zwei Zahlen: Die FAZ hat im Osten – exklusive Berlins – heute eine verkaufte Auflage von rund 8000 Stück, ähnlich wie die Süddeutsche. Spiegel und DIE ZEIT setzen im Osten im Vergleich zum Westen auch erstaunlich wenig ab. Das sind sagenhaft niedrige, ganz peinliche Zahlen. Was hätten denn deren Herausgeber und Chefredakteure nach 1989 machen müssen, um auch in den neuen Bundesländern erfolgreich zu sein?

Meyen: Im Rückblick lässt sich das leicht sagen: Sie hätten Kolleginnen und Kollegen aus der DDR integrieren und gut ausgestattete Büros im Osten aufmachen müssen. Das hätte automatisch mehr Vielfalt in die Berichterstattung gebracht. Vor allem dann, wenn man dabei auch mit Menschen gearbeitet hätte, die an der Sektion Journalistik in Leipzig ausgebildet worden sind. Man kann das ja gerade sehr schön bei Birk Meinhardt nachlesen, der in der DDR bei der Wochenpost war und bei der Jungen Welt und der dann 1992 als erster Ostdeutscher zur SZ nach München kam. Im Buch „Wie ich meine Zeitung verlor“ beschreibt er, wie es ihm dort ergangen ist und warum er dann nach 20 Jahren gekündigt hat. Zu dieser Geschichte gehören zwei Kisch-Preise, aber auch die Erfahrung, dass sich niemand für seinen Hintergrund interessiert hat. Den Münchnern war es egal, was er über Thomas Emmrich erzählen wollte, den DDR-Serienmeister im Tennis, oder über Jenaer Fußballer. Und es war ihnen auch egal, welche Lehren er aus dem Versagen des Journalismus in der DDR gezogen hatte.

Mükke: Ich kann das nachvollziehen. Anfang der 1990er haben sich SZ und FAZ mit Kooperationen im Osten die Hände verbrannt. Sie kooperierten mit den Zeitungen der Blockparteien und investierten dort ein bisschen. Aber das lief alles ins Leere. Die Abo-Zahlen blieben bescheiden. Auch weil die Blätter der Blockparteien ja keine großen Marken waren und sich auch nicht besonders durch kritische oder irgendwie andersartige Berichterstattung in der DDR hervorgetan hatten. Und welcher Werbe- und Anzeigenmarkt hätte im deindustrialisierten Osten denn die Investitionen der Überregionalen refinanzieren können? Aldi- und Norma-Werbung läuft bekanntlich über die Lokalpresse. Im Westen hingegen liefen die Geschäfte glänzend – sowohl im Abo- als auch im Anzeigenbereich verdienten Spiegel, SZ, FAZ und ZEIT damals bestens.

Weshalb also hätte ein Herausgeber oder Chefredakteur aus Hamburg, Frankfurt oder München nun in Rostock, Cottbus oder Leipzig investieren sollen? – Um die innere Einheit voranzubringen?! Oder um den Ossis eine Stimme zu geben?! – Sorry. Das wäre zwar ganz sicher sehr wichtig für die Demokratie, die Teilhabe und die Partizipation der ostdeutschen Bildungsmilieus gewesen. Aber sind die überregionalen Leitmedien nicht vor allem auch privatwirtschaftlich arbeitende Unternehmen, frage ich mal provokant? Und unternehmerisch gedacht machte der Osten für sie einfach wenig Sinn. Und auch bei inhaltlichen Entscheidungen agierte man stets zurückhaltend und saturiert. Denn hätte man intensiver und differenzierter über Ostdeutschland berichtet, hätte das wahrscheinlich die westdeutsche Stammleserschaft irritiert. Die Milieus, gesellschaftlichen Verfasstheiten und kulturellen Diskurse waren und sind im Osten und Westen weit weg voneinander, teilweise bis heute.

Vielleicht hätten die großen Überregionalen mit einer der 1989/90 rund 80 neu gegründeten Wende-Zeitungen und -Zeitschriften kooperieren sollen. Dort waren publizistische Kraftzentren entstanden, denen es leider an verlegerischem Knowhow und Geld fehlte und die auch bald wieder von der Bildfläche verschwanden. Die Privatisierungspolitik der Treuhand tat das ihre dazu. Die neu gegründeten Ost-Blätter konnten den großen Monopolen der Regionalzeitungen wenig entgegensetzen, als die erst einmal an finanzkräftige westdeutsche Medienunternehmen verkauft worden waren.

Meyen: Und wie berichteten die überregionalen Leitmedien über all diese Entwicklungen?

Mükke: Christoph Dieckmann, eine der ganz wenigen ostdeutschen Edelfedern, die im Westen Karriere machten, in seinem Fall bei der ZEIT, meint, dass die Berichterstattung westdeutscher Leitmedien über den Osten jahrzehntelang im Duktus der Auslandsberichterstattung daher komme. Da gibt es viele Beispiele, die auf Ostdeutsche oft schwer verdaulich, herabwürdigend arrogant und auch dumm wirken. Der Spiegel schwadronierte in dieser Art beispielsweise über Mecklenburg-Vorpommern, den „leeren, bäuerlichen Nordosten… Das spröde Land zwischen Bodden und Haff, so scheint es, ist eher für Kraniche als für Menschen gemacht… ein Bundesland, das sonst für Abwanderung und Niedergang steht, für dickes Blut und trübes Wetter, trotzige Rückständigkeit und schlimmsten Suff.“ (38/1995) Eine Diplomarbeit, die sich an der Uni Leipzig mit solchen Stereotypen auseinandersetze, kam dennoch zu dem Ergebnis, dass der Spiegel trotz seiner „stereotypen Herangehensweise“, „vorsätzlichem Weglassens wichtiger Aspekte“ und „sorglosem Umgang mit Fakten“ viele heiße Eisen im Mecklenburg-Vorpommern anpackte. Die Arbeit würdigte die Arbeit des Spiegels letztlich dennoch, insbesondere „vor dem Hintergrund der weitgehend zahnlosen Regionalpresse in Ostdeutschland“.

Meyen: Du meinst die Arbeit von Gerit Schulze. Wenn man sich dort die Themen anschaut, dann besteht Mecklenburg-Vorpommern im Spiegel aus Skandalen. Die Werften, Lichtenhagen, Rechtsextremismus und dann noch die PDS an der Macht. Es mag sein, dass das von Hamburg aus alles so furchtbar aussah und als investigativer Journalismus durchging, aber wer will sich von seinem neuen Mitbewohner schon ständig sagen lassen, dass er endlich aufräumen muss?

Und zu den anderen Punkten: Vielleicht wäre es ganz gut gewesen, wenn man die westdeutschen Stammleser irritiert hätte. Vielleicht wäre es auch gut gewesen, darüber nachzudenken, ob eine kommerziell orientierte Presse tatsächlich ganz nebenbei eine öffentliche Aufgabe erfüllen kann. Vielleicht hätte man der Treuhand den Auftrag geben müssen, die ostdeutschen Zeitungen nicht unter den großen und mittleren Westverlagen aufzuteilen. Vielleicht hätte man den vielen kleinen Zeitungen helfen müssen, die 1989/90 gegründet wurden. Auf jeden Fall aber hätte man beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk etwas tun können. Da scheint ja das wichtigste Ziel gewesen zu sein, die zentralen DDR-Sender zu zerschlagen und eine reine Ost-Anstalt zu verhindern. Ein Kinderkanal in Erfurt ist kein Ersatz für all das, was dort fehlt, wo es wirklich wichtig wird. Man muss sich ja nur die Geschichte von DT64 anschauen. Da haben gar nicht so wenige Menschen ziemlich lange öffentlich gezeigt, wie wichtig dieses Radioprogramm für ihre Identität ist. Den Entscheidern war das ziemlich egal.

Mükke: Im Beitrittsprozess hatte ganz sicher niemand auf Seiten der Kohl-Regierung Interesse daran, dass sich ostdeutsche Mentalität und Identität verfestigt oder der Osten selbstbewusste eigenständige Entwicklungen nimmt oder sich gar „Ostmedien“ etablieren, weder privatwirtschaftliche noch öffentlich-rechtliche, die sich dann vielleicht auch noch auf hohem Niveau kritisch mit „dem Westen“ und der Übernahme hätten auseinandersetzen können. Schumpeter, Makroökonom alter Schule, spricht bei solchen Prozessen von „kreativer Zerstörung“. Das Alte muss weichen, um Neuem Platz zu machen. Oder volksmündlich: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Nur fielen im medialen Vereinigungsprozess eben keine Späne, sondern gleich der ganze Wald und damit wurden wichtige Funktionen des demokratischen Mediensystems für Ostdeutsche nur sehr eingeschränkt erfahrbar –  Partizipation und Repräsentation.

Bei den überregionalen Leitmedien, die eine herausragende Rolle im politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Diskurs und beim Agenda-Setting innerhalb der Bundesrepublik spielen und zum Meinungsbildungsprozess vieler Entscheidungsträger beitragen, fehlte und fehlt es sträflich an Repräsentanz ostdeutscher Themen, ostdeutscher Persönlichkeiten, ostdeutscher Perspektiven und ostdeutscher Journalisten. Erst in den letzten Jahren beginnt sich das ein wenig aufzuweichen. Man fokussierte sich dort lange stark auf DDR-Delegitimierungsdiskurse und skizzierte den Osten als das abweichende Anhängsel, das sich an westdeutscher Norm messen lassen müsse. Der Osten ist für die Überregionalen bis heute mediales Ausland geblieben, in dem man kleine Korrespondentenbüros eröffnet und ab und an Reporter schickt.

Und im Regionalen verfestigten sich die Monopolstrukturen der alten SED-Zeitungen, die zwar über all die Jahre oft satte Gewinne für die Konzernzentralen im Westen erwirtschafteten, aber sich mehr dem Ratgeberjournalismus verbunden fühlten als kritisch-kontrollierendem Recherchejournalismus. Obwohl gerade der Verschmelzungsprozess beider Staaten, Kulturen und Identitäten der Begleitung durch kritisch-kontrollierenden und reflektierenden Journalismus in ganz anderem Ausmaß bedurft hätte. Weite Teile Ostdeutschlands haben im Printmarkt nie die journalistisch belebend wirkende Konkurrenzsituation zwischen zwei Blättern erlebt. Das hat im Osten ganz sicher das Aufwachsen einer notwendigen kritisch-kontrollierenden Journalismuskultur erschwert – mit allen Konsequenzen, die das für eine Gesellschaft hat. Und ich befürchte, auch die fehlende Repräsentanz, die Stimmlosigkeit des Ostens in den tonangebenden überregionalen Westmedien, hat erheblich dazu beigetragen, dass Ostdeutsche 30 Jahre nach dem Beitritt noch immer weit weniger Vertrauen in Institutionen, Politik und Massenmedien haben als Westdeutsche. – Klinge ich jetzt eigentlich wie ein Jammer-Ossi?

Meyen: Ich weiß nicht, wie Jammer-Ossis klingen. Ich kenne eigentlich auch keine. Ich kenne nur Westdeutsche, die von Jammer-Ossis sprechen, wenn sie solche Analysen aus dem Osten hören. Das wirkt dann immer ein wenig bockig. Seid doch dankbar, liebe Brüder und Schwestern. Wir haben so viel für euch getan. Kann ich noch kurz zur Treuhand zurück?

Mükke: Klar.

Meyen: Das passt nämlich zur Idee vom Monopol der alten SED-Zeitungen und zu der Vermutung, dass es gerade das Überleben dieser Strukturen war, was kritischen Journalismus verhindert hat. Ich sehe in der Presselandschaft nichts mehr von der SED. Ich sehe dort eine Fortschreibung der alten Bundesrepublik und damit genau das Gegenteil von kreativer Zerstörung. Man muss sich ja nur anschauen, was mit den Tageszeitungen der SED passiert ist. Fein aufgeteilt von der Treuhand, für jeden der Großen und Mittelgroßen aus dem Westen ein schönes Stück.

Die beiden größten nach Ludwigshafen und nach Köln. Die Freie Presse in Chemnitz an die Rheinpfalz und die Freiheit in Halle an Dumont. Kohl und Genscher. Der eine hat sein Lieblingsblatt in Ludwigshafen bedient und der andere einen Verlag, der der FDP nahestand. Es braucht gar nicht viel Fantasie für die These, dass sich die Regierung hier die veröffentlichte Meinung gekauft hat. Wer sollte die Treuhand noch kritisieren, wenn doch jeder wichtige Verlag irgendwie Nutznießer war? Es hat fast 30 Jahre gebraucht, bis in aller Öffentlichkeit diskutiert worden ist, was die Treuhand alles verbrochen hat. Jetzt gibt es endlich junge Leute wie die von Aufbruch Ost, jetzt gibt es endlich Bücher wie „Das Treuhand-Trauma“ von Yana Milev. Über die Privatisierung der Presse wissen wir aber immer noch viel zu wenig. „Pressefrühling und Profit“, die Studie von Mandy Tröger, ist da nicht mehr als ein Anfang.

Die Wirkung des DDR-Diskurses

Mükke: Mandy Tröger und Yana Milev sind zwei Frauen aus dem Osten. Tröger sieht sich als Repräsentantin einer „kritischen Kommunikationswissenschaft.“ Milev schreibt sehr pessimistisch und angriffslustig über „herrschenden Kulturkolonialismus“, über „Prekärsein“ und „gesellschaftliche Herabsetzung“ in Ostdeutschland; von der „Übernahme“ durch den Westen und sogar von „verordnetem Vergessen.“ Das sind wichtige Positionen, die es zu diskutieren gilt. Warum fanden solche Perspektiven und Tonlagen – man mag sie teilen oder nicht – im Kulturdiskurs der Bundesrepublik in den zurückliegenden 30 Jahren kaum Raum? Gab es sie nicht? Über den ostdeutschen Medien- und Pressewandel und die Treuhand wurde seit den 1990ern ja viel geschrieben und geforscht. Etablierte Medienwissenschaftler wie Horst Röper, Hans-Jörg Stiehler, Beate Schneider, Dieter Stürzebecher, Werner Früh, Arnulf Kutsch, Michael Haller, Rüdiger Steinmetz oder Walter Schütz haben sich damit durchaus kritisch auseinandergesetzt, um nur einige zu nennen. Aber der Unmut über die anhaltende Marginalisierung von Ostdeutschen schlägt seit geraumer Zeit in eine neue Qualität um, u.a. in Sachbüchern wie „Die Übernahme“ von Kowalczuk oder in Säle füllenden Tagungen wie „Kolonie Ost? Aspekte von „Kolonialisierung“ in Ostdeutschland seit 1990“ vom Dresdner Institut für Kulturstudien. Neu daran ist nicht nur der selbstbewusste Tonfall ostdeutscher Akteure. Sondern: Unterstützt werden diese Debatten endlich auch vom etablierten Politikbetrieb, bspw. von der Bundeszentrale für politische Bildung oder dem Sächsischen Staatsministerium für Gleichstellung und Integration.

Seit Jahrzehnten forschst auch du zum Medienwandel im Osten. Wo siehst Du 30 Jahre nach der Wende noch Forschungsbedarf, weiße Flecken oder Notwendigkeiten für Neuinterpretationen?

Plakat Leipziger Studenten aus der Wendezeit © Privatarchiv Michael Meyen

Meyen: Das sind jetzt viele Fragen auf einmal. Den öffentlichen Diskurs über die DDR habe ich ja selbst untersucht. Hans-Jörg Stiehler hat das Buch „Wir haben freier gelebt“ 2014 für die Fachzeitschrift Publizistik rezensiert und vermutet, dass ich damit nur „wenig Aufmerksamkeit“ finden werde – nicht, weil er die Studie schlecht fand, sondern wegen eines generellen Desinteresses an Thema und Differenzierung. Selbst wenn es dazu also etwas in den Nischen der empirischen Sozialforschung gegeben hat, hat man es damit nicht auf die Bühne der Leitmedien geschafft. Dann kam Pegida, dann kamen die Wahlerfolge der AfD, auch und vor allem im Osten. Jetzt war jedem klar, dass die hegemoniale Erzählung von der Selbstbefreiung eines unterdrückten Volkes ausgedient hat. Damit wurde zugleich ein Raum geöffnet für neue Erzählungen, auch für neue Protagonisten. Yana Milev ist dafür sicher ein Beispiel.

Ich habe gerade eine Geschichte der DDR-Journalistik veröffentlicht, um zu zeigen, was alles verlorengegangen ist, weil die internen Debatten über neue Formen der Ausbildung völlig egal waren, als das Fach im Frühjahr 1991 neu gegründet wurde. Was dort seit dem Herbst 1989 erstritten worden war, ist einfach im Archiv verschwunden. Rotes Kloster, Punkt. Das hat nicht nur jedes Gespräch über Alternativen zur westdeutschen Publizistik- und Kommunikationswissenschaft erstickt, sondern auch viele Absolventinnen und Absolventen vorsichtig werden lassen. Bloß nicht zu viel Positives über die DDR sagen oder über die Journalistenausbildung in diesem Land. Auf diese Weise hat sich der hegemoniale Diskurs über fast drei Jahrzehnte selbst reproduziert.

Mükke: Du sagst, was im Herbst 1989 erstritten worden war, wurde erstickt. Was war das Erstrittene und wie hast du selbst das „Vorsichtig-werden-Lassen“ erlebt?

Meyen: Um gleich beim Beispiel Journalistenausbildung zu bleiben: An der Sektion Journalistik hat sich im Januar 1990 eine „Alternativgruppe“ gebildet, die so hieß, weil dort keine Professoren mitgemacht haben, sondern Studenten und Leute aus dem Mittelbau wie Sigrid Hoyer oder Tobias Liebert. Was diese Alternativgruppe damals entwickelt hat, ist heute vermutlich nicht einmal mehr denkbar, im Zeitalter der durchgetakteten Bologna-Studiengänge und mit Blick auf die Imperative Effektivität und Verwertbarkeit. Ich habe das Papier im Uniarchiv gefunden und gestaunt. Ein Studium, das im Wortsinn „frei“ ist. Jeder sucht sich das, was ihn interessiert, ohne all die Schranken, die Fakultäts- und Institutsgrenzen setzen. Der Pflichtanteil? Minimal. Selbstorganisation statt Stundenplan. Und: Forschung statt Trichter. Vom ersten Tag an dort dabei sein, wo Wissen produziert wird, und nicht einfach auswendig lernen. Die Alternativgruppe möchte 1990 auch, dass die Studenten druckfähige Manuskripte produzieren und nicht mehr für den Papierkorb üben. Das ist noch die Leipziger Journalistik, die immer darauf gesetzt hat, das Handwerk selbst vermitteln zu können, im geschützten Raum der Universität, unterfüttert mit allem, was man über Sprache, Textformen und Wirkung herausfinden kann, und noch nicht gebrochen durch die Verwertungswünsche von Medienunternehmern jeder Art.

Dieses Papier ist nur ein Beispiel für das, was im langen 89er Herbst diskutiert wurde. Es gibt Konzepte von Journalistikprofessoren, es gibt ein Konzept von einem marxistischen Philosophen. Ganz abgesehen von all den Ideen und dem gesellschaftspolitischen Horizont, der dort umrissen wird und den wir in dieser bedrohten Welt brauchen könnten: Die Erfahrung, dass das alles einfach im Archiv verschwunden ist, hat etwas mit den Menschen gemacht. Sie haben gelernt, dass sich diese Art von Anstrengung genau wie früher nur lohnt, wenn man Politik und Regierungen auf seiner Seite hat.

Mükke: Das ist das „Vorsichtig-werden-Lassen“?

Meyen: Das führt zunächst zu einer Form von Resignation und zum Wunsch, sich möglichst schnell anzupassen. Das spiegeln ja auch die ersten Journalistenbefragungen, von denen du gesprochen hast. Die Vorsicht hat mit einem Diskurs zu tun, der jede Verbandelung mit der SED und ihren Sicherheitsorganen geißelt. Anfang der 1990er-Jahre ist ja in aller Öffentlichkeit diskutiert worden, ob DDR-Journalisten überhaupt weitermachen dürfen. Kann man öffentliche Stimmungen tatsächlich Menschen anvertrauen, die vorher PR für ihre Partei gemacht haben? Man brauchte dann aber einfach erfahrene Redakteure, gerade im Lokalen und dort, wo aus dem Westen niemand wirklich hinwollte. In diesen Redaktionen hat man sehr genau beobachtet, wie auf die entsprechenden Enthüllungen reagiert wurde, bei der Bild-Zeitung, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, auch bei einigen großen Regionalblättern.

Leipziger Journalistikstudenten Mitte der 1970er // Foto: Privatarchiv Michael Meyen

Für meine Studie zur Leipziger Journalistenausbildung habe ich einen Absolventen interviewt, der nicht bei der Stasi war, aber trotzdem seit 30 Jahren die Angst mit sich herumträgt, als Wasserträger des Kommunismus gebrandmarkt zu werden. Er war drei Jahre bei der NVA wie fast alle Journalistikstudenten, hat dort Auszeichnungen bekommen und an der Universität dann ein besonderes Stipendium und eine Parteifunktion. Für sein Berufsleben hat das Folgen bis heute. Als Journalist bleibt er lieber bei unpolitischen Themen und verdient sich außerdem etwas dazu mit Auftragsarbeiten für Privatleute. Das ist kein Einzelfall. Leute, die in der DDR das Zeug hatten, Medienstars zu werden, bleiben lieber unter dem Radar. Schau dir die Rundfunkchefs an, die einen ostdeutschen Hintergrund haben. Alles gute Manager, aber keine Publizisten. Von dort kommt kein Kommentar, der im Land für Aufsehen sorgt. Dabei wären das die Journalisten, die eine andere Geschichte erzählen könnten. Menschen, die das hegemoniale Narrativ differenzieren könnten.

Ostdeutsche Stimmen

Mükke: Leider tendiert der Informationsfluss dazu, sich auf dem Weg des geringsten intellektuellen Widerstands zu verfestigen. So ist das auch mit diesem groben Narrativ. Er ist zum einen bequem und lässt sich zum anderen politisch wunderbar nutzbar machen. Er legitimierte bspw. den unbarmherzig und sehr deutsch durchgezogenen Elitenwechsel in Ostdeutschland. Westdeutsche Evaluatoren, Gutachter und Manager und ostdeutsche Saubermänner haben die Massenentlassungen an Akademien, Universitäten, in Verlagen und Medienredaktionen knallhart umgesetzt. Der Elitenaustausch in Ostdeutschland ist ein trauriges Kapitel deutscher Geschichte.

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden: Die DDR-Bevölkerung hatte den Beitritt der DDR zur BRD gewählt und um den umzusetzen, war ein Elitentransfer von West nach Ost notwendig und richtig. Nachvollziehen kann ich auch das Begleichen offener Rechnungen in den Jahren der Wendezeit. Dass eine Integration der ostdeutschen Intelligenz, ein fairer Neuanfang für sie, politisch jedoch nicht im Geringsten intendiert war und ist, halte ich für einen Geburtsfehler der deutschen Einheit.

Fremdscham überkommt mich bis heute, wenn ich beispielsweise an den DDR-Afrikanistik-Professor denke, der mit Herz und Seele daran mitgewirkt hatte, afrikanische Länder aus der Kolonialzeit heraus zur Unabhängigkeit zu verhelfen und nach der Wende über erniedrigende und deprimierende Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen nicht mehr hinauskam. Über so viel Beton können sich nur Idioten freuen und stahlgewitterharte DDR-Oppositionelle, die seit Jahrzehnten in ihren alten Rollen posen.

Klaus Wolframs Perspektiven sind da weit humanistischer und demokratischer. Wolfram war DDR-Oppositioneller, Mitglied der Verfassungsgruppe des Runden Tisches und Herausgeber der Wende-Wochenzeitung „die andere.“ Man darf nicht vergessen, dass der Wendeprozess auch viele DDR-Oppositionelle zum Verstummen brachte. Auch sie fanden für ihre differenzierteren Diskurse nur wenig Repräsentationsflächen in der bundesrepublikanischen Medienlandschaft und Politik. Wolfram ist heute Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und hielt dort im November 2019 eine bemerkenswerte Rede: „Was war und zu welchem Ende kam die politische Energie der Ostdeutschen“. Er konstatiert, dass kaum zwei Jahre nach 1990 die Massenmedien in Ostdeutschland so gut wie komplett unter westdeutscher Leitung standen. Damit habe sich die „Generalaussprache, das politische Bewusstsein, die soziale Erinnerung, alle Selbstverständigung, die sich eine ganze Bevölkerung gerade eben erobert hatte, in Entmündigung und Belehrung“ verwandelt. Die Bundesrepublik spinne bis heute „ihr altes Selbstgespräch über Ostdeutschland fort und fort – doch inzwischen hört dort niemand mehr zu.“

Wenn die demokratische Kompetenz von 1989 heute noch eine eigene Stimme, Öffentlichkeit und Handlungsfähigkeit in Ostdeutschland hätte, sagt Wolfram, würde sie erkennen, dass die  Gewaltlosigkeit von 1989 „zwei Seiten gehören. Und sie würde der anderen Seite sagen: Gut, wir sind noch immer anderer Meinung als ihr – und ihr seid es umgekehrt wahrscheinlich auch. Aber ihr habt damals nicht geschossen, habt uns unseren Weg gehen lassen, habt euch einer unbekannten Zukunft gebeugt. Deshalb soll von jetzt an jede verordnete Ausgrenzung enden.“

Meyen: Ein paar Stimmen hat das ja noch, was du mit Klaus Wolfram gerade „demokratische Kompetenz von 1989“ genannt hast. Daniela Dahn zum Beispiel. In ihrem vorletzten Buch mit dem feinen Untertitel „eine Abrechnung“ hat sie ja sehr bewusst von „Gegeneinseitigkeit“ gesprochen, weil „das hundertmal Verschwiegene“ auf „Kenntnisnahme“ warte. Weiter bei Daniela Dahn: „Ich bestehe seit nunmehr 30 Jahren darauf, dass der westliche Diskurs den fremden Blick nicht nur aushalten, sondern als Bereicherung begreifen sollte“.

Wenn man das gelesen hat und ihr neues Buch „Tamtam und Tabu“ kennt, ist man gar nicht mehr so sicher, dass die DDR-Bevölkerung den Beitritt zur BRD „gewählt“ hat, wie du gerade meintest. Daniela Dahn zeigt, wie westdeutsche Politik und westdeutsche Medien diese Mehrheit nach ihrem Bild geformt haben. Nur ein Beispiel: nationaler Taumel bei ARD und ZDF, als die Straße noch nichts von einer „schnellen Einheit“ wusste. Darf ich Dich fragen, wie du diese Medienwende erlebt hast und später dann das Studium in Leipzig? Mich interessiert das natürlich, weil du aus einem anderen Milieu kommst als ich und sicher nicht auf die Idee gekommen wärst, in der DDR Journalistik zu studieren.

Eine Vergangenheit, die nicht vergeht

Mükke: Wir hätten uns in der DDR eventuell schriftlich begegnen können, wenn du nach Deinem Studium am Roten Kloster als Redakteur einer SED-Bezirkszeitung gearbeitet hättest und ich dir einen defätistischen Leserbrief geschrieben hätte, zu Deiner Berichterstattung über die jüngsten Planübererfüllungen, zu den 90-Prozent-Wahlerfolgen oder über den sich stetig und planmäßig verbessernden Zustand der Flüsse in der DDR. Nein im Ernst, ich bin in einer sehr schönen und freien dörflichen Umgebung aufgewachsen. Niemand zwang mich in irgendeine weltanschauliche Richtung, abgesehen von Wehrkundeunterricht, Fahnenappellen und den starren Diktionen einer überforderten Staatsbürgerkunde-Lehrerin.

Die wahrhaftigeren Diskussionen, das freiere Wort, das ehrlichere Lachen und den besseren Blues fand ich allerdings in kirchlichen Räumen. 1988 bis Anfang 1991, als Lehrling, war ich engagiert und aktiv in einer kirchlichen Umweltschutzgruppe, in der offenen Jugendarbeit der Diakonie mit Punks und Glatzen, auf den Herbst-Demos, am „Runden Tisch für Sicherheit“ in Zwickau, bei der Organisation von öffentlichen Diskussionen und Podien. „Kirche von unten“ waren meine Leute. Aber du fragst nach der Medienwende. Die verbinde ich wie die Wende selbst mit überwiegend positiven Erinnerungen, allerdings auch mit einschneidenden Ernüchterungen. Auf der Haben-Seite standen die neu erworbenen Freiheiten. Auf der Verlust-Seite stand die viel zu schnelle Versenkung emanzipatorischer Entwicklungen und des Selbstermächtigungsprozesses der Leute in der DDR. Diese Selbstermächtigung von 1989/90 hätte weiter gehen müssen.

Meyen: Wann begann die Ernüchterung?

Mükke: Das Ergebnis der Volkskammerwahl im März 1990 war für mich eine bittere Erleuchtung: Dass gegen die aus dem Westen aufgefahrene professionelle CDU-Wahlhilfe kein Kraut gewachsen war, war zu erwarten. Die CDU holte entsprechend 40,8 Prozent. Bündnis 90, meine Leute, die viel riskiert und 1989 zum guten Teil mit ins Rollen gebracht hatten, erhielten dagegen nur lächerliche 2,9 Prozent. Selbst die gerade erst gegründete Deutsche Soziale Union, aus meiner Sicht ein dumpfer rechtspopulistischer Haufen, fuhr mehr als das Doppelte an Stimmen ein. Man kann diese Volkskammer-Wahl mit ihren fragwürdigen sieben Wochen Vorbereitungszeit und den massiven politischen und medialen Einmischungen aus der Bundesrepublik sehr wohl hinterfragen. Ich zog damals meine Schlüsse und sagte mir: Hau ab, mach Dich aus dem Staub, das alles hat nichts mehr mit dir zu tun.

Ähnliches geschah übrigens vielfach auch in der Kirche. In der Sächsischen Landeskirche, die Oppositionsgruppen zu DDR-Zeiten geduldet hatte, setzten sich in den Wendejahren vielfach die konservativen Evangelikalen und die langweilige Amtskirche nach westdeutschem Muster durch. Was die DDR mit all ihren intriganten und zersetzenden Strategien und Taktiken nicht geschafft hatte, vollbrachte paradoxerweise der „Wendeprozess“: Mehr als 130.000 Mitglieder traten zwischen 1991 und 1996 aus der Landeskirche Sachsen aus. Zum einen weil das Schutzdach der Kirche nicht mehr nötig war, viele auch in den Westen abwanderten. Zum anderen aber ganz sicher auch, weil tausende enttäuschte liberale und linke Christen Kirche bereits anders, im befreiungstheologischen Sinne protestantischer und freier gelebt und gewünscht hatten. Die „Kirche von unten“ fand im rasanten Veränderungsprozess keine Ankerpunkte. – Die heute zunehmend schwierige Lage der Kirchen in Ostdeutschland hat auch diesen Aspekt.

Und freilich spielten Massenmedien in diesem gesamten Transformationsprozess eine zentrale Rolle. Denn was immer fehlte, war ein intensiverer Diskurs auf höherem Niveau über die wichtigen Entwicklungen, Persönlichkeiten, Milieus, Geschehnisse und Kulturen im Osten. Ein Diskurs, der von und zwischen und mit Ostdeutschen geführt wird und nicht über sie. Was im Osten dominierte, waren Regionalpresse, Bild-Zeitung, Superillu und Sergej Lochthofen als Stimme des Ostens im ARD-Presseclub. Das will ich alles gar nicht diskreditieren. Ich mag Lochthofen sehr. Aber eine Qualitätszeitung á la SZ, FAZ oder DIE ZEIT für den Osten wäre wichtig gewesen. Auch um kulturelle, intellektuelle und politische Eliten in den neuen Bundesländern und Champions herauszubilden und die Diskurse darüber auf deutlich höherem Niveau  zu führen, als das westdeutsche Leitmedien taten und tun.

Meyen: Und wie hast du das Journalistik-Studium in Leipzig erlebt?

Mükke: Eine tolle Zeit. Nachdem ich mein Abi über den Zweiten Bildungsweg nachgeholt hatte, studierte ich ab 1996 im Diplom-Studiengang Journalistik und Afrikanistik in Leipzig und in Kampala, Uganda; inklusive Volontariat bei der Leipziger Volkszeitung. Journalistik machte Sinn und Afrikanistik war zudem noch spannend. 2002 bekam ich meinen Uni-Abschluss.

Das Verhältnis von West-Führungspersonal und Ost-Mittelbau an der Uni empfand ich während meiner Studienjahre und später als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent in der Abteilung Journalistik allerdings immer als skurril und oft unangenehm hierarchisch. Helikopter-Management: Der Professor aus dem Westen, der immer wusste, wo es lang geht, erschien oft am Dienstag, wirbelte am Mittwoch viel Staub auf und war am Donnerstag schon wieder verschwunden. Eigenartig empfand ich auch den Umgang des Ost-Personals mit der Geschichte des Roten Klosters. Die Ostdeutschen hatten sich irgendwie in eine diffus-defensive Rolle drücken lassen. Angst um den Arbeitsplatz – und mochte der auch noch so bescheiden honoriert worden sein – spielte dabei bei einigen eine Rolle.

Schon als Student freundete ich mich mit Elisabeth Fiedler an, die unter anderem Kreatives Schreiben gab, und mit Professor Siegfried Schmidt, der seit den 1950er-Jahren über 100 Semester Kulturjournalismus in der Leipziger Journalistik lehrte. Unglaublich! Siegfried hatte den Gastdozenten Bertolt Brecht in Leipzig noch persönlich erlebt. Elisabeth und Siegfried waren Meister ihres Faches, die die „Evaluierung“ und den Wendeumbau der Leipziger Journalistik beruflich überlebt hatten und mir privat sehr offen ihre Standpunkte, Nöte und Ängste über die alten und neuen Konstellationen schilderten. Nicht, dass sie ihre Karrieren im Roten Kloster als Makel mit sich herumgetragen hätten. Sie hatten intensiv darüber reflektiert. Aber für ihre Ansichten, Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Systemwechsel interessierte sich viel zu lange überhaupt niemand. Derweil etablierten sich die West-Professoren als „Ost-Experten.“ Es fehlte der Austausch, in dem die Ostdeutschen frei, offen, öffentlich und mehrfach ihre Perspektiven hätten darstellen, publizieren und einbringen können. Sie schafften es leider auch kaum, Kontakte in westdeutsche Wissenschaftsnetzwerke zu knüpfen oder gar sich international zu präsentieren und zu publizieren. Sie blieben Maschinisten im Maschinenraum. War das eine Art von Isolation? Ja, für die älteren Kollegen war es das. Ich empfand das als bitter, teilweise sogar als inhuman.

Aber zurück zu deinen Forschungen: Die Wiedervereinigung ist jetzt 30 Jahre her, warum beschäftigst du dich als Professor in München eigentlich noch immer so intensiv mit all diesen Ost-Themen? Gibt es keine drängenderen Probleme für die Medienwissenschaft?

Meyen: Oberflächlich betrachtet schon. Die Einseitigkeit der Leitmedien, die Verengung des öffentlichen Diskursraums, zumindest wenn man wahrgenommen werden will. Birk Meinhardt hat das in seinem Buch ja exemplarisch für die SZ nachgezeichnet. Er benennt dort die Wahrheiten, die nicht in der Zeitung stehen, obwohl der Journalismus doch dafür sorgen soll, dass wir uns eine Meinung bilden können, bevor wir an die Wahlurne treten. Kapitalismus, Rechtsstaat, das Bündnis mit den USA. Wer nicht glauben mag, dass sich der Raum des Sagbaren mit diesen drei Schlagworten eingrenzen lässt, der lese einfach dieses Buch oder die vielen alternativen Angebote, die genau deshalb so viel Zulauf haben. Das ist bestimmt ein Grund, warum ich zu dem zurückgekommen bin, was du „Ost-Themen“ nennst.

Man müsste das systematisch untersuchen, aber mir scheint, dass öffentliche Medienkritik gar nicht so selten mit einer DDR-Biografie verknüpft ist. Leute wie Paul Schreyer und Jens Wernicke oder auch Maren Müller mit ihrer Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien. Eigentlich wollte ich gar nichts mehr zu diesem Themenkreis machen, nachdem meine Studie zur DDR im kollektiven Gedächtnis eher ein Flop war, zumindest hier in Deutschland. Jetzt ist das Thema auch in der Öffentlichkeit wieder da, und es hat ganz offenkundig mit vielen der Probleme zu tun, denen sich eine gesellschaftskritische Medienforschung zuwenden sollte. Kann ich noch ein Wort zu meiner fiktiven Karriere als Redakteur bei einer SED-Bezirkszeitung sagen?

Mükke: Unbedingt.

