#nr18 | Fernsehen | Social Media

„STRG_F“: Journalismus auf YouTube (18. September 2018)

Besonders bei jungen Menschen macht YouTube einen großen Teil der Mediennutzung aus. Klassische Nachrichtenangebote, allen voran der öffentlich-rechtliche Rundfunk, haben das Nachsehen. Ein Projekt von ARD und ZDF geht jetzt dahin, wo die junge Zielgruppe längst ist. Kann das gut gehen?

von Anna Neumann und Sebastian von Hacht

Die klassischen Medien – also Zeitungen, Radio- und Fernsehen – haben nicht nur die Aufgabe, die Gesellschaft zu informieren, sondern sie sorgen ein Stück weit auch für die Sozialisierung ihrer Konsumenten. Auf YouTube übernehmen letzteres die sogenannten Influencer. Egal ob Bibi, Dagi Bee oder Simon Unge: Sie alle lassen ihre Zuschauer an ihrer Welt teilhaben. Oder zumindest an dem, was sie als ihre Welt präsentieren. Das junge Publikum dieser Kanäle baut verstärkt eine parasoziale Beziehung zu den Influencern auf, berücksichtigt Tipps und Trends und vertraut auf das, was die Influencer erzählen. Klassische Medien mit ihren Informations- und Unterhaltungsangeboten werden dabei zunehmend vernachlässigt.

Doch wie reagieren alteingesessene Medieninstitutionen wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf den schleichenden Bedeutungsverlust? ARD und ZDF haben 2016 ihr digitales Jugendprojekt „funk“ gestartet, an dem auch viele YouTuber beteiligt sind. Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 29 Jahren sollen mit dem Onlineangebot erreicht werden. Also eine Zielgruppe, die ansonsten eher selten Medienangebote der Öffentlich-Rechtlichen nutzt. Das Konzept: Auf den Social-Media-Plattformen Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat und eben auch YouTube werden verschiedenste Formate veröffentlicht, die nur für diese Plattformen produziert werden. Von 2016 bis 2017 wurden über alle Kanäle hinweg rund 256 Millionen Views auf YouTube gezählt, 90 Millionen Aufrufe auf Facebook.

Neben diversen Unterhaltungsformaten gibt es seit Februar 2018 auch erstmals ein auf Recherche ausgelegtes Format namens „STRG_F“. Die geläufige Tastenkombination zum Suchen ist der Titel des YouTube-Kanals, der federführend von der Redaktion der NDR-Sendung „Panorama“ zum „funk“-Portfolio beigesteuert wird. Einmal wöchentlich geht es dabei laut eigener Beschreibung um Themen, die vor allem 20- bis 29-Jährige politisch und gesellschaftlich berühren. Rund 71.000 User haben den Kanal mittlerweile abonniert. Im ersten und nach Klickzahlen bisher erfolgreichsten Video des Kanals geht es um die Recherche rund um Investmentvermittler, die versuchen, über Social Media junge Leute anzuwerben. Die Reportage zeigt die Machenschaften hinter WhatsApp-Gruppen, in denen fragwürdige Tipps gegeben werden, wie man angeblich in kurzer Zeit reich wird.

Anja Reschke, Leiterin des Ressorts Innenpolitik beim NDR-Fernsehen und Moderatorin von „Panorama“, sagte über den neuen YouTube-Kanal in einem Statement: „ Ich habe mich immer gefragt, wie es uns gelingen kann, investigative Inhalte, auch mal anstrengende Themen, in denen es um Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Umwelt und deren kritische Betrachtung geht, jungen Menschen zu erzählen. Denn natürlich interessieren sie sich dafür, was um sie herum passiert und was wie zusammenhängt. ‚STRG_F‘ ist genau dieses Angebot an junge Leute.“

