#nr19 | Handwerk

„Neu ist nicht automatisch besser“ (15. August 2019)

Wissenschaftsjournalistin Nicola Kuhrt über redaktionelle Fehler, Gründe dafür und Wege, sie zu vermeiden.

 

Selbst renommierten Redaktionen unterlaufen immer wieder Fehler, wenn sie über Studienergebnisse berichten. Wie kann das sein?
Kuhrt: Fehler passieren. Oft ist es aber ein Zeitproblem. Wenn man etwa bei einer Tageszeitung arbeitet, die gerade die Hälfte der Belegschaft entlassen hat und der Redaktionsschluss naht, ist nicht immer genug Zeit, noch alle Rückfragen zu einer Studie zu stellen. Was auch immer wieder passiert: Es wird mehr oder minder unkommentiert eine Pressemitteilung übernommen.

Die Enthüllungen zu #FakeScience haben gezeigt, dass nicht jeder vermeintlich wissenschaftlichen Publikation zu trauen ist. Welche Rolle spielt Wissenschafts-PR?
In Deutschland gibt es eine starke Lobby, die zum Beispiel für Medizinprodukte oder Arzneimittel wirbt. Nicht immer ist schnell erkennbar, wenn mit einer Studie oder dem Magazin, in dem sie erscheint, etwas nicht stimmt. Man muss wachsam sein und – wie bei anderen Themen auch – kritisch drauf gucken.

Muss ich Medizin oder Biologie studiert haben, um fundiert über wissenschaftliche Erkenntnisse im Bereich Gesundheit berichten zu können?
Bei vielen Themen ist entsprechendes Fachwissen von Vorteil. Grundsätzlich muss man das Fach aber nicht studiert haben, denke ich. Man sollte dann nur besonders sorgfältig an die Recherche herangehen, mit verschiedenen Fachleuten sprechen und sich immer die Qualität und Aussagekraft der Studie angucken. Da gibt es ein paar einfache Kriterien, die man prüfen kann, ohne die Studie bis ins letzte Detail zu verstehen.

Und die wären?
Zuerst kann man schauen, ob die Studie in einem renommierten Journal wie Nature, Cell oder Science erschienen ist. Hier wird jede Publikation vor Veröffentlichung von Kollegen des gleichen Faches kritisch angesehen. Dann kann man prüfen: Um welche Art Studie handelt es sich? Um eine randomisierte kontrollierte Studie mit vielen Teilnehmern oder um eine kleine erste Untersuchung, die in der Petrischale durchgeführt wurde? Auch sollte man auf die Interessen der beteiligten Forscher achten: Seriöse Wissenschaftler geben in ihrer Veröffentlichung an, ob finanzielle Abhängigkeiten bestehen. Bei vielen Fragen zu Studien oder Ereignissen mit wissenschaftlichem Bezug kann man sich als Journalist auch an das Science Media Center wenden.

Wann müssen die Alarmglocken schrillen?
Bei Interessenskonflikten. Zum Beispiel wenn ein Wissenschaftler ein neues Medikament als Wunder bejubelt, selbst aber an dem Start-up beteiligt ist, das dieses Mittel vermarkten will. Generell kann man sagen: Wenn mittels einer Studie eine Sensation oder ein Durchbruch behauptet wird, sollte man immer fünf Mal nachrecherchieren. Und: Wenn mittels einer Studie behauptet wird, ein neuer Wirkstoff sei das ultimative Mittel für eine bestimmte Patientengruppe, stimmt dies oft nicht: Neu ist nicht automatisch besser.

Das Interview führte Leonie Wunderlich

#nr19 | Handwerk | Qualität | Recherche

Keine Ahnung von X (15. August 2019)

"Medicine" by Anskit is licensed under CC BY-SA 2.0

In vielen Redaktionen mangelt es am grundlegenden ­Verständnis für den Umgang mit Forschungsergebnissen. Eine einfache Checklist schafft Abhilfe

von Leonie Wunderlich

Ob ein sensationeller Krebstest am Universitätsklinikum Heidelberg, die vermeintlich wissenschaftliche Expertise von Lungenärzten in der Stickstoffdioxid-Debatte oder die Fehlinterpretation der „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung: Immer wieder übernehmen Journalisten vorschnell Studienergebnisse oder machen bei der Einordnung und Interpretation wissenschaftlicher Erkenntnisse grobe Fehler. „In den aktuell berichtenden Medien, aber auch in vielen politischen und wirtschaftlichen Redaktionen gibt es ein echtes Qualitätsproblem“, stellt Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus an der Technischen Universität Dortmund, fest. Bei vielen Nachrichtenmedien, auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern sei es gang und gäbe, dass völlig unkritisch Studien übernommen oder zitiert würden.

Blinde Expertengläubigkeit

Ein Grund dafür: Zeitdruck. „Wir haben eine wachsende Konkurrenz um Klicks und Quoten bei gleichzeitig tendenziell sinkendem Personal“, sagt Wormer. Das erschwere eine tiefgründigere Recherche. Hinzu komme, dass viele Journalisten bei dem Wort „Studie“ eine blinde oder zu große Expertengläubigkeit hätten. „Ich muss kein investigativer Journalist sein, um zu merken, dass ich über die eine oder andere Studie nicht berichten bzw. erstmal tiefgründiger recherchieren sollte.“

Seit 2010 leitet Wormer das Projekt „Medien-Doktor“, das die Qualität von Wissenschaftsjournalismus nach festen Kriterien bewertet. Eine Erkenntnis daraus: „Vielen Journalisten fehlt ein grundlegendes wissenschaftliches Verständnis.“ Für Nicola Kuhrt, Wissenschaftsjournalistin und Mitgründerin des Medizin-Watchblogs MedWatch, gehört es zum journalistischen Handwerkszeug, Studien kritisch zu hinterfragen. Dafür müsse man auch nicht Naturwissenschaften studiert haben oder Mediziner sein (s. Interview mit Nicola Kuhrt/MedWatch).

Ab in den Redaktions-Papierkorb

Wormer, der auf der Konferenz im Panel „Studien ohne Sinn“ über #FakeScience diskutierte, pflichtet ihr bei: „Man kann einen Großteil der Studien mit einer einfachen Checkliste aussortieren.“ Etwa beim Blick auf den Auftraggeber. „Eine Studie eines Marktforschungsinstitutes oder einer Unternehmensberatung ist im wissenschaftlichen Sinne per se erstmal nicht als Studie zu betrachten“, sagt Wormer. Ein weiteres Kriterium sei die Methode, mit der die Forschungsfrage beantwortet werden sollte. „Eine Studie, bei der die angewandte Methodik nicht transparent gemacht wird, gehört in den Redaktions-Papierkorb“, rät Wormer. Wenn nicht nachvollziehbar sei, wie jemand zu einem bestimmten Ergebnis gekommen ist, müsse man annehmen, dass die Studie unseriös sei. Zuletzt sollte man prüfen, ob mit den erhobenen Daten wirklich so weitreichende Schlussfolgerungen gezogen werden können. Bei bestehender Unsicherheit sollten andere Studien oder die Einschätzung von Experten aus dem betreffenden Fach hinzugezogen werden.

Checkliste für einen besseren Umgang mit (wissenschaftlichen) Studien

  • Wer ist der Auftraggeber der Studie? Deuten die Ergebnisse darauf hin, dass hier im Sinne des Auftraggebers „geforscht“ wurde?
  • Wird die Methodik der Studie transparent gemacht? Ist die Methode geeignet, um die Frage zu beantworten? (Ggf. Experten fragen!)
  • Ist die Stichprobenwahl sinnvoll? Wie groß ist die Grundgesamtheit?
  • Ist die Fragestellung sinnvoll /überhaupt zu beantworten?
  • Klingt das Ergebnis der Studie zumindest annähernd vernünftig und nachvollziehbar?
  • Behauptung von Trends: Gab es genügend Vergleichszeitpunkte?
  • Gibt es andere Studien zum Thema? Falls ja: Sind deren Ergebnisse einheitlich oder widersprüchlich?

Quellen: Dohmen, C.: Wissenschaft verstehen und journalistisch nutzen. Netzwerk Weitblick. | Wormer, H. und Karberg, S.: Wissen: Basiswissen für die Medienpraxis. Herbert von Halem Verlag.

#nr18 | Handwerk | Video

Ein Werkzeugkasten für freie Journalisten (24. Januar 2019)

Der Handwerker benötigt Schraubenschlüssel, Hammer und Zange, um seine Arbeit machen zu können. Auch das journalistische Handwerk braucht gutes Equipment. Wir werfen einen Blick in den Werkzeugkasten freier Journalisten.

von Laura Rihm

Teil 1: Die juristische Schraubzwinge

Journalisten haben einen Auskunftsanspruch gegenüber allen staatlichen Behörden von Bund, Land und Kommune. Trotzdem haben es freie Journalisten ohne große Redaktion im Rücken manchmal schwerer, an Informationen zu gelangen, weil sie mitunter nicht ernst genommen werden und nicht den gleichen Druck wie eine Medienorganisation aufbauen können. Dennoch gilt: „Freie Journalisten haben genau den gleichen Auskunftsanspruch wie festangestellte Journalisten“, betont Medienrechtler Udo Branahl. Allerdings sei dieser Auskunftsanspruch kein „Jedermannsrecht“. Daher seien speziell freie Journalisten in der Pflicht nachzuweisen, dass sie tatsächlich journalistisch tätig sind. Dieser Pflicht könnten sie mit einem Presseausweis oder einem Legitimationsschreiben einer Redaktion nachkommen. In welcher Form die Informationen übermittelt werden, ist Sache der Behörde. Die Anfragen müssen laut Branahl zwar sachgerecht beantwortet werden, Journalisten können aber kein Interview oder einen O-Ton des Behördenleiters verlangen.

Manchmal könnten Behörden auch Auskünfte verweigern, beispielweise wenn durch sie ein öffentliches oder schutzwürdiges privates Interesse oder Geheimhaltungsvorschriften verletzt würden. Bevor man sich als Journalist aber mit einem solchen Hinweis abspeisen lässt, rät Branahl zu prüfen, ob das Auskunftsrecht nicht doch mit einem höherrangigen Informationsinteresse der Öffentlichkeit zu begründen ist. Weiter könne es im Falle einer Auskunftsverweigerung hilfreich sein, Kontakt zur zuständigen Aufsichtsbehörde aufzunehmen, rät der Medienrechtler.

Kein Auskunftsanspruch besteht hingegen gegenüber Vereinen, Verbänden oder privaten Unternehmen. Doch auch hier gäbe es einen Kniff, erklärt Branahl. Hat der Staat ein solches Unternehmen oder einen Verein mit öffentlichen Aufgaben betreut, so greife erneut die Auskunftspflicht. Branahl nennt ein Beispiel: Ein Schwimmbad ist in der Hand eines Vereins, was vertraglich mit der Gemeinde festgehalten ist. In diesem Fall könne der Verein Stillschweigen bewahren, die Kommune jedoch müsse eine Auskunft erteilen.

Ein weiteres wichtiges Hilfsmittel für Journalisten sei das Informationsfreiheitsgesetz, so Branahl. Dieses Gesetz gelte allerdings lediglich für die Exekutive sprich für Bundes- und teilweise auch Landesbehörden (hilfreich dabei: fragdenstaat.de), nicht jedoch für die Judikative. Einsicht in Gerichtsakten seien demnach für das journalistische Auge tabu. Die Akteneinsicht bei Bundes- und Landesbehörden vor Ort sowie Aktenkopien von bis zu 20 DIN-A-4 Seiten seien kostenlos. Fallen größere Kopien an, so hat die betreffende Behörde die Möglichkeit, die Kosten in Rechnung zu stellen. „Hier können bei großen Aktenmengen bis zu 2000 Euro anfallen“, warnt Branahl. Für freie Journalisten, die auf eigene Rechnung arbeiten, ein Ding des Unmöglichen?

Um hohe Kosten zu vermeiden, rät Branahl, sich nochmals auf den eigentlichen Recherchefokus zu konzentrieren und bisherige Fragen auf das Wesentliche zu reduzieren und in Teilfragen zu untergliedern. „Außerdem kann man sich immer vorab die Kosten der Informationsbeschaffung berechnen lassen“, sagt Branahl.

 

Teil 2: Der thematische Hammer

Werde der Experte auf deinem Berichtsgebiet! Beim Beat-Reporting, wie es im angelsächsischen Journalismus heißt, geht es darum, sich einen speziellen Themenbereich für die eigene Berichterstattung zu erschließen. Buzzfeed News Deutschland hat solche ausgewiesenen Schwerpunktreporter und -reporterinnen. Pascale Müller ist zum Beispiel Reporterin für Sexualisierte Gewalt, Juliane Löffler für alle Themen rund um LGBT* und Feminismus. „Buzzfeed News war meine erste richtige Anstellung“, berichtet Müller. Noch in ihrer Zeit als freie Multimedia-Journalistin habe sie begonnen, zu sexueller Gewalt und Ausbeutung von Erntehelferinnen in der Landwirtschaft zu recherchieren.  Für ihren Artikel „Vergewaltigt auf Europas Feldern“ ist sie mit dem Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus ausgezeichnet worden.

Um Aufmerksamkeit für ein solches Spezialthema zu schaffen, gehöre es dazu, sich selbst als Reporter für genau dieses Thema bekannt zu machen, so Müller. Das funktioniere, indem man nicht nur über das Thema selbst schreibe, sondern auch über die eigene Vorgehensweise, Hintergründe und Quellen der Recherche berichte, beispielweise über Twitter. Als Journalist also zum Selbstdarsteller werden?

„Selbstdarstellung ist so ein unschönes Wort“, kommentiert Juliane Löffler, „wenn man nicht nur für eine Marke, die häufig wesentlich anonymer ist, arbeitet, sondern auch als Reporter für dieses Thema bekannt wird, dann steigt die Chance, dass Quellen aktiv an einen herantreten und die Leserschaft das Thema besser wahrnimmt“. Wichtig sei hierbei die Nutzung von Social Media, da diese als Multiplikatoren bei der Verbreitung der Themen fungierten. „Wir ziehen Informationen zu unseren Themen aus Social Media und spielen sie anschließend wieder zurück, zum Beispiel in bestimmte Facebook-Gruppen von Betroffenen“, erklärt Löffler. Weiter rät sie, sich innerhalb des eigenen Themengebiets Schwerpunkte zu setzen, das erleichtere die Arbeit.

Gerade für freie Journalisten empfehle es sich, öfter mal größere Geschichten zu machen, ergänzt Müller. Lange und aufwendige Recherchen könnten viele Redaktionen im Alltag nicht bestreiten, weil ihnen häufig das dafür zuständige Investigativ-Ressort fehle. „Das sind dann Lücken, in die freie Mitarbeiter stoßen können“, resümiert die Buzzfeed-Reporterin aus eigener Erfahrung. „Meiner Meinung nach kann man seine journalistischen Fähigkeiten besonders gut in Reportagen und längeren Recherchen zeigen und kommt damit in einigen Redaktionen besser an als mit vielen kleinen Geschichten“, sagt Müller. Bleibt noch die Frage, wie man sich eine ausführliche Recherche als freier Journalist überhaupt finanziert.

„Klar, oft reicht es natürlich nicht aus, um damit eine dreiköpfige Familie zu ernähren, eigentlich noch nicht mal eine zweiköpfige“, erzählt Müller. Sie hat sich ihre Recherchen über Stipendien und Stiftungsgelder finanziert und zum Teil auch selbst Geld investiert. Ein regelmäßiges Gehalt sicherte sie sich mit Redaktions- und Nachrichtenschichten bei Tageszeitungen und Onlineredaktionen. „Trotzdem würde ich nichts anders machen.“

 

Teil 3: Das Schweizer Taschenmesser

Reporterin Verena Hölzl lebt seit 2015 in Myanmar und berichtet von dort als freie Korrespondentin über die Entwicklungen des Landes. Ihre Reportagen verkauft sie zum Beispiel der Deutschen Welle, Spiegel Online und der Deutsche Presse Agentur. Hölzl kommt ursprünglich aus Bayern und hat zuvor bei verschiedenen deutschen Zeitungen gearbeitet, solange bis ihr Wunsch, über die fortschreitenden demokratischen Entwicklungen in Myanmar zu berichten, überwog: „Ich bin dann einfach los“, sagt Hölzl, „und als ich erst einmal vor Ort war, lief es auch gut“. Als freie Reporterin im Ausland sei es wichtig, Geduld mitzubringen und leidensfähig zu sein, denn vor Ort sei man komplett auf sich alleine gestellt, vieles laufe nicht so effektiv wie in Deutschland und keine Redaktion fühle sich für einen zuständig.

Im Ausland seien Recherchen zudem sehr viel teurer als in Deutschland: „Du brauchst einen Fahrer, ein Visum, einen Übersetzer. Das sind Situationen, die deutsche Redakteure und Redaktionen so nicht kennen und die man ihnen erst einmal verklickern muss“, so die Auslandskorrespondentin. Bis die nötige Überzeugungsarbeit geleistet sei, müsse sie daher oft finanziell in Vorleistung treten. Doch Hölzl betrachtet das als Investition in ihre Karriere. Auch wenn der Weg als freie Korrespondentin im Ausland nicht leicht sei, würde sie ihre Entscheidung jederzeit wieder treffen: „Ich habe nie das Gefühl, dass ich auf diesen Job keine Lust mehr habe. Er ist aufregend und macht glücklich.“ Doch wie kommt man in einem fremden Land, dessen Sprache man nicht spricht, überhaupt zu Geschichten, die sich an deutsche Redaktionen verkaufen lassen? Oft sei es hilfreich, sich an der deutschen Medien-Agenda zu orientieren, so Hölzl, und die Themen dann auf eine Meta-Ebene zu heben. Aus einer Geschichte ergebe sich dann oft schon die Nächste. „Mein Themenradar ist rund um die Uhr aktiviert. Manchmal ist das ziemlich anstrengend, weil man auch am Samstagabend um 22 Uhr im Arbeitsmodus ist“, berichtet Hölzl. Doch das Modell des freien Auslandjournalisten könne man nur einheitlich leben.

Als freie Reporterin im Ausland müsse man sich außerdem als ein kleines Unternehmen bergreifen: „Das ist schon ein Job, bei dem man sehr viel Geschäftssinn mitbringen muss, sonst wird man erdrückt oder beutet sich selber aus. Und auch wenn man sich diesen Geschäftssinn irgendwann angeeignet hat, ist es immer noch schwer genug, seine Forderungen durchzusetzen“, so Hölzl. Um ihre Geschichten zu verkaufen, bietet sie sie mehreren Redaktionen gleichzeitig an. „Irgendjemand sagt dann meistens Ja“, sagt sie mit einem Schmunzeln. Den Wert der eigenen journalistischen Arbeit schätzen und vor allem verkaufen zu lernen, ist eine Fähigkeit, die sich freie Journalisten antrainieren sollten. Und sie sollten auch noch etwas anderes mitbringen…

 

Teil 4: Die zeitliche Feile

„Gerade der Freiberufler muss auf vielen Hochzeiten gleichzeitig tanzen“, sagt der Freelancer Henry Steinhau, „deshalb müssten freie Journalisten ein gutes Zeitmanagement haben“. Zu viele verließen sich hierbei auf ihr Bauchgefühl und das könne täuschen. Steinhau arbeitet selbst als freier Journalist in Berlin und ist Mitglied beim Berufsverband Freischreiber. Im Austausch mit anderen freien Journalisten erfährt er, dass sie häufig Zeit für Aufgaben aufbringen, in die eigentlich nicht so viel Zeit fließen dürfe. Genauso sei es, wenn man sich in Themen verliebe, deren Berichterstattung nur schlecht honoriert werde. „Man muss sich oft selbst reflektieren und überprüfen, ob das, was man macht auch wirtschaftlich vernünftig ist“, rät Steinhau.

Die Freischreiber haben daher in Kooperation mit zwei Programmierern Ende 2017 eine Online-Datenbank eingerichtet, in der Journalisten ihre Gehälter und Honorare sowohl anonym eintragen als auch recherchieren können. Zwar seien die Daten nicht repräsentativ für die deutsche Medienlandschaft, könnten jedoch ein Anhaltspunkt für zukünftige Gehaltsverhandlungen sein, heißt es auf der Webseite www.wasjournalistenverdienen.de.

Ist die Höhe des Honorars dann bekannt, sei es wichtig, dieses mit dem Zeitaufwand gegenzurechnen und sich die Arbeitszeiten für jedes Projekt exakt zu notieren. Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in verdi schlägt eine „Arbeitszeit-App“ vor, die Journalisten helfen soll, ihre Arbeitszeit zu dokumentieren. Auch Steinhau setzt auf digitale Tools, die sich durch eine Cloud mit dem Handy, dem Tablet oder dem PC synchronisieren und so jederzeit abrufbar sind. Als Beispiele nennt er „Tyme 2“ und „Timer“. Diese Programme ermöglichten es, eigene Projekte, Aufgaben und Kategorien zu definieren und die dafür angewandte Zeit minutengenau aufzuzeichnen, zu editieren und sich anschließend als Bilanz ausgeben zu lassen. Wer seine aufgebrachte Zeit in einem Balken- oder Kreisdiagramm sieht, so Steinhau, entwickle ein besseres Gefühl dafür, welche Arbeitsaufträge sich tatsächlich lohnen. Außerdem wird ersichtlich, inwiefern die tatsächliche Arbeitszeit die gesetzliche festgelegte Arbeitszeit für Redakteure von 36,5 Stunden pro Woche, überschreitet.

Frank Keil ist ebenfalls Mitglied der Freischreiber und als freier Kulturjournalist in Hamburg tätig. Er macht sich für einen offenen Dialog unter freien Journalisten stark, um so bessere Arbeitsbedingungen für alle zu erwirken. „Der Austausch innerhalb des Berufsverbandes ist wichtig, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Tagessätze in welcher Branche angemessen sind. Ein Fotograf hat zum Beispiel einen höheren Tagessatz als Schreiberlinge“, so Keil. Man dürfe als freier Journalist nicht in dem romantischen Gedanken versinken, nur des Schreibens Willen zu schreiben, fügt Henry Steinhau hinzu. Vielmehr müsse man sich als Mini-Unternehmen verstehen. Ein effektives Selbstmanagement sei hierfür ein wichtiger Bestandteil.

 

Handwerk | Interview

Komfort versus Konfrontation (21. Mai 2015)

Ob im Interview, der Talkshow oder in der Recherche: Fragen sind das wichtigste Handwerkszeug des Journalisten. Aber welche sind wann die richtigen? Die Lösung liegt in der Perspektive des Gegenübers.

Von Johannes Prokopetz

Wer? Wie? Was? Wieso, weshalb und warum stellen wir eigentlich Fragen, wie wir sie stellen? Foto: Véronique Debord-Lazaro (CC-BY-SA)

Immer die richtige Frage zum richtigen Zeitpunkt – das wär’s. Nur ist dieselbe Frage an dem einen Punkt des Gesprächs hilfreich, an dem anderen ein Stopper. Herauszufinden ist, warum? Und: Wonach lassen sich Fragen so unterscheiden, dass sie in einem Gespräch oder Interview strategisch an den Stellen platziert werden können, an denen sie besonders wirksam sind?

Der in jeder Journalisten-Ausbildung als elementar gelehrte Gegensatz zwischen „offenen“ und „geschlossenen“ Fragen führt interessanterweise nicht weiter. Auch W-Fragen („offene“) können entgegen der reinen Lehre auf Festlegungen zielen („Wie viele Leute waren dort?“, „Welchen Antrag haben Sie unterstützt?“). Und „geschlossene“ Fragen haben oft die Funktion, nicht nur einsilbige Antworten zu provozieren, sondern nach einem ersten „ja“ oder „nein“ ohne weiteren Anstoß zum Erzählen oder Weiter-Erzählen zu animieren. Offenbar ist die Konzentration auf das Formale, auf „Fragepronomen oder nicht“ keine Systematik, die Orientierung für die Praxis bieten könnte [1].

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