Kommunikationswissenschaft | Medienkritik

Den Klimaschutz nicht zerreden. Vier Fallen der Klimakommunikation (16. September 2019)

Wenn am kommenden Wochenende der UN-Klimagipfel in New York beginnt, dürfte der mediale Aufmerksamkeitsstrudel um Klimaaktivistin Greta Thunberg noch einmal an Kraft gewinnen. Michael Brüggemann, Professor für Klima- und Wissenschaftskommunikation an der Universität Hamburg, kritisiert die Fokussierung der Berichterstattung auf die Person „Greta“ und die fehlende inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Außerdem erklärt er, was gängige Argumentationsmuster in der Klimaschutzdebatte mit einem Stau zu tun haben.

von Michael Brüggemann

Ein Mädchen segelt über den Atlantik und die Welt schaut zu. Von der Bild-Zeitung bis zur New York Times, von RTL bis zur FAZ, überall berichten die Medien intensiv über Greta Thunbergs Überfahrt auf einem Renn-Segelboot nach New York zu einer Konferenz der Vereinten Nationen zum Thema Klimawandel. Greta grüßt von Titelseiten vom britischen Männer-Lifestyle-Blatt GQ bis zum deutschen Stern. „Greta“ wird zu dieser Zeit häufiger auf Google gesucht als „Klimawandel“. Dabei wollte sie doch nicht auf sich aufmerksam machen, sondern auf die Menschheitsherausforderung Klimaschutz.

Greta Thunbergs Streik für Klimaschutz hat Schüler weltweit inspiriert, besonders auch in Deutschland. Die deutsche Politik hat nach anfänglichen Kommentaren nach dem Motto „Überlasst das Thema mal den Profis“ oder „Demonstrieren geht doch auch am Wochenende“ ein Ideenfeuerwerk gezündet, wie man das Klima retten kann. Und Angela Merkel erfand das so genannte „Klimakabinett“ und gab die Losung heraus: „Schluss mit Pille-Palle“, – was eine interessante Diagnose über die deutsche Klimapolitik darstellt.

Die Aufmerksamkeit für das Thema Klimaschutz ist eine große Chance, dass nun die Debatte beginnt, die die Kräfte freisetzt für die ökologische Umgestaltung unserer Gesellschaft. Auf dem Weg dahin sind aber einige Kommunikationsfallen zu umgehen. Es hilft, wenn man sie kennt.

Die bequeme menschliche Psyche als Falle: Wir leben im Zeitalter kognitiver Dissonanz. Unser Handeln steht im Widerspruch zu unserem Wissen. Wir wissen, dass unsere Wirtschafts- und Konsumgewohnheiten Klima- und Ökosysteme aus dem Tritt bringen mit gravierenden Risiken für Mensch und Natur. Wir wissen, dass große Änderungen notwendig wären – und bisher nicht genug passiert. Das verursacht Angst, Wut, Überforderung, zumindest aber ein Unwohlsein, das Menschen vermeiden wollen. Das Gefühl von Dissonanz kann man abbauen, indem man unsere Art zu wirtschaften und zu leben umkrempelt, – nur ist dies mit Mühen, Kosten, Konflikten, Unsicherheiten verbunden.

Unsere Psyche hält bequemere Wege zum Abbau von Dissonanz bereit: indem wir Probleme leugnen, verharmlosen, den Kopf in den Sand stecken. Es hilft auch, beschwörende Ersatzhandlungen vorzunehmen: Placebo statt Medizin, Kompensationsgutschein statt Verzicht auf einen Flug, Symbolpolitik und Aktionismus statt Politik. So flog Angela Merkel 2007 mit dem damaligen Umweltminister Sigmar Gabriel zum ikonischen Foto-Shooting in roten Anoraks vor schmelzenden Eisbergen nach Grönland, und vor kurzem wieder nach Island, wo gerade ein Gletscher symbolisch beerdigt wurde. Die Botschaft von 2007 war, die Klimakanzlerin schafft das schon. Die Schülerproteste haben uns erinnert: Wir haben keine Klimakanzlerin.

Eine andere Vermeidungsstrategie unangenehmer Gefühle ist Fatalismus oder die Verschiebung von Verantwortung: „Was bringt es schon, wenn ich auf meine Flugreise verzichte? Was bringt es schon, wenn nur Deutschland seine Emissionen reduziert? Die Luftfahrt (Kreuzfahrten, Fleischkonsum, … hier kann man alles einsetzen) bringt doch nur eine Einsparung von wenigen Prozent der weltweiten Emissionen.“ Die Schlussfolgerung, dass es also nicht meine Verantwortung ist, nicht die unserer Regierung, nicht die unserer Branche, sondern die von anderen, wirkt als eine bequeme Entschuldigung dafür, nichts zu tun. Dabei summieren sich die kleinen Einzelentscheidungen auf zum großen Effekt – wie bei der Entstehung eines Staus.

Umgekehrt gibt es auch unter Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft die Tendenz, die Verantwortung auf die Konsumenten zu schieben. Angeblich wollen die Konsumenten viel billiges Fleisch aus Massentierhaltung essen, immer größere und schwerere Autos kaufen. Weil also die Bürger schuld sind, braucht die Politik nicht tätig werden. Diese Argumentation ignoriert die Bedeutung politischer Rahmenbedingungen, die Entscheidungen von Menschen und Unternehmen in bestimmte Richtungen lenken. Wenn der Bus nur jede Stunde fährt, dann wähle ich eben das Auto… Aber etwas Wahres ist auch dran an der Verschiebung der Verantwortung auf die Bürger: Das Abwählen von Politikern, die keinen effektiven Klimaschutz betreiben, ist tatsächlich eine Angelegenheit, die die Wähler selbst übernehmen müssen.

Dieses Wissen um die eigene Macht als politischer Bürger hilft, um mit den psychischen Herausforderungen der Klimadebatte umzugehen: Ich kann etwas tun als Konsument, aber mehr noch als Wähler und durch politisches Engagement. Gerade die Teilnahme an einer Fridays for Future Demonstration hilft, denn sie zeigt: Du bist nicht allein mit dem Klimaproblem. Zusammen lässt es sich besser lösen.

Die Medienlogik-Falle: Der Journalismus will beide Seiten einer Debatte zu Wort kommen lassen, er betont extreme Meinungen und Konflikte, um Aufmerksamkeit zu bekommen, und giert nach immer neuen Themen. All dies sind problematische Tendenzen beim Thema Klimawandel. Insbesondere in Fernsehdebatten, und vor allem in den USA, herrschte lange das Prinzip falscher Ausgewogenheit: ein Klimaforscher sitzt zusammen mit einem Leugner des menschengemachten Klimawandels auf dem Sofa und soll den Klimawandel diskutieren. Falsch ist dieses Verständnis von Ausgewogenheit, weil sich die Klimawissenschaft weltweit einig ist, dass es den menschengemachten Klimawandel gibt und damit gravierende Risiken verbunden sind.

Eine weitere Eigenheit der Medienberichterstattung ist Personalisierung und Fokussierung auf Events statt auf langfristige Prozesse. Viele Medien berichten über Greta Thunberg als Mensch (Personalisierung) und ihren Segeltrip (Ereignis) statt zu diskutieren, wie die internationale Klimapolitik besser werden kann. Einfache Themen schlagen komplizierte. Regelverstöße bekommen Aufmerksamkeit: Wenn die Schüler samstags demonstriert hätten, dann wäre das Thema gar nicht auf die Titelseiten gekommen. Vor allem anfangs richtete sich die Debatte dann auch auf das Thema Schuleschwänzen (einfach) statt Klimaschutz (kompliziert).

Dann brauchen die Medien immer neue Themen und dramatische Wendungen. Wenn Greta erst als Heldin stilisiert wird, dann muss sie im zweiten Schritt gestürzt werden, indem man enthüllt, dass sie gar nicht so heldinnenhaft ist. So berichteten sehr viele deutsche Medien darüber, dass die Segelfahrt von Greta gar nicht so klimafreundlich war, weil für die Rückfahrt eine neue Schiffscrew nach New York fliegen sollte. All dies ist legitime Berichterstattung, aber unmerklich ist das Thema nicht mehr Klimaschutz, sondern Greta Thunberg. So zieht der mediale Aufmerksamkeitsstrudel ein Thema nach dem anderen hinunter. „Dann ist das Thema durch“, sagen Journalisten – fatal für Langzeitprobleme wie den Klimawandel.

Noch viel problematischer als in journalistischen Medien ist die Klimadebatte in sozialen Netzwerken und auf YouTube. Die Algorithmen, kombiniert mit dem Klickverhalten der Mediennutzer, haben die Klimadebatte weit weggerückt von Fragen, die tatsächlich in Wissenschaft oder Politik diskutiert werden. Stattdessen blühen gerade beim Thema Klimawandel Verschwörungstheorien und wechselseitige Beschimpfungen.

Auch diese Probleme sind vermeidbar. Journalisten könnten ihre professionellen Routinen kritisch hinterfragen und bewusst die Aufmerksamkeit auch auf langfristige, gesellschaftlich relevante Probleme zu lenken, statt als Meute auf News-Treibjagd zu gehen und dann alle die gleiche irrelevante Geschichte über die Kohlendioxid-Bilanz einer Segeltour zu schreiben. Das Management von YouTube, Facebook und Twitter könnte die Logiken hinter ihren Algorithmen überdenken. Und auch wir Mediennutzer können überlegen, für welche Medien wir Geld ausgeben, wohin wir klicken und was wir liken und weiterleiten. Denn wir sind Teil der großen digitalen Aufmerksamkeitsmaschine.

Die von Lobbyisten aufgestellte Falle: Es gibt aber auch die ganz bewusste Störung der Debatte durch Leugnung des Klimawandels, gezielte Angriffe auf die Glaubwürdigkeit von Klimawissenschaftlern, strategische Versuche, das Thema herunterzuspielen – mit dem Ziel Klimaschutzpolitik zu verhindern. In den USA laufen schon seit 30 Jahren solche Kampagnen, finanziert durch Öl- und Energiewirtschaft oder Millionäre, mit Investitionen in diesen Branchen. Bis heute fließt Geld in Thinktanks mit Pseudo-Experten, die auf Industrie-finanzierten Konferenzen und in entsprechenden Büchern den Klimawandel als Schwindel darstellen oder verharmlosen. In Deutschland ist das bisher eine Randerscheinung, hier wurde das Thema eher vergessen als geleugnet.

Die Redaktion berichtet kritische über den Kreuzfahrt-Boom und der Verlag vermarktet „traumhafte Kreuzfahrten für unsere Leser“.

Was in Deutschland wichtiger ist als die Aktivität einer kleinen Gruppe von Leugnern des Klimawandels, sind die täglichen Werbebotschaften, die uns zum Kauf klimaschädlicher Produkte aufrufen. Während ich online den warnenden journalistischen Artikel zum Klimawandel lese, blinkt rechts die Werbung für eine Kreuzfahrt oder den Kauf eines SUVs. Dieser Grundwiderspruch tangiert auch prominente Medienmarken und unterminiert deren Glaubwürdigkeit. So titelte der Spiegel im August (Nr. 33): „S.O.S. Wahnsinn Kreuzfahrt – die dunkle Seite eines Traumurlaubs“ – aber der Verlag vermarktet als „Spiegel-Leserreise“ fortwährend „traumhafte Kreuzfahrten für unsere Leser“ und fantasiert in den Verkaufsprospekten vom „ewigen Eis“ – das es infolge Klimawandel leider gar nicht mehr gibt.

Die verschiedenen Industrien betreiben so Anti-Klimaschutzkommunikation, ergänzt um Greenwashing. Es wird suggeriert: Durch das Kaufen neuer Produkte wirst Du nicht nur glücklich, sondern Du stehst im Einklang mit der Natur und schützt vielleicht sogar das Klima. Das ist häufig eine grobe Irreführung. Während bei der Leugnung des menschengemachten Klimawandels ein Ignorieren des Leugners vermutlich die beste Lösung ist, so könnte bei Werbung vielleicht die Regelung bei Zigaretten ein gutes Beispiel abgeben: Wie wäre es mit einem Pflichttext, der den relativen Schaden ausweist, den das jeweilige Produkt in Herstellung, Betrieb und Entsorgung für Klima und Umwelt verursacht?

Die Polarisierungsfalle: Die USA haben sich, angeheizt auch durch die oben genannten Kampagnen, zu einem gespaltenen Land entwickelt. Die Leugnung des Klimawandels ist zum Teil der politischen Identität der republikanischen Partei geworden. Umweltaktivisten sind ein Feind, mit dem man nicht einmal mehr redet (und umgekehrt). Als Small-Talk-Thema mit Unbekannten fällt der Klimawandel aus, weil man nie weiß, ob man nicht womöglich in Streit gerät. In Deutschland sehen wir gerade beim Thema Greta Thunberg und Fridays for Future, wie sich vor allem in sozialen Medien ebenfalls die Aggressionen hochschrauben. Es besteht zumindest ein Risiko, dass auch hier das Thema Klimaschutz zum Opfer einer allgemeinen verhärteten Frontenbildung wird.

Klimakommunikation, die die Identität, Werte und den Lebensstil anderer Menschen pauschal angreift, heizt dies an. Vorwürfe und die Titulierung als Sünder werden niemanden überzeugen, sondern Gegenvorwürfe erzeugen. Denn niemand ist ein Klimaheiliger, und dies ist auch nicht der Anspruch, an dem wir die engagierten Schüler von Fridays for Future messen sollten. Greta hätte das Flugzeug nach New York nehmen können. Sie darf genauso um die Welt fliegen wie jeder andere Mensch. Ihre Botschaft bleibt wahr, auch wenn die Botschafterin keine Heilige ist. Genauso wenig ist jeder Fleischesser oder Autofahrer ein Sünder, wenngleich unbestritten diese Konsumentscheidungen eben dem Klima schaden.

Auf Seiten der Klimaschützer ist der Unterschied zwischen der Kommunikation von Fridays for Future und der radikaleren Extinction Rebellion offenkundig: Erstere haben die Mitte der Gesellschaft erreicht, Schüler, Eltern, Wissenschaftler, die nichts kaputtmachen wollen, sondern unsere Welt lebenswert erhalten wollen. Wenn man aber mit radikalen Parolen und destruktiven Protestformen schockieren will, dann generiert das zwar Aufmerksamkeit, es schreckt aber die moderaten Kräfte ab, ohne die es keine politischen Mehrheiten für entschiedenen Klimaschutz geben wird.

Damit die große Debatte auch zu großen Fortschritten beim Klimaschutz führt sollte Kommunikation auf allen Ebenen, vom Gespräch mit der Nachbarin bis zum Klimagipfel der UN immer wieder bei drei Fragen ansetzen: In welcher Welt wollen wir leben? Und: Was können wir tun, um diese Welt zu bekommen? Wie kann ich meinen Bedürfnissen zum Beispiel nach Genuss oder Selbstverwirklichung nachgehen, ohne das Klima zu schädigen? Das sind die Fragen, die die positiven Antriebskräfte freisetzen, die wir für effektiven Klimaschutz brauchen.

#nr19 | Interview | Medienkritik

„Hysterisch, unsensibel, sensationsgeil“ (15. August 2019)

Journalistik-Professor Tanjev Schultz über Terrorberichterstattung

 

Terrorristen instrumentalisieren die Aufmerksamkeitsökonomie der Medien für ihre Zwecke. Wie gehen deutsche Redaktionen mit dieser perfiden Strategie um?

Tanjev Schultz ist Professor für Journalistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Als Redakteur der Süddeutschen Zeitung berichtete er früher unter anderem über den Terror des NSU. Dafür wurde er kürzlich zusammen mit anderen mit dem Nannen Preis ausgezeichnet.

Schultz: Nach meinem Eindruck wird der Umgang professioneller. Viele Redaktionen haben ihre Abläufe nach den Vorfällen der vergangenen Jahre überprüft und sind sich zum Beispiel der Gefahren bewusst, die von Gerüchten ausgehen, die auf Social-Media-Plattformen verbreitet werden. Die Grundprobleme sind allerdings seit Jahren gleich: dass zu reflexartig berichtet wird, zu hysterisch, zu unsensibel, zu sensationsgeil. Dass Informationen zu wenig hinterfragt werden. Dass ein Rudel von Medienleuten an den Tatorten herumläuft und schon durch ihr massives Auftreten Opfer und Augenzeugen einschüchtert, instrumentalisiert, eventuell sogar weiter traumatisiert.

Dass bild.de Ausschnitte aus dem Video des Attentäters von Christchurch zeigte, führte zu einer Rüge des Presserats. Warum treffen Redaktionen nach all den Erfahrungen mit Anschlägen immer noch solch fatale Entscheidungen?
Auch wenn es Lernprozesse in den Redaktionen gibt: In extremen Lagen lassen sich Journalisten schnell mitreißen – der Konkurrenzdruck ist dann besonders hoch. Es herrscht eine aufgewühlte, aufgekratzte Grundstimmung, das kann zu falschen Entscheidungen verleiten. Dazu kommt: Anschläge finden großes Interesse beim Publikum, und vor allem die Boulevardmedien machen gerne das, was sie am besten können – oder glauben, am besten zu können: Sie bedienen das Interesse, indem sie die hochschießenden Emotionen noch anheizen und verstärken.

Oft liegt der Fokus der Berichterstattung auf dem Täter. Ist das ein Problem?
Es hat nach dem Anschlag in Christchurch, aber auch zuvor schon eine Reflexion darüber stattgefunden, wie viel Raum Medien den Tätern geben sollen. Je größer und gleichsam heroischer einzelne Täter in den Medien erscheinen, desto eher könnte das Nachahmer anstacheln – das erscheint mir ein plausibler Zusammenhang, auch wenn es hier keine einfachen und monokausalen Erklärungen geben kann. Ich halte allerdings nichts davon, den Namen eines Massenmörders in der Öffentlichkeit zu verschweigen. Das geht nach hinten los. Diese Täter werden dann erst recht zu einer mythischen Figur. Wer die Hintergründe einer Tat verstehen will, kommt nicht daran vorbei, auch die Hintergründe des Täters zu ergründen.

Das Interview führte Samira Debbeler

#nr19 | Medienkritik | Relotius

Reemtsma mahnt Journalisten: „Lasst das lieber sein“ (15. August 2019)

Der Fall Relotius irritiert die Medienwelt nun seit Jahresende 2018 und sorgte für einen ­Imageschaden des Journalismus. Auch auf der nr-Jahreskonferenz 2019 dominieren die ­Themen Glaubwürdigkeit, Fehlerkultur und Fact-Checking.

von Wiebke Knoche und Paula Lauterbach

„Wer die Reportagen von Relotius als journalistisches Meisterwerk ausgezeichnet hat, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank“, sagte der Philologe, Sozialwissenschaftler und Mäzen Jan Philipp Reemtsma zum Auftakt und erntete großen Applaus. Die journalistische Stilform der Reportage nötige den Leser, den Blick des Autors auf die Wirklichkeit nachvollziehen zu müssen. Das sei ihm, Reemtsma, zu privat und interessiere ihn nicht. Eine scharfe Kritik, die Barbara Junge, stellvertretende Chefredakteurin der taz, zu entkräften versuchte. Eine Verdammung der Reportage als Darstellungsform hält die Journalistin für falsch. Einige Leser würden die Dinge eben gerne etwas plastischer lesen.

Sozialforscher Jan Philipp ­Reemtsma ging in seiner ­Er­öffnungsrede hart mit der ­Reportage als Stilform ins Gericht. / Foto : Wulf Rohwedder

Neben der Textform Reportage rückte das journalistische Selbstverständnis in den Fokus der Diskussion. Journalistinnen und Journalisten stünden vor der Herausforderung, ein Publikum zu bedienen, das faszinierende Texte lesen wolle. Doch da das Leben nicht immer schillernde Geschichten bereithalte, komme es häufig zu einer Selbstüberhöhung. „Journalisten wollen immer mehr sein als sie sind. Wir sind Handwerker, aber wir wollen Künstler und Schriftsteller sein und das verleitet uns“, sagte Annette Ramelsberger, Gerichtsreporterin bei der Süddeutschen Zeitung. Auch Barbara Junge warnte vor einer unangemessenen Überhöhung durch die Selbststilisierung des Reporters. Der Fokus müsse wieder stärker darauf liegen, die Leser zu informieren. Eine Debatte, die angesichts der momentanen Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus, die sich in „Fake News“- und „Lügenpresse“-Vorwürfen widerspiegelt, aktueller nicht sein könnte.

Bloß keine Gemütlichkeit

Die naheliegende Frage aus dem Publikum „Warum investiert ihr nicht mehr in die Dok?“ bezeichnete Claudius Seidl, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, als „wohlfeil“. Für den Journalisten sei es gar nicht so ein schlechtes Gefühl, für die Fakten selbst verantwortlich zu sein. In seiner Zeit beim Spiegel habe er die Erfahrung gemacht, dass eine Dokumentationsabteilung mitunter zu Bequemlichkeit bei Journalisten führe.
Ramelsberger, die nach ihrem Wechsel vom Spiegel zur SZ nach eigener Aussage „geschluckt“ habe, weil ihre Geschichten nun einfach so – ohne Fact-Checking – gedruckt wurden, hält es für möglich, das Vertrauen des Publikums durch größere Transparenz zurückzugewinnen. Etwa in Form von Werkstattberichten, die einen Blick hinter die Kulissen der Entstehung einer Geschichte ermöglichen. „Mündige Leser schätzen es, wenn wir offenlegen, wie wir Themen recherchiert oder Protagonisten kontaktiert haben.“

Ehrlichkeit im Umgang mit Fehlern

Transparenz spielt auch für Seidl die zentrale Rolle, wenn es um Fehlervermeidung geht. „Es muss offengelegt werden, woher Informationen stammen.“ Dazu gehöre auch, kenntlich zu machen, wenn Quellen unsicher seien. Nichtsdestotrotz solle der Journalist sich nicht scheuen, weiter Vermutungen aufzustellen, Urteile zu fällen oder einzuordnen: „Wir dürfen nicht aufhören zu deuten. Vielmehr müssen wir ein Bewusstsein für die Vorläufigkeit und die Subjektivität unserer Ansichten schaffen“, meinte Seidl. Teil dessen sei außerdem der Mut und die Ehrlichkeit von Journalisten, öffentlich und direkt zu sagen, wenn etwas schiefgelaufen sei oder Informationen nicht stimmten, ergänzte SZ-Journalistin Ramelsberger.

Der Spiegel hat das in Form eines umfassenden Abschlussberichtes zum Fall Relotius getan. Doch die Causa Relotius ist mehr als ein krasser Einzelfall in der Branche. „Die Aufdeckung des Betrugs hat auf ein Problem hingewiesen, das den Journalismus schon lange beschäftigt und auch weiterhin beschäftigen wird“, sagte Annette Ramelsberger.

Immer wieder wurde in der Debatte deutlich, wie wichtig es ist, bereits in der Ausbildung angehender Journalisten eine klare Grenze zwischen Dichtung und Wirklichkeit aufzuzeigen.
Reemtsma zeigte sich entsetzt, dass Journalistenschüler offenbar auf die Frage, ob Verdichtungen in der Reportage erlaubt seien, geantwortet hätten: Kommt darauf an! „Nein, kommt nicht darauf an“, entgegnete Reemtsma entschieden. Das sei Betrug am Leser. Sein Rat: „Lasst das lieber sein.“

Medienkritik

Vom Politik- zum Presseskandal? (11. Juni 2019)

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Die Verdachtsberichterstattung rund um „Ulrike B.“ und das Bremer BAMF

von Magdalena Neubig    

An 20. April 2018, einem Freitagvormittag, veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung auf ihrer Internetseite einen Text mit der Schlagzeile „Verdacht auf weitreichenden Skandal im Bamf“. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) sowie Radio Bremen vermeldeten die Nachricht zeitgleich ebenfalls auf ihren Kanälen. Gegenstand des mutmaßlichen Skandals war Ulrike B., eine ehemalige Leiterin der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Bremen. Aus den Veröffentlichungen des Rechercheverbunds bestehend aus Süddeutscher Zeitung, NDR und Radio Bremen ging hervor, dass Ulrike B. in ihrer Zeit in Bremen vermutlich in etwa 2000 Fällen Asyl gewährt hatte, „obwohl die rechtlichen Voraussetzungen dafür nicht gegeben waren“ (SZ). Sie habe offenbar mit drei Anwälten zusammengearbeitet, die ihr auch aus anderen Bundesländern „systematisch Asylbewerber zuführten“ (SZ). Des Weiteren stehe der Verdacht der Bestechlichkeit im Raum. Ulrike B. sollte zumindest in Form von Restaurant-Einladungen Zuwendungen erhalten haben.

Aufgrund des Ausmaßes der berichteten Vorwürfe verbreitete sich der Verdacht schnell auch auf diversen anderen Kanälen. Bei der Welt wurde einen Tag später, am 21. April, ebenfalls vom „BAMF-Skandal in Bremen“ gesprochen, bei der Bild-Zeitung hieß die Schlagzeile „Bamf-Skandal – So lief der unfassbare Asyl-Betrug von Bremen“. Die Berichterstattung zum Thema war auch in den darauffolgenden Wochen sehr präsent. Auch Politik-Satire-Formate wie die heute-show platzierten den Fall groß in ihrem Programm und berichteten beispielsweise in der Kategorie „Die 1.000 korruptesten Behörden Deutschlands“ über das Bremer BAMF. Insbesondere der Aspekt, dass Asylbewerber gewissermaßen mit Bussen nach Bremen gekarrt worden sein sollten, um sich positive Bescheide zu besorgen, wurde in der Sendung aufs Korn genommen. Dort allerdings auch nicht immer im distanzierenden Konjunktiv.

Rücktritt gefordert

Der sogenannte BAMF-Skandal war in diesem Zeitraum aber nicht nur in den traditionellen Medien präsent, sondern unter anderem auch bei rechten Gruppierungen wie der Identitären Bewegung. Der YouTuber „Operation Fregin“, damals noch Mitglied der Identitären Bewegung, erzählte in seinen Videos vom „Asyl-Todesengel im grünen Sumpf Bremens“ – natürlich nicht nach den Regeln einer vorsichtigen Verdachtsberichterstattung. Die Videos sind seit Anfang Januar 2019 nicht mehr abrufbar.

In der überwiegenden Berichterstattung verschob sich der Fokus nach etwa sechs Wochen von den Hintergründen des „Skandals“ mehr und mehr hin zu seinen politischen Konsequenzen. So schrieb der Focus am 4. Juni beispielweise darüber, dass sich Innenminister Horst Seehofer und die Leiterin des BAMF, Jutta Cordt, vor dem Innenausschuss Fragen der Bundestagsabgeordneten stellen müssten.

In der Bundespolitik überschlugen sich derweil die Reaktionen. CSU-Innenstaatssekretär Stephan Mayer sprach bei „Anne Will“ von „hochkriminellen“ Mitarbeitern beim Bremer BAMF. Der Rücktritt von Seehofer sowie von Cordt wurde gefordert. FDP und AfD wollten einen Untersuchungsausschuss im Bundestag einrichten. Die Forderung wurde von vielen offenbar der AfD-nahestehenden Nutzern in Sozialen Netzwerken geteilt. Da sich die Grünen sowie die Linke dagegen aussprachen und später auch die SPD, wurde dieser jedoch nicht eingerichtet.

Veränderte Sachlage

Anfang Juni änderte sich langsam die Tonalität in der Berichterstattung. So schrieben Caterina Lobenstein und Martin Klingst auf Zeit Online in einem Artikel mit der Überschrift „Bamf-Skandal – Opfer einer Intrige?“, dass es laut der Aussage eines Anwalts Unterlagen gebe, die Urike B. entlasten würden.

Am 12. und 13. Juni veröffentlichten auch die Medien, die als erstes die Vorwürfe publik gemacht hatten, Berichte über eine veränderte Sachlage. Auf Sueddeutsche.de hieß es unter dem Titel „Zweifel an Vorwürfen gegen Bamf-Außenstelle“, dass offenbar weit weniger Fälle unrechtmäßig beschieden worden seien als vorher vermutet und dass es Zweifel am Belastungszeugen gebe. Der Faktenfinder der Tagesschau fasste in mehreren Fragen und Antworten unter anderem zusammen, dass die Bremer Bamf-Behörde völlig rechtmäßig zwischenzeitlich Anträge aus anderen Zuständigkeitsbereichen bearbeitet hatte. Zudem sei es in Bremen vor allem um Anträge von jesidischen Asylbewerbern gegangen. Da die Vereinten Nationen die Verbrechen an den Jesiden als Völkermord durch den sogenannten „Islamischen Staat“ eingestuft hatten, sei die Anerkennungsquote in Deutschland auch außerhalb von Bremen sehr hoch gewesen. Des Weiteren gebe es keine Beweise, dass Ulrike B. bestechlich war.

Dass es einen neuen Stand der Dinge gab, war für Leser der Bild-Zeitung vorerst nicht zu erkennen. Auch am 20. Juni wurden dort noch Artikel mit Überschriften wie „Mörder, Vergewaltiger, Drogenhändler – Keiner will uns sagen, ob DIE noch bei uns sind“ veröffentlicht, in denen thematisiert wurde, inwieweit das BAMF Schwerverbrechern Asyl gewährt habe.

BAMF-Chefin Jutta Cordt wurde dann am 21. Juni ihres Amtes enthoben.

Alle groß angekündigten Verdächtigungen nicht zutreffend

Ungewöhnlich an der Berichterstattung über das die Bremer BAMF-Außenstelle war auch, dass diese recht bald stark unter medienkritischer Beobachtung stand, obwohl sie bis heute noch nicht einmal abgeschlossen ist, da die Sachlage an sich juristisch noch nicht geklärt ist. Knapp eine Woche, nachdem SZ, NDR und Radio Bremen die anfänglichen Verdächtigungen stark relativierten, veröffentlichte der Strafrechtprofessor Hennig Ernst Müller am 19. Juni eine rein auf die bis dahin erschienenen Veröffentlichungen bezogene Analyse der Berichterstattung in dem juristischen Web-Portal „Beck-Community“. Nach eigenen Aussagen hatte er ursprünglich einen Artikel über die inhaltlichen Verfehlungen im BAMF schreiben wollen und sei dann sehr überrascht gewesen, dass sich alle groß angekündigten Verdächtigungen als nicht zutreffend erwiesen. Von der seriösen Presse habe er das nicht erwartet. Entsprechend hart geht er in seiner Analyse dann auch mit dem Rechercheverbund ins Gericht:

„Sie (der Verbund, die Red.) haben Menschen mit Vorwürfen maximal geschadet, um eine Geschichte zu bringen, die schlecht recherchiert und unausgegoren war und damit den Rufmord vor die Recherche gestellt“.

Trotz der unsauberen Recherche habe man dann jedoch aufgrund der „geschilderten konkreten Details“ kaum daran zweifeln können, dass Ulrike B. Unrecht begangen habe. Und das, obwohl die Journalisten durch die Verwendung des Konjunktivs formal den Richtlinien der Verdachtsberichterstattung Genüge getan hätten. Müller wirft dem Rechercheverbund außerdem vor, dass dessen Journalisten nicht genügend beachtet hätten, welche Folge solche Rechercheergebnisse seriöser Medien in rechten Kreisen haben könnten: „In der heutigen Zeit müssen Journalisten wissen, was ihre Berichte über ein Ermittlungsverfahren anrichten können. Umso besser und fundierter muss die Recherche sein.“ Müllers Beitrag für die Beck-Community wurde kurz darauf auch auf dem medienkritischen Blog „Übermedien“ veröffentlicht.

Nicht ausreichend recherchiert

Die kritische Analyse des Strafrechtsprofessors ergänzend, wurde auf Übermedien auch eine Stellungnahme des Investigativchefs des Norddeutschen Rundfunks, Stephan Wels, veröffentlicht. Er sagt darin unter anderem, dass in den veröffentlichten Berichten deutlich gemacht worden sei, dass es sich bei den Vorwürfen nur um einen Verdacht handelt. „Wir haben uns diesen Verdacht aber nicht zu eigen gemacht, sondern sofort versucht, alle Argumente ins Gesamtbild einzufügen“, so Wels.

Müller hat seinen Blog-Eintrag nach der Erstveröffentlichung immer weiter aktualisiert. So beschrieb er im Juli und August unter anderem, wie verschiedene Medien davon berichten, dass der Skandal langsam „in sich zusammenbricht“ und immer neue, teils widersprüchliche Aussagen gemacht werden, wie viele der ursprünglichen 1.800 bis 2.000 Fälle tatsächlich falsch beschieden worden sind. Auch andere Medien (wie FAZ und Spiegel Online) hätten nicht ausreichend recherchiert und nur ungenau über die Sachlage berichteten.

Neben der Kritik des Juraprofessors gab es auch pointierte Kritik von Kollegen aus dem Journalismus. „Der Bamf-Skandal ist ein Presseskandal“ – so beurteilte es zumindest der Berliner Journalist und Datenexperte Lorenz Matzat in einem Artikel, den er am 26. September auf Medium.com veröffentlichte. Er begründet dies mit vier Kritikpunkten. Zuerst einmal habe es keine Stellungnahme der Verdächtigten gegeben: „Die Beschuldigte selbst war nicht konfrontiert worden; andere Recherchen, ob die Vorwürfe stimmten, hatte es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht gegeben.“ Auch Matzat wirft dem Rechercheverbund vor, dass er die Konsequenzen ihrer Berichterstattung zu wenig im Blick gehabt habe. Offenbar habe man sich nicht „dem Vorwurf des angeblichen Verschweigens“ aussetzen wollen. „So kam es möglicherweise zu einer unguten Melange aus Geilheit auf einen Scoop, einer Prise ,Besorgtbürgertums‘ sowie Angst vor der AfD und anderer rechter Schreihälse. Im vorauseilenden Gehorsam wurde gehandelt“, spekuliert Matzat. Abschließend kritisiert er das Vehikel der „privilegierten Quelle“, aufgrund dessen Behörden grundsätzlich glaubwürdige Aussagen machen würden. „Wie kann sich solch ein obrigkeitshöriges Konstrukt mit dem Selbstverständnis einer freien und unabhängigen Presse vertragen?“, fragt Matzat daher. Der tatsächliche Skandal an der Berichterstattung des Rechercheverbunds sei nun, „dass es eine Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit den begangenen Fehlern und seinen Folgen nicht gibt“.

„Möglicherweise zu wenig hingeguckt“

Auf Matzats Kritik hin gab es keine Reaktion vom Rechercheverbund. Stephan Wels vom NDR begründet dies im persönlichen Gespräch auch mit der Tatsache, dass Matzat seinen Artikel veröffentlicht hatte, ohne vorher mit den betreffenden Kollegen vom Rechercheverbund gesprochen zu haben: „Ich habe mich echt ein bisschen gewundert – warum ruft der uns nicht an? Es ist ja nicht schwer, uns ausfindig zu machen“. So habe er zu den Anschuldigungen im Vorhinein keine Stellung nehmen können.

Der Leiter der Recherche-Redaktion von Radio Bremen, Jochen Gabler, äußerte sich zu den Vorwürfen jedoch an anderer Stelle. Im Deutschlandfunk sagte er im August 2018, dass „möglicherweise zu Anfang, als die Basis der Vorwürfe im Wesentlichen auf einem Bericht der Interimsleiterin des Bremer Bamf beruhten, zu wenig hingeguckt“ worden sei. Angesicht der Vorwürfe, die anfangs aber im Raum standen, sei es nicht in Frage gekommen, nicht darüber zu berichten: „Ich möchte die Redaktion sehen, die angesichts von Durchsuchungen nicht berichtet, bis alles geklärt ist. Das halte ich für absurd, das ist jenseits der Realität“.

Ähnlich äußerte sich seine Kollegin Christine Adelhardt, Koordinatorin der BAMF-Recherche von NDR, Radio Bremen und SZ nochmals im Mai 2019 gegenüber der taz:

„Unsere ersten Berichte waren klassische Verdachtsberichterstattung: Wir haben den Verdacht der Staatsanwaltschaft wiedergegeben. Dieser Verdacht, Korruption und Bestechung in einer deutschen Behörde, kam so monströs daher, da wüsste ich nicht, wie wir nicht hätten berichten sollen.“

Richtigzustellen habe man bei SZ/NDR/Radio Bremen nichts, da vor der Veröffentlichung des Verdachts auch die Informationen der privilegierten Quelle ‚Bremer Staatsanwaltschaft‘ sorgfältig überprüft worden seien und es neben dem Durchsuchungsbeschluss für die hohe Anzahl der manipulierten Akten zwei unabhängige Quellen gegeben habe. Außerdem habe ihre Redaktion früh diverse Fakten in Frage gestellt: „Wir haben so gut wir konnten in beide Richtungen recherchiert. Was daraus politisch gemacht wird, dafür können wir nichts“.

Erhebliche Rufschädigung

Strafrechtsprofessor Müller kritisiert Adelhardts Aussagen in seinem aktualisierten Blogbeitrag in der Beck-Community. Seiner Einschätzung nach habe natürlich über den Vorfall berichtet werden sollen, aber erst „NACH einer Recherche“. Er bestreite nach wie vor, dass es vor der Erstveröffentlichung tatsächlich eine sorgfältige Prüfung der privilegierten Quellen gegeben habe. Auch sei die BAMF-Berichterstattung mehr als „klassische Verdachtsberichterstattung“ gewesen, da es sich um eine „von einem Recherchenetzwerk koordinierte gleichzeitige Veröffentlichung in Großaufmachung unter Mitteilung von Details“ gehandelt habe. Journalisten stellten sich naiv, wenn sie sagten, dass sie nichts dafür könnten, was politisch daraus gemacht werde: „Dass es politische ‚Schockwellen‘ geben würde und eine erhebliche Rufschädigung einer bis dahin nicht öffentlich bekannten Beamtin, war vorhersehbar und wegen der großen Aufmachung auch durchaus ‚gewollt‘“.

Auf den Aspekt der privilegierten Quellen geht auch die taz im Mai nochmal ein. Denn das Bremer Verwaltungsgericht hatte kurz zuvor befunden, dass die Staatsanwaltschaft Ulrike B. in den Medien unzulässig vorverurteilt hat. Zeit Online habe daher einen Bericht löschen müssen, der private Details enthielt, die die Journalisten von einem Sprecher der Staatsanwaltschaft erfahren hatten.

Juristisch ist die Frage, inwieweit es einen BAMF-Skandal tatsächlich gegeben hat, auch im Juni 2019 noch nicht abschließend geklärt. Panorama hatte im März dieses Jahres berichtet, dass rund 18.000 positiv beschiedene Asylbescheide aus Bremen überprüft worden und nur 47 davon widerrufen oder zurückgenommen seien. Die Anzahl der widerrufenen Verfahren in Bremen liege somit auf einem bundesweiten Niveau. Was die möglichen Motive von Ulrike B. betreffe, gehe die Ermittlergruppe laut Panorama inzwischen davon aus, dass zwischen der ehemaligen Behördenleiterin und dem jesidischen Anwalt Irfan Cakar eine „besondere Nähe“ bestanden habe: „Um dem Anwalt zu gefallen, so der Verdacht, soll die Beamtin Asylanträge rechtswidrig positiv entschieden haben – in welcher Zahl dies der Fall sein soll, ist noch nicht endgültig geklärt“.

Kaum belastbare Rückschlüsse

Auch „Buten un Binnen“, ein Regionalmagazin von Radio Bremen, griff den „BAMF-Skandal“ ein Jahr nach der Erstveröffentlichung des Verdachts nochmal auf: „Heute, ein Jahr danach, gehen die Ermittler nach wie vor davon aus, dass der BAMF-Skandal existiert, auch wenn sie ihn so nicht nennen. […] Der Verdacht gegen die Beschuldigten habe sich nach der Auswertung der Akten und E-Mails erhärtet, sagt der Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft, Frank Passade.“ Gleichzeitig schreibt der Autor des Artikels, dass die Zahl der 47 widerrufenen oder zurückgenommenen Verfahren „kaum belastbare Rückschlüsse zu[lasse], ob Asylanträge bewusst manipuliert wurden“. Des Weiteren heißt es in dem Text: „Ein Jahr danach wissen wir kaum mehr als zu Beginn des Skandals.“ Im Sommer wolle die Bremer Staatsanwaltschaft ihr Ermittlungsergebnis präsentieren und entscheiden, ob sie Anklage bei Gericht erhebt.

Strafrechtsprofessor Müller zieht in seinem Blogeintrag dennoch das folgende Fazit:

„Ich habe mittlerweile zwar keinen Zweifel mehr daran, dass insb. jesidische Asylantragsteller, die von den beiden involvierten Kanzleien kamen, in Bremen sehr wohlwollend behandelt wurden und hierbei wohl auch möglicherweise interne Vorschriften missachtet wurden. Meine derzeitige Einschätzung ist aber, dass der Bremer BAMF-Skandal stark übertrieben wurde und sich am Ende als weit begrenzter herausstellen wird als zunächst verkündet; möglicherweise bleibt von einem ‚Skandal‘ auch gar nichts übrig außer der Skandal der (übertriebenen) Medienberichterstattung darüber selbst“.

Quellenverzeichnis

Medienkritik

„Wir Journalisten bewegen uns in einem Dilemma“ (11. Juni 2019)

Copyright: Christian Spielmann

Interview mit Stefan Wels, dem Leiter des Investigativ-Ressorts des NDR, über die Kritik an der Verdachtsberichterstattung rund um den BAMF-Skandal. Die Investigation des NDR arbeitete in dem Fall mit der Süddeutschen Zeitung und Radio Bremen zusammen.

 

Herr Wels, erinnern Sie sich noch an die ersten Rechercheschritte? Wie hat alles angefangen?
Wels: Wir wussten, dass es da ein großes Verfahren mit einer Durchsuchungsmaßnahme gibt. Wir kannten die Umrisse und den juristischen Verdacht, auf dem die Maßnahme beruhte. Es war relativ klar, dass es eine große Durchsuchungsmaßnahme gibt. Von diesem Moment an haben wir alles daran gesetzt, zu erfahren, was die Betroffenen zu den Vorwürfen sagen.

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Stefan Wels ist Leiter des Investigativ-Ressorts des NDR. Foto: Christian Spielmann

Haben sie redaktionsintern Druck gespürt, so schnell wie möglich zu publizieren?
So eine große Exekutivmaßnahme bleibt in einer kleinen Stadt wie Bremen nicht unter dem Deckel. Deswegen gab es bei uns die Einschätzung, dass wir mit der Veröffentlichung nicht wahnsinnig lange warten können. Wir kannten den Vorgang etwa einen Tag, bis wir dann publiziert haben. Diesen Tag haben wir genutzt, um die Angaben zu dem Verfahren zu verifizieren. Sobald uns eine zweite Quelle die Information, dass es eine groß angelegte Durchsuchung gab, bestätigt hatte, haben wir berichtet.

Journalisten sollten Betroffenen die Möglichkeit zur Stellungnahme geben.
Ich glaube, der große Grundsatz der Verdachtsberichterstattung muss sein, dass Sie alles tun, was Sie tun können, um die Betroffenen dazu zu hören und ihre Position abzubilden. Sie bemühen sich zwar mit aller Kraft darum, die Gegenseite zu hören. Es dauert bei solchen Verfahren aber oft, bis sich die Betroffenen öffnen. Das kann man beklagen und ist auch irgendwie doof. Aber die Betroffenen müssen sich erst einmal sortieren, wie sie damit umgehen, Gegenstand von öffentlichem Interesse und einem öffentlichen Verfahren zu werden.

Inwiefern hat man das bei Ulrike B. gemacht? Haben Sie die Betroffenen für eine erste Berichterstattung angehört?
Die Kollegen in Bremen haben die ehemalige Leiterin und natürlich die Behörde kontaktiert. Auch die Anwälte der Verdächtigen haben wir am ersten Tag, sobald wir die Kontaktdaten hatten, angefragt. Allerdings ließen Letztere unsere Anfragen zunächst unbeantwortet und die Leiterin war für uns am ersten Tag nicht erreichbar. Das heißt: Trotz aller Bemühungen kam keine Kommunikation zu Stande. Das haben wir in unseren Texten auch genau so abgebildet, etwa mit Hinweisen wie „war für eine Stellungnahme nicht erreichbar“ oder „ließen Anfragen unbeantwortet“. Die ersten Rückläufe von Seiten der Anwälte kamen dann 48 Stunden später.

Haben Sie in der Redaktion über die Namensnennung und Identifizierbarkeit von Ulrike B. diskutiert?
Darüber diskutieren wir immer und stimmten uns mit dem Justitiariat ab. Ich habe mir unsere alten Texte vom ersten Tag noch einmal angeschaut: Darin sprechen wir von einer leitenden Mitarbeiterin und von der ehemaligen Leiterin. Das halte ich auch heute noch für notwendig, da es zeigt, dass sich ein Verdacht gegen die Spitze eines Hauses richtet. Ulrike B.  ist, wenn man von der ehemaligen Leiterin spricht, natürlich identifizierbar. Man kann das nicht verhindern. Aus meiner Sicht gibt es auch keine Notwendigkeit dazu.

Wie wichtig ist es, die Berichterstattung auch als eine „Verdachtsberichterstattung“ zu kennzeichnen? Braucht es hierfür einen Disclaimer?
Ja, ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt. Man muss deutlich machen, dass es sich um eine Berichterstattung handelt, die auf einem Verdacht beruht, und dass es um ein Verfahren mit einem gewissen Verfahrensstand geht, dessen Ausgang noch offen ist. Man sollte klarstellen, welche Sichtweise von welcher Behörde oder Ermittlungsbehörde ist, und dass zur Frage, wer letztendlich schuld ist, noch keine Aussage gemacht werden kann. Man sollte das sehr deutlich markieren.

Die Medienberichterstattung über den BAMF-Skandal hat viel Kritik geerntet. Journalist Lorenz Matzat behauptet, der BAMF-Skandal sei eigentlich ein Presse-Skandal. Die Verdachtsberichterstattung vieler Medien sei fahrlässig gewesen. Wann ist Ihnen bei der Recherche klar geworden, dass da etwas ganz anders läuft, als ursprünglich gedacht?
Ich glaube, es ist gut, wenn so eine Berichterstattung aufgegriffen und diskutiert wird. Ich möchte aber klarstellen, dass die Berichterstattung, dass es ein Verfahren gibt, richtig war. Wir haben schon früh in der Berichterstattung deutlich gemacht, dass das Ganze auf einer sehr schmalen Faktenlage der Ermittler beruht. Der Punkt, an dem wir zunehmend in Zweifel geraten sind – nicht, ob es das Verfahren überhaupt gibt, aber wie fundiert die Behauptungen sind – setzte erst Tage später ein. Das kommt erst in dem Moment, in dem man Kenntnis über mehr Dokumente erlangt.

Was waren das für Zweifel?
Es lagen Irrtümer in der Rechtslage vor und das BAMF hat aus unserer Sicht bestimmte Sachverhalte nicht korrekt eingeschätzt. So summierten sich die Zweifel. Stimmen die Dimensionen? Stimmen die Vorwürfe? Wie ist es zu bewerten, dass da eine Form von verschwörerischer Gesamtkonstellation herrscht? Da hat sich dann auch herausgestellt, auf welche früheren vagen Verdachtsmomente sich das Ganze gegründet hat. Wir hatten das Gefühl, dass sich die Strafverfolger sehr kritische Nachfragen gefallen lassen müssen. Die haben wir auch gestellt. Wenn wir am Anfang einen Verdacht transportieren, der so sorgfältig und gründlich wie möglich recherchiert wurde, dann aber merken, dass unsere Erkenntnisse sukzessive im Widerspruch dazu stehen, müssen wir auch über die Zweifel mit gleicher Kraft und Intensität berichten. Da sind wir bis heute dran. Wir werden diese Geschichte bis zum Ende begleiten. Denn es kann nicht sein, dass man sich dann irgendwann aus einer Berichterstattung verabschiedet und am Ende etwas im Raum stehen bleibt, was falsche Eindrücke erweckt. Ich glaube, meine Kollegen haben eine sehr gute Arbeit geleistet. Sie haben mit Vehemenz und großer Intensität gearbeitet.

Wobei man jetzt provokativ sagen könnte, der Rechercheverbund hätte ja auch alles einmal in Zweifel ziehen können, bevor er mit der Meldung raus geht.
Das ist sehr richtig. In diesem Fall wäre es für uns und vielleicht auch für die Betroffenen besser gewesen. Aber jetzt stellen Sie sich vor: Sie wissen von dem Verdacht, Sie wissen von dem Verfahren und Sie wissen von den Exekutivmaßnahmen. Und dann berichten Sie nicht, sondern versuchen erst einmal über einen langen Zeitraum in Zweifel zu ziehen, ob das Verfahren tatsächlich so ist, wie es die Strafverfolgungsbehörden darlegen. Das halte ich – um es klar zu sagen – für nicht praktikabel und auch nicht für sinnvoll. Ich denke, das entspricht nicht dem Informationsbedürfnis der Leute, wenn es um Verfahren geht, die einen gewissen Reifegrad haben. Ich glaube, dass dieses hartnäckige, kritische Begleiten des Verfahrens das ist, woraus journalistische Verantwortung erwächst.

Haben Sie sich Gedanken gemacht, was eine solche Berichterstattung für die Betroffenen bedeutet?
Ja. Das ist auch ein wesentliches Kriterium für mich. Fühlen sich die Verfahrensbeteiligten vom NDR fair behandelt? Haben sie das Gefühl, dass ihre Argumente zu dem Zeitpunkt, als sie gefallen sind, auch gehört wurden? Und auch in angemessenem Ausmaß? Das können Sie nur nach bestem Wissen und Gewissen machen. Sie können nur versuchen, das Bild möglichst genau zu zeichnen. Und Sie werden immer damit zu tun haben, dass sich das Bild weitet – von Tag zu Tag und mit der Offenbarung weiterer Quellen. Dann müssen Sie versuchen, das Bild über die Zeit so anzupassen, dass es am Ende korrekt ist.

Als Journalist geht man davon aus, dass Behörden und Strafverfolger vertrauenswürdig sind. Im Fall von Ulrike B. haben die Behörden aber offensichtlich nicht sauber gearbeitet.  Wirft das die Frage auf, ob Journalisten überhaupt noch auf scheinbar privilegierte Quellen vertrauen können?
Ja, das Verfahren hat mich schon erstaunt. Es geht immer um die Frage, was privilegierte Quellen sind. Bei einer Behörde muss man eigentlich eine gewisse Sorgfalt annehmen. Doch ich glaube, dass das BAMF bei der Bewertung des Vorfalls an einigen Stellen erratisch war. Das habe ich daraus gelernt.

Was nehmen Sie persönlich noch aus diesem Fall der Verdachtsberichterstattung mit?
Wir Journalisten bewegen uns da in einem Dilemma und müssen wahnsinnig darauf achten, dass wir die Grundlage dessen, was wir als Verdachtsberichterstattung setzen, für das Publikum klar machen. Deshalb müssen wir in unseren Formulierungen auch immer benennen, auf wen wir uns beziehen, also ob auf Äußerungen zur Verdachtslage von der Staatsanwaltschaft oder vom BAMF zum Beispiel. Damit müssen wir auch die nötige Distanz in die Berichterstattung tragen.

Das Interview führten Magdalena Neubig, Laura Rihm und Nele Wehmöller.

Lokaljournalismus | Medienkritik

Zwischen Landlust und Randfrust (29. März 2019)

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Mediale Dorf-Bilder der Gegenwart (zuerst erschienen in der Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie)

von Gisbert Strotdrees

Klischee oder reales Abbild? Der ländliche Raum in den Medien. / Foto: muensterland/flickr (CC BY-SA 2.0)

Dorfalltag und Landleben bilden seit jeher ein Thema journalistischer Berichterstattung. Es schlägt sich keineswegs nur in den lokalen Medien, sondern auch in Beiträgen überregionaler Tages- und Wochenzeitungen oder Rundfunksender nieder. Gerade diese überregionale Berichterstattung stellt einen wichtigen Beitrag öffentlicher Kommunikation dar, auch im Zeitalter digitaler Medien und Netzwerke. Denn in den überregionalen Tages- und Wochenzeitungen – ob gedruckt oder online – sowie im Rundfunk werden die zentralen Themen aus Politik, Wirtschaft und Kultur zur Sprache gebracht und verhandelt, darunter auch Fragen des ländlichen Raumes. Umgekehrt können gerade überregional verbreitete Berichte auf die jeweiligen Akteure auf Dorfebene bzw. auf die dargestellte Umgebung zurückwirken. Die journalistischen Beiträge können ermuntern und anspornen, sie können Abwehrhaltungen auslösen und in laufende Debatten eingreifen – vor allem aber können sie Bilder prägen, etwa vom Dorf XY als Idylle oder von der Region Z als „Problemzone“.

Welche Bilder aber wurden und werden da vermittelt? Wie ist es überhaupt bestellt um das mediale Interesse am Landleben? Gibt es so etwas wie Konjunkturen des Medieninteresses am Ländlichen – und das auch jenseits bewegender Themen wie demonstrierender Bauern, Gebäude-Leerstand oder Landarztmangel? Entwickeln überregionale Medien ein journalistisches Verständnis für den „nicht leicht zu erschließenden komplexen Kosmos des Dorfes“ (Henkel 2016:252), für seine vom urban-bürgerlichen Raum abweichenden Hierarchien, Kommunikationsmuster, Lebenswelten, mentale Einstellungen und besonderen Regeln des Miteinanders – mithin eines Kosmos, den es hier unter dem Begriff der „Dörflichkeit“ zu erkunden gilt?

Dieser Fragenkomplex soll im Folgenden mit Blick vor allem auf die überregionalen Tages- und Wochenzeitungen beleuchtet werden. Erstaunlicherweise gibt es zu dieser Fragestellung so gut wie keine Forschungsliteratur. Die letzte Studie, die sich den Wechselwirkungen zwischen ländlichem Raum und (Lokal-) Journalismus gewidmet hat, ist vor einem Vierteljahrhundert erschienen (Herrmann 1993). Die Autorin, Redaktionsleiterin des Coburger Tagblatts, hat darin die Produktionsbedingungen einer Lokalredaktion im ländlichen Raum untersucht. Der „Eigen-Sinn“ ländlicher Lebenswelten, so ihr Befund, bleibe Wissenschaftlern, Planern und Journalisten oftmals verborgen, weil sie „in den Seilen des Modernisierungstheorems“ hingen und die Besonderheiten der ländlichen Lebenswelt verkennen. (Herrmann 1993: 36, mit Verweis auf die frühere Dorf-Studie von Utz Jeggle und Albert Ilien 1978).

Laut Dorfforscher Gerhard Henkel berichten lokale und regionale Zeitungen (wie die hier gedruckte Nordwest-Zeitung) „ausführlich und verständnisvoll“ über den ländlichen Raum. Anders sieht es bei den überregionalen Medien aus. / Foto: WE-Druck GmbH & Co. KG, CC BY-SA 4.0

Der Geograph und Dorfforscher Gerhard Henkel hat sich in seiner jüngsten Streitschrift ebenfalls mit der Rolle der Medien befasst (Henkel 2016: 247-253). Sein Fazit: Lokale und regionale Zeitungen berichteten „ausführlich und verständnisvoll von den mannigfachen, kommunalen und bürgerschaftlichen Problemen und Aktivitäten auf dem Land“. Doch je weiter die Medien vom Land entfernt seien, desto mehr steige ihre Ignoranz und Arroganz gegenüber Dörfern und Kleinstädten und ihren Bewohnern, so der generelle Vorwurf Henkels. Die Berichterstattung der überregionalen Tageszeitungen und der Rundfunkanstalten erfasse den ländlichen Raum „mit seiner ökonomischen, kulturellen und sozialen Vielfalt und Wertigkeit“ nur selten, so sein Befund. Das Land komme „häufig schlecht weg, negative Berichte überwiegen“ (ebd.: 248).

Ein wenig Datenjournalismus

Statistische Auswertungen freilich, die diese These unterstützen, bleibt Henkel schuldig. Trennscharfe Daten, die die Häufigkeit und den Umfang der Berichterstattung überregionaler Tageszeitungen und Rundfunkanstalten zum Thema „Land / Dorf / Dörflichkeit“ belegen könnten, sind nur mit hohem Aufwand zu ermitteln. Einen Eindruck immerhin vermittelt die Genios-Datenbank, die einen großen Teil der deutschsprachigen Presselandschaft abbildet: von A wie den regionalen „Aachener Nachrichten“ bis Z wie die überregionale Wochenzeitung „Die Zeit“ (Hamburg).

Für die Frage nach der medialen Präsenz wurde die Genios-Datenbank nach den Stichworten „Dorf“, „ländlich*“, „Landleben“ und Dorfleben“ für die Jahre 1990, 1995 sowie für den Zeitraum 2000 bis 2017 befragt, die Datenbanksuche dabei auf die überregionalen Tages- und Wochenzeitungen eingegrenzt. Erfasst ist damit die Berichterstattung unter anderem von Frankfurter Allgemeiner Zeitung, Focus, Handelsblatt, Spiegel, Süddeutscher Zeitung und Die Zeit.

Das Ergebnis: In absoluten Zahlen betrachtet, zeigt sich eine auffallende steigende Kurve bei der Verwendung des Substantivs „Dorf“, und des Adjektivs „ländlich“. Ähnliches gilt, wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau, für die Substantive „Dorfleben“ und „Landleben“.

Vor voreiligen Schlüssen sei allerdings gewarnt, denn: Im Abfrage-Zeitraum ist auch die Datengrundlage der Genios-Datenbank expandiert. Genaue Angaben bietet der Betreiber der Datenbank nicht an. Einen Anhaltspunkt liefert immerhin die vergleichende jährliche Abfrage der fünf, im Deutschen besonders häufig benutzten Wörter „der“, „die“, „das“ „und“ sowie „in“. Setzt man sie ins Verhältnis zu den gesuchten Wörtern „Dorf“, „ländlich“, „Dorfleben“ und „Landleben“, flachen die Kurven ab – die steigende Tendenz für „Dorf“ und „ländlich“ ist aber auch aus dieser Sicht eindeutig.

Linguistisch exakt ist dieses Vorgehen sicherlich nicht, und der Wortabfrage müsste eine inhaltliche Analyse der jeweiligen Artikel folgen, die außerdem ins Verhältnis zu den jeweils verbreiteten Auflagen gesetzt werden müssten. Dennoch bieten die absoluten und relativen Wortkurven einen passablen Eindruck von den Konjunkturen ländlicher bzw. dörflicher Themen in der überregionalen deutschsprachigen Presselandschaft.

Aus der Vergangenheit: Mediale Perspektiven zwischen Tristesse und Romanze

Das Wort „Dörflichkeit“ taucht in der gesamten deutschsprachigen Presse seit 2000 ganze 101 Mal auf. Der Duden kennt das Stichwort gar nicht, im „Deutschen Wörterbuch“ der Brüder Grimm ist es ebenfalls nicht zu finden. Die Suchmaschine Google hingegen kennt das Wort und verlinkt einen ihrer ersten Treffer auf einen Beitrag mit dem Titel „Hinter Berliner Zäunen“, veröffentlicht im Mai 2017 in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Der Journalist Kai Biermann schreibt darin über Altglienicke, den Ort seiner Kindheit, unter anderem:

„Eingeklemmt zwischen Rudow, Bohnsdorf und dem Flughafen Schönefeld geht die Großstadt dort in die zersiedelte Dörflichkeit Deutschlands über. Die Häuser haben kleine Gärten drumherum, manche einen Swimmingpool. Dazu geschnittene Hecken, geputzte Autos. (…) Wer will, kann in Altglienicke eine Idylle sehen. Schlafende Straßen, sogar ein paar Pferdekoppeln. Feldlärchen tillern, Stare knurren, Bienen taumeln über die Wiese und saufen die Blüten leer und auf dem Plumpengraben, der wirklich so heißt, schaukeln Enten in der Grütze. Kleinstadtruhe am Großstadtrand. Die Leute reden vom Dorf, wenn sie Altglienicke meinen. Die Hauptstadt scheint weit weg. Schon immer war das friedliche Bild jedoch nur eine Fassade, war der Ort zerrissen, waren die Unterschiede groß: Arme gegen Reiche, Alte gegen Neue, Laubenpieper gegen Hausbesitzer, Linke gegen Rechte. Mauern und Zäune überall.“ (Biermann 2017).

Folgt man diesem Autor, dann bedeutet Dörflichkeit so viel wie: Einfamilienhäuser, kleine Gärten, geschnittene Hecken, blitzblanke Autos und ein kräftiger Schuss Natur. Dörflichkeit ist aus seiner Sicht aber auch Fassade und Fiktion – es gibt sie nicht mehr, zumindest nicht in Alt-Glienicke, das irgendwann im Schatten der Großstadt verloren gegangen ist.

Willkommen in Altglienicke: Einfamilienhäuser, kleine Gärten, geschnittene Hecken, blitzblanke Autos. Der Inbegriff von „Dörflichkeit“? / Foto: Fridolin freudenfett CC BY-SA 3.0

Völlig anders sieht es in der „Landlust-Welt“ aus. Das Hochglanz-Magazin, in den Jahren 2004/5 im Landwirtschaftsverlag in Münster entwickelt, hat von Beginn an beabsichtigt, „die schönsten Seiten des Landlebens“ zu präsentieren. Es war ursprünglich als Magazin für Frauen auf dem Land konzipiert und verfolgte, wie dem Editorial des ersten Heftes von 2005 zu entnehmen ist, den folgenden Ansatz: „Alles, was das Landleben liebenswert macht, möchten wir Ihnen in dieser Zeitschrift zeigen. Einfach und natürlich, wahrhaftig und wertorientiert will sich, Landlust’ präsentieren.“ Angesprochen werden sollten Leserinnen und Leser, die „auf dem Land leben“, die „ländliche Lebensweisen schätzen“ oder „auf dem Land Wurzeln schlagen möchten“. (Frieling-Huchzermeyer 2005: 3)

Der Mix aus Themen rund um Garten, Küche, Natur, „Ländlichem Wohnen“, verfasst von versierten Fachautorinnen und -autoren, illustriert mit großzügigen Fotostrecken und graphisch aufwändig gestaltet, erwies sich als überraschend erfolgreich. Dörfer allerdings sind im Magazin „Landlust“ eher selten portraitiert – und wenn, dann allenfalls im Rahmen von Reisereportagen. Wer sich für den bundesdeutschen Dorfalltag interessiert, insbesondere für wirtschaftliche und/oder soziale Strukturschwächen, für Problemlagen, Konflikte sowie für pragmatische Ansätze zur Lösung, geht in der „Landlust“ leer aus. Ähnliches gilt für die Landwirtschaft: Auch sie fehlt nahezu vollständig. Beiträge etwa zu Pflanzenbau, Tierhaltung oder Landtechnik, zu Konfliktlagen zwischen Ökonomie und Ökologie oder auch Portraits einzelner landwirtschaftlicher Betriebe sind im Magazin nicht zu finden.

Das echte Landleben kommt im boomenden Magazin-Segment von Zeitschriften wie „Landlust“ kaum vor. / Foto: United Soybean Board / Flickr CC BY 2.0

Dennoch – oder gerade deswegen? – hat diese Zeitschrift enormen Erfolg, zumindest was seine Auflagen- und Reichweitenentwicklung angeht. Darüber ist viel diskutiert worden, in der Wissenschaft und nicht zuletzt in der Medienlandschaft. „Medias@res“, das Medienmagazin des Deutschlandfunks, hat sich im Oktober 2017 mit der „Erfolgszeitschrift“ befasst und sein Porträt unter die Überschrift gestellt: „Erholung, Harmonie und Heimat“ (Hoolt 2017). Das Magazin Landlust, so heißt es da, zelebriere das ländliche Idyll und treffe damit „ein Bedürfnis der Zeit“, erläuterte Bernd Blöbaum, Professor für Medientheorie und Medienpraxis an der Universität Münster, einen von zwei entscheidenden Gründen für den Erfolg. Den zweiten Grund sieht er in der fachjournalistischen Professionalität, der „opulenten Machart, in der die Landlust das Publikum erreicht“, den „ tollen Fotostrecken“ und „gut gemachten Inhalten“.

Der Erfolg des Magazins löste – mit einer Verzögerung von zwei, drei Jahren – eine bundesweite Gründungswelle von Nachahmer-Magazinen aus: „Liebes Land“, Landliebe“, „Schönes Land“, „Landgenuss“, „Landkind“, „Landapotheke“ und so weiter. In Deutschland entstand „quasi aus dem Nichts“ (Winterbauer 2011) eine vollständig neue Zeitschriftensparte, die bereits fünf Jahre nach dem Start von „Landlust“ eine Gesamtauflage von „mindestens 1,5 Mio. hart verkaufter Hefte“ (ebenda) erreicht hat.

Diese Welle löste die Entwicklung neuer und überaus erfolgreicher Formate auch im Fernsehen an. Hier genannt seien nur die Sendereihen „Land & Lecker“ (seit 2009 im Westdeutschen Rundfunk), „Von und zu lecker“ (seit 2010 im Westdeutschen Rundfunk), „Landfrauenküche“. (seit 2009 im Bayrischen Rundfunk), „Landlust TV“ (seit 2011 im Norddeutschen Rundfunk), „Schönes Landleben“ mit „Hofgeschichten aus dem Norden“ (ebenfalls seit 2011 im NDR). Eine der Sendungen dieser zuletzt genannten Reihe, erstmals im Oktober 2013 ausgestrahlt, wurde mit einem Pressetext angekündigt, der hier beispielhaft zitiert sei:

„,Schönes Landleben’ auf dem Hof Wörme am Rande der Lüneburger Heide mit einer Traumhochzeit: Die Nichte von Hubertus von Hörsten wünschte sich, ihren schönsten Tag auf Hof Wörme feiern zu können. Alle sind bei den Vorbereitungen eingespannt, über 100 Gäste wollen bewirtet werden. Hubertus von Hörsten plant und koordiniert für seine Nichte Sylvia – alles neben der täglichen Arbeit. Hof Wörme ist einer der ältesten Biohöfe Norddeutschlands: seit 1947 wird hier ohne Mineraldünger und chemischen Pflanzenschutz Gemüse, Getreide und Obst angebaut. In dieser Tradition wird der Betrieb auch heute noch geführt. Dieser Hof ist etwas ganz Besonderes: Pfaue stolzieren dort im prächtigen Federgewand, Japanerinnen kneten Brotteig nach norddeutschem Rezept, Pferde ziehen vorsintflutliches Arbeitsgerät. Und die Töchter des Hofes heiraten in roten Gummistiefeln und mit selbst gebundenen Blumenkränzen im Haar.“ (NDR 2013)

Das medial vermittelte Landbild transportiert traditionelle Gesellschaftsmuster aus dem 19. Jahrhundert wie auf diesem Bild.

Dieser PR-Text ruft alle Attribute auf, die dem Leben „auf dem Lande“ traditionell zugeschrieben worden sind. In wenigen Zeilen tauchen auf: der Hofbesitzer als „Pater familias“, noch dazu mit adlig klingendem Namen, seine Uneigennützigkeit und sein Familiensinn, das Handeln in familiärer Gemeinschaft, das vormoderne, um nicht zu sagen: anti-moderne Wirtschaften in Feld („vorsintflutliches Arbeitsgerät“) und Haus („kneten Brotteig“) – und die klare Rollenverteilung der Geschlechter: der Mann organisiert und agiert, die Frauen hingegen kneten Brotteig oder heiraten, wenn auch „in roten Gummistiefeln“. Anders gesagt: Hier werden in wenigen Sätzen die traditionellen Muster heraufbeschworen, die seit dem 19. Jahrhundert mit dem Land verbunden und mit Begriffen umschrieben werden wie: Gemeinschaft, Tradition, Zusammenhalt, eine Überlappung des privaten und des öffentlichen Bereichs. (vgl. Tönnies 1887; Wunder 1986: 8-10)

Tristesse und Randfrust abseits der Großstadt auf der einen Seite, die romantisch verklärte, bisweilen vor Kitsch triefende Szenerie auf der anderen Seite: Dieser Gegensatz der Land-Zuschreibungen ist selbst ein Topos, der den Blick auf „das Dorf“, auf „das Land“ seit langem prägt. (Wunder 1982; Nell/Weiland 2017) Beide Positionen finden sich in den Print- und TV-Medien unserer Tage und haben – bei aller Unterschiedlichkeit – auch einige Gemeinsamkeiten. Zwei seien hier genannt:

  1. Die zeitliche Komponente, also das „Noch“ in der Hochglanz-Idylle, das „Nicht mehr“ in der Sozialreportage: Diese Verzeitlichung, der Blick in ein wie auch immer geartetes „Gestern“, rückt das Dorf, das Landleben in eine Art Krisenmodus. Aus der einen Sicht wird „Ländlichkeit“ resp. „Dörflichkeit“ als ein bedrohter Zustand interpretiert, als eine Art Residuum, das gepflegt und konserviert, vor äußeren Bedrohungen bewahrt werden muss. Aus der anderen Sicht wird Dörflichkeit als fast verloren oder bereits untergegangen gedeutet: durch die Zersiedlung der Großstadt, durch die Randlage, durch wirtschaftlichen Niedergang, durch das Desinteresse seiner Bewohner oder ähnliches. Dörflichkeit ist aus dieser Perspektive verschwunden, wirkt aber nach und löst gewissermaßen Phantomschmerzen aus – auch das ist letztlich Teil der Verzeitlichung und trägt zum Krisenmodus bei.
  2. Der Grundton der Nostalgie: Er ist seit je her in Betrachtungen von außen auf das Dorf zu finden (vgl. Wunder 1982: 8-9). Nostalgie sei hier nicht nur verstanden als romantische Verklärung, als Idealisierung einer Vergangenheit, die es nie gegeben hat, sondern auch als eine Art Krisensymptom. Auf diese beiden Seiten der Nostalgie hat der Soziologe Zygmunt Bauman in seiner kurz vor seinem Tod fertiggestellten Gegenwartsanalyse hingewiesen. Bauman spricht von einem globalen Trend, den er mit dem Kunstwort „Retrotopia“ bezeichnet. Darunter versteht er „Visionen, die sich anders als ihre Vorläufer nicht mehr aus einer noch ausstehenden und deshalb inexistenten Zukunft speisen, sondern aus der verlorenen/geraubten/verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit“ (Bauman 2017: 13). Und an anderer Stelle: „Heute ist es die Zukunft, auf die man nicht vertrauen kann, da sie vollkommen unbeherrschbar erscheint. Sie wird auf der Sollseite gebucht. Dafür erscheint jetzt die Vergangenheit auf der Habenseite – dank ihres Rufs, ein Hort der Freiheit gewesen zu sein, auf den sich noch nicht diskreditierte Hoffnungen setzen lassen.“ (ebd: 10.)

Bauman zitiert die Literaturwissenschaftlerin Svetlana Boym. Ihr zufolge ist Nostalgie „ein Gefühl des Verlusts und der Entwurzelung, zugleich aber auch eine Romanze mit der eigenen Fantasie“ (Boym, zit. n. Bauman 2017:10). Nostalgie ist aus dieser Sicht eine Art Imagination und auch ein „Abwehrmechanismus in Zeiten beschleunigter Lebensrhythmen und historischer Umwälzungen“. Im Kern dieses Mechanismus stecke das Versprechen, „jene ideale Heimat wiederzuerrichten, die im Zentrum vieler heute einflussreicher Ideologien steht und uns dazu verleiten soll, das kritische Denken zugunsten emotionaler Bindungen aufzugeben“. Das Gefährliche daran sei laut Boym die „Neigung, unsere tatsächliche mit einer idealen Heimat zu verwechseln“ (Boym, zit. n. Bauman 2017:11).

In der Gegenwart: Land- und Dorf-Reportagen vor der Bundestagswahl 2017

Dieser wirklichkeitsnahe Blick auf die „tatsächliche Heimat“, auf die realen Strukturprobleme der ländlichen Räume bzw. der Dörfer spielte in überregionalen Printmedien lange Zeit eher die Rolle eines Nebenschauplatzes. Die Problemlagen, Strukturdefizite und Konflikte im ländlichen Raum kamen in überregionalen Tageszeitungen wie Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit in den 1990er und in den 2000er Jahren eher am Rande vor – als Kuriosum bisweilen, aber auch als Beleg dafür, dass man es auf dem Land mit einer rückständigen Zone zu tun habe. Journalistische Beispiele des Lächerlich-Machens, der negativen Berichte und der salopp-überheblichen „Fernsicht auf das Dorf“ (so treffend Henkel 2016 : 248, dort mit Beispielen aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und des WDR-Fernsehens aus dem Jahr 2014) von sicherem Beobachter-Standort einer Großstadtredaktion aus lassen sich mit wenig Mühe finden. Als eine der wenigen positiven Ausnahmen darf eine mehrteilige Reportagereihe gelten, die im Jahr 2006 im Spiegel erschienen ist und sich sehr detailreich mit dem Alltag in den Dörfern befasst hat. (Bölsche 2006a, 2006 b, 2006c)

Die realen Strukturprobleme der ländlichen Räume wie das Hofsterben spielte in den überregionalen Medien eher eine untergeordnete Rolle. / Foto: Aktion Agrar (CC BY 2.0)

Zwar mangelte es zu keinem Zeitpunkt an Dorfstudien, an wissenschaftlich soliden Analysen über den ländlichen Raum und seine Strukturprobleme, vorgelegt etwa vom staatlichen Thünen-Institut ­– Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei in Braunschweig oder vom privaten Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (vgl. als Beispiele Thünen-Institut 2015, Kröhnert u. a. 2011). In den Medien allerdings wurden sie lange Zeit eher am Rande wahrgenommen.

Das änderte sich 2016 grundlegend. