Handwerk

„Was zum Teufel machst du hier?“ – Für einen besseren Umgang von Journalisten mit traumatisierten Menschen (9. Dezember 2019)

Nicht nur Kriegsreporter haben es mit traumatisierten Gesprächspartnern zu tun. Opfer von Flucht und Vertreibung, von Anschlägen und Amokläufen, von körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt, von Unfällen oder Naturkatastrophen gibt es auch im deutschen Alltag. Manchmal reicht schon ein unbedachtes Wort, um traumatische Erinnerungen und den damit verbundenen Schmerz zu reaktivieren. Hier sind sechs einfache Tipps, mit denen alle Journalistinnen und Journalisten im Reportereinsatz traumatisierte Menschen (vor allem Kinder) interviewen können, ohne dabei größeren Schaden anzurichten.

von Malte Werner*

Achtundzwanzig Mitglieder hatte Ibrahims Familie, als im Sommer 2014 der Tod in ihr kleines Dorf im Herzen Sierra Leones kam. Das Ebola-Virus nahm dem damals 9-Jährigen nach und nach Großeltern, Eltern, Brüder, Schwestern, Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins. Heute sind sie noch zu viert.

Ich habe Ibrahim ein paar Jahre danach getroffen. Für eine Reportage über Trauma und Resilienz besuchte ich sein Dorf und sprach mit dem mittlerweile Zwölfjährigen und seiner Tante. Oder besser: Ich versuchte, mit ihnen zu sprechen. Warum das gründlich schiefgegangen ist, habe ich erst später durch die Psychologin Katherine Porterfield vom „Program for Survivors of Torture“ an der New York University verstanden. Ihre Tipps zum journalistischen Umgang mit traumatisierten Menschen, speziell Kindern, hätten mir Scham- und Schuldgefühle erspart. Was sie Ibrahim erspart hätten, kann ich nur erahnen.

Wie interviewt man als Reporter ein traumatisiertes Kind wie dieses Mädchen, das seine Familie durch Ebola verloren hat? Der Autor hätte sich für seine Recherchereise nach Sierra Leone Tipps wie die von Katherine Porterfield gewünscht.

Ibrahim war (und ist vermutlich bis heute) schwer traumatisiert. Dessen war ich mir auch damals schon bewusst und hatte mir deshalb vor dem Treffen überlegt, welche Fragen ich stellen kann, ohne die seelischen Wunden des Jungen erneut aufzureißen. „Wie war das so für dich?“ und „Vermisst du deine Eltern?“ gehörten schon mal nicht dazu. Außerdem sollte sich der Junge möglichst sicher und geborgen fühlen, weshalb wir uns für das Gespräch in seinem Elternhaus trafen. Seine Tante war bei ihm.

Dennoch wurde schnell klar: Keiner der Beteiligten fühlte sich wohl. Ibrahim nicht, weil Kinder in der Gegenwart von Fremden ganz einfach eine gewisse Scheu an den Tag legen und dieser fremde (weiße) Mann auch noch nach Dingen fragte, die Ibrahim vermutlich am liebsten vergessen würde. Ich fühlte mich genauso unwohl, weil ich zwar verstehen wollte, was ein solcher Verlust für ein Kind bedeutet. Gleichzeitig aber wirkte das Wühlen in den Erinnerungen und Emotionen des Kindes unangebracht. Und so fragte ich mich noch während des Treffens: „Was zum Teufel machst du hier?“ Braucht Ibrahim, dessen Leben auch so schon schwer genug war, jemanden, der ihn daran erinnert?

Ibrahim antwortete dennoch höflich auf alle meine Fragen. Meist mit Ein-Wort-Sätzen. Oft nur mit ja oder nein. Ich bohrte nicht nach. Stattdessen liefen wir irgendwann nebeneinander über den staubigen Bolzplatz des Dorfes und sprachen über Fußball und Ibrahims Traum, Lehrer zu werden. Dabei lächelte er sogar kurz.

Wie gut, dass der gesunde Menschenverstand hier stärker war als meine journalistische Neugierde. Denn auch ohne irgendetwas von Psychologie zu verstehen, war mir bewusst, dass ich Ibrahim mehr schaden konnte als er mir helfen.

Wie sehr das zutrifft, wie gefährlich unsere Arbeit für unsere Protagonisten sein kann, erfuhr ich im September in New York. Das Dart Center for Journalism and Trauma an der Columbia University veranstaltete einen Workshop zum Thema „Reporting on Refugees and Migration Through the Eyes of Young Children“ und hatte dazu unter anderem Psychologin Porterfield eingeladen.