Studentenbude an der Leipziger Fakultät für Journalistik in den 1950ern // Foto: Privatarchiv Michael Meyen

Meyen: Ich bin ja 1988 an die Sektion Journalistik gekommen, zwei Jahre vor dem Ende des Wohnungsbauprogramms. Die älteren Studenten haben genau darüber geklagt. Dass sie es sein werden, die den Erfolg dieses Programms verkünden, obwohl gerade in Leipzig jeder sehen konnte, dass die DDR dieses Versprechen nicht halten wird. Ich habe dann gleich zu Beginn des Studiums Jürgen Schlimper getroffen, einen Dozenten für Mediengeschichte, der mir eine Promotion zur Weimarer Republik schmackhaft machen wollte. Im ersten Semester, wie gesagt. Mir schien das verlockend. Sieben Jahre an der Uni. Vier bis zum Diplom und dann noch einmal drei bis zum Doktor. 1995, da war ich mir ganz sicher, würde alles besser sein. Das mag aus heutiger Sicht naiv klingen, aber auch die meisten Seminare haben genau darauf hingedeutet. Lauter junge Menschen, die einen anderen Journalismus wollten, und viele Dozenten, die sie in diesem Drang bestärkt oder zumindest nicht gebremst haben. Es gab auch andere, klar, aber in meiner Erinnerung waren die Debatten viel offener als alles, was ich vorher in der Schule oder beim Wehrdienst erlebt hatte.

Mükke: Das glaub ich dir aufs Wort. Ende der 1980er-Jahre hatte die Meinungsfreiheit in der DDR eine Qualität erreicht, die es zuvor nicht gegeben hatte. Meine Eltern waren noch in Zeiten aufgewachsen, in denen ein falscher politischer Witz die berufliche Karriere hätte kosten können. Ende der 1980er-Jahre gab es keine falschen Witze mehr. Sie wurden massenhaft und mit großer Hingabe so gut wie überall erzählt. Wenn meine Mutter ihren Sohn besorgt bat, ich solle doch dieses oder jenes bloß nicht offen in der Schule, auf der Straße oder in der Lehrausbildung ansprechen, und das tat sie oft, habe ich nur mit dem Kopf geschüttelt und mich über sie lustig gemacht. Die Demokratiebewegung von 1989 war ja nicht über Nacht aus dem Bett gefallen, sondern in jahrelanger Entwicklung gewachsen, auch weil sich das ganze Gefüge – im Land und international – bereits verändert hatte und mehr Luft für die Akteure entstanden war.

Doch nochmal zurück zu deiner Medienkritik: Du sprachst von der „Einseitigkeit der Leitmedien“, von „Verengung des öffentlichen Diskursraums“ und nennst Stichworte wie „Kapitalismus, Rechtsstaat, das Bündnis mit den USA.“ Stellt sich für Dich heute die Systemfrage?

Das mediale Erbe der DDR

Meyen: Was ich interessant finde: Sie stand eigentlich schon von Anfang an. Ich habe ja gerade das Glück, einen Forschungsverbund leiten zu dürfen, der nach dem medialen Erbe der DDR sucht, gefördert vom BMBF, wo man offenbar den Bedarf gesehen hat, trotz der Fülle an Studien, die es zur DDR gibt, noch einmal ganz neu anzusetzen. In diesem Programm werden seit 2018 insgesamt 14 Verbünde gefördert. Darunter sind zwar auch Historikerinnen und Historiker, vor allem aber Fachleute, die bisher wenig mit Geschichte zu tun hatten und jetzt zum Beispiel die Braunkohle-Rekultivierung in der DDR mit dem vergleichen, was damals im Ruhrgebiet gelaufen ist.

Wenn man heute noch einmal liest, was jemand wie Gerhard Gundermann vor 30 Jahren gesagt und gesungen hat, dann findet man vieles von dem wieder, was heute auf der Agenda steht, nicht nur in Sachen Energie und Tagebau. Es gibt eine schöne Interviewsammlung von Michael Kleff und Hans-Eckardt Wenzel, aufgenommen zu Beginn der 1990er und jetzt gedruckt bei Christoph Links. Dort geht es um den Rechtsruck im Osten und um Neonazis, um Umwelt und Klima, um die Ausbeutung des globalen Südens, um eine Gesellschaft, die auf den Abgrund zurast, weil ihre Logik will, dass sich einer auf Kosten des anderen bereichert.

Gundermann sieht die bürgerliche Demokratie in diesem Buch als „Kurzlehrgang“ und sagt, dass die Fragen der Welt eine andere Antwort brauchen. Diese Ideen sind verschüttet worden, sicher durch den Erfolgsrausch, in den sich der Kapitalismus 1989/90 hineingetaumelt hat, sicher durch den Stress, den uns all das beschert hat, auf jeden Fall aber durch das Verstummen der Stimmen, die bei Kleff und Wenzel in diesen frühen Einheitsjahren noch kräftig sind. Von den Liedermachern und Kabarettisten, die dort befragt wurden, hat es kaum jemand auf die gesamtdeutsche Bühne geschafft.

Mükke: Dass das mediale Erbe der DDR anschlussfähig an das Infragestellen des Gesellschaftssystems heute ist, kann kaum verwundern. Die DDR war ja angetreten, den Kapitalismus zu stürzen. Die vielen wissenschaftlichen Analysen und Äußerungen über das Wirken und die Mechanismen von Kapitalismus und Sozialismus, die in der DDR produziert wurden, waren ja auch bei weitem nicht alle hirnrissig. Wer heute in Massenmedien, Büchern, wissenschaftlichen Publikationen, aber auch in Kunst und Musik der DDR dazu sucht, kann sich vor Material nicht retten. Auch ein großer Teil der DDR-Oppositionellen, die die Umbrüche einleiteten, waren links und strebten einen demokratischen Sozialismus an.

Fakt ist aber auch, dass wir heute in einem freien, menschenwürdigen und demokratischen Sozialstaat leben. Deutschland ist eines der attraktivsten Länder der Welt, was sich  eigenartigerweise im Lebensgefühl vieler leider nicht niederschlägt. Wenn ich sehe, wer heute alles einen Systemwechsel herbeisehnt, gruselt es mich auch ab und zu. Und logischerweise spielen Massenkommunikation und Massenmedien und „der Kampf um die Köpfe und Herzen der Menschen“ eine zentrale Rolle. Wie jeher.

Es ist ein Ringen um die Themenagenda, um Deutungsmacht, Aufmerksamkeit und auch um Märkte, Jobs und Geld. Die klassischen Medien, der oft gescholtene Mainstream, haben Konkurrenz bekommen. Das Meinungsspektrum und die Publikationsfreude der Menschen haben durchs Internet zugenommen, gleichzeitig auch die medial angerührte Verwirrung und die Schlammschlachten zwischen den alten und neuen Teilnehmern des Medienmarkts. Ein paar Schlammpackungen und Kritik hast ja auch du abbekommen, weil du zu KenFM offenbar eine andere Meinung hast als viele Kommentatoren. Wie hat sich das angefühlt?

Meyen: Nicht gut. Ich nehme mich selbst aber nicht so wichtig, sondern habe das eher als Symptom gesehen. Schon die Frage, ob dieser Staat tatsächlich so frei, menschenwürdig, sozial und demokratisch ist, wie du das offenbar siehst, wird von manchen als eine Art Gotteslästerung empfunden, genauso wie jeder Vergleich mit der DDR, wenn das Ergebnis nicht schon vorher feststeht. Vor allem jüngere Leute scheinen die Erzählung von Diktatur und Unrechtsstaat so internalisiert zu haben, dass sie gar nicht mehr bereit sind, sich auf Argumente einzulassen, die dieser Erzählung widersprechen.

Du hast natürlich Recht: Man will nicht mit jedem, der da gerade um Deutungshoheit und Definitionsmacht kämpft, in einen Topf geworfen werden. Das bedeutet für mich aber nicht, auf Kritik zu verzichten. Früher, in der DDR, hieß es, dass man dem Klassenfeind in die Hände spielt, wenn man Probleme angesprochen oder überhaupt eine Diskussion gefordert hat. Heute klingt das manchmal ganz ähnlich. Sag bloß nicht Mainstream und sprich nicht von den Mächtigen, weil das den Rechten hilft. Als ob Verschweigen und Beschwören die Probleme löst. Daran ist ja letztlich das zugrunde gegangen, was du gerade als Kern der Sozialismusidee beschrieben hast. Der Staat hat sich seine Feinde selbst produziert, frei nach dem Motto: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Das ist für mich eine Lehre aus der DDR: Wenn wir nicht auch die Ideen Demokratie und Sozialstaat zu Grabe tragen wollen, müssen wir miteinander reden. Und zwar mit allen.

Mükke: Siehst du einen Zusammenhang zwischen den „Lügenpresse“-Rufern und dem starken Rechtsruck in Ostdeutschland einerseits und der von uns gerade besprochenen mangelhaften medialen Partizipation und Repräsentation der Ostdeutschen andererseits?

Meyen: Vermutlich ist die Wirklichkeit wichtiger als das, was die Medien daraus machen. Besitzverhältnisse, Lebenschancen, soziale Mobilität. Wem gehören die Immobilien in den hübsch sanierten Innenstädten? Wer bestimmt in Behörden, Universitäten, Unternehmen? Welche Möglichkeiten haben meine Kinder, das zu erreichen, was ich nicht schaffen konnte? Wenn man sich anschaut, was die jungen Leute schreiben, die sich dritte Generation Ost nennen, oder auch die Bücher von Valerie Schönian und Johannes Nichelmann, die beide gerade Anfang 30 sind, dann scheint sich die Erfahrung zu vererben, anders zu sein als die Mehrheitsgesellschaft.

Schönian spricht ja von „Ostbewusstsein“ und zeigt, dass es das auch gibt, wenn man die DDR nicht mehr erlebt hat. Sie sagt auch, was für ihre Generation anders ist als für Menschen in meinem Alter: Valerie Schönian muss ihre Herkunft nicht verbergen und sich auch nicht vornehmen, so werden zu wollen wie die Westdeutschen. Für dieses Buch hat sie Daniel Kubiak getroffen, einen Kollegen aus Berlin, der dort über ostdeutsche Eltern spricht, über einen Schulunterricht, der die DDR oft pauschal in eine bestimmte Ecke schiebt, und über Medien, die das Ostdeutsche abwerten und so dafür sorgen, dass sich in der sozialen Hierarchie nichts ändert. Es ist nicht schwer, das mit einer Wut zu verlinken, die sich auch gegen den Journalismus richtet.

Die diskursiven Grenzen der Forschung

Mükke: 2010 hatte mich das Institut für Auslandsbeziehungen, IfA, auf eine Tagung in die Hauptstadt Benins nach Cotonou eingeladen. Da trafen sich zwei Dutzend Akademiker und Journalisten aus Westafrika und Deutschland und diskutierten über „50 Jahre Ende der Kolonialzeit und 20 Jahre deutsche Einheit.“ Mich hatte man aus drei Gründen eingeladen – als Afrika-Reporter, als Akademiker – gerade war meine Dissertation „Journalisten der Finsternis“ erschienen, die sich mit der Arbeit von Auslandskorrespondenten in Afrika beschäftigte – und wegen meiner Herkunft als Ostdeutscher.

Ich referierte in Cotonou ziemlich genau zu dem Thema, mit dem wir in unser Gespräch hier eingestiegen sind: „Weshalb haben westdeutsche Leitmedien in Ostdeutschland 20 Jahre nach der Wende keinen Erfolg.“ Die spannenden Diskussionen mit afrikanischen Kollegen über Kolonialisierung zogen sich bis weit nach Mitternacht. Mit von der Partie war damals auch der auf Westafrika spezialisierte Ethnologie-Professor Thomas Bierschenk von der Universität Mainz, der kurz zuvor darüber geschrieben hatte, ob Ostdeutsche eine eigene Ethnie seien. Anlass war ein Urteil des Stuttgarter Arbeitsgerichts, das eine Arbeitssuchende betraf, die wegen ihrer ostdeutschen Herkunft diskriminiert worden war. Das Stuttgarter Urteil ist eines von vielen kleinen und größeren absurden Ausstellungstücken im übervollen Kuriositätenkabinett des innerdeutschen Verhältnisses. Unterm Strich stand dort tatsächlich, Ostdeutsche dürfen diskriminiert werden, weil sie keine eigene Ethnie repräsentierten.

Der Ethnologe Bierschenk argumentierte dagegen, dass es sich bei den Ostdeutschen sehr wohl um eine eigene Gruppe handele. Sogar um eine „mit sehr starken Wir-Gefühl.“ Diese starke ostdeutsche Bindungskraft entfalte sich jedoch erst durch das Gefühl der Diskriminierung durch „die Anderen“. „Ohne Wessis keine Ossis und ohne Ossis keine Wessis“, schrieb Bierschenk und löste das Ganze mit zwei schönen Sätzen auf: „Warum hat man sich nicht auf die juristische Weisheit der Väter des Grundgesetzes verlassen? Dort heißt es doch in Paragraph 3 ganz eindeutig, dass niemand wegen seiner ‚Heimat und Herkunft‘ benachteiligt werden darf.“

Wie war und ist das bei dir? – Statistiken besagen, dass es Ossis auch 30 Jahre nach 1989 einfach nicht drauf zu haben scheinen: Sie sind kaum in Führungspositionen, erstaunlich wenige besitzen Immobilien oder pralle Konten und auch im akademischen Bereich bringen Sie es offenbar nicht weit. Michael Meyen gehört zu den ganz wenigen Ostdeutschen, die es bis in die gesamtdeutsche Elite „geschafft haben“, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Welche Anpassungsleistungen hast du mit Deiner Sozialisation, mit Deinen Prägungen und Weltanschauungen für diesen Erfolg erbringen müssen?

Meyen: Ich weiß gar nicht, ob ich das als „Erfolg“ definieren würde. Die Kommunikationswissenschaft ist ein sehr kleines Fach, das in den großen gesellschaftlichen Debatten so gut wie keine Rolle spielt. Die spannende Frage ist ja: Wäre das für jemanden wie mich auch in einer der reputationsstarken akademischen Disziplinen möglich gewesen? Ich meine damit gar nicht nur die regionale Herkunft, sondern meine Bindung an die Partei und an den Staat DDR. Yana Milev unterscheidet ja Quoten- und Exil-Ostdeutsche. Auf der einen Seite Menschen, die sich 1990 sofort als Bundesbürger gefühlt haben, weil sie entweder in der Opposition waren oder aus anderen Gründen ein Wertesystem mitbrachten, was „passte“ und sofort mit Aufstiegschancen verbunden war. Angela Merkel, Joachim Gauck, vielleicht auch du. Und auf der anderen Seite Leute wie ich, die lange gebraucht haben, um in diesem größeren Deutschland anzukommen. Ich wollte die DDR weder verlassen noch abschaffen. Und plötzlich war sie weg. Als Jordan Letschkow 1994 im WM-Viertelfinale das 2:1 geköpft hat, habe ich gefeiert. Im Rückblick sehe ich, dass mich erst die Berufung nach München mit den Verhältnissen ausgesöhnt hat. 2002 habe ich gesehen: Dieses Land ist tatsächlich tolerant. Und das ausgerechnet in Bayern, was für mich und meine Familie vorher der Hort des Bösen schlechthin war.

Mükke: Sehr verwegen, mich mit Angela Merkel und Joachim Gauck in eine Reihe zu stellen (lacht). Mein Werdegang verlief ein wenig anders: Nach der Währungsunion verlor ich meinen Job in einer kleinen Kunsttischlerei. Bei der Entlassung heulte meine Meisterin, und ich hatte weiche Knie. Ich trieb mich dann mit Rucksack und wenig Geld in der Welt herum, als Hilfsarbeiter in Bayern, Schweden und Australien, trampte quer durch Afrika, studierte die Orchideenfächer Journalistik und Afrikanistik. Vielleicht hätte ich besser Jurist, Betriebswirtschaftler, PR-Manager, Banker oder Immobilienwirt werden sollen, einer Kirche treu bleiben, Golfspielen, Jagen, in eine studentische Verbindung, eine Partei eintreten oder reich einheiraten sollen. Ich hätte vielleicht auch zum institutionalisierten „DDR-Oppositionellen“ getaugt. Da wäre meine „Opfer-Akte“ zu etwas nütze gewesen. Den ersten Bericht legte die Stasi über mich an, als ich 14 Jahre war. Damals wollte mir partout niemand glauben, dass der kritische Brief an Erich Honecker von mir allein verfasst worden war. Endlos versuchte man von mir zu erfahren, wer hinter dem Schreiben stecke. Aber da war niemand.

Meyen: Du hast später dann selbst lange im Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde geforscht.

Mükke geht in seinem Buch „Korrespondenten im Kalten Krieg –
Zwischen Propaganda und Selbstbehauptung“ den Fragen nach, wer diese Korrespondenten waren, mit welchen Rollenverständnissen sie an ihren Beruf gingen und mit welchen Arbeitsrealitäten sie konfrontiert waren. // Foto: Halem Verlag

Mükke: Ja, ab Mitte der 2000er-Jahre als Medienwissenschaftler etliche Jahre zum Thema und gleichnamigen Buch „Korrespondenten im Kalten Krieg.“ Propaganda-Aspekte in der Auslandsberichterstattung von Ost- und Westmedien und die Verquickungen von Massenmedien und Geheimdiensten interessierten mich. Keine ganz einfachen Themen. Aus den Forschungen entstand eine systemvergleichende Analyse mit vielen ausführlichen Zeitzeugeninterviews, ein faktenbasiertes Buch weit weg von Verschwörungstheorien und Hysterie. Die Rezensionen beim Deutschlandfunk, der FAZ und in diversen Fachzeitschriften fielen prima aus.

Im Kern war es jedoch eine aufreibende Arbeit. Unter anderem wollten viele einstige Auslandskorrespondenten aus der DDR nicht reden, weil sie durch die Wende ihren Beruf verloren hatten, beruflich nie wieder Fuß fassen konnten und als Wendeverlierer keinerlei Interesse daran hatten, zum Anschauungsobjekt meiner Forschungsarbeit zu werden. Und auch einige Korrespondenten aus dem Westen lehnten meine Arbeit rundum ab, hielten einen Systemvergleich per se für eine Frechheit, da es nach ihrer Definition in der DDR gar keine Journalisten gegeben haben konnte, sondern nur willfährige Propaganda-Mitarbeiter des Zentralkomitees der SED.