Auch auf der diesjährigen Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche in Hamburg war YouTube ein Thema. Ein Panel diskutierte die Medienmacht der Videoplattform. Mit dabei: Kommunikationsforscher und Medienexperte Prof. Dr. Lutz Frühbrodt von der Hochschule Würzburg. Aktuell forscht der Professor für Fachjournalismus zur Bedeutung und Entwicklung von YouTube.  „Bei den erfolgreichsten Kanälen spielt Information und Journalismus allerdings eine untergeordnete Rolle“, sagt Frühbrodt. „‚STRG_F‘ ist da wirklich noch ein Vorreiter. Es stehen nicht Influencer vor der Kamera, so wie in den meisten Videos, sondern eben Journalisten.“

Ebenfalls auf dem Podium: Salome Zadegan. Die Journalistin hat ein Volontariat beim NDR absolviert und in dieser Zeit an der Entwicklung von „STRG_F“ gearbeitet. Es habe bei „funk“ einfach den Wunsch gegeben, mehr journalistische Formate in das Angebot aufzunehmen, erklärte die Redakteurin. „Und dann haben wir beim NDR angefangen und rumentwickelt.“ Sich dabei an anderen Formaten mit dieser Ausrichtung zu orientieren, sei nach Zadegans Angaben gar nicht möglich gewesen, da es kaum Vergleichbares gebe. „Bei der Optik und der Art Geschichten zu erzählen, wollten wir uns einfach ausprobieren und uns nicht an etwas abarbeiten“, so die Journalistin. Am Anfang seien viele Stile pilotiert worden, auch mit mehr Magazin-Charakter oder in kommentarartiger Form. Dies habe aber nicht funktioniert. „Wir haben uns dann an Reportagen versucht, aber immer auf eine neue Weise und nicht so, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Und wir haben schnell gemerkt, dass das unser Weg ist.“

Auf Augenhöhe

„STRG_F“ ist laut Zadegan erstmal auf eine Laufzeit von einem Jahr ausgelegt. Nach sechs Monaten soll ein erstes Zwischenfazit gezogen werden. „Wir haben das Glück, dass wir jetzt nach vier Monaten bereits fast alle selbstgesteckten Ziele erfüllen konnten“, sagt Zadegan.

Den Anspruch besonders investigativ zu sein, haben die Macher von „STRG_F“ nicht: „Das Label ‚investigativ‘ ist eine Bürde. Was genau investigativ ist, hängt immer von der Zielgruppe ab. Wir haben uns dieses Label selbst nicht gegeben, da es ein kaum zu realisierendes Versprechen wäre, bei 52 Filmen im Jahr zu sagen, wir sind investigativ“, beschreibt Salome Zadegan die Intention des Teams. Gleichzeitig gebe die Redaktion den Zuschauern aber schon das Versprechen etwas herauszufinden. „Bei uns ist die Recherche die Geschichte. Auf Augenhöhe mit unseren Zuschauern bleiben wir dadurch, dass bei uns Menschen aus der Zielgruppe für die Zielgruppe arbeiten.“

Lutz Frühbrodt sieht in „STRG_F“ eine Mischform aus klassischen Fernsehelementen und andersartigen YouTube-Features: „Neu in der Herangehensweise ist sicherlich die verstärkte Personalisierung. Persönliche Befindlichkeiten des Reporters werden dargestellt, ähnlich wie bei Influencern.“ Diese Art treffe natürlich auch den Zeitgeist von YouTube und spreche damit die anvisierte Zielgruppe an. Wichtig sei aber, dass die Darstellung journalistisch bleibt und keine zu persönliche Ebene zu den Zuschauern aufgebaut werde. Hier müsse man sich von klassischen Influencer-Videos abgrenzen, so der Experte. Insgesamt merke man aber, dass das Format noch in der Findungsphase ist: „Die Spannbreite reicht von schnellen Schnitten im YouTube-Stil, über Versprecher, die nicht rausgeschnitten werden, bis zu ruhigeren Erzählweisen.“ Persönlich fehle Frühbrodt noch die Metaebene. Bestimmte Tugenden, für die die Öffentlich-Rechtlichen stehen, könnten seiner Meinung nach hier durchaus bewahrt werden. „Um dem vielzitierten Bildungsauftrag gerecht zu werden, könnten die Recherchen noch mehr hinterfragt werden.“

Experte ist skeptisch

Doch ist die Präsenz von ARD und ZDF auf YouTube allgemein überhaupt der richtige Weg? „Für die Öffentlich-Rechtlichen bietet YouTube leider keine neutrale Plattform, sondern ist natürlich auch ein Konkurrent“, glaubt Lutz Frühbrodt. Ziel müsse es sein, die Zuschauer der Videos auch wieder als Zuschauer der herkömmlichen Angebote im Fernsehen zu gewinnen. Ob eine solche Strategie wirklich erfolgsversprechend ist, stellt Professor Frühbrodt in Frage. Aber die Sender müssten in jedem Fall aktiv werden und dem neuen Gegner nicht einfach das Feld überlassen.

Für Salome Zadegan ist der Schritt, den ARD und ZDF mit „STRG_F“ gegangen sind, ein ganz wichtiger gewesen. Er habe einen Prozess angestoßen. „Ich finde es großartig wie bereit die Sender sind, sich auf Geschichten einzulassen, die per se erstmal nichts mit öffentlich-rechtlich zu tun haben“, unterstreicht die Redakteurin. Man sei jetzt da, wo die junge Zielgruppe ist. „Und nun werden wir immer weiterentwickeln und anpassen.“

#nr18 | Afrika | Audio

Eine große Herausforderung – Journalismus in Afrika (4. September 2018)

Über Journalismus in Afrika ist hierzulande nur wenig bekannt. Um einen Einblick in aktuelle Situationen zu bekommen, hat Magdalena Neubig mit einer Journalistin aus Burkina Faso sowie zwei Journalisten aus Liberia und Malawi gesprochen. Wie ist es um den Journalismus, Meinungs- und Pressefreiheit in ihren Ländern bestellt, mit welchen Schwierigkeiten haben sie zu kämpfen? Was für Medienhäuser gibt es dort überhaupt und wie arbeiten diese? (mehr …)

#nr18 | Pressefreiheit

„Wir geben nicht auf!“ (27. August 2018)

Ein Blick hinter die Kulissen von forbidden stories

von Mirjam Bittner und Pia Seitler

In einer konzertierten Aktion veröffentlichten verschiedene internationale Medien Rechercheergebnisse zur Ermordung von Daphne Caruana Galizia. Foto: Fritz Zimmermann

Am 16. Oktober 2017 tötet eine Autobombe in Malta die Journalistin Daphne Caruana Galizia. Ein halbes Jahr später veröffentlichen Medienhäuser wie die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, der NDR und WDR, die New York Times, der Guardian, Reuters und La Repubblica ihre Rechercheerkenntnisse zum Fall Daphne. Die Hintermänner sind bis heute nicht gefasst. Die Recherche der Medienorganisationen zeigt: Ermittler ignorieren Hinweise auf höchste politische Kreise.

Dass mitten in Europa eine Journalistin getötet wird, weil sie ihre Arbeit macht, will Laurent Richard nicht hinnehmen: „Wir müssen diese Geschichten am Leben erhalten.“ Richard ist Journalist und Filmemacher beim französischen Sender Premières Lignes Télévision. Er gründete das Netzwerk forbidden stories mit dem Ziel, Journalisten zu beschützen und die internationale Pressefreiheit zu verteidigen. Das Netzwerk hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Arbeit von Journalisten weiterzuverfolgen, die sich bedroht fühlen oder bereits getötet wurden – wie Daphne Caruana Galizia.

18 Medienorganisationen aus 15 Ländern

Das sogenannte Daphne-Projekt war das erste Projekt von forbidden stories. Journalisten von 18 Medienorganisationen aus 15 Ländern recherchierten gemeinsam, um die Arbeit der ermordeten Kollegin weiterzuführen. Der Mord an der maltesischen Journalistin motivierte viele, erzählt Fritz Zimmermann aus dem Investigativ-Ressort der Zeit: „Das hat etwas bei uns ausgelöst. Journalisten aus ganz Europa wollten etwas tun.“

Unter der Leitung von forbidden stories trafen sich Anfang des Jahres 45 Journalisten in Paris. Es wurde besprochen, welche Themen recherchiert werden, wer woran arbeitet und wann die Ergebnisse veröffentlicht werden. Dabei ergaben sich die ersten Schwierigkeiten. Der geplante Zeitpunkt der Veröffentlichung – der 16. April 2018, genau sechs Monate nach Daphnes Ermordung – war ein Montag. Die Wochenzeitung Die Zeit erscheint aber an einem Donnerstag. Die Journalisten fanden einen Kompromiss. Sie planten, die erste Geschichte über den Mord am 17. April zu veröffentlichen und dann nach und nach die weiteren Rechercheergebnisse zu publizieren.

„Die Idee des Projekts war, in Echtzeit allen alles zur Verfügung zu stellen, sodass alle an den Geschichten weiterarbeiten können“, erzählt Zimmermann. Über ein Wiki auf dem Server des Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP), einem Recherchenetzwerk mit Sitz in Sarajevo, koordinierten die Journalisten sämtliche Schritte und luden dort ihr gesamtes Material hoch. Dokumente, Interviews, Zeitpläne – alles war gespeichert und für alle zugänglich. „Wir haben alles miteinander geteilt. Es gab keine exklusiven Informationen“, so Holger Stark, Leiter des Investigativteams der Zeit. Über Signal, einem frei zugänglichen verschlüsselten Messenger, kommunizierten sie miteinander. „Über Monate klingelte das Handy und hörte einfach nicht auf“, berichtet Zimmermann. Das habe ihn an die Grenzen seiner Aufmerksamkeit gebracht. „Das Grundprinzip war, dass keine unverschlüsselte Kommunikation grenzüberschreitend läuft“, erklärt Stark.

Durch Maßnahmen wie diese versuchten die Journalisten, ein größtmögliches Maß an Sicherheit für alle Beteiligten herzustellen: „Die Mörder von Daphne wissen, wer wir sind, deshalb haben wir natürlich Bedenken, was unsere Sicherheit angeht“, sagt Laurent Richard. Darum sei es auch ein Ziel von forbidden stories, dass viele Journalisten zusammenarbeiten, um sich gegenseitig Schutz zu bieten. Ein weiteres Ziel ist der Schutz der internationalen Pressefreiheit: „Der einzige Weg, einen freien Journalismus zu verteidigen, ist es, Morde an Journalisten aufzuklären, die Mörder zu entlarven und die Gesellschaft über die Recherchen zu informieren“. So auch das Motto des Netzwerks – „you can’t kill the stories“.

Unterschiedliche Journalismuskulturen

Wenn 45 Journalisten aus 15 Ländern miteinander gemeinsam recherchieren, ergeben sich auch Herausforderungen. Lena Kampf arbeitet für das investigative Ressort des WDR in Berlin und Brüssel und war Teil des Daphne-Projekts. Sie berichtet von ganz unterschiedlichen journalistischen Kulturen.

Während man in Deutschland Personen mit Rechercheergebnissen konfrontiere und ihnen 48 Stunden Zeit für eine Stellungnahme gebe, bevor man dann veröffentliche, brauche man in Großbritannien erst die Antwort von jedem Beteiligten, bevor man veröffentlichen könne. Der Umgang mit verdecktem Material und anonymen Quellen sei schon bei den Medienorganisationen innerhalb Deutschlands unterschiedlich gewesen. Es stellte sich hier außerdem öfter die Frage nach Übersetzungen von englischen Zitaten. „Wir hatten am Ende zwar alle dieselben Beweise, die allerdings in den unterschiedlichen Zeitungen unterschiedlich aufbereitet wurden“, sagt Kampf über die Ergebnisse des Rechercheprojekts.

Nicht nur die unterschiedlichen journalistischen Herangehensweisen konfrontierten die Reporter mit ungewohnten Problemen, auch die Arbeit auf der Insel Malta. „Der Arbeitsalltag ist schwierig für Leute aus stabilen Ländern, wo du niemals daran denken würdest, dein Auto vorher nach einer Bombe abzusuchen“, so Matthew Caruana, Sohn von Daphne Caruana Galizia. Caruana unterstützte das Projekt von Anfang an: Er lobt die Journalisten, die in vertrauensvoller Zusammenarbeit die Erkenntnisse seiner Mutter bestätigten, die zuvor deswegen kompromittiert wurde. „Es gibt Situationen, wo du dich nicht mehr auf den Schutz des Staates verlassen kannst. Deshalb braucht es Projekte wie dieses – leider.“

Die Recherchen sind noch nicht beendet

Trotz der neuen Herausforderungen war das Projekt ein Erfolg, finden Zimmermann und Kampf. „Die Idee war, die Arbeit von Daphne weiterzuführen und sie in andere europäische Länder zu bringen. Wir konnten viele Dinge, die Daphne herausgefunden hatte, bestätigen und sagen: ‚Sie hatte Recht!‘“, so Zimmermann.

Die Recherchen sind dennoch lange nicht am Ende: „Wir haben das Daphne-Projekt noch nicht beendet. Es gibt immer noch so viele Fragen, so vieles, was noch aufzuklären ist“, sagt Laurent Richard. Aufgeben komme jedenfalls nicht in Frage. Deshalb arbeiten Journalisten aus aller Welt neben dem Daphne Project an weiteren Geschichten, unter dem Mantel von forbidden stories. Über aktuelle Projekte möchte Richard allerdings nicht sprechen, um diese und die Journalisten, die daran arbeiten, nicht zu gefährden.

#nr18 | International

„Ständig ein Schwert am Hals“ (22. August 2018)

Die arabische Journalistin Rana Al-Sabbagh kämpft mit ihrem Netzwerk Arab Reporters for Investigative Journalism (ARIJ) für einen unabhängigen Journalismus in der arabischen Welt. Ein mitunter lebensgefährlicher Job, den die Journalisten nur im Team meistern können. In der arabischen Welt ist der Alltag der Journalisten noch immer stark geprägt von autoritären Regimen und korrupten Politikern.

 

Journalistin Rana Al-Sabbagh glaubt daran, dass sich die Situation für Journalisten in ihrer Heimat wie-der verbessern kann. Foto: privat

 

Frau Al-Sabbagh, Sie haben ein Netzwerk gegründet, dass die kritische und unabhängige Berichterstattung stärken soll. Welche Rolle spielt der investigative Journalismus in der arabischen Welt?

Al-Sabbagh: Journalismus ist ein wichtiger Eckpfeiler für eine funktionierende Demokratie und die investigative Recherche ist die Königsdisziplin im Journalismus. Meiner Meinung nach verkörpert sie das wahre Wesen des aufklärenden Journalismus als vierte Gewalt.

 

Was heißt das in Ihrem Alltag?

Der investigative Journalismus ermöglicht es, sich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen. Aber es geht nicht nur darum, Fakten zu sammeln und zu dokumentieren, sondern auch darum, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. In unseren ARIJ-Berichten zeigen wir, wie ein Gesetz auf dem Papier funktioniert und wie es in der Realität umgesetzt wird. Gleichzeitig erklären wir dem Leser, welche Konsequenzen daraus resultieren und welche Lösungen es dafür geben könnte.

 

Was haben die ARIJ damit bisher erreicht?

Wir haben schon über 470 Berichte veröffentlicht, von denen übrigens noch keiner vor Gericht angefochten wurde. Es ist schön zu sehen, dass unsere Geschichten eine Wirkung entfalten und tatsächlich eine Veränderung erzielen. Nachdem einer unserer Journalisten beispielsweise einen Beitrag über die Veruntreuung von Schulgeldern durch die irakische Regierung veröffentlicht hat, mussten sich die Betroffenen vor Gericht verantworten. Darauf können wir stolz sein. Allein die Tatsache, dass wir mit den ARIJ seit 2005 in der arabischen Welt aktiv sind, ist für mich ein Wunder.

 

Was sind die Herausforderungen in Ihrer täglichen Arbeit als Journalistin?

 

Rana Al-Sabbagh ist Gründerin der Arab Reporters for Investigative Journalism (ARIJ) mit Sitz in Amman, Jordanien, die sie seit 2005 als Direktorin leitet. Sie hat unter anderem für Al-Hayat und Reuters gearbeitet und war die erste Chefredakteurin bei der Jordan Times. Die ARIJ unterstützen Journalisten in Jordanien, Syrien, Libanon, Ägypten, Irak, Bahrain, Palästina, Je-men und Tunesien. Bislang hat das gemeinnüt-zige Netzwerk über 2.000 Journalisten trainiert und über 460 investigative Berichte finanziert.

Wo soll ich anfangen? In Jordanien ist es, wie in den meisten arabischen Ländern, sehr schwer, Informationen zu bekommen. Wir haben keine Gesetze, die uns den Zugang zu Daten garantieren und wenn doch, dann werden sie oft nicht eingehalten oder sind mit großen Einschränkungen verbunden. In Jordanien gibt es 26 Gesetze und Vorschriften, die den Journalismus regulieren sollen, und wir stehen ständig unter Beobachtung. Bei uns sagen wir, es fühlt sich an, als würde einem ständig ein Schwert am Hals liegen. Leider ist das bei uns Alltag. Viele Chefredakteure wollen eine gute Beziehung zur Regierung haben, um ihren Status und ihre Privilegien zu schützen, und halten deshalb die Füße still. Oft geben sie ihren Journalisten weder Zeit noch Geld, um ein Problem zu untersuchen.

 

Wie wirkt sich das auf die Journalisten aus?

Viele meiner Kollegen haben Angst. Oft wenden sie sich mit investigativen Geschichten zuerst an unser Netzwerk und wollen sich dann gründlich absichern, bevor sie ihre Untersuchungen veröffentlichen. Und diese Angst ist nicht unberechtigt. Im Sudan wurde beispielsweise ein Journalist aus seinem Job geworfen, nur weil er Hühnerfarmen entlarvt hat, die illegal in Wohngebieten untergebracht waren. Diese Farmen haben eindeutig gegen das Gesetz verstoßen und noch dazu schlechten Geruch und Krankheiten verbreiten. Doch der Journalist wusste nicht, dass eine dieser illegalen Farmen dem Verleger seiner Zeitung gehört, sonst hätte er sich wahrscheinlich gut überlegt, ob er seinen Beitrag veröffentlicht. Die traurige Wahrheit ist, dass bei vielen arabischen Journalisten die Selbstzensur bereits in ihrer DNA liegt. Darüber hinaus ist der Journalismus einer der am schlechtesten bezahlten Jobs bei uns. Viele müssen am Ende für vier Medienplätze gleichzeitig arbeiten und die gleiche Geschichte immer wieder recyceln, nur um zu überleben.

 

Nach dem Arabischen Frühling gab es für eine Weile die Hoffnung, dass sich die Situation für Journalisten verbessern würde. Glauben Sie noch daran?

Seit die Autokraten den arabischen Frühling 2011 umgekehrt haben, hat sich die Situation für uns wieder enorm verschlechtert. Selbst in Tunesien, dem Aushängeschild des Arabischen Frühlings, beklagen die Journalisten, dass sich die alte Mentalität, die in den Medien herrschte, nicht langfristig verbessert hat. Das Einzige, was sich geändert hat, ist, dass die Beamten zehn Mal darüber nachdenken, bevor sie einen Journalisten unter Druck setzen, sich nicht zu einer bestimmten Angelegenheit zu äußern, weil sie Angst haben, ihr Eingreifen könnte aufgedeckt werden. Aber natürlich gibt es trotzdem noch einige mutige, unabhängige Journalisten, die sich für eine Verbesserung einsetzen. Auch ich gebe die Hoffnung nicht auf.

 

Haben Sie bei all ihrem Engagement auch manchmal Angst bei der Arbeit?

Natürlich. Bei den ARIJ stellen wir immer doppelt und dreifach sicher, dass alle unsere Inhalte ausschließlich auf Fakten basieren und dass wir keine Angriffsfläche für ein gerichtliches Verfahren bieten. Dafür beraten wir uns auch mit Anwälten. Ich denke, jeder Journalist bei uns hat Angst, schließlich arbeiten wir in einem der riskantesten Jobs in einer der gefährlichsten Regionen der Welt. Wir werden oft bedroht oder sogar angegriffen. Einer unserer Kollegen im Irak, der eine Korruptionsaffäre aufgedeckt hat, wurde nach der Veröffentlichung in seinem Auto beschossen. Ein freiberuflicher Kameramann, der heimlich mitgefilmt hat, wie der IS Schulbücher voller Hass gedruckt hat, wurde anschließend verhaftet und enthauptet. Im Jemen ist die Situation unbeschreiblich und Ägypten ist inzwischen zu einem der weltweit größten Gefängnisse für Journalisten geworden.

 

Ist die Arbeit im Team daher auch ein Schutz?

Die Arbeit im Team gibt uns die Stärke, die wir in unserem Alltag brauchen. Wir unterstützen uns beruflich, beispielsweise bei aufwändigen Recherchen, aber auch psychisch. Nur so können wir Tag für Tag unserer Arbeit nachgehen.

 

Bei all den Herausforderungen und Gefahren in Ihrem Beruf – warum sind Sie da überhaupt Journalistin geworden?

Schon seit ich ein kleines Kind war, hat mir meine Mutter immer gesagt, ich solle für das Recht anderer Menschen kämpfen. Wenn ich früher auf der Straße gespielt und gesehen habe, dass ein Kind von einem stärkeren Kind geschlagen wurde, bin ich immer dazwischen gegangen und habe das stärkere Kind zurückgeschlagen. Ich wollte immer schon Gerechtigkeit auf der Welt. Dass ich dann Journalistin geworden bin, war allerdings ein Zufall. Ich bin über einen Freund der Familie an ein Praktikum in einer Redaktion gekommen, dass ich erst gar nicht machen wollte. Der Chefredakteur hat meinen Schreibstil am Anfang nur kritisiert, so dass ich sogar öfter geweint habe. Aber meine Inhalte kamen gut an. Ich habe schon immer schonungslos darüber geschrieben, was tatsächlich passiert in der Welt und wie das unser Leben beeinflusst. Ich glaube, der Journalismus kann einiges bewirken.

 

In der arabischen Welt werden Frauen noch immer unterdrückt, auch im Journalismus, und trotzdem haben Sie es geschafft, ein investigatives Netzwerk aufzubauen. Wie schätzen Sie die Situation von Journalistinnen aktuell ein?

Wir Frauen müssen oft zehn Mal härter arbeiten als unsere männlichen Kollegen, um uns zu beweisen. Frauen können oft nicht alleine reisen. Wenn sie heiraten wird von Ihnen oftmals erwartet, dass sie ihren Beruf aufgeben und sich nur noch um die Kinder und die Küche kümmern. Wir werden von Traditionen und Gesetzen diskriminiert, nur weil wir Frauen sind. Aber egal ob weiblich oder männlich, wir alle leben in einem unfreien, korrupten System. Man kann andere Menschen zwingen, einen zu respektieren, indem man professionell ist und Karriere macht.

 

Die ARIJ sind die einzige Organisation ihrer Art in der arabischen Welt. Wünschen Sie sich mehr Unterstützung von internationalen Medien?

Ja, das würde mich freuen. Sie könnten uns beispielsweise unterstützen, indem sie ihre urheberrechtlich geschützten Inhalte und ihre technischen Fähigkeiten mit uns teilen. Wir leben in einer globalen Welt, in der es keine Grenzen mehr gibt.

 

Die Fragen stellte Lisa Santos

#nr18

19 Nachwuchsjournalisten, 16 Seiten, 1 Zeitung (5. Juli 2018)

Studierende des Fachbereichs Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg haben auch in diesem Jahr den nestbeschmutzer, die Tagungszeitung zur Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche, produziert. Im Seminar „Journalistisches Darstellen II“ unter Leitung von Message-Herausgeber Prof. Dr. Volker Lilienthal recherchierten sie aktuelle medienjournalistische Themen mit Bezug zur Konferenz. (mehr …)