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„Erinnern ist das gleiche wie Angsthaben“, sagt die Psychologin Katherine Porterfield.

„Wenn man ein Kind bittet, sich an etwas Schlimmes zu erinnern, kann das bei ihm eine Angstreaktion auslösen“, sagte sie dort und erklärte die Ursache mit der Funktionsweise des menschlichen Gehirns: „Erinnern ist das gleiche wie Angsthaben.“

Damit Journalisten nicht durch unbedarfte Fragen eine solche Situation hervorrufen, hat Porterfield einen Interview-Ratgeber entwickelt, der in sieben Schritten erklärt, wie man relevante Aussagen von einem traumatisierten Kind erhalten kann, ohne dessen psychische Gesundheit zu gefährden – und die eigene. „Bei Interviews mit traumatisierten Kindern besteht immer die Gefahr, bei ihnen etwas zu triggern und selbst von den Schicksalen überwältigt zu werden“, warnte Porterfield die rund 30 Teilnehmer des Workshops.

Um die Kinder zu schützen, riet sie deshalb zum Einsatz von zentralen Therapie-Techniken, die auch für Psychologie-Laien problemlos anwendbar sind. Die im Folgenden aufgezählten Techniken und Interview-Tipps sind eine Zusammenfassung von Porterfields Vortrag:

Technik 1: Um Erlaubnis bitten

Dabei geht es nicht um die (ebenfalls wichtige) rechtliche Absicherung, sondern darum, dem Kind nicht das Gefühl zu geben, es werde über seinen Kopf hinweg entschieden. Trauma-Opfer haben Zustände absoluter Hilflosigkeit erlebt. Deshalb sollten sie das Gefühl (und das Recht) haben, selbst entscheiden zu können. Das gilt nicht nur für den Einstieg ins Gespräch, sondern für jede thematische Wendung.

Achtung! Bei Personen, die verhört und gefoltert wurden, können Fragen Angstreaktionen triggern.

Beispiel: „Ist es in Ordnung, wenn wir über die Zeit im Flüchtlingslager sprechen? […] Darf ich dich etwas über deine Familie fragen?“

 

Technik 2: Erinnerungen auslagern (Displacement)

Kinder reagieren in der Regel nicht auf direkte Fragen nach ihrer Gefühlslage („Warum bist du so wütend?“ „Weiß nicht.“). Auch sollte man im Interview, um Angstreaktionen zu vermeiden, Kinder nicht direkt mit ihren traumatischen Erlebnissen konfrontieren. Deshalb fragt man sie nicht nach ihren eigenen Erfahrungen, sondern abstrahiert das Erlebte auf ein „anderes“ Kind („Es gibt hier viele wütende Kinder. Ich frage mich, was sie so wütend macht?“). Die Kinder übertragen dann ihre eigenen Erfahrungen in ihrer Erzählung auf „die anderen“, ohne es zu merken. Das Problem für Journalisten (vor allem wenn sie O-Töne aufzeichnen), dass sich so keine Zitate aus der Ich-Perspektive des Kindes ergeben, ist eher handwerklicher, weniger faktischer Natur.

Achtung! Wenn die abstrahierten Aussagen des Kindes mit seinem persönlichen Schicksal verknüpft werden („Ist das der gleiche Grund, warum du wütend bist?“), kann das eine Angstreaktion auslösen.

Beispiel:

    • „Was müssen Kinder machen, wenn Bomben fallen?“
    • „Unter dem Bett verstecken.“
    • „Was passiert, wenn sie sich verstecken und die Explosionen hören? Macht ihnen das Angst?“

Diese Techniken helfen laut Porterfield dabei, Interviews mit traumatisierten Kindern zu führen, ohne sie in eine unangenehme Lage zu versetzen oder eine Angstreaktion auszulösen. Für den Ablauf eines solchen Gesprächs schlägt die Psychologin sieben Schritte vor und erklärt, wie diese im Einzelnen dem Reporter und dem traumatisierten Kind helfen.

Schritt 1: Zustimmung einholen

Einen Erziehungsberechtigten (oder das, was dem in der jeweiligen Situation am nächsten kommt) um Erlaubnis zu bitten, das Kind zu interviewen, ist eine rechtliche Absicherung für den Reporter. Es ermöglicht außerdem, Vertrauen aufzubauen, indem man offen darüber spricht, was man da eigentlich macht und wofür man das Interview verwendet (z. B. für einen Artikel).