Egal. Ich forschte, schrieb das Buch trotzdem und wollte es 2015 zur Leipziger Buchmesse vorstellen – in Koproduktion mit der Stasi-Unterlagenbehörde in deren Räumen in der Runden Ecke in Leipzig. Einen Tag vor Drucklegung des Messekatalogs kündigte mir die Behörde die Zusammenarbeit, weil ich zur Podiumsdiskussion auch einen Korrespondenten eingeladen hatte, dem die Außenstellenleiterin Stasi-Mitarbeit unterstellte. Ich protestierte damals in meiner Funktion als Wissenschaftlicher Direktor des Europäischen Instituts für Journalismus- und Kommunikationsforschung mit einem Schreiben gegen diese skandalöse Einmischung in die Freiheit der Wissenschaft und forderte Behördenleiter Roland Jahn auf, er möge Dialog und Gespräche mit Zeitzeugen nicht unterdrücken, sondern ermöglichen. Jahn versprach mir, es werde zu einem späteren Zeitpunkt eine nachholende Veranstaltung mit ihm persönlich geben, wozu es allerdings, man ahnt es schon, nie kam. Offensichtlich wollte Jahn nur verhindern, dass dieser Skandal öffentlich eskaliert, was er prompt wäre, wenn mich damals besagter Korrespondent nicht glaubwürdig darum gebeten hätte, das nicht zu tun, weil ihm und seiner Familie zu diesem Zeitpunkt die Kraft für derartige Auseinandersetzungen fehlte. Das hatte ich zu respektieren.

Absurd an der Situation war auch: Sowohl sein Arbeitgeber als auch ein Gericht hatten dem Auslandskorrespondenten längst attestiert, nicht für die Stasi gearbeitet zu haben und neue Erkenntnisse lagen dazu nicht vor. Und selbst wenn: Wissenschaftler und Journalisten müssen selbstverständlich auf der Suche nach Aufklärung und Wahrheit frei und offen mit Zeitzeugen reden und diskutieren können – mit jedem und zu jedem Thema. Diese Freiheit und Aufgabe betreffen den Kern von Wissenschaft und unserer demokratischen Gesellschaft. Ich denke, es ist richtig, dass die Stasi-Unterlagen nun endlich ins Bundesarchiv eingegliedert werden. Das trägt zur Professionalisierung bei.

Meyen: Das ist das, was ich vorhin mit dem Beispiel der Diplomjournalisten aus der DDR illustrieren wollte. Zum einen haben Einrichtungen wie die Jahn-Behörde, die sich am Machtpol des Erinnerungsfeldes befinden, die Möglichkeit, vieles aus der großen Öffentlichkeit fernzuhalten, was nicht in ihr Bild passt. Und zum anderen werden Zeitzeugen mundtot gemacht, die dieses Bild aufbrechen könnten. Das passiert gar nicht über Verbote oder irgendwelche Drohungen. Das Wissen um die Wucht, die von Medienrealitäten ausgeht, reicht völlig aus. Eine Beobachtung: Der Zugang zu Zeitzeugen und die Bereitschaft, offen auch über das zu sprechen, was im hegemonialen Diskurs eher in die Rubrik „Täter“ fällt, haben sich in den letzten Jahren verbessert. Vor zehn Jahren habe ich allenfalls mit Rentnern sprechen können – und auch das nur, weil ich den richtigen Stallgeruch habe. Jetzt gibt es mehr Selbstbewusstsein, auch bei aktiven Medienleuten.

Mükke: Was die Zeitzeugeninterviews anbelangt, teile ich die Beobachtungen. Die Zugänge sind leichter geworden. Bei denen, die die 1950er und 1960er miterlebt haben, tickt die biologische Uhr. Viele wollen mittlerweile reden, damit etwas von ihrer Lebenserfahrung bleibt und weitergegeben wird. Viele Ostdeutsche, die in den 1990er-Jahren nicht in der Lage oder willens waren zu sprechen und für die auch kaum jemand gesprochen hat, haben mittlerweile ihre Stimme gefunden. Das war ein wichtiger Emanzipationsprozess. Sehr wichtig für die gesamte bundesrepublikanische Gesellschaft, wenn auch der Umschwung zu dieser Zweiten Selbstermächtigung sehr spät einsetzte, was für die Demokratie im Osten schwierig war und ist. Im Kern meint Demokratie ja Gespräch, Diskussion und Wahlmöglichkeiten – und eben nicht Ausgrenzung. Partizipation an und Repräsentation in den Sphären politischer, wirtschaftliche, kultureller und medialer Macht sind dafür zentrale Elemente. Und da sieht es im Osten nach wie vor nicht immer gut aus.

Wie weit die Ausgrenzung, die Spaltung der Gesellschaft und die Verwirrung im Osten gingen und gehen, zeigt der vielerorts bereits in Alltagsgesprächen hoffähig gewordene Vergleich von DDR und Drittem Reich, der irre ist. Das drückt sich im Atemzug-gleichen Gerede von „den Nazis“ und „den Kommunisten“ aus. Die DDR war Resultat des Zweiten Weltkriegs, eine offene Counter-Diktatur mit einer weitgehend dogmatisch-humorlosen Alt-Männer-Führungsriege, deren Mitglieder vielfach durch ihren Widerstandskampf gegen das Dritte Reich traumatisiert waren und viel zu lange, bis zum Ende der 1980er (!), regierten. Das Dritte Reich war ein nationalistischer Terrorstaat, der Millionen Menschen die Wohnungstüren eintrat, folterte, vergaste, die Welt mit Krieg überzog. Die Unterschiede zwischen beiden Staaten und Systemen sind gigantisch.

Selbstverständlich lehne ich das eine wie das andere ab, aus verschiedenen Gründen. Politisierte Versuche, die DDR und das Dritte Reich auf eine Stufe zu stellen, sind aber extrem zynisch und gefährlich. Was meinen denn diejenigen, die das tun, wie das wohl auf einfachere Gemüter und politische Hetzer in Ost- wie Westdeutschland wirkt? War Nazideutschland also gar nicht so schlimm? Freilich können solche unsäglichen Relativierungen dem Rechtsextremismus Vorschub leisten.

Aber zurück zum Kernthema. Wird die geänderte Zeitzeugen-Situation die Arbeiten des neuen Forschungsverbunds zum medialen Erbe der DDR beeinflussen? Was für neue Forschungsansätze werden dort 30 Jahre nach der politischen Einheit verfolgt?

Wie geht es weiter mit der Forschung?

Meyens Buch: „Das Erbe sind wir. Warum die DDR-Journalistik zu früh beerdigt wurde. Meine Geschichte“ // Foto: Halem-Verlag

Meyen: Ich hoffe, dass wir tatsächlich etwas Neues zu erzählen haben. Die Zeitzeugen sind dabei nur eine Facette. Wir ziehen eine Linie bis in das Jetzt. Dafür steht der Begriff „Erbe“. Wir fragen nach dem, was in der Gegenwart weiterwirkt. In einem meiner beiden Projekte geht es zum Beispiel um Medienmenschen. Macht es einen Unterschied, wenn Journalisten, Regisseure oder Verleger in der DDR aufgewachsen und vielleicht sogar ausgebildet worden sind? Bringen sie andere Themen in die Öffentlichkeit, andere Perspektiven? Ich würde dafür zum Beispiel gern Holger Friedrich befragen. Warum engagiert er sich bei der Berliner Zeitung und wie erlebt er es, dass der Vorwurf „Stasi-Spitzel“ hängenbleibt, obwohl die Redaktion das in einem langen Dossier differenziert hat?

Mein zweites Projekt untersucht Filme. Wie sieht die DDR aus, die seit 1990 mit Hilfe von Beitragsgeldern oder über die Filmförderung konstruiert wurde? Wir produzieren dazu ein Online-Portal, das auf Vollständigkeit zielt. Man soll dort über jeden Film etwas finden können. Ich erzähle das, weil es zeigt, was den Verbund von früheren Projekten abheben soll. Wir wollen das Material allen zur Verfügung stellen, und wir haben einen sehr weiten Medienbegriff, der Fotoalben einschließt und Schmalfilme, aber auch das, was in den vielen DDR-Gruppen auf digitalen Plattformen läuft.

Mükke: Wenn du dir heute, im Jahr 30 nach der politischen Vereinigung, die Massenmedienlandschaft im Osten anschaust, was siehst du auf der Haben-Seite?

Meyen: Positiv finde ich all das, was man mit dem Begriff Medienkompetenz beschreiben könnte. Viele Ostdeutsche reagieren sehr sensibel, wenn sie merken, dass Menschen manipuliert werden sollen. Und dann stehen natürlich die jungen Leute auf der Haben-Seite, von denen ich ja ein paar genannt habe. Ich hoffe sehr, dass die nächste Generation in der gesamtdeutschen Öffentlichkeit sehr viel präsenter sein wird als wir.

Mükke: Trotz meiner Kritik: Wir leben heute in einer agilen, offenen Medien- und Wissenschaftsgesellschaft, in der Presse- und Meinungsfreiheit hohe Güter sind und viel Qualitätsjournalismus betrieben wird. Die Informations- und Publikationsmöglichkeiten sind enorm und werden von stabilen rechtsstaatlichen Institutionen abgesichert. Die Funken, die die Diskurse schlagen, gehören dazu. Ich wertschätze das sehr.

Der Vereinigungsprozess wird uns als Thema noch lange erhalten bleiben. Die Rollen von Massenmedien und deren Ost- und West-Akteuren in diesem Prozess sind bei weitem noch nicht erschöpfend analysiert. Das bleibt spannend. Medienjournalisten und Medienwissenschaftler haben hier noch reichlich zu tun. Und wir müssen heftig dafür streiten, dass ostdeutsche Perspektiven in diesem Diskurs nicht untergehen.

Kommunikationswissenschaft | Medienkritik

Den Klimaschutz nicht zerreden. Vier Fallen der Klimakommunikation (16. September 2019)

Wenn am kommenden Wochenende der UN-Klimagipfel in New York beginnt, dürfte der mediale Aufmerksamkeitsstrudel um Klimaaktivistin Greta Thunberg noch einmal an Kraft gewinnen. Michael Brüggemann, Professor für Klima- und Wissenschaftskommunikation an der Universität Hamburg, kritisiert die Fokussierung der Berichterstattung auf die Person „Greta“ und die fehlende inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Außerdem erklärt er, was gängige Argumentationsmuster in der Klimaschutzdebatte mit einem Stau zu tun haben.

von Michael Brüggemann

Ein Mädchen segelt über den Atlantik und die Welt schaut zu. Von der Bild-Zeitung bis zur New York Times, von RTL bis zur FAZ, überall berichten die Medien intensiv über Greta Thunbergs Überfahrt auf einem Renn-Segelboot nach New York zu einer Konferenz der Vereinten Nationen zum Thema Klimawandel. Greta grüßt von Titelseiten vom britischen Männer-Lifestyle-Blatt GQ bis zum deutschen Stern. „Greta“ wird zu dieser Zeit häufiger auf Google gesucht als „Klimawandel“. Dabei wollte sie doch nicht auf sich aufmerksam machen, sondern auf die Menschheitsherausforderung Klimaschutz.

Greta Thunbergs Streik für Klimaschutz hat Schüler weltweit inspiriert, besonders auch in Deutschland. Die deutsche Politik hat nach anfänglichen Kommentaren nach dem Motto „Überlasst das Thema mal den Profis“ oder „Demonstrieren geht doch auch am Wochenende“ ein Ideenfeuerwerk gezündet, wie man das Klima retten kann. Und Angela Merkel erfand das so genannte „Klimakabinett“ und gab die Losung heraus: „Schluss mit Pille-Palle“, – was eine interessante Diagnose über die deutsche Klimapolitik darstellt.

Die Aufmerksamkeit für das Thema Klimaschutz ist eine große Chance, dass nun die Debatte beginnt, die die Kräfte freisetzt für die ökologische Umgestaltung unserer Gesellschaft. Auf dem Weg dahin sind aber einige Kommunikationsfallen zu umgehen. Es hilft, wenn man sie kennt.

Die bequeme menschliche Psyche als Falle: Wir leben im Zeitalter kognitiver Dissonanz. Unser Handeln steht im Widerspruch zu unserem Wissen. Wir wissen, dass unsere Wirtschafts- und Konsumgewohnheiten Klima- und Ökosysteme aus dem Tritt bringen mit gravierenden Risiken für Mensch und Natur. Wir wissen, dass große Änderungen notwendig wären – und bisher nicht genug passiert. Das verursacht Angst, Wut, Überforderung, zumindest aber ein Unwohlsein, das Menschen vermeiden wollen. Das Gefühl von Dissonanz kann man abbauen, indem man unsere Art zu wirtschaften und zu leben umkrempelt, – nur ist dies mit Mühen, Kosten, Konflikten, Unsicherheiten verbunden.

Unsere Psyche hält bequemere Wege zum Abbau von Dissonanz bereit: indem wir Probleme leugnen, verharmlosen, den Kopf in den Sand stecken. Es hilft auch, beschwörende Ersatzhandlungen vorzunehmen: Placebo statt Medizin, Kompensationsgutschein statt Verzicht auf einen Flug, Symbolpolitik und Aktionismus statt Politik. So flog Angela Merkel 2007 mit dem damaligen Umweltminister Sigmar Gabriel zum ikonischen Foto-Shooting in roten Anoraks vor schmelzenden Eisbergen nach Grönland, und vor kurzem wieder nach Island, wo gerade ein Gletscher symbolisch beerdigt wurde. Die Botschaft von 2007 war, die Klimakanzlerin schafft das schon. Die Schülerproteste haben uns erinnert: Wir haben keine Klimakanzlerin.

Eine andere Vermeidungsstrategie unangenehmer Gefühle ist Fatalismus oder die Verschiebung von Verantwortung: „Was bringt es schon, wenn ich auf meine Flugreise verzichte? Was bringt es schon, wenn nur Deutschland seine Emissionen reduziert? Die Luftfahrt (Kreuzfahrten, Fleischkonsum, … hier kann man alles einsetzen) bringt doch nur eine Einsparung von wenigen Prozent der weltweiten Emissionen.“ Die Schlussfolgerung, dass es also nicht meine Verantwortung ist, nicht die unserer Regierung, nicht die unserer Branche, sondern die von anderen, wirkt als eine bequeme Entschuldigung dafür, nichts zu tun. Dabei summieren sich die kleinen Einzelentscheidungen auf zum großen Effekt – wie bei der Entstehung eines Staus.

Umgekehrt gibt es auch unter Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft die Tendenz, die Verantwortung auf die Konsumenten zu schieben. Angeblich wollen die Konsumenten viel billiges Fleisch aus Massentierhaltung essen, immer größere und schwerere Autos kaufen. Weil also die Bürger schuld sind, braucht die Politik nicht tätig werden. Diese Argumentation ignoriert die Bedeutung politischer Rahmenbedingungen, die Entscheidungen von Menschen und Unternehmen in bestimmte Richtungen lenken. Wenn der Bus nur jede Stunde fährt, dann wähle ich eben das Auto… Aber etwas Wahres ist auch dran an der Verschiebung der Verantwortung auf die Bürger: Das Abwählen von Politikern, die keinen effektiven Klimaschutz betreiben, ist tatsächlich eine Angelegenheit, die die Wähler selbst übernehmen müssen.

Dieses Wissen um die eigene Macht als politischer Bürger hilft, um mit den psychischen Herausforderungen der Klimadebatte umzugehen: Ich kann etwas tun als Konsument, aber mehr noch als Wähler und durch politisches Engagement. Gerade die Teilnahme an einer Fridays for Future Demonstration hilft, denn sie zeigt: Du bist nicht allein mit dem Klimaproblem. Zusammen lässt es sich besser lösen.

Die Medienlogik-Falle: Der Journalismus will beide Seiten einer Debatte zu Wort kommen lassen, er betont extreme Meinungen und Konflikte, um Aufmerksamkeit zu bekommen, und giert nach immer neuen Themen. All dies sind problematische Tendenzen beim Thema Klimawandel. Insbesondere in Fernsehdebatten, und vor allem in den USA, herrschte lange das Prinzip falscher Ausgewogenheit: ein Klimaforscher sitzt zusammen mit einem Leugner des menschengemachten Klimawandels auf dem Sofa und soll den Klimawandel diskutieren. Falsch ist dieses Verständnis von Ausgewogenheit, weil sich die Klimawissenschaft weltweit einig ist, dass es den menschengemachten Klimawandel gibt und damit gravierende Risiken verbunden sind.

Eine weitere Eigenheit der Medienberichterstattung ist Personalisierung und Fokussierung auf Events statt auf langfristige Prozesse. Viele Medien berichten über Greta Thunberg als Mensch (Personalisierung) und ihren Segeltrip (Ereignis) statt zu diskutieren, wie die internationale Klimapolitik besser werden kann. Einfache Themen schlagen komplizierte. Regelverstöße bekommen Aufmerksamkeit: Wenn die Schüler samstags demonstriert hätten, dann wäre das Thema gar nicht auf die Titelseiten gekommen. Vor allem anfangs richtete sich die Debatte dann auch auf das Thema Schuleschwänzen (einfach) statt Klimaschutz (kompliziert).

Dann brauchen die Medien immer neue Themen und dramatische Wendungen. Wenn Greta erst als Heldin stilisiert wird, dann muss sie im zweiten Schritt gestürzt werden, indem man enthüllt, dass sie gar nicht so heldinnenhaft ist. So berichteten sehr viele deutsche Medien darüber, dass die Segelfahrt von Greta gar nicht so klimafreundlich war, weil für die Rückfahrt eine neue Schiffscrew nach New York fliegen sollte. All dies ist legitime Berichterstattung, aber unmerklich ist das Thema nicht mehr Klimaschutz, sondern Greta Thunberg. So zieht der mediale Aufmerksamkeitsstrudel ein Thema nach dem anderen hinunter. „Dann ist das Thema durch“, sagen Journalisten – fatal für Langzeitprobleme wie den Klimawandel.

Noch viel problematischer als in journalistischen Medien ist die Klimadebatte in sozialen Netzwerken und auf YouTube. Die Algorithmen, kombiniert mit dem Klickverhalten der Mediennutzer, haben die Klimadebatte weit weggerückt von Fragen, die tatsächlich in Wissenschaft oder Politik diskutiert werden. Stattdessen blühen gerade beim Thema Klimawandel Verschwörungstheorien und wechselseitige Beschimpfungen.

Auch diese Probleme sind vermeidbar. Journalisten könnten ihre professionellen Routinen kritisch hinterfragen und bewusst die Aufmerksamkeit auch auf langfristige, gesellschaftlich relevante Probleme zu lenken, statt als Meute auf News-Treibjagd zu gehen und dann alle die gleiche irrelevante Geschichte über die Kohlendioxid-Bilanz einer Segeltour zu schreiben. Das Management von YouTube, Facebook und Twitter könnte die Logiken hinter ihren Algorithmen überdenken. Und auch wir Mediennutzer können überlegen, für welche Medien wir Geld ausgeben, wohin wir klicken und was wir liken und weiterleiten. Denn wir sind Teil der großen digitalen Aufmerksamkeitsmaschine.

