#nr18 | Handwerk | Video

Ein Werkzeugkasten für freie Journalisten (24. Januar 2019)

Der Handwerker benötigt Schraubenschlüssel, Hammer und Zange, um seine Arbeit machen zu können. Auch das journalistische Handwerk braucht gutes Equipment. Wir werfen einen Blick in den Werkzeugkasten freier Journalisten.

von Laura Rihm

Teil 1: Die juristische Schraubzwinge

Journalisten haben einen Auskunftsanspruch gegenüber allen staatlichen Behörden von Bund, Land und Kommune. Trotzdem haben es freie Journalisten ohne große Redaktion im Rücken manchmal schwerer, an Informationen zu gelangen, weil sie mitunter nicht ernst genommen werden und nicht den gleichen Druck wie eine Medienorganisation aufbauen können. Dennoch gilt: „Freie Journalisten haben genau den gleichen Auskunftsanspruch wie festangestellte Journalisten“, betont Medienrechtler Udo Branahl. Allerdings sei dieser Auskunftsanspruch kein „Jedermannsrecht“. Daher seien speziell freie Journalisten in der Pflicht nachzuweisen, dass sie tatsächlich journalistisch tätig sind. Dieser Pflicht könnten sie mit einem Presseausweis oder einem Legitimationsschreiben einer Redaktion nachkommen. In welcher Form die Informationen übermittelt werden, ist Sache der Behörde. Die Anfragen müssen laut Branahl zwar sachgerecht beantwortet werden, Journalisten können aber kein Interview oder einen O-Ton des Behördenleiters verlangen.

Manchmal könnten Behörden auch Auskünfte verweigern, beispielweise wenn durch sie ein öffentliches oder schutzwürdiges privates Interesse oder Geheimhaltungsvorschriften verletzt würden. Bevor man sich als Journalist aber mit einem solchen Hinweis abspeisen lässt, rät Branahl zu prüfen, ob das Auskunftsrecht nicht doch mit einem höherrangigen Informationsinteresse der Öffentlichkeit zu begründen ist. Weiter könne es im Falle einer Auskunftsverweigerung hilfreich sein, Kontakt zur zuständigen Aufsichtsbehörde aufzunehmen, rät der Medienrechtler.

Kein Auskunftsanspruch besteht hingegen gegenüber Vereinen, Verbänden oder privaten Unternehmen. Doch auch hier gäbe es einen Kniff, erklärt Branahl. Hat der Staat ein solches Unternehmen oder einen Verein mit öffentlichen Aufgaben betreut, so greife erneut die Auskunftspflicht. Branahl nennt ein Beispiel: Ein Schwimmbad ist in der Hand eines Vereins, was vertraglich mit der Gemeinde festgehalten ist. In diesem Fall könne der Verein Stillschweigen bewahren, die Kommune jedoch müsse eine Auskunft erteilen.

Ein weiteres wichtiges Hilfsmittel für Journalisten sei das Informationsfreiheitsgesetz, so Branahl. Dieses Gesetz gelte allerdings lediglich für die Exekutive sprich für Bundes- und teilweise auch Landesbehörden (hilfreich dabei: fragdenstaat.de), nicht jedoch für die Judikative. Einsicht in Gerichtsakten seien demnach für das journalistische Auge tabu. Die Akteneinsicht bei Bundes- und Landesbehörden vor Ort sowie Aktenkopien von bis zu 20 DIN-A-4 Seiten seien kostenlos. Fallen größere Kopien an, so hat die betreffende Behörde die Möglichkeit, die Kosten in Rechnung zu stellen. „Hier können bei großen Aktenmengen bis zu 2000 Euro anfallen“, warnt Branahl. Für freie Journalisten, die auf eigene Rechnung arbeiten, ein Ding des Unmöglichen?

Um hohe Kosten zu vermeiden, rät Branahl, sich nochmals auf den eigentlichen Recherchefokus zu konzentrieren und bisherige Fragen auf das Wesentliche zu reduzieren und in Teilfragen zu untergliedern. „Außerdem kann man sich immer vorab die Kosten der Informationsbeschaffung berechnen lassen“, sagt Branahl.

 

Teil 2: Der thematische Hammer

Werde der Experte auf deinem Berichtsgebiet! Beim Beat-Reporting, wie es im angelsächsischen Journalismus heißt, geht es darum, sich einen speziellen Themenbereich für die eigene Berichterstattung zu erschließen. Buzzfeed News Deutschland hat solche ausgewiesenen Schwerpunktreporter und -reporterinnen. Pascale Müller ist zum Beispiel Reporterin für Sexualisierte Gewalt, Juliane Löffler für alle Themen rund um LGBT* und Feminismus. „Buzzfeed News war meine erste richtige Anstellung“, berichtet Müller. Noch in ihrer Zeit als freie Multimedia-Journalistin habe sie begonnen, zu sexueller Gewalt und Ausbeutung von Erntehelferinnen in der Landwirtschaft zu recherchieren.  Für ihren Artikel „Vergewaltigt auf Europas Feldern“ ist sie mit dem Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus ausgezeichnet worden.

Um Aufmerksamkeit für ein solches Spezialthema zu schaffen, gehöre es dazu, sich selbst als Reporter für genau dieses Thema bekannt zu machen, so Müller. Das funktioniere, indem man nicht nur über das Thema selbst schreibe, sondern auch über die eigene Vorgehensweise, Hintergründe und Quellen der Recherche berichte, beispielweise über Twitter. Als Journalist also zum Selbstdarsteller werden?

„Selbstdarstellung ist so ein unschönes Wort“, kommentiert Juliane Löffler, „wenn man nicht nur für eine Marke, die häufig wesentlich anonymer ist, arbeitet, sondern auch als Reporter für dieses Thema bekannt wird, dann steigt die Chance, dass Quellen aktiv an einen herantreten und die Leserschaft das Thema besser wahrnimmt“. Wichtig sei hierbei die Nutzung von Social Media, da diese als Multiplikatoren bei der Verbreitung der Themen fungierten. „Wir ziehen Informationen zu unseren Themen aus Social Media und spielen sie anschließend wieder zurück, zum Beispiel in bestimmte Facebook-Gruppen von Betroffenen“, erklärt Löffler. Weiter rät sie, sich innerhalb des eigenen Themengebiets Schwerpunkte zu setzen, das erleichtere die Arbeit.

Gerade für freie Journalisten empfehle es sich, öfter mal größere Geschichten zu machen, ergänzt Müller. Lange und aufwendige Recherchen könnten viele Redaktionen im Alltag nicht bestreiten, weil ihnen häufig das dafür zuständige Investigativ-Ressort fehle. „Das sind dann Lücken, in die freie Mitarbeiter stoßen können“, resümiert die Buzzfeed-Reporterin aus eigener Erfahrung. „Meiner Meinung nach kann man seine journalistischen Fähigkeiten besonders gut in Reportagen und längeren Recherchen zeigen und kommt damit in einigen Redaktionen besser an als mit vielen kleinen Geschichten“, sagt Müller. Bleibt noch die Frage, wie man sich eine ausführliche Recherche als freier Journalist überhaupt finanziert.

„Klar, oft reicht es natürlich nicht aus, um damit eine dreiköpfige Familie zu ernähren, eigentlich noch nicht mal eine zweiköpfige“, erzählt Müller. Sie hat sich ihre Recherchen über Stipendien und Stiftungsgelder finanziert und zum Teil auch selbst Geld investiert. Ein regelmäßiges Gehalt sicherte sie sich mit Redaktions- und Nachrichtenschichten bei Tageszeitungen und Onlineredaktionen. „Trotzdem würde ich nichts anders machen.“

 

Teil 3: Das Schweizer Taschenmesser

Reporterin Verena Hölzl lebt seit 2015 in Myanmar und berichtet von dort als freie Korrespondentin über die Entwicklungen des Landes. Ihre Reportagen verkauft sie zum Beispiel der Deutschen Welle, Spiegel Online und der Deutsche Presse Agentur. Hölzl kommt ursprünglich aus Bayern und hat zuvor bei verschiedenen deutschen Zeitungen gearbeitet, solange bis ihr Wunsch, über die fortschreitenden demokratischen Entwicklungen in Myanmar zu berichten, überwog: „Ich bin dann einfach los“, sagt Hölzl, „und als ich erst einmal vor Ort war, lief es auch gut“. Als freie Reporterin im Ausland sei es wichtig, Geduld mitzubringen und leidensfähig zu sein, denn vor Ort sei man komplett auf sich alleine gestellt, vieles laufe nicht so effektiv wie in Deutschland und keine Redaktion fühle sich für einen zuständig.

Im Ausland seien Recherchen zudem sehr viel teurer als in Deutschland: „Du brauchst einen Fahrer, ein Visum, einen Übersetzer. Das sind Situationen, die deutsche Redakteure und Redaktionen so nicht kennen und die man ihnen erst einmal verklickern muss“, so die Auslandskorrespondentin. Bis die nötige Überzeugungsarbeit geleistet sei, müsse sie daher oft finanziell in Vorleistung treten. Doch Hölzl betrachtet das als Investition in ihre Karriere. Auch wenn der Weg als freie Korrespondentin im Ausland nicht leicht sei, würde sie ihre Entscheidung jederzeit wieder treffen: „Ich habe nie das Gefühl, dass ich auf diesen Job keine Lust mehr habe. Er ist aufregend und macht glücklich.“ Doch wie kommt man in einem fremden Land, dessen Sprache man nicht spricht, überhaupt zu Geschichten, die sich an deutsche Redaktionen verkaufen lassen? Oft sei es hilfreich, sich an der deutschen Medien-Agenda zu orientieren, so Hölzl, und die Themen dann auf eine Meta-Ebene zu heben. Aus einer Geschichte ergebe sich dann oft schon die Nächste. „Mein Themenradar ist rund um die Uhr aktiviert. Manchmal ist das ziemlich anstrengend, weil man auch am Samstagabend um 22 Uhr im Arbeitsmodus ist“, berichtet Hölzl. Doch das Modell des freien Auslandjournalisten könne man nur einheitlich leben.