Wenn das Kind zu Beginn des Interviews erfährt, dass man um Erlaubnis gefragt hat, und es in die Entscheidung einbezieht, gibt man ihm nicht das Gefühl, übergangen zu werden, und verursacht nicht erneut ein Gefühl von Hilflosigkeit (s. Technik 1).

Beispiel: „Ich habe deine Tante gefragt, ob es okay ist, dass wir zwei uns unterhalten. Was meinst du? Wäre das in Ordnung?“

Schritt 2: Ablauf erklären

Um die für ein Trauma-sensitives Interview nötige Zeit für eine behutsame Einführung ins Thema und einen (auch mentalen) Abschluss einzuhalten, hilft es, den Ablauf des Gesprächs vorab grob zu planen (z. B.: 5 Minuten für die Vorstellung, 20 Minuten für das Interview, 5 Minuten für den Abschluss) und mit dem Kind abzusprechen. Dem Kind hilft es, selbst wenn es noch keine genaue Vorstellung von Zeit hat, sich ein Bild davon zu machen, was gleich passieren wird, und gibt ihm vor dem Hintergrund von Angsterfahrungen und erlebter Hilflosigkeit eine gewisse Sicherheit (s. Technik 1).

Beispiel: „Ich würde gerne mit dir über das sprechen, was in deinem Land passiert ist. Ich dachte an 30 Minuten, die wir hier zusammensitzen. Wäre das in Ordnung für dich?“

Schritt 3: Verbindung aufbauen/Vertrauen gewinnen

Sofort mit den Fragen nach den traumatischen Erfahrungen einzusteigen, ist natürlich nicht ratsam. Um die für das Kind ungewohnte (und vielleicht unangenehme) Situation aufzulockern, hilft es, zunächst mit unverfänglichen Themen einzusteigen (z. B. Schule, Hobbys). Außerdem sollte man sich auf Augenhöhe mit dem Kind unterhalten, also entweder auf Knien oder im Sitzen. Um Vertrauen aufzubauen: auf einer mitgebrachten Karte zeigen, aus welchem Land man selber stammt; die Kinder einen Blick ins eigene Notizbuch oder auf die Kamera werfen lassen; ihnen die Chance geben, sich selbst einzubringen. So haben sie nicht das Gefühl, zum Objekt degradiert zu werden wie es in der Situation gewesen ist, die ihr Trauma ausgelöst hat. Dem Reporter helfen diese ersten Minuten auch dabei zu erkennen (zumindest mit etwas Erfahrung), wie sich das Kind verhält und ob es überhaupt in der Lage ist, dieses Gespräch zu führen.

Beispiele: „Schreibst du mir deinen Namen in den Notizblock?“
„Was, findest du, sollte ich noch über dich wissen? Wenn ich deine Geschichte aufschreibe? Was sollen die Leute über dich erfahren?“

Schritt 4: Thema einführen

Für den Reporter kommt nun der entscheidende Part des Interviews. Deshalb sollte man sich vorher überlegen, zu welchem Thema man unbedingt die Aussage des Kindes braucht, und darauf hinarbeiten. Dem Kind gegenüber sollte man das Thema klar kommunizieren. Es muss aber keine „steife“ Interviewsituation sein – Malen oder Spielen können auch starke Ausdrucksformen sein.

Beispiel: „Ich würde jetzt gerne mit die über deine Heimat sprechen und den Krieg dort. Ist das in Ordnung?“

Wenn das Thema im direkten Bezug zur Ursache der Traumatisierung steht, kann Displacement (Technik 2) angewendet werden.

Beispiel: „Einige Kinder hier sprechen über den Krieg. So können wir Erwachsene auch verstehen, wie sich Kinder im Krieg fühlen. Was, meinst du, sagen die Kinder über den Krieg?“

Es ist auch möglich, das Kind zu aktivieren, indem man es sehr direkt um Mithilfe bittet, seine schrecklichen Erfahrungen für einen positiven Zweck zu nutzen (sog. Mastery).

Beispiel: „Ich möchte Kindern in meiner Heimat beibringen, was sie tun müssen, wenn etwas Schreckliches passiert. Ich weiß, dass hier schreckliche Dinge passiert sind. Könnt ihr mir dabei helfen, ein Buch für diese Kinder zu schreiben/malen?“

Sollte das Kind sichtbar überfordert sein (z. B. sich zurückziehen, viel weinen, abwesend sein usw.), ist es besser, das Gespräch zu beenden.