Die von Lobbyisten aufgestellte Falle: Es gibt aber auch die ganz bewusste Störung der Debatte durch Leugnung des Klimawandels, gezielte Angriffe auf die Glaubwürdigkeit von Klimawissenschaftlern, strategische Versuche, das Thema herunterzuspielen – mit dem Ziel Klimaschutzpolitik zu verhindern. In den USA laufen schon seit 30 Jahren solche Kampagnen, finanziert durch Öl- und Energiewirtschaft oder Millionäre, mit Investitionen in diesen Branchen. Bis heute fließt Geld in Thinktanks mit Pseudo-Experten, die auf Industrie-finanzierten Konferenzen und in entsprechenden Büchern den Klimawandel als Schwindel darstellen oder verharmlosen. In Deutschland ist das bisher eine Randerscheinung, hier wurde das Thema eher vergessen als geleugnet.

Die Redaktion berichtet kritische über den Kreuzfahrt-Boom und der Verlag vermarktet „traumhafte Kreuzfahrten für unsere Leser“.

Was in Deutschland wichtiger ist als die Aktivität einer kleinen Gruppe von Leugnern des Klimawandels, sind die täglichen Werbebotschaften, die uns zum Kauf klimaschädlicher Produkte aufrufen. Während ich online den warnenden journalistischen Artikel zum Klimawandel lese, blinkt rechts die Werbung für eine Kreuzfahrt oder den Kauf eines SUVs. Dieser Grundwiderspruch tangiert auch prominente Medienmarken und unterminiert deren Glaubwürdigkeit. So titelte der Spiegel im August (Nr. 33): „S.O.S. Wahnsinn Kreuzfahrt – die dunkle Seite eines Traumurlaubs“ – aber der Verlag vermarktet als „Spiegel-Leserreise“ fortwährend „traumhafte Kreuzfahrten für unsere Leser“ und fantasiert in den Verkaufsprospekten vom „ewigen Eis“ – das es infolge Klimawandel leider gar nicht mehr gibt.

Die verschiedenen Industrien betreiben so Anti-Klimaschutzkommunikation, ergänzt um Greenwashing. Es wird suggeriert: Durch das Kaufen neuer Produkte wirst Du nicht nur glücklich, sondern Du stehst im Einklang mit der Natur und schützt vielleicht sogar das Klima. Das ist häufig eine grobe Irreführung. Während bei der Leugnung des menschengemachten Klimawandels ein Ignorieren des Leugners vermutlich die beste Lösung ist, so könnte bei Werbung vielleicht die Regelung bei Zigaretten ein gutes Beispiel abgeben: Wie wäre es mit einem Pflichttext, der den relativen Schaden ausweist, den das jeweilige Produkt in Herstellung, Betrieb und Entsorgung für Klima und Umwelt verursacht?

Die Polarisierungsfalle: Die USA haben sich, angeheizt auch durch die oben genannten Kampagnen, zu einem gespaltenen Land entwickelt. Die Leugnung des Klimawandels ist zum Teil der politischen Identität der republikanischen Partei geworden. Umweltaktivisten sind ein Feind, mit dem man nicht einmal mehr redet (und umgekehrt). Als Small-Talk-Thema mit Unbekannten fällt der Klimawandel aus, weil man nie weiß, ob man nicht womöglich in Streit gerät. In Deutschland sehen wir gerade beim Thema Greta Thunberg und Fridays for Future, wie sich vor allem in sozialen Medien ebenfalls die Aggressionen hochschrauben. Es besteht zumindest ein Risiko, dass auch hier das Thema Klimaschutz zum Opfer einer allgemeinen verhärteten Frontenbildung wird.

Klimakommunikation, die die Identität, Werte und den Lebensstil anderer Menschen pauschal angreift, heizt dies an. Vorwürfe und die Titulierung als Sünder werden niemanden überzeugen, sondern Gegenvorwürfe erzeugen. Denn niemand ist ein Klimaheiliger, und dies ist auch nicht der Anspruch, an dem wir die engagierten Schüler von Fridays for Future messen sollten. Greta hätte das Flugzeug nach New York nehmen können. Sie darf genauso um die Welt fliegen wie jeder andere Mensch. Ihre Botschaft bleibt wahr, auch wenn die Botschafterin keine Heilige ist. Genauso wenig ist jeder Fleischesser oder Autofahrer ein Sünder, wenngleich unbestritten diese Konsumentscheidungen eben dem Klima schaden.

Auf Seiten der Klimaschützer ist der Unterschied zwischen der Kommunikation von Fridays for Future und der radikaleren Extinction Rebellion offenkundig: Erstere haben die Mitte der Gesellschaft erreicht, Schüler, Eltern, Wissenschaftler, die nichts kaputtmachen wollen, sondern unsere Welt lebenswert erhalten wollen. Wenn man aber mit radikalen Parolen und destruktiven Protestformen schockieren will, dann generiert das zwar Aufmerksamkeit, es schreckt aber die moderaten Kräfte ab, ohne die es keine politischen Mehrheiten für entschiedenen Klimaschutz geben wird.

Damit die große Debatte auch zu großen Fortschritten beim Klimaschutz führt sollte Kommunikation auf allen Ebenen, vom Gespräch mit der Nachbarin bis zum Klimagipfel der UN immer wieder bei drei Fragen ansetzen: In welcher Welt wollen wir leben? Und: Was können wir tun, um diese Welt zu bekommen? Wie kann ich meinen Bedürfnissen zum Beispiel nach Genuss oder Selbstverwirklichung nachgehen, ohne das Klima zu schädigen? Das sind die Fragen, die die positiven Antriebskräfte freisetzen, die wir für effektiven Klimaschutz brauchen.

Medienkritik

Vom Politik- zum Presseskandal? (11. Juni 2019)

Die Verdachtsberichterstattung rund um „Ulrike B.“ und das Bremer BAMF

von Magdalena Neubig    

An 20. April 2018, einem Freitagvormittag, veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung auf ihrer Internetseite einen Text mit der Schlagzeile „Verdacht auf weitreichenden Skandal im Bamf“. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) sowie Radio Bremen vermeldeten die Nachricht zeitgleich ebenfalls auf ihren Kanälen. Gegenstand des mutmaßlichen Skandals war Ulrike B., eine ehemalige Leiterin der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Bremen. Aus den Veröffentlichungen des Rechercheverbunds bestehend aus Süddeutscher Zeitung, NDR und Radio Bremen ging hervor, dass Ulrike B. in ihrer Zeit in Bremen vermutlich in etwa 2000 Fällen Asyl gewährt hatte, „obwohl die rechtlichen Voraussetzungen dafür nicht gegeben waren“ (SZ). Sie habe offenbar mit drei Anwälten zusammengearbeitet, die ihr auch aus anderen Bundesländern „systematisch Asylbewerber zuführten“ (SZ). Des Weiteren stehe der Verdacht der Bestechlichkeit im Raum. Ulrike B. sollte zumindest in Form von Restaurant-Einladungen Zuwendungen erhalten haben.

Aufgrund des Ausmaßes der berichteten Vorwürfe verbreitete sich der Verdacht schnell auch auf diversen anderen Kanälen. Bei der Welt wurde einen Tag später, am 21. April, ebenfalls vom „BAMF-Skandal in Bremen“ gesprochen, bei der Bild-Zeitung hieß die Schlagzeile „Bamf-Skandal – So lief der unfassbare Asyl-Betrug von Bremen“. Die Berichterstattung zum Thema war auch in den darauffolgenden Wochen sehr präsent. Auch Politik-Satire-Formate wie die heute-show platzierten den Fall groß in ihrem Programm und berichteten beispielsweise in der Kategorie „Die 1.000 korruptesten Behörden Deutschlands“ über das Bremer BAMF. Insbesondere der Aspekt, dass Asylbewerber gewissermaßen mit Bussen nach Bremen gekarrt worden sein sollten, um sich positive Bescheide zu besorgen, wurde in der Sendung aufs Korn genommen. Dort allerdings auch nicht immer im distanzierenden Konjunktiv.

Rücktritt gefordert

Der sogenannte BAMF-Skandal war in diesem Zeitraum aber nicht nur in den traditionellen Medien präsent, sondern unter anderem auch bei rechten Gruppierungen wie der Identitären Bewegung. Der YouTuber „Operation Fregin“, damals noch Mitglied der Identitären Bewegung, erzählte in seinen Videos vom „Asyl-Todesengel im grünen Sumpf Bremens“ – natürlich nicht nach den Regeln einer vorsichtigen Verdachtsberichterstattung. Die Videos sind seit Anfang Januar 2019 nicht mehr abrufbar.

In der überwiegenden Berichterstattung verschob sich der Fokus nach etwa sechs Wochen von den Hintergründen des „Skandals“ mehr und mehr hin zu seinen politischen Konsequenzen. So schrieb der Focus am 4. Juni beispielweise darüber, dass sich Innenminister Horst Seehofer und die Leiterin des BAMF, Jutta Cordt, vor dem Innenausschuss Fragen der Bundestagsabgeordneten stellen müssten.

In der Bundespolitik überschlugen sich derweil die Reaktionen. CSU-Innenstaatssekretär Stephan Mayer sprach bei „Anne Will“ von „hochkriminellen“ Mitarbeitern beim Bremer BAMF. Der Rücktritt von Seehofer sowie von Cordt wurde gefordert. FDP und AfD wollten einen Untersuchungsausschuss im Bundestag einrichten. Die Forderung wurde von vielen offenbar der AfD-nahestehenden Nutzern in Sozialen Netzwerken geteilt. Da sich die Grünen sowie die Linke dagegen aussprachen und später auch die SPD, wurde dieser jedoch nicht eingerichtet.

Veränderte Sachlage

Anfang Juni änderte sich langsam die Tonalität in der Berichterstattung. So schrieben Caterina Lobenstein und Martin Klingst auf Zeit Online in einem Artikel mit der Überschrift „Bamf-Skandal – Opfer einer Intrige?“, dass es laut der Aussage eines Anwalts Unterlagen gebe, die Urike B. entlasten würden.

Am 12. und 13. Juni veröffentlichten auch die Medien, die als erstes die Vorwürfe publik gemacht hatten, Berichte über eine veränderte Sachlage. Auf Sueddeutsche.de hieß es unter dem Titel „Zweifel an Vorwürfen gegen Bamf-Außenstelle“, dass offenbar weit weniger Fälle unrechtmäßig beschieden worden seien als vorher vermutet und dass es Zweifel am Belastungszeugen gebe. Der Faktenfinder der Tagesschau fasste in mehreren Fragen und Antworten unter anderem zusammen, dass die Bremer Bamf-Behörde völlig rechtmäßig zwischenzeitlich Anträge aus anderen Zuständigkeitsbereichen bearbeitet hatte. Zudem sei es in Bremen vor allem um Anträge von jesidischen Asylbewerbern gegangen. Da die Vereinten Nationen die Verbrechen an den Jesiden als Völkermord durch den sogenannten „Islamischen Staat“ eingestuft hatten, sei die Anerkennungsquote in Deutschland auch außerhalb von Bremen sehr hoch gewesen. Des Weiteren gebe es keine Beweise, dass Ulrike B. bestechlich war.

Dass es einen neuen Stand der Dinge gab, war für Leser der Bild-Zeitung vorerst nicht zu erkennen. Auch am 20. Juni wurden dort noch Artikel mit Überschriften wie „Mörder, Vergewaltiger, Drogenhändler – Keiner will uns sagen, ob DIE noch bei uns sind“ veröffentlicht, in denen thematisiert wurde, inwieweit das BAMF Schwerverbrechern Asyl gewährt habe.

BAMF-Chefin Jutta Cordt wurde dann am 21. Juni ihres Amtes enthoben.

Alle groß angekündigten Verdächtigungen nicht zutreffend

Ungewöhnlich an der Berichterstattung über das die Bremer BAMF-Außenstelle war auch, dass diese recht bald stark unter medienkritischer Beobachtung stand, obwohl sie bis heute noch nicht einmal abgeschlossen ist, da die Sachlage an sich juristisch noch nicht geklärt ist. Knapp eine Woche, nachdem SZ, NDR und Radio Bremen die anfänglichen Verdächtigungen stark relativierten, veröffentlichte der Strafrechtprofessor Hennig Ernst Müller am 19. Juni eine rein auf die bis dahin erschienenen Veröffentlichungen bezogene Analyse der Berichterstattung in dem juristischen Web-Portal „Beck-Community“. Nach eigenen Aussagen hatte er ursprünglich einen Artikel über die inhaltlichen Verfehlungen im BAMF schreiben wollen und sei dann sehr überrascht gewesen, dass sich alle groß angekündigten Verdächtigungen als nicht zutreffend erwiesen. Von der seriösen Presse habe er das nicht erwartet. Entsprechend hart geht er in seiner Analyse dann auch mit dem Rechercheverbund ins Gericht:

„Sie (der Verbund, die Red.) haben Menschen mit Vorwürfen maximal geschadet, um eine Geschichte zu bringen, die schlecht recherchiert und unausgegoren war und damit den Rufmord vor die Recherche gestellt“.

Trotz der unsauberen Recherche habe man dann jedoch aufgrund der „geschilderten konkreten Details“ kaum daran zweifeln können, dass Ulrike B. Unrecht begangen habe. Und das, obwohl die Journalisten durch die Verwendung des Konjunktivs formal den Richtlinien der Verdachtsberichterstattung Genüge getan hätten. Müller wirft dem Rechercheverbund außerdem vor, dass dessen Journalisten nicht genügend beachtet hätten, welche Folge solche Rechercheergebnisse seriöser Medien in rechten Kreisen haben könnten: „In der heutigen Zeit müssen Journalisten wissen, was ihre Berichte über ein Ermittlungsverfahren anrichten können. Umso besser und fundierter muss die Recherche sein.“ Müllers Beitrag für die Beck-Community wurde kurz darauf auch auf dem medienkritischen Blog „Übermedien“ veröffentlicht.

Nicht ausreichend recherchiert

Die kritische Analyse des Strafrechtsprofessors ergänzend, wurde auf Übermedien auch eine Stellungnahme des Investigativchefs des Norddeutschen Rundfunks, Stephan Wels, veröffentlicht. Er sagt darin unter anderem, dass in den veröffentlichten Berichten deutlich gemacht worden sei, dass es sich bei den Vorwürfen nur um einen Verdacht handelt. „Wir haben uns diesen Verdacht aber nicht zu eigen gemacht, sondern sofort versucht, alle Argumente ins Gesamtbild einzufügen“, so Wels.

Müller hat seinen Blog-Eintrag nach der Erstveröffentlichung immer weiter aktualisiert. So beschrieb er im Juli und August unter anderem, wie verschiedene Medien davon berichten, dass der Skandal langsam „in sich zusammenbricht“ und immer neue, teils widersprüchliche Aussagen gemacht werden, wie viele der ursprünglichen 1.800 bis 2.000 Fälle tatsächlich falsch beschieden worden sind. Auch andere Medien (wie FAZ und Spiegel Online) hätten nicht ausreichend recherchiert und nur ungenau über die Sachlage berichteten.

Neben der Kritik des Juraprofessors gab es auch pointierte Kritik von Kollegen aus dem Journalismus. „Der Bamf-Skandal ist ein Presseskandal“ – so beurteilte es zumindest der Berliner Journalist und Datenexperte Lorenz Matzat in einem Artikel, den er am 26. September auf Medium.com veröffentlichte. Er begründet dies mit vier Kritikpunkten. Zuerst einmal habe es keine Stellungnahme der Verdächtigten gegeben: „Die Beschuldigte selbst war nicht konfrontiert worden; andere Recherchen, ob die Vorwürfe stimmten, hatte es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht gegeben.“ Auch Matzat wirft dem Rechercheverbund vor, dass er die Konsequenzen ihrer Berichterstattung zu wenig im Blick gehabt habe. Offenbar habe man sich nicht „dem Vorwurf des angeblichen Verschweigens“ aussetzen wollen. „So kam es möglicherweise zu einer unguten Melange aus Geilheit auf einen Scoop, einer Prise ,Besorgtbürgertums‘ sowie Angst vor der AfD und anderer rechter Schreihälse. Im vorauseilenden Gehorsam wurde gehandelt“, spekuliert Matzat. Abschließend kritisiert er das Vehikel der „privilegierten Quelle“, aufgrund dessen Behörden grundsätzlich glaubwürdige Aussagen machen würden. „Wie kann sich solch ein obrigkeitshöriges Konstrukt mit dem Selbstverständnis einer freien und unabhängigen Presse vertragen?“, fragt Matzat daher. Der tatsächliche Skandal an der Berichterstattung des Rechercheverbunds sei nun, „dass es eine Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit den begangenen Fehlern und seinen Folgen nicht gibt“.

„Möglicherweise zu wenig hingeguckt“

Auf Matzats Kritik hin gab es keine Reaktion vom Rechercheverbund. Stephan Wels vom NDR begründet dies im persönlichen Gespräch auch mit der Tatsache, dass Matzat seinen Artikel veröffentlicht hatte, ohne vorher mit den betreffenden Kollegen vom Rechercheverbund gesprochen zu haben: „Ich habe mich echt ein bisschen gewundert – warum ruft der uns nicht an? Es ist ja nicht schwer, uns ausfindig zu machen“. So habe er zu den Anschuldigungen im Vorhinein keine Stellung nehmen können.

Der Leiter der Recherche-Redaktion von Radio Bremen, Jochen Gabler, äußerte sich zu den Vorwürfen jedoch an anderer Stelle. Im Deutschlandfunk sagte er im August 2018, dass „möglicherweise zu Anfang, als die Basis der Vorwürfe im Wesentlichen auf einem Bericht der Interimsleiterin des Bremer Bamf beruhten, zu wenig hingeguckt“ worden sei. Angesicht der Vorwürfe, die anfangs aber im Raum standen, sei es nicht in Frage gekommen, nicht darüber zu berichten: „Ich möchte die Redaktion sehen, die angesichts von Durchsuchungen nicht berichtet, bis alles geklärt ist. Das halte ich für absurd, das ist jenseits der Realität“.

Ähnlich äußerte sich seine Kollegin Christine Adelhardt, Koordinatorin der BAMF-Recherche von NDR, Radio Bremen und SZ nochmals im Mai 2019 gegenüber der taz:

„Unsere ersten Berichte waren klassische Verdachtsberichterstattung: Wir haben den Verdacht der Staatsanwaltschaft wiedergegeben. Dieser Verdacht, Korruption und Bestechung in einer deutschen Behörde, kam so monströs daher, da wüsste ich nicht, wie wir nicht hätten berichten sollen.“

Richtigzustellen habe man bei SZ/NDR/Radio Bremen nichts, da vor der Veröffentlichung des Verdachts auch die Informationen der privilegierten Quelle ‚Bremer Staatsanwaltschaft‘ sorgfältig überprüft worden seien und es neben dem Durchsuchungsbeschluss für die hohe Anzahl der manipulierten Akten zwei unabhängige Quellen gegeben habe. Außerdem habe ihre Redaktion früh diverse Fakten in Frage gestellt: „Wir haben so gut wir konnten in beide Richtungen recherchiert. Was daraus politisch gemacht wird, dafür können wir nichts“.