Als freie Reporterin im Ausland müsse man sich außerdem als ein kleines Unternehmen bergreifen: „Das ist schon ein Job, bei dem man sehr viel Geschäftssinn mitbringen muss, sonst wird man erdrückt oder beutet sich selber aus. Und auch wenn man sich diesen Geschäftssinn irgendwann angeeignet hat, ist es immer noch schwer genug, seine Forderungen durchzusetzen“, so Hölzl. Um ihre Geschichten zu verkaufen, bietet sie sie mehreren Redaktionen gleichzeitig an. „Irgendjemand sagt dann meistens Ja“, sagt sie mit einem Schmunzeln. Den Wert der eigenen journalistischen Arbeit schätzen und vor allem verkaufen zu lernen, ist eine Fähigkeit, die sich freie Journalisten antrainieren sollten. Und sie sollten auch noch etwas anderes mitbringen…

 

Teil 4: Die zeitliche Feile

„Gerade der Freiberufler muss auf vielen Hochzeiten gleichzeitig tanzen“, sagt der Freelancer Henry Steinhau, „deshalb müssten freie Journalisten ein gutes Zeitmanagement haben“. Zu viele verließen sich hierbei auf ihr Bauchgefühl und das könne täuschen. Steinhau arbeitet selbst als freier Journalist in Berlin und ist Mitglied beim Berufsverband Freischreiber. Im Austausch mit anderen freien Journalisten erfährt er, dass sie häufig Zeit für Aufgaben aufbringen, in die eigentlich nicht so viel Zeit fließen dürfe. Genauso sei es, wenn man sich in Themen verliebe, deren Berichterstattung nur schlecht honoriert werde. „Man muss sich oft selbst reflektieren und überprüfen, ob das, was man macht auch wirtschaftlich vernünftig ist“, rät Steinhau.

Die Freischreiber haben daher in Kooperation mit zwei Programmierern Ende 2017 eine Online-Datenbank eingerichtet, in der Journalisten ihre Gehälter und Honorare sowohl anonym eintragen als auch recherchieren können. Zwar seien die Daten nicht repräsentativ für die deutsche Medienlandschaft, könnten jedoch ein Anhaltspunkt für zukünftige Gehaltsverhandlungen sein, heißt es auf der Webseite www.wasjournalistenverdienen.de.

Ist die Höhe des Honorars dann bekannt, sei es wichtig, dieses mit dem Zeitaufwand gegenzurechnen und sich die Arbeitszeiten für jedes Projekt exakt zu notieren. Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in verdi schlägt eine „Arbeitszeit-App“ vor, die Journalisten helfen soll, ihre Arbeitszeit zu dokumentieren. Auch Steinhau setzt auf digitale Tools, die sich durch eine Cloud mit dem Handy, dem Tablet oder dem PC synchronisieren und so jederzeit abrufbar sind. Als Beispiele nennt er „Tyme 2“ und „Timer“. Diese Programme ermöglichten es, eigene Projekte, Aufgaben und Kategorien zu definieren und die dafür angewandte Zeit minutengenau aufzuzeichnen, zu editieren und sich anschließend als Bilanz ausgeben zu lassen. Wer seine aufgebrachte Zeit in einem Balken- oder Kreisdiagramm sieht, so Steinhau, entwickle ein besseres Gefühl dafür, welche Arbeitsaufträge sich tatsächlich lohnen. Außerdem wird ersichtlich, inwiefern die tatsächliche Arbeitszeit die gesetzliche festgelegte Arbeitszeit für Redakteure von 36,5 Stunden pro Woche, überschreitet.

Frank Keil ist ebenfalls Mitglied der Freischreiber und als freier Kulturjournalist in Hamburg tätig. Er macht sich für einen offenen Dialog unter freien Journalisten stark, um so bessere Arbeitsbedingungen für alle zu erwirken. „Der Austausch innerhalb des Berufsverbandes ist wichtig, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Tagessätze in welcher Branche angemessen sind. Ein Fotograf hat zum Beispiel einen höheren Tagessatz als Schreiberlinge“, so Keil. Man dürfe als freier Journalist nicht in dem romantischen Gedanken versinken, nur des Schreibens Willen zu schreiben, fügt Henry Steinhau hinzu. Vielmehr müsse man sich als Mini-Unternehmen verstehen. Ein effektives Selbstmanagement sei hierfür ein wichtiger Bestandteil.

 

#nr18 | Medienkritik

Journalistische Grauzonen (30. Oktober 2018)

Journalist haben eine Meinung, die jedoch nicht immer sichtbar wird. Gerade in Reportagen könnten sie ihre Position noch deutlicher zeigen und vertreten. Doch dann kann es den Anschein machen, als bewegten sie sich in einer Grauzone zwischen journalistischen Grenzen und Aktivismus. Zu diesem komplexen Problem haben sie eine klare Haltung.

von Lorina Ostheim und Tim van Olphen

Vor kurzem sorgte der Fall eines internationalen Rechercheprojekts für Aufsehen in Journalistenkreisen. Ein unabhängiges Journalistenkollektiv, bestehend aus acht europäischen Journalisten und Journalistinnen, konnte aufdecken, wie die EU mit ihrer Agrarpolitik Umweltsünder unter den Mitgliedstaaten subventioniert und fördert.

Daran beteiligt: Greenpeace. Die Nichtregierungsorganisation koordinierte das Projekt nicht nur, sondern finanzierte auch die Arbeit der Journalisten. Die Beteiligung von Greenpeace – vor allem die finanzieller Natur – ließ eine Debatte über die Arbeit von Journalisten und ihre Zusammenarbeit mit NGOs entstehen.

Der Vorwurf: Das Kollektiv sei durch die Zusammenarbeit nicht mehr unvoreingenommen und hätte durch die NGO redaktionell beeinflusst werden können. Die Journalisten würden sich in einem Graubereich zwischen Journalismus und Aktivismus befinden und Transparenz im Umgang mit der NGO und den finanziellen Aspekten vermissen lassen.

Strikte Regeln

Der französische Journalist Mark Lee Hunter hat an dem Rechercheprojekt mitgewirkt. Er sagt, er könne die ethischen Bedenken verstehen, die Zusammenarbeit mit Greenpeace sei jedoch nach strikten Regeln abgelaufen – journalistisch und ethisch. Anforderungen an die Kooperation mit der NGO im Vorfeld seien „nicht anders gewesen als die an andere Medien auch“ und dazu zählten laut Hunter „Transparenz, Informationen, redaktionelle Unabhängigkeit und eben finanzielle Ressourcen“.

Der freie Journalist sieht in der gemeinschaftlichen Arbeit zwischen Journalisten und NGOs kein Problem. Dass er dabei von der NGO für seine Arbeit bezahlt wurde, sei „völlig normal“, sagt Hunter. „So wie Journalisten und Journalistinnen, die bei einem Medienhaus angestellt sind, für ihre Arbeit entlohnt werden, so wurde ich auch für meine entlohnt.“

„Nicht gekauft“

Wichtig sei ihm jedoch, dass er von Greenpeace „nicht gekauft“ worden sei. Vielmehr war es Hunter selbst, der mit der Rechercheidee auf die NGO zuging und eine Zusammenarbeit vorschlug. Auch sehe er sich entgegen mancher Vorwürfe nicht als Aktivist, sondern als ein „Reformer, der die Öffentlichkeit informieren und etwas verändern“ wolle.

Neben Hunter, der bei den Enthüllungen rund um die Umweltsünder in der EU mithalf, treten auch Seenotretter auf dem Mittelmeer, Tierschützer und Menschen, die sich aktiv rechtem Gedankengut entgegenstellen, für eine gute Sache ein.

Wann machen sich Journalisten durch ihr Handeln mit der aus Hanns Joachim Friedrichs‘ berühmten Zitat bekannten „guten Sache“ gemein oder werden gar zu Aktivisten?

Hier erklären Journalisten ihr Rollenverständnis und ihre Haltung zum Aktivismus:

„Position dem Publikum gegenüber transparent machen“ – Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Deutschen Presserats

Lutz Tillmanns, der Geschäftsführer des Deutschen Presserats, fordert: „Position dem Publikum gegenüber transparent machen“

Lutz Tillmanns ist der Meinung, dass Journalisten „Haltung zu gesellschaftspolitischen und sonstigen Themen des Lebens einnehmen und – zurückhaltend – zeigen“ dürfen. Im Rahmen ihrer journalistischen Tätigkeit sollten sie jedoch ihre Position dem „Publikum gegenüber transparent machen“ und keine aktive Rolle in „im weitesten Sinne politischen Institutionen“ einnehmen. Daher halte er es auch nicht für zulässig, wenn Journalisten in eine politische Sache eingriffen und gleichzeitig dazu journalistisch tätig seien.

Wann die Akteure innerhalb des Journalismus ihre „professionelle Rolle verlassen und zu Aktivisten“ werden, hänge vom Einzelfall ab. So befürwortet er beispielsweise die aktive Beteiligung von Journalisten und Journalistinnen an Rettungsaktionen von Flüchtlingen oder deren Vorgehen gegen Rechtsextremismus. Vorausgesetzt sei dabei aber immer, dass Transparenz herrscht und sie ihr Publikum „auch bei der journalistischen Tätigkeit hierüber in Kenntnis setzten.“ Die Arbeit und die persönlichen Aktivitäten der Journalisten müssten daher grundsätzlich mit den allgemeinen Gesetzen und Ethik des Journalismus übereinstimmen. Sollten Journalisten mit ihrer Arbeit in eine Grauzone vordringen und gar rechtliche oder ethische Grenzen überschreiten, „sind sie für diesen Schritt immer erklärungspflichtig.“ Transparentes Vorgehen sei ein wichtiges Kriterium der Qualität journalistischer Arbeit, findet Tillmanns.

 

„Journalisten, die ihre Meinung vertreten, wirken schnell aktivistisch“ – Hilal Sezgin, Kolumnistin der Frankfurter Rundschau

Hilal Sezgin, Kolumnistin der Frankfurter Rundschau, findet: „Journalisten, die ihre Meinung vertreten, wirken schnell aktivistisch.“

„Bei einer Demo gegen einen Schlachthof hatte sich ein Sanitäter menschenverachtend gegen einen Demonstranten geäußert“, sagt Hilal Sezgin. Das habe sie seinem Vorgesetzten gemeldet. Der Sanitäter sei daraufhin entlassen worden. Zunächst habe sie in dieser Situation Unbehagen verspürt und sich gefragt, ob sie damit nicht eine Grenze überschreite, „aber im Nachhinein fand ich, dass meine Position völlig in Ordnung und im Einklang mit den journalistischen Aufgaben war.” Denn als Journalistin verstehe sie sich auf Demos als dritte Partei zwischen den Demonstranten und der Polizei.

Sezgin hat einen Lebenshof auf dem Land, schreibt Bücher und die Kolumne „Unter Tieren“ für die Frankfurter Rundschau. Sie findet: „Ein ‚Ideal‘ journalistischer Arbeit, das erfordert, seine persönliche Haltung herauszulassen, funktioniert nicht.“

Durch ihre Texte, die oft Tierrechte thematisieren, würde Sezgin von manchen Leser_innen als aktivistisch wahrgenommen. „Würde ich eine Reportage über Menschen schreiben, die gefoltert werden, wäre das wahrscheinlich anders. Was Menschen nicht passt, sehen sie eher als Aktivismus“, meint die Publizistin.

Statt sich vornehm zurückzuhalten, sollte sich laut Sezgin im Journalismus niemand scheuen, aktivistisch oder engagiert zu sein. Und: „Journalisten sollten reflektierter berichten. Denn sie sind am Rechtsruck in Deutschland mitschuldig, da sie Themen selektieren und entscheiden, wie intensiv sie über etwas berichten.“

Sezgin selbst möchte Themen, die Tiere bewegen, in die Gesellschaft bringen: „Ich möchte, dass diese Themen auf einer gleichberechtigten Ebene mit Mainstream-Themen diskutiert werden. Ich finde, das entspricht sowohl aktivistischen, journalistischen und erzählerischen Idealen; diese widersprechen sich ja gar nicht.“ Sie erzähle die Geschichten, um die Wahrheit zu zeigen und um Missstände aufzudecken.

 

Mitmach-Journalismus statt Aktivismus – Correctiv: Geschäftsführer David Schraven und Chefredakteur Oliver Schröm, gemeinsame Stellungnahme

Correctiv-Chefredakteur Oliver Schröm

„Correctiv ist hochgradig investigativer Journalismus, nicht Aktivismus“, sagte Correctiv-Chefredakteur Oliver Schröm auf der diesjährigen Netzwerk Recherche-Jahreskonferenz über die Arbeit des gemeinnützigen Recherchezentrums. Auf Anfrage erklären er und Geschäftsführer David Schraven nun gemeinsam, Correctiv betreibe Aufklärungsarbeit, ermittle und vermittle Informationen. Und: „Wir wollen wissen, was bei den Menschen passiert. Deswegen gehen wir zu ihnen.“

Die beiden definieren Aktivismus als besonders intensives Bemühen von Menschengruppen, um politische Forderungen durchzusetzen, „indem sie vor allem außerparlamentarisch Einfluss auf politische Prozesse nehmen“.

Journalismus und Aktivismus beschäftigten sich zwar beide beispielsweise mit Informationen, Vorhaben und Ideen. Doch während Journalismus diesen unvoreingenommen gegenübertrete, um die Öffentlichkeit darüber zu unterrichten, gehe Aktivismus zielgerichtet vor, um damit politische Interessen durchzusetzen.

Die journalistische Berichterstattung dürfe sich im Rahmen geltender Gesetze und Regeln bewegen, bestehe ein Widerspruch müssten Journalisten abwägen: Maßstab müsse das öffentliche Interesse in Abwägung zu anderen widerstrebenden Interessen sein – zum Beispiel der Vertraulichkeit des Wortes, wenn jemand ein vertrauliches Gespräch veröffentlichen wolle.

Eine zunehmend „aktivistischere“ Berichterstattung sei in Deutschland nicht zu beobachten. Zwar würden viele journalistische Bereiche oberflächlicher, doch berichteten laut Schraven und Schröm gerade „Qualitätsmedien immer häufiger intensiver und tiefgründiger“. Durch neue Methoden wie Daten- und Bürgerjournalismus könnten Journalisten „besser und schärfer“ berichten. Das könne dabei helfen, Bürger in der Medienwelt mitmachen zu lassen.

 

„Sich selbst zu kennen ist die Grundlage für gutes Erzählen” – Ronja von Wurmb-Seibel, freie Journalistin

„Sich selbst zu kennen ist die Grundlage für gutes Erzählen”, sagt die freie Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel,

Dass ein Mensch Gefühle und Interessen hat, bedeute nicht, er könne nicht klar denken. „Im Gegenteil”, findet Ronja von Wurmb-Seibel. “Aus meiner Sicht macht gerade das einen guten Journalisten aus: mitzufühlen, Gefühle dann aber entweder aus der Berichterstattung aussparen – im Fall einer Analyse – oder sie zu benennen.”

Die Journalistin und Autorin plädiert für einen seriösen aufgeklärten Journalismus, der entweder Einstellungen und Gefühle transparent miteinbeziehe, „rein analytisch mit hart recherchierten Fakten“ arbeite oder eine Mischung aus beidem sei.

Was Journalisten als Menschen ausmache, seien eben auch Gefühle und politische Einstellungen. Nur sei ein professioneller Umgang damit nötig. Die Idee von Journalisten ohne eine bestimmte Haltung sei einfach fiktiv. „Ich weiß auch gar nicht, wozu das gut sein sollte – wir sind ja keine Roboter”, meint von Wurmb-Seibel.

„Ich persönlich schreibe und berichte ausschließlich über Themen, die mich selbst bewegen – mal als Reportage, mal als recherchierter Bericht, mal als Analyse – und jeweils entsprechend reflektiert und kenntlich gemacht“, erklärt die Journalistin. „Und noch mehr: Ich glaube, sich selbst zu kennen, ist die Grundlage für gutes Erzählen.”

 

„Haltung ist die wichtigste Eigenschaft“ – Bartholomäus von Laffert, freier Journalist

„Als Aktivist müsste ich mich mehr aktiv politisch mit für ein bestimmtes Thema einsetzen“, sagt Bartholomäus von Laffert. Seines Rollenbildes ist er sich bewusst, er sei „in erster Linie“ Journalist. Gleichwohl finde er, viele Formen von Journalismus würden ein aktivistisches Element enthalten. Für ihn persönlich beginne das schon bei der Themensetzung – welche Themen könne er auf die Agenda setzen, bei welchen sagen „das ist wichtig, darüber muss man schreiben!“

Von Laffert hat Sea-Watch vier Wochen lang auf dem Mittelmeer begleitet und viel über seine Erlebnisse an Board geschrieben. Er findet, Haltung sei bei der Berichterstattung die „wichtigste Eigenschaft von Journalisten“. Beim Thema Seenotrettung beispielsweise halte er nicht viel davon, Vertreter von Sea-Watch und Sebastian Kurz in gleichem Umfang zu Wort kommen zu lassen, wenn dieser dann sagen würde, dass „seiner Meinung nach alle Seenotretter Flüchtlingstaxis sind“. Vielmehr lege er seine Recherche offen und „argumentiere und mache transparent, welche Abwägungen ich gemacht habe, dass ich zu einer bestimmten Haltung komme“. Mit dem Objektivitätsbegriff könne er nicht viel anfangen, er sei ein viel größerer Fan von Subjektivität, die transparent stattfinde. Lasse man der vermeintlichen Objektivität halber alle zu Wort kommen, dann „gewinnt am Ende immer der, der am lautesten schreit“.

Der freie Journalist sagt: „Wenn ich auf dem Meer bin und eine Seenotrettungsorganisation begleite, und auf einem Gummiboot sitze während um mich herum Menschen ertrinken, dann ist es das natürlichste der Welt, dass ich da eingreife.“ In dem Moment, in dem er auf das Schiff gegangen sei, sei er „Teil der Crew”, erzählt von Laffert. „Es wäre nur heuchlerisch zu sagen, ‚ich bin in dem Fall unabhängiger und objektiver Journalist‘ – bin ich nicht!“

 

„Aus idealistischen Gründen Unterstützerin und Helferin“ – Andrea Röpke, freie Journalistin (Schwerpunkt Rechtsextremismus)

Die freie Journalistin Andrea Röpke sieht sich als „Dokumentatorin und Aufklärerin eines speziellen Themas“. Foto: L. Schmidt

Andrea Röpke findet, dass viele gute Recherchen nicht Journalisten liefern, „sondern Aktivisten.“ So wie diese zu Experten werden, könnten Journalisten zu Fachleuten werden, die sich „nach einer Veröffentlichung verpflichtet fühlen, weiterzuhelfen“. Die Politologin, die zum Themenschwerpunkt Rechtsextremismus recherchiert und rechte Demonstrationen sowie Veranstaltungen dokumentiert, erzählt, dass es vorrangig um Fakten und Sachlichkeit gehe und eben darum, „ein wichtig erscheinendes Thema sichtbar zu machen“.

Röpke hält diejenigen Journalisten für die lobenswerten, die sich schwierigen Themen annehmen und es nicht bei einer Veröffentlichung belassen, sondern sich „durchaus mit einer Sache gemein machen“, nachdem sie sich intensiv damit auseinandergesetzt hätten. Das Aufkeimen des Rechtspopulismus in Teilen Europas lasse auch „Journalisten, die sich intensiv mit Politik befassen, nicht unberührt“. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen würden nicht nur ihren Job machen, auch hätten sie soziale und politische Ideale. Mit Billigung der Medien sei es den Rechten gelungen, gesellschaftliche Diskurse zu erweitern und Tabus zu brechen. Sie fordere daher nicht unbedingt mehr Aktivismus, sondern vielmehr die „Rückkehr zu Besonnenheit und Fachlichkeit.“ Ihre Rolle sei vorrangig die einer „Dokumentatorin und Aufklärerin eines speziellen Themas“, sagt sie. Aus idealistischen Gründen möchte sie aber auch „Unterstützerin und Helferin“ sein.

 

„Hauptsache eine Haltung ist transparent nachvollziehbar” – Markus Beckedahl, Chefredakteur netzpolitik.org

Markus Beckedahl, Chefredakteur von netzpolitik.org, hält „einen objektiven Journalismus für nicht wirklich existent“.

Markus Beckedahl, Chefredakteur von netzpolitik.org, mag den Begriff „Aktivismus“ nicht, wird aber oft als Netzaktivist bezeichnet. Das englische Wort „advocacy“ – Themenanwaltschaft finde er besser, „das ist aber so spießig, dass der Begriff kaum genutzt wird.“ Unter Aktivismus verstehe er, sich für politische Ziele zu engagieren – meist ehrenamtlich. Wenn Journalisten für etwas eintreten, werde das häufig als Haltung bezeichnet.

„Nicht mit einer Sache gemein machen“, ein Spruch, der Hanns Joachim Friedrichs nachgesagt wird, mache für den öffentlich-rechtlichen Bereich Sinn. „Aber sonst halte ich einen objektiven Journalismus für nicht wirklich existent. Ich finde es gut, dass Teile des Journalismus sich mittlerweile trauen, mehr Haltung zu zeigen. Das wird dann häufig schon als aktivistisch wahrgenommen.“ Hauptsache, die Haltung sei transparent nachvollziehbar und journalistische Standards wurden eingehalten.

„Wir sind bei netzpolitik.org sehr transparent, sowohl in unserer Finanzierung als auch, wofür wir einstehen“, so Beckedahl. Sie sähen sich als Journalisten, handelten so, berichteten aber aus der Perspektive von digitalen Grundrechten – und schrieben das dazu. „Wir nutzen Journalismus, um für Demokratie und Grundrechte einzutreten. Insofern bewegen wir uns auf der journalistischen Seite in der Nähe zur advocacy“, erklärt Beckedahl. Als Journalist aus demokratischer Perspektive zu berichten, sollte selbstverständlich sein. Denn ohne Demokratie sei Journalismus schwer durchführbar.

 

„Geschichten dürfen nicht zur Währung werden” – Verena Hölzl, freie Journalistin

Nach Ansicht von Verena Hölzl sind Journalisten und Aktivisten in gewisser Weise aufeinander angewiesen. Foto: Pyae Sone Win

Im September 2017 strömten durchgehend Geflüchtete nach Bangladesch ein. Es regnete stark, die Menschen hatten Hunger, suchten Zuflucht und waren teils verletzt. Damals fragte sich Verena Hölzl häufig, ob sie nun besser helfen oder mit ihrem Interview weitermachen solle. „Ich habe das für mich ganz klar definiert: Meine Rolle ist die der Journalistin. Vor allem in Krisensituationen, in denen nicht viel Zeit ist für Überlegungen, ist das essentiell“, beschreibt sie. Geschichten dürften nicht zur Währung werden. Es sei bereits zu Handgreiflichkeiten gekommen, da die Geflüchteten durch Hölzls pure Anwesenheit erwartet hätten, Hilfe zu bekommen.

Ihrer Ansicht nach sind Journalisten und Aktivisten in gewisser Weise aufeinander angewiesen: Journalisten könnten Botschaften von Aktivisten einem breiten Publikum zugänglich machen. Aktivisten lieferten neue Ansätze oder könnten Kontakte herstellen, da sie sich längerfristiger mit Themen beschäftigten als Journalisten.

„Das Aktivistische an meiner Arbeit ist vermutlich, dass ich dazu beitrage zu dokumentieren, was vielleicht eines Tages als Völkermord in die Geschichte eingeht. Mehr nicht“, findet Hölzl, die als freie Journalistin aus Myanmar berichtet. Hilfe sei die Aufgabe von Hilfsorganisationen.

„In der Berichterstattung zu den Rohingya stehe ich sehr nahe an der Grenze zum Aktivismus. Das liegt daran, dass es zwar wie immer zwei Seiten dieses Konfliktes gibt, das Ausmaß der Brutalität des burmesischen Militärs gegen die Rohingya allerdings so überproportional war, dass sich ganz natürlich alle Geschichten nur darum drehen – und kaum um die Rohingya-Aufständischen“, schildert Hölzl ihre eigene Situation. „Die Regierung von Myanmar wirft uns ausländischen Journalisten deshalb Aktivismus und Einseitigkeit vor.“

 

Machen sich Journalisten nun durch ihr Handeln mit einer guten Sache gemein und werden sogar zu Aktivisten?

Aus den Antworten der Journalistinnen und Journalisten wird deutlich, dass das simple Vertreten einer persönlichen Meinung, selbige nicht gleich zu Aktivisten macht. Im Gegenteil – es ist sehr wichtig, Haltung zu zeigen. Angesichts des verstärkt auftretenden Rechtspopulismus, durch Donald Trump, die italienische Regierung und nicht zuletzt durch die AfD, ist es gerade jetzt erforderlich, dass Journalisten und Journalistinnen Stellung beziehen und klare Kante zeigen.

Es wäre naiv zu glauben, dass Journalistinnen und Journalisten mit ihren Texten nicht auch ihre eigene Meinung wiedergeben. Insgesamt darf aber dabei die Transparenz – wie es Markus Beckedahl sagt – nicht in den Hintergrund rücken. Meinungen und Haltungen müssen transparent und nachvollziehbar sein. Objektiven Journalismus gibt es nicht.

Viele der Befragten sehen es gerade in diesen Zeiten als wichtig an, mit NGOs zusammenzuarbeiten, sich an der Rettung von Flüchtlingen zu beteiligen, oder sich aktiv für Tierrechte einzusetzen. Dies widerspricht nicht der journalistischen Ethik. Journalisten müssen in der Berichterstattung jedoch redaktionelle Unabhängigkeit wahren und sich ihrer jeweiligen Rolle bewusst sein.

Ob sie durch ihr Handeln eine aktivistische Position einnehmen, hängt vom Einzelfall und den sozialen sowie politischen Idealen ab. Um es mit den Worten von Verena Hölzl zu sagen: „Egal wie klar man seine Rolle definiert, am Ende ist man doch nur Mensch.“

 

#nr18 | JournalistINNEN

“Es geht um die Expertise – nicht das Geschlecht” (22. Oktober 2018)

‚Dicke-Eier-Themen’ sind Geschichten hinter verschlossenen Türen, mit komplexen Datenmengen oder in gefährliche Milieus. Die Recherchen ähneln der Arbeit von Detektiven und werden fast immer von Männern übernommen. Warum sind Frauen im Investigativjournalismus so selten? Zwei junge Kolleginnen berichten aus ihrem Arbeitsalltag in einer Männerdomäne.

von Wiebke Bolle und Tabea Schäffer

Pascale Müller (BuzzFeedNews) und Margherita Bettoni (Correctiv) sind zwei junge Frauen im männerdominierten Investigativjournalismus. Ihre Recherchen handeln von Politik, sexualisierter Gewalt oder der Mafia –  sogenannte harte Themen, die oft von männlichen Kollegen beackert werden. Kein Wunder, dass die großen Journalistenpreise fast alle an Männer gehen. Was macht den investigativen Journalismus zur vermeintlich letzten Männerdomäne der Branche?

Klischees als Hindernis

Pascale Müller von Buzzfeed Deutschland
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Foto: Stefan Beetz

BuzzFeedNews-Reporterin Müller meint, es gebe ein Missverständnis darüber, was unter dem Begriff ‚investigativ‘ zu verstehen sei. Denn Themen könnten investigativ sein, ohne von Korruption oder der Mafia handeln zu müssen. Zum Beispiel könne man auch über soziale Ungerechtigkeit oder den Pflegebereich aufdeckend recherchieren. Dies tun aber noch immer vergleichsweise wenig Frauen. Doch warum eigentlich? Ein Grund könnte die  klischeehafte Wahrnehmung bei der Rollenverteilung im Journalismus sein: Männer machen die gefährlichen, übergeordneten, schwierigen Themen und Frauen eben die seichteren aus dem Alltag. Das ärgert Müller, denn „es geht um die jeweilige Expertise einer Person, statt um ihr Geschlecht.”

Frauen trauen sich zu wenig zu

„In der Branche scheitern Frauen manchmal, weil sie sich Vieles selbst nicht zutrauen”, so Müller weiter, die für ihre Recherchen zu sexueller Gewalt an Erntehelferinnen mit dem Otto-Brenner-Preis ausgezeichnet wurde. Frauen sind also oft nicht selbstbewusst genug. Das verbreitete Bild des ‚harten, aggressiven Journalisten’ lässt viele Frauen vom Investigativjournalismus zurückschrecken. Müller plädiert deshalb dafür, Verunsicherung und Selbstzweifel zu überwinden. „Sie sollten ein gesundes Selbstbewusstsein für sich und ihre Themen entwickeln – Eier zeigen!”

Die männliche Herangehensweise

Männer dagegen fühlen sich häufiger für bestimmte Themenbereiche zuständig, gehen selbstsicherer an Recherchen heran und sehen sich eher als Experten. „Ich habe mich lange nicht getraut, ‚Mafia-Expertin’ auf meine Visitenkarte zu schreiben, obwohl ich schon über vier Jahre in dem Milieu unterwegs bin”, sagt Bettoni von Correctiv. Ihre Kollegen hätten das schon nach zwei kurzen Recherchen behauptet. Die Italienerin schreibt einen eigenen Mafia-Blog für das investigative Recherchezentrum. Ihr Spezialgebiet: Drogen, Schwarzgeld, Morde und Ermittlungen.

Selbstvertrauen, Frauennetzwerke, Mut

Ein Rat, den Müller Kolleginnen mit auf den Weg geben möchte, ist, den Irrglauben zu überwinden, Investigativjournalismus beruhe auf angeborenem Talent. „Das ist kein Hexenwerk, sondern journalistisches Handwerk”, betont die Reporterin. Doch Selbstunterschätzung ist ein weitverbreitetes Phänomen unter Frauen und eine der größten Hürden in der Branche. Journalistinnen sollten mehr einfordern, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Bettoni ermutigt zudem zum Aufbau eines eigenen Netzwerks. „Unterstützt und vernetzt euch. Knüpft Kontakte in Redaktionen, tauscht euch untereinander aus und stellt Fragen”, schlägt sie vor. Als Investigativjournalistin braucht es also persönliches Engagement, Selbstvertrauen und Solidarität – aber vor allem Mut.

#nr18 | JournalistINNEN | Lokaljournalismus

Junge Chefredakteurinnen wollen Mut machen (27. September 2018)

Zwei Chefredakteurinnen zeigen, welche Rolle es spielt, wenn auf dem Chefsessel der Lokalredaktion eine Frau sitzt und welche Herausforderungen sie dabei meistern müssen.

von Nele Wehmöller

Nur fünf von 100 Chefredakteuren deutscher Lokalzeitungen sind weiblich. Das hat eine Studie des Vereins ProQuote Medien gezeigt, für die 2016 100 Regionalzeitungen in Deutschland untersucht wurden, die ihren Mantelteil noch selbst produzieren. Zwei dieser fünf Frauen sind Sabine Schicketanz und Ulrike Trampus.

Schicketanz übernahm schon früh Verantwortung. Mit 26 Jahren Lokalchefin, mit 37 Chefredakteurin der Potsdamer Neueste Nachrichten (PNN): Als junge, blonde Frau konnten manche Kollegen mit ihr als Chefin gar nicht umgehen. „Das musste sich erst einspielen“, sagt die heute 41-Jährige. Ihr sei es dann darauf angekommen, sich Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu erarbeiten, als Vorbild zu agieren und gleichzeitig authentisch zu bleiben.

Frauen führen anders

Dass die Kommunikation im Team mit einer Frau an der Spitze eine andere ist, weiß auch Trampus, Chefredakteurin der Ludwigsburger Kreiszeitung. „Die Herangehensweise an Themen, das Arbeiten im Team und die Abgabe von Verantwortung sind unter der Führung einer Frau anders.“ Sie gibt gerne viel Verantwortung an ihr Team ab, dem sie ohne viel Kontrolle vertraut.

Seit mittlerweile 15 Jahren ist sie Chefredakteurin bei verschiedenen Lokalzeitungen. Ihres Wissens nach gab es seitdem nie mehr als sieben Chefredakteurinnen bei den deutschen Lokalzeitungen. Früher seien Kollegen aus anderen Redaktionshäusern zudem oft überrascht gewesen, wenn sie erfahren hätten, dass sie Chefredakteurin ist. Das sei heute nicht mehr so, da habe sich schon etwas verändert.

Aber noch nicht genug, findet Schicketanz: „Ich glaube, dass sich vermutlich in vielen Redaktionen die Vertrauenskultur ändern muss, und zwar in beide Richtungen. Es sollten die Verantwortlichen Frauen genauso viel vertrauen wie Männern und es sollten Frauen mehr auf sich vertrauen.“ Es gebe einen Mentalitätswechsel, der in vollem Gange sei und zu dem auch die #MeToo-Debatte beigetragen habe.

Es sei gut, dass Frauen nun wüssten, dass sie sich nicht alles gefallen lassen müssten. Gleichzeitig ist es Schicketanz wichtig, dass Frauen in der Redaktion nicht vorsichtiger behandelt werden. Unabhängig vom Geschlecht sollten alle Kollegen konstruktiv, kritisch und menschlich fair miteinander umgehen.

„Geschlecht spielt keine Rolle“

Ähnlich denkt auch Benjamin Piel, der im Juni neuer Chefredakteur des Mindener Tageblatts (MT) geworden ist und somit nun zu den 95 lokalen Chefredakteuren in Deutschland gehört. Er unterscheide gar nicht zwischen Frauen und Männern. Für ihn spiele das im Redaktionsalltag keine Rolle. Im Übrigen seien drei seiner fünf Ressortleiter weiblich. Von einer Quote, die der Verein ProQuote Medien seit 2012 fordert, halte er daher wenig. Schließlich müssten auch die Qualifikationen stimmen.

Dass gerade in bereits modern aufgestellten Verlagen wie der PNN oder dem MT auch mehr Frauen zum Zuge kommen, beobachtet auch Johanna Lemke. Sie ist Kulturredakteurin der Sächsischen Zeitung und hat als ehemaliges Vorstandsmitglied von ProQuote die Studie zu den weiblichen Führungskräften in den Lokalmedien mit durchgeführt. Ein Großteil der Verlage sei oft noch ein Familienunternehmen mit sehr konservativen Strukturen. Das Bewusstsein für eine nötige Veränderung sei hier noch gar nicht vorhanden.

In der Mediendebatte werde der Blick immer auf Spiegel, Süddeutsche und Co. gelegt und die Leistung der Regionalzeitungen gar nicht diskutiert, kritisiert Lemke. Es könne nicht sein, dass nicht auffällt, wie wenige Frauen dort in Führungspositionen oder Stellvertreterpositionen arbeiten würden. Laut ProQuote sollen daher die Zahlen der Studie Ende 2018 überprüft und auf den aktuellsten Stand gebracht werden.

Forschungsbedarf bei Lokaljournalisten

Dass in diesem Bereich noch Forschungsbedarf besteht, bestätigt auch Wiebke Möhring, Professorin für Journalistik an der Technischen Universität Dortmund. „Auf gesicherter Datenlage wissen wir relativ wenig über die Alters-, Geschlechts- und Ausbildungsstrukturen von Lokaljournalisten“, sagt sie. Die letzten wissenschaftlichen Untersuchungen lägen Jahre zurück. Oft gebe es daher nur vage Einschätzungen oder Beispiele, die auch die aktuelle Rolle der Frauen dort thematisieren würden.

Vor allem bei den überregionalen Medien hat sich die Situation durch die Forderung einer Quote laut Sabine Stamer, Vorstandsmitglied von ProQuote, aber schon gebessert. Bei den Lokalmedien bedürfe es hingegen weiter Geduld und Druck, damit Frauen nicht mehr nur als „Eyecandy“ gesehen würden. „Die Arbeitsverhältnisse müssen so gestaltet werden, dass auch Familien existieren können.“ Dabei sei es wichtig, dass auch Männer und nicht nur Frauen das Recht und die Möglichkeit haben, sich um ihre Kinder zu kümmern. Es müsse neu darüber nachgedacht werden, wie es gelingen könne, dass Frauen Kinder haben und gleichzeitig engagiert Karriere machen können.

Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, sei definitiv nicht einfach, gibt Schicketanz zu. Ob sie Chefredakteurin werden wolle, wurde Schicketanz 2014 gefragt, als sie gerade im Mutterschutz mit ihrer zweiten Tochter war. Keine leichte Entscheidung, wenn der Vater ebenfalls als Journalist berufstätig ist. „Je mehr Zeit man in der Redaktion verbringt, desto höher ist der Preis. Aber man kann das alles organisieren“, betont die Potsdamer Chefredakteurin. Sie rät jungen Journalistinnen daher, mutig zu sein und sich nicht von Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf einschüchtern zu lassen, sondern mit gutem Beispiel voranzugehen. Wenn es niemand vorlebe, ändere sich schließlich nichts.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Bei Ulrike Trampus war das anders. Kinder zu bekommen, hat sich bei ihr nicht ergeben. Mit Abend- und Wochenendterminen sei ihre Position eben kein Nine-to-Five-Job. Dass sich viele Frauen aber gar nicht erst trauen, Verantwortung zu übernehmen, beobachtet auch sie. Bei einer kürzlich ausgeschriebenen Stelle einer Ressortleitung hätte sich von 30 Interessenten nur eine Frau beworben.

Damit Journalistinnen mehr auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen, setzt sich neben ProQuote beispielsweise auch der Journalistinnenbund für Frauen im Journalismus ein. Er unterstützt und ermutigt junge Journalistinnen, sich zu einer Führungsposition hochzuarbeiten. Die Vorsitzende Rebecca Beerheide betont, dass vor allem das Netzwerken mit anderen Kolleginnen innerhalb und außerhalb der eigenen Redaktion dafür wichtig ist. Als Frauen müsse man in der Branche, in der es oft auch um Konkurrenzverhalten gehe, zusammenhalten. Ihr Verein bietet neben Netzwerkmöglichkeiten in Regionalgruppen spezielle Mentoring-Programme an. Dabei werden junge Journalistinnen von erfahreneren Kolleginnen begleitet.

Als gutes Beispiel vorangehen und zeigen, dass auch Frauen im Journalismus Verantwortung übernehmen und eine Redaktion leiten können, darum geht es Schicketanz und Trampus. Auch Piel ist das im Umgang mit Frauen in einer Lokalredaktion wichtig. „Wir müssen in ganz vielen Punkten Mutmacher sein“, so Piel. Ob nun als Mann oder Frau – das sollte gar keine Frage mehr sein.

#nr18 | Fernsehen | Social Media

„STRG_F“: Journalismus auf YouTube (18. September 2018)

Besonders bei jungen Menschen macht YouTube einen großen Teil der Mediennutzung aus. Klassische Nachrichtenangebote, allen voran der öffentlich-rechtliche Rundfunk, haben das Nachsehen. Ein Projekt von ARD und ZDF geht jetzt dahin, wo die junge Zielgruppe längst ist. Kann das gut gehen?

von Anna Neumann und Sebastian von Hacht

Die klassischen Medien – also Zeitungen, Radio- und Fernsehen – haben nicht nur die Aufgabe, die Gesellschaft zu informieren, sondern sie sorgen ein Stück weit auch für die Sozialisierung ihrer Konsumenten. Auf YouTube übernehmen letzteres die sogenannten Influencer. Egal ob Bibi, Dagi Bee oder Simon Unge: Sie alle lassen ihre Zuschauer an ihrer Welt teilhaben. Oder zumindest an dem, was sie als ihre Welt präsentieren. Das junge Publikum dieser Kanäle baut verstärkt eine parasoziale Beziehung zu den Influencern auf, berücksichtigt Tipps und Trends und vertraut auf das, was die Influencer erzählen. Klassische Medien mit ihren Informations- und Unterhaltungsangeboten werden dabei zunehmend vernachlässigt.

Doch wie reagieren alteingesessene Medieninstitutionen wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf den schleichenden Bedeutungsverlust? ARD und ZDF haben 2016 ihr digitales Jugendprojekt „funk“ gestartet, an dem auch viele YouTuber beteiligt sind. Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 29 Jahren sollen mit dem Onlineangebot erreicht werden. Also eine Zielgruppe, die ansonsten eher selten Medienangebote der Öffentlich-Rechtlichen nutzt. Das Konzept: Auf den Social-Media-Plattformen Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat und eben auch YouTube werden verschiedenste Formate veröffentlicht, die nur für diese Plattformen produziert werden. Von 2016 bis 2017 wurden über alle Kanäle hinweg rund 256 Millionen Views auf YouTube gezählt, 90 Millionen Aufrufe auf Facebook.

Neben diversen Unterhaltungsformaten gibt es seit Februar 2018 auch erstmals ein auf Recherche ausgelegtes Format namens „STRG_F“. Die geläufige Tastenkombination zum Suchen ist der Titel des YouTube-Kanals, der federführend von der Redaktion der NDR-Sendung „Panorama“ zum „funk“-Portfolio beigesteuert wird. Einmal wöchentlich geht es dabei laut eigener Beschreibung um Themen, die vor allem 20- bis 29-Jährige politisch und gesellschaftlich berühren. Rund 71.000 User haben den Kanal mittlerweile abonniert. Im ersten und nach Klickzahlen bisher erfolgreichsten Video des Kanals geht es um die Recherche rund um Investmentvermittler, die versuchen, über Social Media junge Leute anzuwerben. Die Reportage zeigt die Machenschaften hinter WhatsApp-Gruppen, in denen fragwürdige Tipps gegeben werden, wie man angeblich in kurzer Zeit reich wird.

Anja Reschke, Leiterin des Ressorts Innenpolitik beim NDR-Fernsehen und Moderatorin von „Panorama“, sagte über den neuen YouTube-Kanal in einem Statement: „ Ich habe mich immer gefragt, wie es uns gelingen kann, investigative Inhalte, auch mal anstrengende Themen, in denen es um Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Umwelt und deren kritische Betrachtung geht, jungen Menschen zu erzählen. Denn natürlich interessieren sie sich dafür, was um sie herum passiert und was wie zusammenhängt. ‚STRG_F‘ ist genau dieses Angebot an junge Leute.“

Auch auf der diesjährigen Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche in Hamburg war YouTube ein Thema. Ein Panel diskutierte die Medienmacht der Videoplattform. Mit dabei: Kommunikationsforscher und Medienexperte Prof. Dr. Lutz Frühbrodt von der Hochschule Würzburg. Aktuell forscht der Professor für Fachjournalismus zur Bedeutung und Entwicklung von YouTube.  „Bei den erfolgreichsten Kanälen spielt Information und Journalismus allerdings eine untergeordnete Rolle“, sagt Frühbrodt. „‚STRG_F‘ ist da wirklich noch ein Vorreiter. Es stehen nicht Influencer vor der Kamera, so wie in den meisten Videos, sondern eben Journalisten.“

Ebenfalls auf dem Podium: Salome Zadegan. Die Journalistin hat ein Volontariat beim NDR absolviert und in dieser Zeit an der Entwicklung von „STRG_F“ gearbeitet. Es habe bei „funk“ einfach den Wunsch gegeben, mehr journalistische Formate in das Angebot aufzunehmen, erklärte die Redakteurin. „Und dann haben wir beim NDR angefangen und rumentwickelt.“ Sich dabei an anderen Formaten mit dieser Ausrichtung zu orientieren, sei nach Zadegans Angaben gar nicht möglich gewesen, da es kaum Vergleichbares gebe. „Bei der Optik und der Art Geschichten zu erzählen, wollten wir uns einfach ausprobieren und uns nicht an etwas abarbeiten“, so die Journalistin. Am Anfang seien viele Stile pilotiert worden, auch mit mehr Magazin-Charakter oder in kommentarartiger Form. Dies habe aber nicht funktioniert. „Wir haben uns dann an Reportagen versucht, aber immer auf eine neue Weise und nicht so, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Und wir haben schnell gemerkt, dass das unser Weg ist.“

Auf Augenhöhe

„STRG_F“ ist laut Zadegan erstmal auf eine Laufzeit von einem Jahr ausgelegt. Nach sechs Monaten soll ein erstes Zwischenfazit gezogen werden. „Wir haben das Glück, dass wir jetzt nach vier Monaten bereits fast alle selbstgesteckten Ziele erfüllen konnten“, sagt Zadegan.

Den Anspruch besonders investigativ zu sein, haben die Macher von „STRG_F“ nicht: „Das Label ‚investigativ‘ ist eine Bürde. Was genau investigativ ist, hängt immer von der Zielgruppe ab. Wir haben uns dieses Label selbst nicht gegeben, da es ein kaum zu realisierendes Versprechen wäre, bei 52 Filmen im Jahr zu sagen, wir sind investigativ“, beschreibt Salome Zadegan die Intention des Teams. Gleichzeitig gebe die Redaktion den Zuschauern aber schon das Versprechen etwas herauszufinden. „Bei uns ist die Recherche die Geschichte. Auf Augenhöhe mit unseren Zuschauern bleiben wir dadurch, dass bei uns Menschen aus der Zielgruppe für die Zielgruppe arbeiten.“

Lutz Frühbrodt sieht in „STRG_F“ eine Mischform aus klassischen Fernsehelementen und andersartigen YouTube-Features: „Neu in der Herangehensweise ist sicherlich die verstärkte Personalisierung. Persönliche Befindlichkeiten des Reporters werden dargestellt, ähnlich wie bei Influencern.“ Diese Art treffe natürlich auch den Zeitgeist von YouTube und spreche damit die anvisierte Zielgruppe an. Wichtig sei aber, dass die Darstellung journalistisch bleibt und keine zu persönliche Ebene zu den Zuschauern aufgebaut werde. Hier müsse man sich von klassischen Influencer-Videos abgrenzen, so der Experte. Insgesamt merke man aber, dass das Format noch in der Findungsphase ist: „Die Spannbreite reicht von schnellen Schnitten im YouTube-Stil, über Versprecher, die nicht rausgeschnitten werden, bis zu ruhigeren Erzählweisen.“ Persönlich fehle Frühbrodt noch die Metaebene. Bestimmte Tugenden, für die die Öffentlich-Rechtlichen stehen, könnten seiner Meinung nach hier durchaus bewahrt werden. „Um dem vielzitierten Bildungsauftrag gerecht zu werden, könnten die Recherchen noch mehr hinterfragt werden.“

Experte ist skeptisch

Doch ist die Präsenz von ARD und ZDF auf YouTube allgemein überhaupt der richtige Weg? „Für die Öffentlich-Rechtlichen bietet YouTube leider keine neutrale Plattform, sondern ist natürlich auch ein Konkurrent“, glaubt Lutz Frühbrodt. Ziel müsse es sein, die Zuschauer der Videos auch wieder als Zuschauer der herkömmlichen Angebote im Fernsehen zu gewinnen. Ob eine solche Strategie wirklich erfolgsversprechend ist, stellt Professor Frühbrodt in Frage. Aber die Sender müssten in jedem Fall aktiv werden und dem neuen Gegner nicht einfach das Feld überlassen.

Für Salome Zadegan ist der Schritt, den ARD und ZDF mit „STRG_F“ gegangen sind, ein ganz wichtiger gewesen. Er habe einen Prozess angestoßen. „Ich finde es großartig wie bereit die Sender sind, sich auf Geschichten einzulassen, die per se erstmal nichts mit öffentlich-rechtlich zu tun haben“, unterstreicht die Redakteurin. Man sei jetzt da, wo die junge Zielgruppe ist. „Und nun werden wir immer weiterentwickeln und anpassen.“

#nr18 | Afrika | Audio

Eine große Herausforderung – Journalismus in Afrika (4. September 2018)

Über Journalismus in Afrika ist hierzulande nur wenig bekannt. Um einen Einblick in aktuelle Situationen zu bekommen, hat Magdalena Neubig mit einer Journalistin aus Burkina Faso sowie zwei Journalisten aus Liberia und Malawi gesprochen. Wie ist es um den Journalismus, Meinungs- und Pressefreiheit in ihren Ländern bestellt, mit welchen Schwierigkeiten haben sie zu kämpfen? Was für Medienhäuser gibt es dort überhaupt und wie arbeiten diese? (mehr …)

#nr18 | Pressefreiheit

„Wir geben nicht auf!“ (27. August 2018)

Ein Blick hinter die Kulissen von forbidden stories

von Mirjam Bittner und Pia Seitler

In einer konzertierten Aktion veröffentlichten verschiedene internationale Medien Rechercheergebnisse zur Ermordung von Daphne Caruana Galizia. Foto: Fritz Zimmermann

Am 16. Oktober 2017 tötet eine Autobombe in Malta die Journalistin Daphne Caruana Galizia. Ein halbes Jahr später veröffentlichen Medienhäuser wie die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, der NDR und WDR, die New York Times, der Guardian, Reuters und La Repubblica ihre Rechercheerkenntnisse zum Fall Daphne. Die Hintermänner sind bis heute nicht gefasst. Die Recherche der Medienorganisationen zeigt: Ermittler ignorieren Hinweise auf höchste politische Kreise.

Dass mitten in Europa eine Journalistin getötet wird, weil sie ihre Arbeit macht, will Laurent Richard nicht hinnehmen: „Wir müssen diese Geschichten am Leben erhalten.“ Richard ist Journalist und Filmemacher beim französischen Sender Premières Lignes Télévision. Er gründete das Netzwerk forbidden stories mit dem Ziel, Journalisten zu beschützen und die internationale Pressefreiheit zu verteidigen. Das Netzwerk hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Arbeit von Journalisten weiterzuverfolgen, die sich bedroht fühlen oder bereits getötet wurden – wie Daphne Caruana Galizia.

18 Medienorganisationen aus 15 Ländern

Das sogenannte Daphne-Projekt war das erste Projekt von forbidden stories. Journalisten von 18 Medienorganisationen aus 15 Ländern recherchierten gemeinsam, um die Arbeit der ermordeten Kollegin weiterzuführen. Der Mord an der maltesischen Journalistin motivierte viele, erzählt Fritz Zimmermann aus dem Investigativ-Ressort der Zeit: „Das hat etwas bei uns ausgelöst. Journalisten aus ganz Europa wollten etwas tun.“

Unter der Leitung von forbidden stories trafen sich Anfang des Jahres 45 Journalisten in Paris. Es wurde besprochen, welche Themen recherchiert werden, wer woran arbeitet und wann die Ergebnisse veröffentlicht werden. Dabei ergaben sich die ersten Schwierigkeiten. Der geplante Zeitpunkt der Veröffentlichung – der 16. April 2018, genau sechs Monate nach Daphnes Ermordung – war ein Montag. Die Wochenzeitung Die Zeit erscheint aber an einem Donnerstag. Die Journalisten fanden einen Kompromiss. Sie planten, die erste Geschichte über den Mord am 17. April zu veröffentlichen und dann nach und nach die weiteren Rechercheergebnisse zu publizieren.

„Die Idee des Projekts war, in Echtzeit allen alles zur Verfügung zu stellen, sodass alle an den Geschichten weiterarbeiten können“, erzählt Zimmermann. Über ein Wiki auf dem Server des Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP), einem Recherchenetzwerk mit Sitz in Sarajevo, koordinierten die Journalisten sämtliche Schritte und luden dort ihr gesamtes Material hoch. Dokumente, Interviews, Zeitpläne – alles war gespeichert und für alle zugänglich. „Wir haben alles miteinander geteilt. Es gab keine exklusiven Informationen“, so Holger Stark, Leiter des Investigativteams der Zeit. Über Signal, einem frei zugänglichen verschlüsselten Messenger, kommunizierten sie miteinander. „Über Monate klingelte das Handy und hörte einfach nicht auf“, berichtet Zimmermann. Das habe ihn an die Grenzen seiner Aufmerksamkeit gebracht. „Das Grundprinzip war, dass keine unverschlüsselte Kommunikation grenzüberschreitend läuft“, erklärt Stark.

Durch Maßnahmen wie diese versuchten die Journalisten, ein größtmögliches Maß an Sicherheit für alle Beteiligten herzustellen: „Die Mörder von Daphne wissen, wer wir sind, deshalb haben wir natürlich Bedenken, was unsere Sicherheit angeht“, sagt Laurent Richard. Darum sei es auch ein Ziel von forbidden stories, dass viele Journalisten zusammenarbeiten, um sich gegenseitig Schutz zu bieten. Ein weiteres Ziel ist der Schutz der internationalen Pressefreiheit: „Der einzige Weg, einen freien Journalismus zu verteidigen, ist es, Morde an Journalisten aufzuklären, die Mörder zu entlarven und die Gesellschaft über die Recherchen zu informieren“. So auch das Motto des Netzwerks – „you can’t kill the stories“.

Unterschiedliche Journalismuskulturen

Wenn 45 Journalisten aus 15 Ländern miteinander gemeinsam recherchieren, ergeben sich auch Herausforderungen. Lena Kampf arbeitet für das investigative Ressort des WDR in Berlin und Brüssel und war Teil des Daphne-Projekts. Sie berichtet von ganz unterschiedlichen journalistischen Kulturen.

Während man in Deutschland Personen mit Rechercheergebnissen konfrontiere und ihnen 48 Stunden Zeit für eine Stellungnahme gebe, bevor man dann veröffentliche, brauche man in Großbritannien erst die Antwort von jedem Beteiligten, bevor man veröffentlichen könne. Der Umgang mit verdecktem Material und anonymen Quellen sei schon bei den Medienorganisationen innerhalb Deutschlands unterschiedlich gewesen. Es stellte sich hier außerdem öfter die Frage nach Übersetzungen von englischen Zitaten. „Wir hatten am Ende zwar alle dieselben Beweise, die allerdings in den unterschiedlichen Zeitungen unterschiedlich aufbereitet wurden“, sagt Kampf über die Ergebnisse des Rechercheprojekts.

Nicht nur die unterschiedlichen journalistischen Herangehensweisen konfrontierten die Reporter mit ungewohnten Problemen, auch die Arbeit auf der Insel Malta. „Der Arbeitsalltag ist schwierig für Leute aus stabilen Ländern, wo du niemals daran denken würdest, dein Auto vorher nach einer Bombe abzusuchen“, so Matthew Caruana, Sohn von Daphne Caruana Galizia. Caruana unterstützte das Projekt von Anfang an: Er lobt die Journalisten, die in vertrauensvoller Zusammenarbeit die Erkenntnisse seiner Mutter bestätigten, die zuvor deswegen kompromittiert wurde. „Es gibt Situationen, wo du dich nicht mehr auf den Schutz des Staates verlassen kannst. Deshalb braucht es Projekte wie dieses – leider.“

Die Recherchen sind noch nicht beendet

Trotz der neuen Herausforderungen war das Projekt ein Erfolg, finden Zimmermann und Kampf. „Die Idee war, die Arbeit von Daphne weiterzuführen und sie in andere europäische Länder zu bringen. Wir konnten viele Dinge, die Daphne herausgefunden hatte, bestätigen und sagen: ‚Sie hatte Recht!‘“, so Zimmermann.

Die Recherchen sind dennoch lange nicht am Ende: „Wir haben das Daphne-Projekt noch nicht beendet. Es gibt immer noch so viele Fragen, so vieles, was noch aufzuklären ist“, sagt Laurent Richard. Aufgeben komme jedenfalls nicht in Frage. Deshalb arbeiten Journalisten aus aller Welt neben dem Daphne Project an weiteren Geschichten, unter dem Mantel von forbidden stories. Über aktuelle Projekte möchte Richard allerdings nicht sprechen, um diese und die Journalisten, die daran arbeiten, nicht zu gefährden.

#nr18 | International

„Ständig ein Schwert am Hals“ (22. August 2018)

Die arabische Journalistin Rana Al-Sabbagh kämpft mit ihrem Netzwerk Arab Reporters for Investigative Journalism (ARIJ) für einen unabhängigen Journalismus in der arabischen Welt. Ein mitunter lebensgefährlicher Job, den die Journalisten nur im Team meistern können. In der arabischen Welt ist der Alltag der Journalisten noch immer stark geprägt von autoritären Regimen und korrupten Politikern.

 

Journalistin Rana Al-Sabbagh glaubt daran, dass sich die Situation für Journalisten in ihrer Heimat wie-der verbessern kann. Foto: privat

 

Frau Al-Sabbagh, Sie haben ein Netzwerk gegründet, dass die kritische und unabhängige Berichterstattung stärken soll. Welche Rolle spielt der investigative Journalismus in der arabischen Welt?

Al-Sabbagh: Journalismus ist ein wichtiger Eckpfeiler für eine funktionierende Demokratie und die investigative Recherche ist die Königsdisziplin im Journalismus. Meiner Meinung nach verkörpert sie das wahre Wesen des aufklärenden Journalismus als vierte Gewalt.

 

Was heißt das in Ihrem Alltag?

Der investigative Journalismus ermöglicht es, sich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen. Aber es geht nicht nur darum, Fakten zu sammeln und zu dokumentieren, sondern auch darum, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. In unseren ARIJ-Berichten zeigen wir, wie ein Gesetz auf dem Papier funktioniert und wie es in der Realität umgesetzt wird. Gleichzeitig erklären wir dem Leser, welche Konsequenzen daraus resultieren und welche Lösungen es dafür geben könnte.

 

Was haben die ARIJ damit bisher erreicht?

Wir haben schon über 470 Berichte veröffentlicht, von denen übrigens noch keiner vor Gericht angefochten wurde. Es ist schön zu sehen, dass unsere Geschichten eine Wirkung entfalten und tatsächlich eine Veränderung erzielen. Nachdem einer unserer Journalisten beispielsweise einen Beitrag über die Veruntreuung von Schulgeldern durch die irakische Regierung veröffentlicht hat, mussten sich die Betroffenen vor Gericht verantworten. Darauf können wir stolz sein. Allein die Tatsache, dass wir mit den ARIJ seit 2005 in der arabischen Welt aktiv sind, ist für mich ein Wunder.

 

Was sind die Herausforderungen in Ihrer täglichen Arbeit als Journalistin?

 

Rana Al-Sabbagh ist Gründerin der Arab Reporters for Investigative Journalism (ARIJ) mit Sitz in Amman, Jordanien, die sie seit 2005 als Direktorin leitet. Sie hat unter anderem für Al-Hayat und Reuters gearbeitet und war die erste Chefredakteurin bei der Jordan Times. Die ARIJ unterstützen Journalisten in Jordanien, Syrien, Libanon, Ägypten, Irak, Bahrain, Palästina, Je-men und Tunesien. Bislang hat das gemeinnüt-zige Netzwerk über 2.000 Journalisten trainiert und über 460 investigative Berichte finanziert.

Wo soll ich anfangen? In Jordanien ist es, wie in den meisten arabischen Ländern, sehr schwer, Informationen zu bekommen. Wir haben keine Gesetze, die uns den Zugang zu Daten garantieren und wenn doch, dann werden sie oft nicht eingehalten oder sind mit großen Einschränkungen verbunden. In Jordanien gibt es 26 Gesetze und Vorschriften, die den Journalismus regulieren sollen, und wir stehen ständig unter Beobachtung. Bei uns sagen wir, es fühlt sich an, als würde einem ständig ein Schwert am Hals liegen. Leider ist das bei uns Alltag. Viele Chefredakteure wollen eine gute Beziehung zur Regierung haben, um ihren Status und ihre Privilegien zu schützen, und halten deshalb die Füße still. Oft geben sie ihren Journalisten weder Zeit noch Geld, um ein Problem zu untersuchen.

 

Wie wirkt sich das auf die Journalisten aus?

Viele meiner Kollegen haben Angst. Oft wenden sie sich mit investigativen Geschichten zuerst an unser Netzwerk und wollen sich dann gründlich absichern, bevor sie ihre Untersuchungen veröffentlichen. Und diese Angst ist nicht unberechtigt. Im Sudan wurde beispielsweise ein Journalist aus seinem Job geworfen, nur weil er Hühnerfarmen entlarvt hat, die illegal in Wohngebieten untergebracht waren. Diese Farmen haben eindeutig gegen das Gesetz verstoßen und noch dazu schlechten Geruch und Krankheiten verbreiten. Doch der Journalist wusste nicht, dass eine dieser illegalen Farmen dem Verleger seiner Zeitung gehört, sonst hätte er sich wahrscheinlich gut überlegt, ob er seinen Beitrag veröffentlicht. Die traurige Wahrheit ist, dass bei vielen arabischen Journalisten die Selbstzensur bereits in ihrer DNA liegt. Darüber hinaus ist der Journalismus einer der am schlechtesten bezahlten Jobs bei uns. Viele müssen am Ende für vier Medienplätze gleichzeitig arbeiten und die gleiche Geschichte immer wieder recyceln, nur um zu überleben.

 

Nach dem Arabischen Frühling gab es für eine Weile die Hoffnung, dass sich die Situation für Journalisten verbessern würde. Glauben Sie noch daran?

Seit die Autokraten den arabischen Frühling 2011 umgekehrt haben, hat sich die Situation für uns wieder enorm verschlechtert. Selbst in Tunesien, dem Aushängeschild des Arabischen Frühlings, beklagen die Journalisten, dass sich die alte Mentalität, die in den Medien herrschte, nicht langfristig verbessert hat. Das Einzige, was sich geändert hat, ist, dass die Beamten zehn Mal darüber nachdenken, bevor sie einen Journalisten unter Druck setzen, sich nicht zu einer bestimmten Angelegenheit zu äußern, weil sie Angst haben, ihr Eingreifen könnte aufgedeckt werden. Aber natürlich gibt es trotzdem noch einige mutige, unabhängige Journalisten, die sich für eine Verbesserung einsetzen. Auch ich gebe die Hoffnung nicht auf.

 

Haben Sie bei all ihrem Engagement auch manchmal Angst bei der Arbeit?

Natürlich. Bei den ARIJ stellen wir immer doppelt und dreifach sicher, dass alle unsere Inhalte ausschließlich auf Fakten basieren und dass wir keine Angriffsfläche für ein gerichtliches Verfahren bieten. Dafür beraten wir uns auch mit Anwälten. Ich denke, jeder Journalist bei uns hat Angst, schließlich arbeiten wir in einem der riskantesten Jobs in einer der gefährlichsten Regionen der Welt. Wir werden oft bedroht oder sogar angegriffen. Einer unserer Kollegen im Irak, der eine Korruptionsaffäre aufgedeckt hat, wurde nach der Veröffentlichung in seinem Auto beschossen. Ein freiberuflicher Kameramann, der heimlich mitgefilmt hat, wie der IS Schulbücher voller Hass gedruckt hat, wurde anschließend verhaftet und enthauptet. Im Jemen ist die Situation unbeschreiblich und Ägypten ist inzwischen zu einem der weltweit größten Gefängnisse für Journalisten geworden.

 

Ist die Arbeit im Team daher auch ein Schutz?

Die Arbeit im Team gibt uns die Stärke, die wir in unserem Alltag brauchen. Wir unterstützen uns beruflich, beispielsweise bei aufwändigen Recherchen, aber auch psychisch. Nur so können wir Tag für Tag unserer Arbeit nachgehen.

 

Bei all den Herausforderungen und Gefahren in Ihrem Beruf – warum sind Sie da überhaupt Journalistin geworden?

Schon seit ich ein kleines Kind war, hat mir meine Mutter immer gesagt, ich solle für das Recht anderer Menschen kämpfen. Wenn ich früher auf der Straße gespielt und gesehen habe, dass ein Kind von einem stärkeren Kind geschlagen wurde, bin ich immer dazwischen gegangen und habe das stärkere Kind zurückgeschlagen. Ich wollte immer schon Gerechtigkeit auf der Welt. Dass ich dann Journalistin geworden bin, war allerdings ein Zufall. Ich bin über einen Freund der Familie an ein Praktikum in einer Redaktion gekommen, dass ich erst gar nicht machen wollte. Der Chefredakteur hat meinen Schreibstil am Anfang nur kritisiert, so dass ich sogar öfter geweint habe. Aber meine Inhalte kamen gut an. Ich habe schon immer schonungslos darüber geschrieben, was tatsächlich passiert in der Welt und wie das unser Leben beeinflusst. Ich glaube, der Journalismus kann einiges bewirken.

 

In der arabischen Welt werden Frauen noch immer unterdrückt, auch im Journalismus, und trotzdem haben Sie es geschafft, ein investigatives Netzwerk aufzubauen. Wie schätzen Sie die Situation von Journalistinnen aktuell ein?

Wir Frauen müssen oft zehn Mal härter arbeiten als unsere männlichen Kollegen, um uns zu beweisen. Frauen können oft nicht alleine reisen. Wenn sie heiraten wird von Ihnen oftmals erwartet, dass sie ihren Beruf aufgeben und sich nur noch um die Kinder und die Küche kümmern. Wir werden von Traditionen und Gesetzen diskriminiert, nur weil wir Frauen sind. Aber egal ob weiblich oder männlich, wir alle leben in einem unfreien, korrupten System. Man kann andere Menschen zwingen, einen zu respektieren, indem man professionell ist und Karriere macht.

 

Die ARIJ sind die einzige Organisation ihrer Art in der arabischen Welt. Wünschen Sie sich mehr Unterstützung von internationalen Medien?

Ja, das würde mich freuen. Sie könnten uns beispielsweise unterstützen, indem sie ihre urheberrechtlich geschützten Inhalte und ihre technischen Fähigkeiten mit uns teilen. Wir leben in einer globalen Welt, in der es keine Grenzen mehr gibt.

 

Die Fragen stellte Lisa Santos

#nr18 | Social Media

Privat hier? “Windschief und geheuchelt” (12. August 2018)

Journalisten stehen immer in der Öffentlichkeit. Auch bei Twitter. Doch viele twittern dort „privat“. Was soll das? Zehn twitternde Journalisten antworten.

von Alexander Grantl und Yannick von Eisenhart Rothe

Journalisten sollen in den sozialen Medien auf Kritik an Politikern verzichten – auch, wenn sie die Medien privat nutzen. Dieser Vorstoß aus einem Entwurf für “Social-Media-Leitlinien” des ORF sorgte im vergangenen Jahr für Wirbel, viele ORF-Journalisten protestierten. Am Ende äußerte sich sogar Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) skeptisch über das Vorhaben.

In deutschen Medienunternehmen gibt es keine so strengen Richtlinien dazu, wie sich Mitarbeiter in sozialen Medien am besten verhalten sollen. In einem internen ARD-Dokument gab der Sender seinen Journalisten Empfehlungen, wie sie Interessenskonflikte vermeiden können. ARD-Journalisten seien immer auch Repräsentanten der ARD – für sie gälten daher auch online “die Grundsätze des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Orientierung geben und die Meinungsbildung unterstützen, ohne eine Meinung vorzugeben.”

Das Papier forderte zudem ARD-Journalisten zum Umdenken auf, die bei Twitter angegeben haben, nur ihre “private Meinung” zu twittern: Ein solcher Hinweis könne nämlich “nicht verhindern, dass Nutzer/innen die Ebenen persönlich und beruflich vermengen”. Zudem könnte diese Angabe den Eindruck erwecken, der ARD-Journalist dürfe in seinem Sender nicht das senden, was er eigentlich denke.

Trotz Richtlinien und gut gemeinter Empfehlungen – der Blick in die Twitter-Profile deutscher Journalisten zeigt: Viele von ihnen geben an, sie twitterten “privat”. Wie sinnvoll ist das? Wir haben nachgefragt.

 

Die Granden des twitternden Journalismus sind sich uneinig. Die Mehrzahl der Befragten gibt zwar an, dass das Label „privat“ unnötig oder irreführend finden, einige argumentieren aber auch für die Unterscheidung.

Die ÖR-Journalisten Nicole Diekmann, Sonja Mikich und Claus Kleber halten sie für wichtig und trauen dem Publikum Differenzierung zu (für die ausführlichen Statements einfach auf den jeweiligen Namen klicken). „Die meisten Menschen merken den feinen Unterschied, wir sollten sie nicht unterschätzen“, mahnt WDR-Chefredakteurin Mikich und stellt sich gegen die Richtlinie der ARD.

Kleber argumentiert ähnlich und empfiehlt, „bernhard poerksen redaktionelle gesellschaft“ zu googeln. Tut man das, stößt man unter anderem auf einen Gastbeitrag des Thübinger Medienwissenschaftlers Pörksen. Darin erläutert er seine Utopie der „redaktionellen Gesellschaft“.

Pörksen fordert, dass ob der Entwicklung des Publikums zum potenziellen Sender journalistische Normen und Prinzipien Teil der Allgemeinbildung werden müssten, am besten durch die Einführung von Medienkompetenz als neuem Schulfach.

Kleber wünscht sich also von seinem Publikum, dass es sich bemüht, zwischen privatem Twitter-Kleber und professionellem Heute-Journal-Kleber zu trennen.

Der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer widerspricht, er hält das Label „privat“ für „windschief und vielleicht sogar etwas geheuchelt“. Wenn er sich öffentlich äußere, tue er das natürlich in seinem Beruf als Journalist. Melanie Amann vom Spiegel, Annett Meiritz vom Handelsblatt sowie Birgit Schmeitzner vom Bayerischen Rundfunk und dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger argumentieren ähnlich: Twitter ist nicht privat, die Rollen seien nur schwer zu trennen. Zu diesem Schluss kommt nach einigem Nachdenken auch NDR-Journalistin Annette Leiterer: Sie hat ihre Twitter-Biografie nach unserer Anfrage geändert, von „privat hier“ in „kein NDR-Account“.

Einige „privat“-Verweigerer nennen eine ähnliche Faustregel, wie sie sich auf Twitter äußern: Sage nichts, was du nicht auch auf einem öffentlichen Podium sagen würdest. Oder, wie der Twittergrundsatz bei der dpa heißt: „Don’t be stupid.“ Also, erst nachdenken, dann twittern.

Oder man macht es wie Stefan Ottlitz. Der Produktchef beim Spiegel mag es laut eigener Twitter-Bio nicht, „wenn jemand ‚hier privat‘ in die Twitter-Bio schreibt“. Ottlitz‘ Twitterhandle lautet übrigens @hierprivat.

#nr18

19 Nachwuchsjournalisten, 16 Seiten, 1 Zeitung (5. Juli 2018)

Studierende des Fachbereichs Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg haben auch in diesem Jahr den nestbeschmutzer, die Tagungszeitung zur Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche, produziert. Im Seminar „Journalistisches Darstellen II“ unter Leitung von Message-Herausgeber Prof. Dr. Volker Lilienthal recherchierten sie aktuelle medienjournalistische Themen mit Bezug zur Konferenz. (mehr …)