Schritt 5: Reflektieren/Gehörtes wiederholen (reflecting back)

Die Antworten des Kindes noch einmal zu wiederholen (dabei die Sprache des Kinds verwenden!) und nachzufragen, ob man alles richtig verstanden hat, hat Vorteile für alle Beteiligte. Für den Reporter ist es ein Faktencheck (Frage: Bestätigt das Kind seine Aussage von vorhin?). Das Kind hingegen bekommt den Eindruck, dass ihm zugehört wird – eine gegenteilige Erfahrung zur erlebten Hilflosigkeit. Lässt sich gut durch den Einsatz von Technik 1 ergänzen.

Beispiel: „Was du mir hier erzählst, ist wirklich wichtig. Kann ich dich fragen, ob ich dich richtig verstanden habe? […] So wie ich dich verstanden habe, hattest du Angst, weil Männer in euer Dorf kamen und Leute totgemacht haben.“

Schritt 6: Seelisches Aufräumen

Wenn man mit seinen Fragen durch ist und die wichtigsten Zitate im Block stehen, nicht einfach verschwinden und das Kind in seiner aufgewühlten Gedankenwelt zurücklassen. Um das Kind mental aus der Interviewsituation herauszuholen, hilft es, seine Notizen oder Aufnahmen aus dem Gespräch zu zeigen und positives Feedback zu geben. Das wirkt nicht nur sinnstiftend, sondern macht dem Kind verständlich, was es im Gespräch geleistet hat („Mastery“). So hat es nicht das Gefühl, benutzt worden zu sein – ein Gefühl, dass es möglicherweise in einer traumatischen Situation erlebt hat.

Beispiel: „Jetzt sind wir gleich fertig. Gibt es noch irgendetwas, was du mir sagen möchtest? […] Dank dir habe ich heute viel gelernt. Sieh mal, wie viele wichtige Dinge ich mir im Gespräch aufgeschrieben habe. Das hilft mir sehr dabei, über dein Land zu berichten.“

Schritt 7: Geordneter Übergang

Reporter bleiben von den Schicksalen ihrer Protagonisten selten unberührt. Schon zum Selbstschutz ist der letzte Schritt deshalb sinnvoll. Denn wer ein Kind in einem stabilen emotionalen Zustand zurücklässt, muss sich mit zumindest einem Schuldgefühl weniger herumplagen („Konnte ich nicht mehr für dieses Kind tun?“). Im Schritt zuvor wurde dem Kind das Gefühl gegeben, gebraucht zu werden. Aufbauend auf dieser positiven Erfahrung bereitet man das Kind nun auf die Post-Interviewphase vor.

Beispiel: „Was machst du gleich, wenn unser Gespräch vorbei ist?“

Vor allem wenn das Kind noch seelisch angefasst wirkt, lassen sich die Bewältigungsstrategien des Kindes mit einer Mischung aus Displacement und Mastery aktiv unterstützen.

Beispiel: „Viele Kinder überlegen sich, was sie Schönes tun können, damit sie sich wieder besser fühlen, nachdem sie über etwas Trauriges gesprochen haben. Ein Kind hat mir erzählt, dass es dann immer Fußball spielt. Hast du eine Idee, was Kinder machen können, wenn sie traurig sind? Es wäre toll, wenn du mir einen Tipp geben könntest. Dann kann ich das den anderen Kindern im Flüchtlingslager sagen und ihnen vielleicht helfen.“

Achtung! Ein Satz wie „Ich kann mir vorstellen, wie traurig du bist“ konfrontiert Kinder direkt mit negativen Emotionen. Es ist besser, ihnen unterschwellig Wege aufzuzeigen, mit ihrer Traurigkeit umzugehen.

Beispiel: „Ich weiß, dass manche Kinder traurig sind, wenn sie über den Krieg sprechen. Manche von ihnen nehmen dann einen lieben Menschen ganz fest in den Arm. Was, meinst du, können Kinder sonst noch machen?“

 

Halten Journalisten diese psychologischen Leitplanken im Gespräch mit traumatisierten Kindern ein, ist es möglich, aus deren Erinnerungen nützliche Informationen für die Berichterstattung zu filtern, ohne die Kinder erneut zu traumatisieren. Ganz ausschließen kann man es aber nicht. Vor allem als psychologischer Laie.