Erhebliche Rufschädigung

Strafrechtsprofessor Müller kritisiert Adelhardts Aussagen in seinem aktualisierten Blogbeitrag in der Beck-Community. Seiner Einschätzung nach habe natürlich über den Vorfall berichtet werden sollen, aber erst „NACH einer Recherche“. Er bestreite nach wie vor, dass es vor der Erstveröffentlichung tatsächlich eine sorgfältige Prüfung der privilegierten Quellen gegeben habe. Auch sei die BAMF-Berichterstattung mehr als „klassische Verdachtsberichterstattung“ gewesen, da es sich um eine „von einem Recherchenetzwerk koordinierte gleichzeitige Veröffentlichung in Großaufmachung unter Mitteilung von Details“ gehandelt habe. Journalisten stellten sich naiv, wenn sie sagten, dass sie nichts dafür könnten, was politisch daraus gemacht werde: „Dass es politische ‚Schockwellen‘ geben würde und eine erhebliche Rufschädigung einer bis dahin nicht öffentlich bekannten Beamtin, war vorhersehbar und wegen der großen Aufmachung auch durchaus ‚gewollt‘“.

Auf den Aspekt der privilegierten Quellen geht auch die taz im Mai nochmal ein. Denn das Bremer Verwaltungsgericht hatte kurz zuvor befunden, dass die Staatsanwaltschaft Ulrike B. in den Medien unzulässig vorverurteilt hat. Zeit Online habe daher einen Bericht löschen müssen, der private Details enthielt, die die Journalisten von einem Sprecher der Staatsanwaltschaft erfahren hatten.

Juristisch ist die Frage, inwieweit es einen BAMF-Skandal tatsächlich gegeben hat, auch im Juni 2019 noch nicht abschließend geklärt. Panorama hatte im März dieses Jahres berichtet, dass rund 18.000 positiv beschiedene Asylbescheide aus Bremen überprüft worden und nur 47 davon widerrufen oder zurückgenommen seien. Die Anzahl der widerrufenen Verfahren in Bremen liege somit auf einem bundesweiten Niveau. Was die möglichen Motive von Ulrike B. betreffe, gehe die Ermittlergruppe laut Panorama inzwischen davon aus, dass zwischen der ehemaligen Behördenleiterin und dem jesidischen Anwalt Irfan Cakar eine „besondere Nähe“ bestanden habe: „Um dem Anwalt zu gefallen, so der Verdacht, soll die Beamtin Asylanträge rechtswidrig positiv entschieden haben – in welcher Zahl dies der Fall sein soll, ist noch nicht endgültig geklärt“.

Kaum belastbare Rückschlüsse

Auch „Buten un Binnen“, ein Regionalmagazin von Radio Bremen, griff den „BAMF-Skandal“ ein Jahr nach der Erstveröffentlichung des Verdachts nochmal auf: „Heute, ein Jahr danach, gehen die Ermittler nach wie vor davon aus, dass der BAMF-Skandal existiert, auch wenn sie ihn so nicht nennen. […] Der Verdacht gegen die Beschuldigten habe sich nach der Auswertung der Akten und E-Mails erhärtet, sagt der Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft, Frank Passade.“ Gleichzeitig schreibt der Autor des Artikels, dass die Zahl der 47 widerrufenen oder zurückgenommenen Verfahren „kaum belastbare Rückschlüsse zu[lasse], ob Asylanträge bewusst manipuliert wurden“. Des Weiteren heißt es in dem Text: „Ein Jahr danach wissen wir kaum mehr als zu Beginn des Skandals.“ Im Sommer wolle die Bremer Staatsanwaltschaft ihr Ermittlungsergebnis präsentieren und entscheiden, ob sie Anklage bei Gericht erhebt.

Strafrechtsprofessor Müller zieht in seinem Blogeintrag dennoch das folgende Fazit:

„Ich habe mittlerweile zwar keinen Zweifel mehr daran, dass insb. jesidische Asylantragsteller, die von den beiden involvierten Kanzleien kamen, in Bremen sehr wohlwollend behandelt wurden und hierbei wohl auch möglicherweise interne Vorschriften missachtet wurden. Meine derzeitige Einschätzung ist aber, dass der Bremer BAMF-Skandal stark übertrieben wurde und sich am Ende als weit begrenzter herausstellen wird als zunächst verkündet; möglicherweise bleibt von einem ‚Skandal‘ auch gar nichts übrig außer der Skandal der (übertriebenen) Medienberichterstattung darüber selbst“.

Quellenverzeichnis

Medienkritik

„Wir Journalisten bewegen uns in einem Dilemma“ (11. Juni 2019)

Copyright: Christian Spielmann

Interview mit Stefan Wels, dem Leiter des Investigativ-Ressorts des NDR, über die Kritik an der Verdachtsberichterstattung rund um den BAMF-Skandal. Die Investigation des NDR arbeitete in dem Fall mit der Süddeutschen Zeitung und Radio Bremen zusammen.

 

Herr Wels, erinnern Sie sich noch an die ersten Rechercheschritte? Wie hat alles angefangen?
Wels: Wir wussten, dass es da ein großes Verfahren mit einer Durchsuchungsmaßnahme gibt. Wir kannten die Umrisse und den juristischen Verdacht, auf dem die Maßnahme beruhte. Es war relativ klar, dass es eine große Durchsuchungsmaßnahme gibt. Von diesem Moment an haben wir alles daran gesetzt, zu erfahren, was die Betroffenen zu den Vorwürfen sagen.

Copyright: Christian Spielmann

Stefan Wels ist Leiter des Investigativ-Ressorts des NDR. Foto: Christian Spielmann

Haben sie redaktionsintern Druck gespürt, so schnell wie möglich zu publizieren?
So eine große Exekutivmaßnahme bleibt in einer kleinen Stadt wie Bremen nicht unter dem Deckel. Deswegen gab es bei uns die Einschätzung, dass wir mit der Veröffentlichung nicht wahnsinnig lange warten können. Wir kannten den Vorgang etwa einen Tag, bis wir dann publiziert haben. Diesen Tag haben wir genutzt, um die Angaben zu dem Verfahren zu verifizieren. Sobald uns eine zweite Quelle die Information, dass es eine groß angelegte Durchsuchung gab, bestätigt hatte, haben wir berichtet.

Journalisten sollten Betroffenen die Möglichkeit zur Stellungnahme geben.
Ich glaube, der große Grundsatz der Verdachtsberichterstattung muss sein, dass Sie alles tun, was Sie tun können, um die Betroffenen dazu zu hören und ihre Position abzubilden. Sie bemühen sich zwar mit aller Kraft darum, die Gegenseite zu hören. Es dauert bei solchen Verfahren aber oft, bis sich die Betroffenen öffnen. Das kann man beklagen und ist auch irgendwie doof. Aber die Betroffenen müssen sich erst einmal sortieren, wie sie damit umgehen, Gegenstand von öffentlichem Interesse und einem öffentlichen Verfahren zu werden.

Inwiefern hat man das bei Ulrike B. gemacht? Haben Sie die Betroffenen für eine erste Berichterstattung angehört?
Die Kollegen in Bremen haben die ehemalige Leiterin und natürlich die Behörde kontaktiert. Auch die Anwälte der Verdächtigen haben wir am ersten Tag, sobald wir die Kontaktdaten hatten, angefragt. Allerdings ließen Letztere unsere Anfragen zunächst unbeantwortet und die Leiterin war für uns am ersten Tag nicht erreichbar. Das heißt: Trotz aller Bemühungen kam keine Kommunikation zu Stande. Das haben wir in unseren Texten auch genau so abgebildet, etwa mit Hinweisen wie „war für eine Stellungnahme nicht erreichbar“ oder „ließen Anfragen unbeantwortet“. Die ersten Rückläufe von Seiten der Anwälte kamen dann 48 Stunden später.

Haben Sie in der Redaktion über die Namensnennung und Identifizierbarkeit von Ulrike B. diskutiert?
Darüber diskutieren wir immer und stimmten uns mit dem Justitiariat ab. Ich habe mir unsere alten Texte vom ersten Tag noch einmal angeschaut: Darin sprechen wir von einer leitenden Mitarbeiterin und von der ehemaligen Leiterin. Das halte ich auch heute noch für notwendig, da es zeigt, dass sich ein Verdacht gegen die Spitze eines Hauses richtet. Ulrike B.  ist, wenn man von der ehemaligen Leiterin spricht, natürlich identifizierbar. Man kann das nicht verhindern. Aus meiner Sicht gibt es auch keine Notwendigkeit dazu.

Wie wichtig ist es, die Berichterstattung auch als eine „Verdachtsberichterstattung“ zu kennzeichnen? Braucht es hierfür einen Disclaimer?
Ja, ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt. Man muss deutlich machen, dass es sich um eine Berichterstattung handelt, die auf einem Verdacht beruht, und dass es um ein Verfahren mit einem gewissen Verfahrensstand geht, dessen Ausgang noch offen ist. Man sollte klarstellen, welche Sichtweise von welcher Behörde oder Ermittlungsbehörde ist, und dass zur Frage, wer letztendlich schuld ist, noch keine Aussage gemacht werden kann. Man sollte das sehr deutlich markieren.

Die Medienberichterstattung über den BAMF-Skandal hat viel Kritik geerntet. Journalist Lorenz Matzat behauptet, der BAMF-Skandal sei eigentlich ein Presse-Skandal. Die Verdachtsberichterstattung vieler Medien sei fahrlässig gewesen. Wann ist Ihnen bei der Recherche klar geworden, dass da etwas ganz anders läuft, als ursprünglich gedacht?
Ich glaube, es ist gut, wenn so eine Berichterstattung aufgegriffen und diskutiert wird. Ich möchte aber klarstellen, dass die Berichterstattung, dass es ein Verfahren gibt, richtig war. Wir haben schon früh in der Berichterstattung deutlich gemacht, dass das Ganze auf einer sehr schmalen Faktenlage der Ermittler beruht. Der Punkt, an dem wir zunehmend in Zweifel geraten sind – nicht, ob es das Verfahren überhaupt gibt, aber wie fundiert die Behauptungen sind – setzte erst Tage später ein. Das kommt erst in dem Moment, in dem man Kenntnis über mehr Dokumente erlangt.

Was waren das für Zweifel?
Es lagen Irrtümer in der Rechtslage vor und das BAMF hat aus unserer Sicht bestimmte Sachverhalte nicht korrekt eingeschätzt. So summierten sich die Zweifel. Stimmen die Dimensionen? Stimmen die Vorwürfe? Wie ist es zu bewerten, dass da eine Form von verschwörerischer Gesamtkonstellation herrscht? Da hat sich dann auch herausgestellt, auf welche früheren vagen Verdachtsmomente sich das Ganze gegründet hat. Wir hatten das Gefühl, dass sich die Strafverfolger sehr kritische Nachfragen gefallen lassen müssen. Die haben wir auch gestellt. Wenn wir am Anfang einen Verdacht transportieren, der so sorgfältig und gründlich wie möglich recherchiert wurde, dann aber merken, dass unsere Erkenntnisse sukzessive im Widerspruch dazu stehen, müssen wir auch über die Zweifel mit gleicher Kraft und Intensität berichten. Da sind wir bis heute dran. Wir werden diese Geschichte bis zum Ende begleiten. Denn es kann nicht sein, dass man sich dann irgendwann aus einer Berichterstattung verabschiedet und am Ende etwas im Raum stehen bleibt, was falsche Eindrücke erweckt. Ich glaube, meine Kollegen haben eine sehr gute Arbeit geleistet. Sie haben mit Vehemenz und großer Intensität gearbeitet.

Wobei man jetzt provokativ sagen könnte, der Rechercheverbund hätte ja auch alles einmal in Zweifel ziehen können, bevor er mit der Meldung raus geht.
Das ist sehr richtig. In diesem Fall wäre es für uns und vielleicht auch für die Betroffenen besser gewesen. Aber jetzt stellen Sie sich vor: Sie wissen von dem Verdacht, Sie wissen von dem Verfahren und Sie wissen von den Exekutivmaßnahmen. Und dann berichten Sie nicht, sondern versuchen erst einmal über einen langen Zeitraum in Zweifel zu ziehen, ob das Verfahren tatsächlich so ist, wie es die Strafverfolgungsbehörden darlegen. Das halte ich – um es klar zu sagen – für nicht praktikabel und auch nicht für sinnvoll. Ich denke, das entspricht nicht dem Informationsbedürfnis der Leute, wenn es um Verfahren geht, die einen gewissen Reifegrad haben. Ich glaube, dass dieses hartnäckige, kritische Begleiten des Verfahrens das ist, woraus journalistische Verantwortung erwächst.

Haben Sie sich Gedanken gemacht, was eine solche Berichterstattung für die Betroffenen bedeutet?
Ja. Das ist auch ein wesentliches Kriterium für mich. Fühlen sich die Verfahrensbeteiligten vom NDR fair behandelt? Haben sie das Gefühl, dass ihre Argumente zu dem Zeitpunkt, als sie gefallen sind, auch gehört wurden? Und auch in angemessenem Ausmaß? Das können Sie nur nach bestem Wissen und Gewissen machen. Sie können nur versuchen, das Bild möglichst genau zu zeichnen. Und Sie werden immer damit zu tun haben, dass sich das Bild weitet – von Tag zu Tag und mit der Offenbarung weiterer Quellen. Dann müssen Sie versuchen, das Bild über die Zeit so anzupassen, dass es am Ende korrekt ist.

Als Journalist geht man davon aus, dass Behörden und Strafverfolger vertrauenswürdig sind. Im Fall von Ulrike B. haben die Behörden aber offensichtlich nicht sauber gearbeitet.  Wirft das die Frage auf, ob Journalisten überhaupt noch auf scheinbar privilegierte Quellen vertrauen können?
Ja, das Verfahren hat mich schon erstaunt. Es geht immer um die Frage, was privilegierte Quellen sind. Bei einer Behörde muss man eigentlich eine gewisse Sorgfalt annehmen. Doch ich glaube, dass das BAMF bei der Bewertung des Vorfalls an einigen Stellen erratisch war. Das habe ich daraus gelernt.

Was nehmen Sie persönlich noch aus diesem Fall der Verdachtsberichterstattung mit?
Wir Journalisten bewegen uns da in einem Dilemma und müssen wahnsinnig darauf achten, dass wir die Grundlage dessen, was wir als Verdachtsberichterstattung setzen, für das Publikum klar machen. Deshalb müssen wir in unseren Formulierungen auch immer benennen, auf wen wir uns beziehen, also ob auf Äußerungen zur Verdachtslage von der Staatsanwaltschaft oder vom BAMF zum Beispiel. Damit müssen wir auch die nötige Distanz in die Berichterstattung tragen.

Das Interview führten Magdalena Neubig, Laura Rihm und Nele Wehmöller.

Lokaljournalismus | Medienkritik

Zwischen Landlust und Randfrust (29. März 2019)

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Mediale Dorf-Bilder der Gegenwart (zuerst erschienen in der Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie)

von Gisbert Strotdrees

Klischee oder reales Abbild? Der ländliche Raum in den Medien. / Foto: muensterland/flickr (CC BY-SA 2.0)

Dorfalltag und Landleben bilden seit jeher ein Thema journalistischer Berichterstattung. Es schlägt sich keineswegs nur in den lokalen Medien, sondern auch in Beiträgen überregionaler Tages- und Wochenzeitungen oder Rundfunksender nieder. Gerade diese überregionale Berichterstattung stellt einen wichtigen Beitrag öffentlicher Kommunikation dar, auch im Zeitalter digitaler Medien und Netzwerke. Denn in den überregionalen Tages- und Wochenzeitungen – ob gedruckt oder online – sowie im Rundfunk werden die zentralen Themen aus Politik, Wirtschaft und Kultur zur Sprache gebracht und verhandelt, darunter auch Fragen des ländlichen Raumes. Umgekehrt können gerade überregional verbreitete Berichte auf die jeweiligen Akteure auf Dorfebene bzw. auf die dargestellte Umgebung zurückwirken. Die journalistischen Beiträge können ermuntern und anspornen, sie können Abwehrhaltungen auslösen und in laufende Debatten eingreifen – vor allem aber können sie Bilder prägen, etwa vom Dorf XY als Idylle oder von der Region Z als „Problemzone“.

Welche Bilder aber wurden und werden da vermittelt? Wie ist es überhaupt bestellt um das mediale Interesse am Landleben? Gibt es so etwas wie Konjunkturen des Medieninteresses am Ländlichen – und das auch jenseits bewegender Themen wie demonstrierender Bauern, Gebäude-Leerstand oder Landarztmangel? Entwickeln überregionale Medien ein journalistisches Verständnis für den „nicht leicht zu erschließenden komplexen Kosmos des Dorfes“ (Henkel 2016:252), für seine vom urban-bürgerlichen Raum abweichenden Hierarchien, Kommunikationsmuster, Lebenswelten, mentale Einstellungen und besonderen Regeln des Miteinanders – mithin eines Kosmos, den es hier unter dem Begriff der „Dörflichkeit“ zu erkunden gilt?

Dieser Fragenkomplex soll im Folgenden mit Blick vor allem auf die überregionalen Tages- und Wochenzeitungen beleuchtet werden. Erstaunlicherweise gibt es zu dieser Fragestellung so gut wie keine Forschungsliteratur. Die letzte Studie, die sich den Wechselwirkungen zwischen ländlichem Raum und (Lokal-) Journalismus gewidmet hat, ist vor einem Vierteljahrhundert erschienen (Herrmann 1993). Die Autorin, Redaktionsleiterin des Coburger Tagblatts, hat darin die Produktionsbedingungen einer Lokalredaktion im ländlichen Raum untersucht. Der „Eigen-Sinn“ ländlicher Lebenswelten, so ihr Befund, bleibe Wissenschaftlern, Planern und Journalisten oftmals verborgen, weil sie „in den Seilen des Modernisierungstheorems“ hingen und die Besonderheiten der ländlichen Lebenswelt verkennen. (Herrmann 1993: 36, mit Verweis auf die frühere Dorf-Studie von Utz Jeggle und Albert Ilien 1978).

Laut Dorfforscher Gerhard Henkel berichten lokale und regionale Zeitungen (wie die hier gedruckte Nordwest-Zeitung) „ausführlich und verständnisvoll“ über den ländlichen Raum. Anders sieht es bei den überregionalen Medien aus. / Foto: WE-Druck GmbH & Co. KG, CC BY-SA 4.0

Der Geograph und Dorfforscher Gerhard Henkel hat sich in seiner jüngsten Streitschrift ebenfalls mit der Rolle der Medien befasst (Henkel 2016: 247-253). Sein Fazit: Lokale und regionale Zeitungen berichteten „ausführlich und verständnisvoll von den mannigfachen, kommunalen und bürgerschaftlichen Problemen und Aktivitäten auf dem Land“. Doch je weiter die Medien vom Land entfernt seien, desto mehr steige ihre Ignoranz und Arroganz gegenüber Dörfern und Kleinstädten und ihren Bewohnern, so der generelle Vorwurf Henkels. Die Berichterstattung der überregionalen Tageszeitungen und der Rundfunkanstalten erfasse den ländlichen Raum „mit seiner ökonomischen, kulturellen und sozialen Vielfalt und Wertigkeit“ nur selten, so sein Befund. Das Land komme „häufig schlecht weg, negative Berichte überwiegen“ (ebd.: 248).

Ein wenig Datenjournalismus

Statistische Auswertungen freilich, die diese These unterstützen, bleibt Henkel schuldig. Trennscharfe Daten, die die Häufigkeit und den Umfang der Berichterstattung überregionaler Tageszeitungen und Rundfunkanstalten zum Thema „Land / Dorf / Dörflichkeit“ belegen könnten, sind nur mit hohem Aufwand zu ermitteln. Einen Eindruck immerhin vermittelt die Genios-Datenbank, die einen großen Teil der deutschsprachigen Presselandschaft abbildet: von A wie den regionalen „Aachener Nachrichten“ bis Z wie die überregionale Wochenzeitung „Die Zeit“ (Hamburg).

Für die Frage nach der medialen Präsenz wurde die Genios-Datenbank nach den Stichworten „Dorf“, „ländlich*“, „Landleben“ und Dorfleben“ für die Jahre 1990, 1995 sowie für den Zeitraum 2000 bis 2017 befragt, die Datenbanksuche dabei auf die überregionalen Tages- und Wochenzeitungen eingegrenzt. Erfasst ist damit die Berichterstattung unter anderem von Frankfurter Allgemeiner Zeitung, Focus, Handelsblatt, Spiegel, Süddeutscher Zeitung und Die Zeit.

Das Ergebnis: In absoluten Zahlen betrachtet, zeigt sich eine auffallende steigende Kurve bei der Verwendung des Substantivs „Dorf“, und des Adjektivs „ländlich“. Ähnliches gilt, wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau, für die Substantive „Dorfleben“ und „Landleben“.

Vor voreiligen Schlüssen sei allerdings gewarnt, denn: Im Abfrage-Zeitraum ist auch die Datengrundlage der Genios-Datenbank expandiert. Genaue Angaben bietet der Betreiber der Datenbank nicht an. Einen Anhaltspunkt liefert immerhin die vergleichende jährliche Abfrage der fünf, im Deutschen besonders häufig benutzten Wörter „der“, „die“, „das“ „und“ sowie „in“. Setzt man sie ins Verhältnis zu den gesuchten Wörtern „Dorf“, „ländlich“, „Dorfleben“ und „Landleben“, flachen die Kurven ab – die steigende Tendenz für „Dorf“ und „ländlich“ ist aber auch aus dieser Sicht eindeutig.

Linguistisch exakt ist dieses Vorgehen sicherlich nicht, und der Wortabfrage müsste eine inhaltliche Analyse der jeweiligen Artikel folgen, die außerdem ins Verhältnis zu den jeweils verbreiteten Auflagen gesetzt werden müssten. Dennoch bieten die absoluten und relativen Wortkurven einen passablen Eindruck von den Konjunkturen ländlicher bzw. dörflicher Themen in der überregionalen deutschsprachigen Presselandschaft.

Aus der Vergangenheit: Mediale Perspektiven zwischen Tristesse und Romanze

Das Wort „Dörflichkeit“ taucht in der gesamten deutschsprachigen Presse seit 2000 ganze 101 Mal auf. Der Duden kennt das Stichwort gar nicht, im „Deutschen Wörterbuch“ der Brüder Grimm ist es ebenfalls nicht zu finden. Die Suchmaschine Google hingegen kennt das Wort und verlinkt einen ihrer ersten Treffer auf einen Beitrag mit dem Titel „Hinter Berliner Zäunen“, veröffentlicht im Mai 2017 in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Der Journalist Kai Biermann schreibt darin über Altglienicke, den Ort seiner Kindheit, unter anderem:

„Eingeklemmt zwischen Rudow, Bohnsdorf und dem Flughafen Schönefeld geht die Großstadt dort in die zersiedelte Dörflichkeit Deutschlands über. Die Häuser haben kleine Gärten drumherum, manche einen Swimmingpool. Dazu geschnittene Hecken, geputzte Autos. (…) Wer will, kann in Altglienicke eine Idylle sehen. Schlafende Straßen, sogar ein paar Pferdekoppeln. Feldlärchen tillern, Stare knurren, Bienen taumeln über die Wiese und saufen die Blüten leer und auf dem Plumpengraben, der wirklich so heißt, schaukeln Enten in der Grütze. Kleinstadtruhe am Großstadtrand. Die Leute reden vom Dorf, wenn sie Altglienicke meinen. Die Hauptstadt scheint weit weg. Schon immer war das friedliche Bild jedoch nur eine Fassade, war der Ort zerrissen, waren die Unterschiede groß: Arme gegen Reiche, Alte gegen Neue, Laubenpieper gegen Hausbesitzer, Linke gegen Rechte. Mauern und Zäune überall.“ (Biermann 2017).

Folgt man diesem Autor, dann bedeutet Dörflichkeit so viel wie: Einfamilienhäuser, kleine Gärten, geschnittene Hecken, blitzblanke Autos und ein kräftiger Schuss Natur. Dörflichkeit ist aus seiner Sicht aber auch Fassade und Fiktion – es gibt sie nicht mehr, zumindest nicht in Alt-Glienicke, das irgendwann im Schatten der Großstadt verloren gegangen ist.

Willkommen in Altglienicke: Einfamilienhäuser, kleine Gärten, geschnittene Hecken, blitzblanke Autos. Der Inbegriff von „Dörflichkeit“? / Foto: Fridolin freudenfett CC BY-SA 3.0

Völlig anders sieht es in der „Landlust-Welt“ aus. Das Hochglanz-Magazin, in den Jahren 2004/5 im Landwirtschaftsverlag in Münster entwickelt, hat von Beginn an beabsichtigt, „die schönsten Seiten des Landlebens“ zu präsentieren. Es war ursprünglich als Magazin für Frauen auf dem Land konzipiert und verfolgte, wie dem Editorial des ersten Heftes von 2005 zu entnehmen ist, den folgenden Ansatz: „Alles, was das Landleben liebenswert macht, möchten wir Ihnen in dieser Zeitschrift zeigen. Einfach und natürlich, wahrhaftig und wertorientiert will sich, Landlust’ präsentieren.“ Angesprochen werden sollten Leserinnen und Leser, die „auf dem Land leben“, die „ländliche Lebensweisen schätzen“ oder „auf dem Land Wurzeln schlagen möchten“. (Frieling-Huchzermeyer 2005: 3)

Der Mix aus Themen rund um Garten, Küche, Natur, „Ländlichem Wohnen“, verfasst von versierten Fachautorinnen und -autoren, illustriert mit großzügigen Fotostrecken und graphisch aufwändig gestaltet, erwies sich als überraschend erfolgreich. Dörfer allerdings sind im Magazin „Landlust“ eher selten portraitiert – und wenn, dann allenfalls im Rahmen von Reisereportagen. Wer sich für den bundesdeutschen Dorfalltag interessiert, insbesondere für wirtschaftliche und/oder soziale Strukturschwächen, für Problemlagen, Konflikte sowie für pragmatische Ansätze zur Lösung, geht in der „Landlust“ leer aus. Ähnliches gilt für die Landwirtschaft: Auch sie fehlt nahezu vollständig. Beiträge etwa zu Pflanzenbau, Tierhaltung oder Landtechnik, zu Konfliktlagen zwischen Ökonomie und Ökologie oder auch Portraits einzelner landwirtschaftlicher Betriebe sind im Magazin nicht zu finden.

Das echte Landleben kommt im boomenden Magazin-Segment von Zeitschriften wie „Landlust“ kaum vor. / Foto: United Soybean Board / Flickr CC BY 2.0

Dennoch – oder gerade deswegen? – hat diese Zeitschrift enormen Erfolg, zumindest was seine Auflagen- und Reichweitenentwicklung angeht. Darüber ist viel diskutiert worden, in der Wissenschaft und nicht zuletzt in der Medienlandschaft. „Medias@res“, das Medienmagazin des Deutschlandfunks, hat sich im Oktober 2017 mit der „Erfolgszeitschrift“ befasst und sein Porträt unter die Überschrift gestellt: „Erholung, Harmonie und Heimat“ (Hoolt 2017). Das Magazin Landlust, so heißt es da, zelebriere das ländliche Idyll und treffe damit „ein Bedürfnis der Zeit“, erläuterte Bernd Blöbaum, Professor für Medientheorie und Medienpraxis an der Universität Münster, einen von zwei entscheidenden Gründen für den Erfolg. Den zweiten Grund sieht er in der fachjournalistischen Professionalität, der „opulenten Machart, in der die Landlust das Publikum erreicht“, den „ tollen Fotostrecken“ und „gut gemachten Inhalten“.

Der Erfolg des Magazins löste – mit einer Verzögerung von zwei, drei Jahren – eine bundesweite Gründungswelle von Nachahmer-Magazinen aus: „Liebes Land“, Landliebe“, „Schönes Land“, „Landgenuss“, „Landkind“, „Landapotheke“ und so weiter. In Deutschland entstand „quasi aus dem Nichts“ (Winterbauer 2011) eine vollständig neue Zeitschriftensparte, die bereits fünf Jahre nach dem Start von „Landlust“ eine Gesamtauflage von „mindestens 1,5 Mio. hart verkaufter Hefte“ (ebenda) erreicht hat.

Diese Welle löste die Entwicklung neuer und überaus erfolgreicher Formate auch im Fernsehen an. Hier genannt seien nur die Sendereihen „Land & Lecker“ (seit 2009 im Westdeutschen Rundfunk), „Von und zu lecker“ (seit 2010 im Westdeutschen Rundfunk), „Landfrauenküche“. (seit 2009 im Bayrischen Rundfunk), „Landlust TV“ (seit 2011 im Norddeutschen Rundfunk), „Schönes Landleben“ mit „Hofgeschichten aus dem Norden“ (ebenfalls seit 2011 im NDR). Eine der Sendungen dieser zuletzt genannten Reihe, erstmals im Oktober 2013 ausgestrahlt, wurde mit einem Pressetext angekündigt, der hier beispielhaft zitiert sei:

„,Schönes Landleben’ auf dem Hof Wörme am Rande der Lüneburger Heide mit einer Traumhochzeit: Die Nichte von Hubertus von Hörsten wünschte sich, ihren schönsten Tag auf Hof Wörme feiern zu können. Alle sind bei den Vorbereitungen eingespannt, über 100 Gäste wollen bewirtet werden. Hubertus von Hörsten plant und koordiniert für seine Nichte Sylvia – alles neben der täglichen Arbeit. Hof Wörme ist einer der ältesten Biohöfe Norddeutschlands: seit 1947 wird hier ohne Mineraldünger und chemischen Pflanzenschutz Gemüse, Getreide und Obst angebaut. In dieser Tradition wird der Betrieb auch heute noch geführt. Dieser Hof ist etwas ganz Besonderes: Pfaue stolzieren dort im prächtigen Federgewand, Japanerinnen kneten Brotteig nach norddeutschem Rezept, Pferde ziehen vorsintflutliches Arbeitsgerät. Und die Töchter des Hofes heiraten in roten Gummistiefeln und mit selbst gebundenen Blumenkränzen im Haar.“ (NDR 2013)

Das medial vermittelte Landbild transportiert traditionelle Gesellschaftsmuster aus dem 19. Jahrhundert wie auf diesem Bild.

Dieser PR-Text ruft alle Attribute auf, die dem Leben „auf dem Lande“ traditionell zugeschrieben worden sind. In wenigen Zeilen tauchen auf: der Hofbesitzer als „Pater familias“, noch dazu mit adlig klingendem Namen, seine Uneigennützigkeit und sein Familiensinn, das Handeln in familiärer Gemeinschaft, das vormoderne, um nicht zu sagen: anti-moderne Wirtschaften in Feld („vorsintflutliches Arbeitsgerät“) und Haus („kneten Brotteig“) – und die klare Rollenverteilung der Geschlechter: der Mann organisiert und agiert, die Frauen hingegen kneten Brotteig oder heiraten, wenn auch „in roten Gummistiefeln“. Anders gesagt: Hier werden in wenigen Sätzen die traditionellen Muster heraufbeschworen, die seit dem 19. Jahrhundert mit dem Land verbunden und mit Begriffen umschrieben werden wie: Gemeinschaft, Tradition, Zusammenhalt, eine Überlappung des privaten und des öffentlichen Bereichs. (vgl. Tönnies 1887; Wunder 1986: 8-10)

Tristesse und Randfrust abseits der Großstadt auf der einen Seite, die romantisch verklärte, bisweilen vor Kitsch triefende Szenerie auf der anderen Seite: Dieser Gegensatz der Land-Zuschreibungen ist selbst ein Topos, der den Blick auf „das Dorf“, auf „das Land“ seit langem prägt. (Wunder 1982; Nell/Weiland 2017) Beide Positionen finden sich in den Print- und TV-Medien unserer Tage und haben – bei aller Unterschiedlichkeit – auch einige Gemeinsamkeiten. Zwei seien hier genannt:

  1. Die zeitliche Komponente, also das „Noch“ in der Hochglanz-Idylle, das „Nicht mehr“ in der Sozialreportage: Diese Verzeitlichung, der Blick in ein wie auch immer geartetes „Gestern“, rückt das Dorf, das Landleben in eine Art Krisenmodus. Aus der einen Sicht wird „Ländlichkeit“ resp. „Dörflichkeit“ als ein bedrohter Zustand interpretiert, als eine Art Residuum, das gepflegt und konserviert, vor äußeren Bedrohungen bewahrt werden muss. Aus der anderen Sicht wird Dörflichkeit als fast verloren oder bereits untergegangen gedeutet: durch die Zersiedlung der Großstadt, durch die Randlage, durch wirtschaftlichen Niedergang, durch das Desinteresse seiner Bewohner oder ähnliches. Dörflichkeit ist aus dieser Perspektive verschwunden, wirkt aber nach und löst gewissermaßen Phantomschmerzen aus – auch das ist letztlich Teil der Verzeitlichung und trägt zum Krisenmodus bei.
  2. Der Grundton der Nostalgie: Er ist seit je her in Betrachtungen von außen auf das Dorf zu finden (vgl. Wunder 1982: 8-9). Nostalgie sei hier nicht nur verstanden als romantische Verklärung, als Idealisierung einer Vergangenheit, die es nie gegeben hat, sondern auch als eine Art Krisensymptom. Auf diese beiden Seiten der Nostalgie hat der Soziologe Zygmunt Bauman in seiner kurz vor seinem Tod fertiggestellten Gegenwartsanalyse hingewiesen. Bauman spricht von einem globalen Trend, den er mit dem Kunstwort „Retrotopia“ bezeichnet. Darunter versteht er „Visionen, die sich anders als ihre Vorläufer nicht mehr aus einer noch ausstehenden und deshalb inexistenten Zukunft speisen, sondern aus der verlorenen/geraubten/verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit“ (Bauman 2017: 13). Und an anderer Stelle: „Heute ist es die Zukunft, auf die man nicht vertrauen kann, da sie vollkommen unbeherrschbar erscheint. Sie wird auf der Sollseite gebucht. Dafür erscheint jetzt die Vergangenheit auf der Habenseite – dank ihres Rufs, ein Hort der Freiheit gewesen zu sein, auf den sich noch nicht diskreditierte Hoffnungen setzen lassen.“ (ebd: 10.)

Bauman zitiert die Literaturwissenschaftlerin Svetlana Boym. Ihr zufolge ist Nostalgie „ein Gefühl des Verlusts und der Entwurzelung, zugleich aber auch eine Romanze mit der eigenen Fantasie“ (Boym, zit. n. Bauman 2017:10). Nostalgie ist aus dieser Sicht eine Art Imagination und auch ein „Abwehrmechanismus in Zeiten beschleunigter Lebensrhythmen und historischer Umwälzungen“. Im Kern dieses Mechanismus stecke das Versprechen, „jene ideale Heimat wiederzuerrichten, die im Zentrum vieler heute einflussreicher Ideologien steht und uns dazu verleiten soll, das kritische Denken zugunsten emotionaler Bindungen aufzugeben“. Das Gefährliche daran sei laut Boym die „Neigung, unsere tatsächliche mit einer idealen Heimat zu verwechseln“ (Boym, zit. n. Bauman 2017:11).

In der Gegenwart: Land- und Dorf-Reportagen vor der Bundestagswahl 2017

Dieser wirklichkeitsnahe Blick auf die „tatsächliche Heimat“, auf die realen Strukturprobleme der ländlichen Räume bzw. der Dörfer spielte in überregionalen Printmedien lange Zeit eher die Rolle eines Nebenschauplatzes. Die Problemlagen, Strukturdefizite und Konflikte im ländlichen Raum kamen in überregionalen Tageszeitungen wie Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit in den 1990er und in den 2000er Jahren eher am Rande vor – als Kuriosum bisweilen, aber auch als Beleg dafür, dass man es auf dem Land mit einer rückständigen Zone zu tun habe. Journalistische Beispiele des Lächerlich-Machens, der negativen Berichte und der salopp-überheblichen „Fernsicht auf das Dorf“ (so treffend Henkel 2016 : 248, dort mit Beispielen aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und des WDR-Fernsehens aus dem Jahr 2014) von sicherem Beobachter-Standort einer Großstadtredaktion aus lassen sich mit wenig Mühe finden. Als eine der wenigen positiven Ausnahmen darf eine mehrteilige Reportagereihe gelten, die im Jahr 2006 im Spiegel erschienen ist und sich sehr detailreich mit dem Alltag in den Dörfern befasst hat. (Bölsche 2006a, 2006 b, 2006c)

Die realen Strukturprobleme der ländlichen Räume wie das Hofsterben spielte in den überregionalen Medien eher eine untergeordnete Rolle. / Foto: Aktion Agrar (CC BY 2.0)

Zwar mangelte es zu keinem Zeitpunkt an Dorfstudien, an wissenschaftlich soliden Analysen über den ländlichen Raum und seine Strukturprobleme, vorgelegt etwa vom staatlichen Thünen-Institut ­– Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei in Braunschweig oder vom privaten Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (vgl. als Beispiele Thünen-Institut 2015, Kröhnert u. a. 2011). In den Medien allerdings wurden sie lange Zeit eher am Rande wahrgenommen.