Der libanesische Trauma-Therapeut Khaled Nasser aus Beirut, der ebenfalls als Experte beim New Yorker Workshop geladen war, riet deshalb dazu, Kinder nur dann diesem Risiko auszusetzen, wenn es keine Alternative gebe. Ansonsten sei es ratsam, sein Glück zunächst bei einem Erwachsenen (die natürlich auch traumatisiert sein können) zu versuchen. Den anwesenden Journalisten gab Nasser noch einen Rat mit auf den Weg: „Ihr werdet in diesen Situationen nicht unverletzt davonkommen. Akzeptiert es!“ Deshalb sei es wichtig, sich im Nachgang auch um sich selbst zu kümmern (z. B. Abschalten).

Vor einigen Tagen habe ich von Ibrahims Lehrer die Nachricht erhalten, dass der Junge mittlerweile zu seiner Schwester in die Stadt gezogen sei und dort in eine der besten Schule der Region gehe. Er hat ihn sogar dort besucht und mich per Videoanruf dazugeschaltet. Ibrahim war immer noch schüchtern, aber es schien ihm gut zu gehen.

 

*Der Autor hat 2017 an einem Trauma-Workshop des Dart Center teilgenommen, infolgedessen die Idee für die Reportage aus Sierra Leone entstanden ist. Im September 2019 hat ihn das Dart Center daraufhin erneut eingeladen, um seine Erfahrungen mit den anwesenden Kollegen zu teilen.

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Ein Werkzeugkasten für freie Journalisten (24. Januar 2019)

Der Handwerker benötigt Schraubenschlüssel, Hammer und Zange, um seine Arbeit machen zu können. Auch das journalistische Handwerk braucht gutes Equipment. Wir werfen einen Blick in den Werkzeugkasten freier Journalisten.

von Laura Rihm

Teil 1: Die juristische Schraubzwinge

Journalisten haben einen Auskunftsanspruch gegenüber allen staatlichen Behörden von Bund, Land und Kommune. Trotzdem haben es freie Journalisten ohne große Redaktion im Rücken manchmal schwerer, an Informationen zu gelangen, weil sie mitunter nicht ernst genommen werden und nicht den gleichen Druck wie eine Medienorganisation aufbauen können. Dennoch gilt: „Freie Journalisten haben genau den gleichen Auskunftsanspruch wie festangestellte Journalisten“, betont Medienrechtler Udo Branahl. Allerdings sei dieser Auskunftsanspruch kein „Jedermannsrecht“. Daher seien speziell freie Journalisten in der Pflicht nachzuweisen, dass sie tatsächlich journalistisch tätig sind. Dieser Pflicht könnten sie mit einem Presseausweis oder einem Legitimationsschreiben einer Redaktion nachkommen. In welcher Form die Informationen übermittelt werden, ist Sache der Behörde. Die Anfragen müssen laut Branahl zwar sachgerecht beantwortet werden, Journalisten können aber kein Interview oder einen O-Ton des Behördenleiters verlangen.

Manchmal könnten Behörden auch Auskünfte verweigern, beispielweise wenn durch sie ein öffentliches oder schutzwürdiges privates Interesse oder Geheimhaltungsvorschriften verletzt würden. Bevor man sich als Journalist aber mit einem solchen Hinweis abspeisen lässt, rät Branahl zu prüfen, ob das Auskunftsrecht nicht doch mit einem höherrangigen Informationsinteresse der Öffentlichkeit zu begründen ist. Weiter könne es im Falle einer Auskunftsverweigerung hilfreich sein, Kontakt zur zuständigen Aufsichtsbehörde aufzunehmen, rät der Medienrechtler.

Kein Auskunftsanspruch besteht hingegen gegenüber Vereinen, Verbänden oder privaten Unternehmen. Doch auch hier gäbe es einen Kniff, erklärt Branahl. Hat der Staat ein solches Unternehmen oder einen Verein mit öffentlichen Aufgaben betreut, so greife erneut die Auskunftspflicht. Branahl nennt ein Beispiel: Ein Schwimmbad ist in der Hand eines Vereins, was vertraglich mit der Gemeinde festgehalten ist. In diesem Fall könne der Verein Stillschweigen bewahren, die Kommune jedoch müsse eine Auskunft erteilen.

Ein weiteres wichtiges Hilfsmittel für Journalisten sei das Informationsfreiheitsgesetz, so Branahl. Dieses Gesetz gelte allerdings lediglich für die Exekutive sprich für Bundes- und teilweise auch Landesbehörden (hilfreich dabei: fragdenstaat.de), nicht jedoch für die Judikative. Einsicht in Gerichtsakten seien demnach für das journalistische Auge tabu. Die Akteneinsicht bei Bundes- und Landesbehörden vor Ort sowie Aktenkopien von bis zu 20 DIN-A-4 Seiten seien kostenlos. Fallen größere Kopien an, so hat die betreffende Behörde die Möglichkeit, die Kosten in Rechnung zu stellen. „Hier können bei großen Aktenmengen bis zu 2000 Euro anfallen“, warnt Branahl. Für freie Journalisten, die auf eigene Rechnung arbeiten, ein Ding des Unmöglichen?

Um hohe Kosten zu vermeiden, rät Branahl, sich nochmals auf den eigentlichen Recherchefokus zu konzentrieren und bisherige Fragen auf das Wesentliche zu reduzieren und in Teilfragen zu untergliedern. „Außerdem kann man sich immer vorab die Kosten der Informationsbeschaffung berechnen lassen“, sagt Branahl.

 

Teil 2: Der thematische Hammer

Werde der Experte auf deinem Berichtsgebiet! Beim Beat-Reporting, wie es im angelsächsischen Journalismus heißt, geht es darum, sich einen speziellen Themenbereich für die eigene Berichterstattung zu erschließen. Buzzfeed News Deutschland hat solche ausgewiesenen Schwerpunktreporter und -reporterinnen. Pascale Müller ist zum Beispiel Reporterin für Sexualisierte Gewalt, Juliane Löffler für alle Themen rund um LGBT* und Feminismus. „Buzzfeed News war meine erste richtige Anstellung“, berichtet Müller. Noch in ihrer Zeit als freie Multimedia-Journalistin habe sie begonnen, zu sexueller Gewalt und Ausbeutung von Erntehelferinnen in der Landwirtschaft zu recherchieren.  Für ihren Artikel „Vergewaltigt auf Europas Feldern“ ist sie mit dem Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus ausgezeichnet worden.

Um Aufmerksamkeit für ein solches Spezialthema zu schaffen, gehöre es dazu, sich selbst als Reporter für genau dieses Thema bekannt zu machen, so Müller. Das funktioniere, indem man nicht nur über das Thema selbst schreibe, sondern auch über die eigene Vorgehensweise, Hintergründe und Quellen der Recherche berichte, beispielweise über Twitter. Als Journalist also zum Selbstdarsteller werden?

„Selbstdarstellung ist so ein unschönes Wort“, kommentiert Juliane Löffler, „wenn man nicht nur für eine Marke, die häufig wesentlich anonymer ist, arbeitet, sondern auch als Reporter für dieses Thema bekannt wird, dann steigt die Chance, dass Quellen aktiv an einen herantreten und die Leserschaft das Thema besser wahrnimmt“. Wichtig sei hierbei die Nutzung von Social Media, da diese als Multiplikatoren bei der Verbreitung der Themen fungierten. „Wir ziehen Informationen zu unseren Themen aus Social Media und spielen sie anschließend wieder zurück, zum Beispiel in bestimmte Facebook-Gruppen von Betroffenen“, erklärt Löffler. Weiter rät sie, sich innerhalb des eigenen Themengebiets Schwerpunkte zu setzen, das erleichtere die Arbeit.

Gerade für freie Journalisten empfehle es sich, öfter mal größere Geschichten zu machen, ergänzt Müller. Lange und aufwendige Recherchen könnten viele Redaktionen im Alltag nicht bestreiten, weil ihnen häufig das dafür zuständige Investigativ-Ressort fehle. „Das sind dann Lücken, in die freie Mitarbeiter stoßen können“, resümiert die Buzzfeed-Reporterin aus eigener Erfahrung. „Meiner Meinung nach kann man seine journalistischen Fähigkeiten besonders gut in Reportagen und längeren Recherchen zeigen und kommt damit in einigen Redaktionen besser an als mit vielen kleinen Geschichten“, sagt Müller. Bleibt noch die Frage, wie man sich eine ausführliche Recherche als freier Journalist überhaupt finanziert.

„Klar, oft reicht es natürlich nicht aus, um damit eine dreiköpfige Familie zu ernähren, eigentlich noch nicht mal eine zweiköpfige“, erzählt Müller. Sie hat sich ihre Recherchen über Stipendien und Stiftungsgelder finanziert und zum Teil auch selbst Geld investiert. Ein regelmäßiges Gehalt sicherte sie sich mit Redaktions- und Nachrichtenschichten bei Tageszeitungen und Onlineredaktionen. „Trotzdem würde ich nichts anders machen.“

 

Teil 3: Das Schweizer Taschenmesser

Reporterin Verena Hölzl lebt seit 2015 in Myanmar und berichtet von dort als freie Korrespondentin über die Entwicklungen des Landes. Ihre Reportagen verkauft sie zum Beispiel der Deutschen Welle, Spiegel Online und der Deutsche Presse Agentur. Hölzl kommt ursprünglich aus Bayern und hat zuvor bei verschiedenen deutschen Zeitungen gearbeitet, solange bis ihr Wunsch, über die fortschreitenden demokratischen Entwicklungen in Myanmar zu berichten, überwog: „Ich bin dann einfach los“, sagt Hölzl, „und als ich erst einmal vor Ort war, lief es auch gut“. Als freie Reporterin im Ausland sei es wichtig, Geduld mitzubringen und leidensfähig zu sein, denn vor Ort sei man komplett auf sich alleine gestellt, vieles laufe nicht so effektiv wie in Deutschland und keine Redaktion fühle sich für einen zuständig.

Im Ausland seien Recherchen zudem sehr viel teurer als in Deutschland: „Du brauchst einen Fahrer, ein Visum, einen Übersetzer. Das sind Situationen, die deutsche Redakteure und Redaktionen so nicht kennen und die man ihnen erst einmal verklickern muss“, so die Auslandskorrespondentin. Bis die nötige Überzeugungsarbeit geleistet sei, müsse sie daher oft finanziell in Vorleistung treten. Doch Hölzl betrachtet das als Investition in ihre Karriere. Auch wenn der Weg als freie Korrespondentin im Ausland nicht leicht sei, würde sie ihre Entscheidung jederzeit wieder treffen: „Ich habe nie das Gefühl, dass ich auf diesen Job keine Lust mehr habe. Er ist aufregend und macht glücklich.“ Doch wie kommt man in einem fremden Land, dessen Sprache man nicht spricht, überhaupt zu Geschichten, die sich an deutsche Redaktionen verkaufen lassen? Oft sei es hilfreich, sich an der deutschen Medien-Agenda zu orientieren, so Hölzl, und die Themen dann auf eine Meta-Ebene zu heben. Aus einer Geschichte ergebe sich dann oft schon die Nächste. „Mein Themenradar ist rund um die Uhr aktiviert. Manchmal ist das ziemlich anstrengend, weil man auch am Samstagabend um 22 Uhr im Arbeitsmodus ist“, berichtet Hölzl. Doch das Modell des freien Auslandjournalisten könne man nur einheitlich leben.

Als freie Reporterin im Ausland müsse man sich außerdem als ein kleines Unternehmen bergreifen: „Das ist schon ein Job, bei dem man sehr viel Geschäftssinn mitbringen muss, sonst wird man erdrückt oder beutet sich selber aus. Und auch wenn man sich diesen Geschäftssinn irgendwann angeeignet hat, ist es immer noch schwer genug, seine Forderungen durchzusetzen“, so Hölzl. Um ihre Geschichten zu verkaufen, bietet sie sie mehreren Redaktionen gleichzeitig an. „Irgendjemand sagt dann meistens Ja“, sagt sie mit einem Schmunzeln. Den Wert der eigenen journalistischen Arbeit schätzen und vor allem verkaufen zu lernen, ist eine Fähigkeit, die sich freie Journalisten antrainieren sollten. Und sie sollten auch noch etwas anderes mitbringen…

 

Teil 4: Die zeitliche Feile

„Gerade der Freiberufler muss auf vielen Hochzeiten gleichzeitig tanzen“, sagt der Freelancer Henry Steinhau, „deshalb müssten freie Journalisten ein gutes Zeitmanagement haben“. Zu viele verließen sich hierbei auf ihr Bauchgefühl und das könne täuschen. Steinhau arbeitet selbst als freier Journalist in Berlin und ist Mitglied beim Berufsverband Freischreiber. Im Austausch mit anderen freien Journalisten erfährt er, dass sie häufig Zeit für Aufgaben aufbringen, in die eigentlich nicht so viel Zeit fließen dürfe. Genauso sei es, wenn man sich in Themen verliebe, deren Berichterstattung nur schlecht honoriert werde. „Man muss sich oft selbst reflektieren und überprüfen, ob das, was man macht auch wirtschaftlich vernünftig ist“, rät Steinhau.

Die Freischreiber haben daher in Kooperation mit zwei Programmierern Ende 2017 eine Online-Datenbank eingerichtet, in der Journalisten ihre Gehälter und Honorare sowohl anonym eintragen als auch recherchieren können. Zwar seien die Daten nicht repräsentativ für die deutsche Medienlandschaft, könnten jedoch ein Anhaltspunkt für zukünftige Gehaltsverhandlungen sein, heißt es auf der Webseite www.wasjournalistenverdienen.de.

Ist die Höhe des Honorars dann bekannt, sei es wichtig, dieses mit dem Zeitaufwand gegenzurechnen und sich die Arbeitszeiten für jedes Projekt exakt zu notieren. Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in verdi schlägt eine „Arbeitszeit-App“ vor, die Journalisten helfen soll, ihre Arbeitszeit zu dokumentieren. Auch Steinhau setzt auf digitale Tools, die sich durch eine Cloud mit dem Handy, dem Tablet oder dem PC synchronisieren und so jederzeit abrufbar sind. Als Beispiele nennt er „Tyme 2“ und „Timer“. Diese Programme ermöglichten es, eigene Projekte, Aufgaben und Kategorien zu definieren und die dafür angewandte Zeit minutengenau aufzuzeichnen, zu editieren und sich anschließend als Bilanz ausgeben zu lassen. Wer seine aufgebrachte Zeit in einem Balken- oder Kreisdiagramm sieht, so Steinhau, entwickle ein besseres Gefühl dafür, welche Arbeitsaufträge sich tatsächlich lohnen. Außerdem wird ersichtlich, inwiefern die tatsächliche Arbeitszeit die gesetzliche festgelegte Arbeitszeit für Redakteure von 36,5 Stunden pro Woche, überschreitet.

Frank Keil ist ebenfalls Mitglied der Freischreiber und als freier Kulturjournalist in Hamburg tätig. Er macht sich für einen offenen Dialog unter freien Journalisten stark, um so bessere Arbeitsbedingungen für alle zu erwirken. „Der Austausch innerhalb des Berufsverbandes ist wichtig, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Tagessätze in welcher Branche angemessen sind. Ein Fotograf hat zum Beispiel einen höheren Tagessatz als Schreiberlinge“, so Keil. Man dürfe als freier Journalist nicht in dem romantischen Gedanken versinken, nur des Schreibens Willen zu schreiben, fügt Henry Steinhau hinzu. Vielmehr müsse man sich als Mini-Unternehmen verstehen. Ein effektives Selbstmanagement sei hierfür ein wichtiger Bestandteil.

 

Handwerk | Interview

Komfort versus Konfrontation (21. Mai 2015)

Ob im Interview, der Talkshow oder in der Recherche: Fragen sind das wichtigste Handwerkszeug des Journalisten. Aber welche sind wann die richtigen? Die Lösung liegt in der Perspektive des Gegenübers.

Von Johannes Prokopetz

Wer? Wie? Was? Wieso, weshalb und warum stellen wir eigentlich Fragen, wie wir sie stellen? Foto: Véronique Debord-Lazaro (CC-BY-SA)

Immer die richtige Frage zum richtigen Zeitpunkt – das wär’s. Nur ist dieselbe Frage an dem einen Punkt des Gesprächs hilfreich, an dem anderen ein Stopper. Herauszufinden ist, warum? Und: Wonach lassen sich Fragen so unterscheiden, dass sie in einem Gespräch oder Interview strategisch an den Stellen platziert werden können, an denen sie besonders wirksam sind?

Der in jeder Journalisten-Ausbildung als elementar gelehrte Gegensatz zwischen „offenen“ und „geschlossenen“ Fragen führt interessanterweise nicht weiter. Auch W-Fragen („offene“) können entgegen der reinen Lehre auf Festlegungen zielen („Wie viele Leute waren dort?“, „Welchen Antrag haben Sie unterstützt?“). Und „geschlossene“ Fragen haben oft die Funktion, nicht nur einsilbige Antworten zu provozieren, sondern nach einem ersten „ja“ oder „nein“ ohne weiteren Anstoß zum Erzählen oder Weiter-Erzählen zu animieren. Offenbar ist die Konzentration auf das Formale, auf „Fragepronomen oder nicht“ keine Systematik, die Orientierung für die Praxis bieten könnte [1].

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