Das änderte sich 2016 grundlegend. Als zunächst das Brexit-Referendum in Großbritannien und dann die US-Präsidentschaftswahlen anders ausgingen als von den meisten Beobachtern erwartet, zeigten sich viele Journalisten überrascht. Nur wenige räumten selbstkritisch ein, ihren Blick zu sehr auf die Metropolen gerichtet und die Konfliktlagen in der Provinz dabei aus dem Blick verloren zu haben. Von Großbritannien und den USA wurde dann im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 rasch auf deutsche Problemlagen geschlossen:

„Mehr als die Hälfte der Deutschen lebt fernab der großen Städte. Es sind Millionen Menschen, die Journalisten und Hauptstadtpolitiker zu oft aus den Augen verlieren“– so bekannte durchaus selbstkritisch die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ im Sommer 2017 (Schumacher 2017). Das Blatt lieferte damit die Begründung für ein Großprojekt: Die Hamburger Wochenzeitung hatte 16 junge Reporter für einen längeren Zeitraum in ein Dorf in Niedersachsen entsandt, um im August 2017 in einer Schwerpunktausgabe von den Menschen und ihren Problemen „in einem gewöhnlichen deutschen Dorf“ zu berichten.

Viele weitere überregionale Medien und Publizisten entdeckten in den Monaten vor der Bundestagswahl „das Dorf“ oder „das Land“. Mehrere Journalisten wanderten in den Jahren 2016/17 durch Deutschland, um mit „normalen Leuten“ zu sprechen und deren Lebenswelten, die Sicht abseits der Metropolen, zu erkunden und zu beschreiben. Im Wahljahr 2017 erschienen Bücher mit Titeln wie

  • „Heimaterde – eine Weltreise durch Deutschland“ von Lucas Vogelsang (Vogelsang 2017);
  • „Deutschland ab vom Wege. Eine Reise durch das Hinterland“ vom Henning Sußebach, Redakteur bei der „Zeit“ in Hamburg (Sußebach 2017) oder auch
  • „Zu Fuß durch ein nervöses Land“ von Jürgen Wiebicke, Redakteur beim WDR Köln (Wiebicke 2016).

Neben der „Zeit“ starteten etliche Redaktionen überregionaler Medien groß angelegte Dorf-Beobachtungsprojekte:

  • Die Berliner „Tageszeitung“ unternahm 2016/17 eine ganzjährige Entdeckungstour durch „Mein Land“ und schrieb im Resümee: „Wir wollten fernab der ,Großstadtblase‘ Menschen und ihre Lebensrealitäten zu Wort kommen lassen und Antworten finden.“ (Tageszeitung 2017)
  • Der Privatsender RTL quartierte im Sommer 2017 ein Reporterteam für Wochen in eine Land-WG in Rinteln in Niedersachsen ein. Rinteln wurde vom Privatsender zur „Wahlstadt“ erklärt, denn: „Vieles hier entspricht dem statistischen deutschen Mittel.“
  • Der Deutschlandfunk startete eine Reportagereihe „Abgehängte Regionen“ und besuchte Landstriche in sieben Bundesländern, denen die Bundesregierung zuvor „sehr stark unterdurchschnittliche Lebensverhältnisse“ bescheinigt hatte. Das Reportageprojekt begründet die DLF-Redaktion ­– ähnlich wie zuvor „Die Zeit“ – mit dieser These: „Wahlen werden auf dem Land entschieden: Eine Erkenntnis, die nicht nur der Front National und Donald Trump für sich zu nutzen wussten. Auch hierzulande könnte die Alternative für Deutschland zum ersten Mal in den Bundestag einziehen.“ (Deutschlandfunk 2017)

Stellvertretend für die zahlreichen Land-, Dorf- und Provinz-Reportagen sei aus der Süddeutschen Zeitung vom 10. September 2017 zitiert. Kurz vor der Bundestagswahl widmete sie ihren prominenten Platz des Leitkommentars der Lage auf dem Land: „Vielerorts in Deutschland verludern die Ortskerne, sie müssen wiederbelebt werden“, befand der Leiter der Innenpolitik-Redaktion, Heribert Prantl, unter dem bezeichnenden Titel: „Warum die Heimat wichtig für den Wahlkampf ist“ (vgl. Prantl 2017). Den diskutablen Begriff „Heimat“ beschrieb Prantl als „überschaubaren Nahraum“, der Autor befasste sich dann aber weniger mit Stadtquartieren und Vororten, sondern vor allem mit der Wirklichkeit des ländlichen Raums und seinen vielschichtigen Problemen:

„In Österreich und Deutschland leben zwei Drittel der Menschen in Dörfern, in Klein- und in Mittelstädten – also in der Provinz. Österreich und Deutschland sind zu zwei Dritteln Provinz. Provinz ist der Raum der übersichtlichen Lebenseinheiten, der Raum, in dem die Menschen sich kennen. Provinz ist die Verkörperung des Prinzips Heimat. Diejenigen, die sich für das Wort Provinz schämen, sagen lieber Region; meinetwegen. Provinz ist ein gutes Wort und ein guter Platz, um sich heimisch zu fühlen. Er muss es bleiben oder wieder werden.“ (ebd.)

Viele überregionale Medien entdeckten vor der Bundestagswahl 2017 das Thema „Dorf“ und berichteten über die vielschichtigen Probleme wie fehlende öffentliche Verkehrsmittel. / Foto: Soenke Rahn CC BY-SA 4.0

Als Probleme benannte der Süddeutsche Zeitung-Leitartikler unter anderem: „Die Menschen brauchen eine wohnungsnahe Rundumversorgung. Jeder zehnte Einwohner Deutschlands kann Brot und Milch nicht mehr zu Fuß einkaufen, weil der nächste Laden zu weit entfernt ist.“ Prantl fordert: „Öffentliche Verkehrsanbindungen müssen funktionieren, Schulen müssen zu neuen Mittelpunkten des Miteinander- und Voneinander-Lernens umgestaltet werden. Medizinische Betreuung und Pflege müssen neu konzipiert und ausgebaut werden. Der Kampf gegen den Rechtsextremismus ist auch ein Kampf gegen die provinzielle Depression.“ Im Kern müsse die Frage stehen, „wie man junge Menschen zum Bleiben oder, noch besser, zur Rückkehr bewegt“. Die Entvölkerung ländlicher Räume sei „kein Naturgesetz, sondern eine Folge dessen, dass Arbeit und Leben auf dem Land nicht oder zu wenig vereinbart werden können“ (ebd.).

Die Sicht dieser und der vielen anderen realitätsnahen Dorf-Beiträge, so weit überschaubar, referierten im Wesentlichen die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien, wie sie etwa das Thünen-Institut oder auch das private Berlin-Institut in der „Vorwahl-Zeit“ zur Problemlage in den ländlichen Räumen Deutschlands aufgelegt haben (Thünen-Institut 2015, Kröhnert u. a. 2011). Die medialen Berichte erweisen sich damit als eine Art Gelenkstelle nicht nur zwischen dörflichem oder „semi-urbanem“ Alltag und einer eher urbanen Leserschaft, sondern auch als Vermittlungsinstanz zwischen universitärer bzw. wissenschaftlicher Forschung zum ländlichen Raum und der sozialen Realität auf dem Land auf der einen Seite, den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft auf der anderen Seite. Das mentale Stadt-Land-Gefälle jedenfalls, die oben benannte mediale „Fernsicht auf das Dorf“ wich einem problemorientierten Blick auf Krisen, Konflikte und mögliche Lösungsansätze.

Was bedeutet das für die Leitfrage nach „Dörflichkeit“? Der Begriff wird aus dieser Sicht vor allem als eine Frage der Infrastruktur gedeutet, die zu sichern, zu bewahren und auszubauen sei. Dieses Ziel wird nicht als Selbstzweck betrachtet, sondern als stabilisierender Faktor gegen populistische Bewegungen, deren Heimstatt vornehmlich „auf dem Land“ gesehen wird (Neu 2016) – diese Vermutung schwingt in vielen Dorf- und Landreportagen der Jahre 2016/2017 mit. Ob diese These zutrifft, wäre eine eigene Untersuchung wert. Für die hiesige Fragestellung bleibt festzuhalten: Das Dorf wird aus dieser medialen Perspektive vor allem als krisenbedrohter Ort für „Kümmerer“ und „Anpacker“, für Ideen und Initiativen gesehen. Dörflichkeit wäre aus dieser Sicht nicht das Abziehbild oberflächlicher Idyllen und romantischer Visionen, sondern „tatsächliche Heimat“ im oben zitierten Sinne (Boym, zit. n. Bauman 2017:10-11) – sprich: ein Ort der Gegenwart, den es zu gestalten gilt.

Für die Zukunft: Land und Dorf als Chiffre für Utopien

Das Dorf taucht in aktuellen überregionalen Printmedien aber nicht nur als Ort des romantischen Gestern und des realitätsnahen Heute, sondern auch als Chiffre für Zukunft auf: als Gestaltungs- und Projektionsfläche für Utopieentwürfe und visionäre Planungen. Der Architekturkritiker und Redakteur Gerhard Matzig etwa hat im Dezember 2017 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung ausdrücklich „Das Dorf von morgen“ beschrieben – so die Überschrift seines Beitrages (Matzig 2017). Der Text präsentiert einige Ergebnisse eines universitären Ideenwettbewerbs zu neuen Wohnraumangeboten, den die NRW-Bank ausgeschrieben hatte (vgl. NRW-Bank 2017). Den Studierenden war demnach die Aufgabe gestellt worden, „über urbane Lebensräume abseits der eigentlichen Urbanitätsmaschinen, also jenseits der Großstädte in der nordrhein-westfälischen Region nachzudenken“, wie Matzig schreibt. Sie hätten „das Land nicht als abgehängten, nur zum Idyll taugenden Gammelraum der Gestrigkeiten, sondern als neues urban-vitales Lebensgefühl“ präsentiert. Man sei abgewichen von der „üblichen Idee vom Landleben“, das laut Matzig definiert sei als „Typologie des Einfamilienhauses, der Automobilität und der Gewerbehöllen“. Davon hätten sich die Beiträge der Studierenden abgesetzt und eine internet-gestützte Lebensform entworfen, „in der Mobilität beispielsweise keine Frage mehr des Privatauto ist, in der Sharing wesentlich für Nachbarschaften ist – und in der ein heterogenes Wohnen, zugleich Arbeiten, in ganz unterschiedlichen, zeitlich und wohnraumtechnisch flexiblen Lebensentwürfen unter einem Dach möglich wird“ (Matzig 2017).

Vom Dorfleben war allerdings in den studentischen Wettbewerbsbeiträgen nur am Rand die Rede (vgl. NRW-Bank 2017). Das einzige Projekt, dem eine gewisse Dörflichkeit bescheinigt werden könnte, bezog sich auf Altenberge, eine immerhin 10 000 Einwohner zählende Gemeinde im Speckgürtel Münsters. Alle anderen Siedlungs- und Bauprojekte bezogen sich auf veritable Kreisstädte wie Herford, Gütersloh oder Bielefeld.

Anders gesagt: Der SZ-Redakteur Matzig verwendet den Begriff „Dorf“ als Chiffre für eine Zukunftsutopie, weitgehend abgelöst von den tatsächlichen Befunden der studentischen Entwürfen. Und mehr noch: Entgegen dem allgemeinen Sprachgebrauch, der „Dorf“ mit „ländlich“ konnotiert, wird der Begriff hier mit den Adjektiven „urban-vital“ charakterisiert und letztlich umgedeutet.

Diese Sicht trieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf die Spitze, als sie im Herbst 2017 ein Magazin-Sonderheft „FAZ Quarterly“ (FAZQ) mit dem Themenschwerpunkt „Raus aufs Land“ vorlegte. Schon auf dem Titelumschlag findet sich die wagemutige These: „Die Städte werden immer öder. Freiheit, Fortschritt und Lebenslust finden wir nur noch auf den Dörfern. Wo die Zukunft ist!“ Das Kernstück dieses Schwerpunktes, ein Feature mit dem Titel „Raus aufs Land“, spitzt diese Leitthese weiter zu: „Die Städte werden immer öder – Reservate für reiche Rentner und Touristen. Während die Zukunft vor die Stadt gezogen ist, wo mehr Platz ist für Experimente, die Suche nach neuen Formen des Lebens, Arbeitens und Wirtschaftens“ (Maak/Seidl/Wiedemann 2017: 80).

Vorgestellt werden unter anderem High-Tech-Zentren und industrielle Cloud-Speicher der Deutschen Telekom in Biere (Sachsen-Anhalt), ein Flüchtlingsprojekt mit syrischen Flüchtlingen in Gundelsheim (Franken), eine Kommune in Tarnac (Frankreich) sowie das im Jahr 2010 gegründete Öko-Siedlungsprojekt „Gut Tempelhof“ (Baden-Württemberg), das von den FAZQ-Autoren als besonders gelungener Zukunftsentwurf präsentiert wird. Diese Siedlung sei auf einem aufgelassenen Gut als „Mischung aus einer gemeinnützigen Stiftung und einer Genossenschaft“ (ebenda: 93) angelegt worden. Die inzwischen „105 Erwachsenen und 50 Kinder“ betreiben laut FAZQ extensive Landwirtschaft, haben eine Montessori-Schule eine Dorfkantine und ein Café eröffnet, und sie verwenden modernste Technik wie etwa ein Glasfasernetz oder ein Wissenschaftslabor, um ökologische Bauprojekte oder auch neue Möglichkeiten der Energiegewinnung zu entwickeln.

Über das Miteinander, die Kommunikation innerhalb der Tempelhof-Gemeinschaft teilt das FAZQ-Feature wenig mit. Von regelmäßigen Plenumssitzungen ist immerhin die Rede, von einer Satzung, die man sich bei der Gründung gegeben hat, von einem Ideen- und Geldgeber und von einer solidarischen Gemeinschaft, die mittlerweile auch Leute aufnehme, „die es sich nicht leisten können“. Auch das überlappende Nebeneinander von Privatem und Öffentlichem wird angedeutet: „In der Mitte gibt es Gemeinschaftsräume, außen herum Privatbereich. 25 Menschen wohnen im Haus und um das Gebäude herum. Singles, Paare und Alleinerziehende“ (ebd.: 94)

Dieses und die anderen angeführten Projekte feiern die FAZQ-Autoren als „futuristisches Gegenmodell zur Nostalgisierung des Lebens“. Damit sei „das Land“ ein Raum der Freiheit und der Zukunft geworden – sie werde „weniger in den totregulierten, überkontrollierten Städten, sondern im offenen Raum des Landes zu finden sein“ (ebd.). Dieses Urteil überrascht insofern, als die Autoren nur wenige Absätze zuvor dargelegt haben, dass das Siedlungsprojekt Tempelhof sehr wohl seine Regeln und Kontrollen kennt. Doch am Ende landet auch das utopisch ausgemalte Feature wieder bei den Begriffen, die gewissermaßen „alte Bekannte“ aus der Wissenschaftstradition der Dorf-Forschung sind: Gemeinschaft, Zusammenhalt und die Überlappung des privaten und des öffentlichen Bereichs.

Der (meist) verborgene Vermessungspunkt

Nicht allen, aber den meisten der hier genannten Medienbeiträge und Themenschwerpunkte ist eines gemein: Sie vermessen auf je unterschiedliche Weise und in durchaus unterschiedlicher Intensität das Land, tun dies aber fast immer in Bezug zur Stadt. Der urbane Raum und seine kommunikativen Regeln bilden einen trigonometrischen Punkt, von dem aus das Land und die Dörfer vermessen werden. Dieser Vermessungspunkt wird in den einzelnen Texten mal mehr, mal weniger deutlich sichtbar. Gelegentlich grenzen sich die Autoren klar von der Stadt und ihren Regeln ab, so etwa in den zitierten Beiträgen der FAZQ-Sonderheftes – aber selbst dann noch bildet der urbane Raum den Bezugspunkt. Anders gesagt: Das Landleben und die Dörfer werden überwiegend nach den Regeln der Metropolen verstanden, dargestellt und gedeutet.

Zum einen ist das mit den Bedingungen medialer Produktion zu erklären: Die meisten Journalisten, die für überregionale Tages- und Wochenzeitungen oder Rundfunksender tätig sind, arbeiten nun einmal in den Metropolen. Dort lebt auch die Mehrheit ihre Publikums, und, nicht zu vergessen, dort haben auch die meisten Anzeigenkunden ihren Firmensitz.

Zum anderen spielt die Prägung der agierenden Journalistinnen und Journalisten eine – letztlich schwer zu gewichtende – Rolle, also Herkunft und Habitus, Bildung und Besitz, sozialer und politischer Standort. Immerhin ist gut belegt (Steindl et. al. 2017), dass die Mehrheit der derzeit rund 45.000 hauptberuflich tätigen Journalistinnen und Journalisten in Deutschland aus der akademischen Mittelschicht, also aus einem meist urban geprägten Umfeld stammt, dass die meisten von ihnen eine universitäre Laufbahn und damit eine entsprechende Sozialisation absolviert haben und auch, dass sie selbst sich politisch im Gesamtdurchschnitt als „eher links von der Mitte“ (ebenda : 414) einordnen.

Diese – hier stark generalisierte ­– Einstellung der Journalisten unterscheidet sich mehr oder weniger deutlich von den Mentalitäten der ländlich-dörflichen Bevölkerung.Die Differenzen dürften einer „romantischen“ oder „utopischen“ Medien-Sicht auf Dorf und Land nicht im Weg stehen – umso mehr indes, wenn es gilt, den „tatsächlichen“ dörflichen bzw. ländlichen Kosmos aus seinen jeweils eigenen Regeln heraus zu erkunden und medial zu beschreiben. Ob eine solche journalistische Beschreibung der „tatsächlichen Heimat“ und seiner sozialen und wirtschaftlichen Problemlagen von den Medienkonsumenten stets erwünscht wird, erscheint allerdings fraglich. Auch das belegt die nach wie vor hohe Nachfrage und der Erfolg der Hochglanz-Landmagazine und -sendungen.

 

Literatur: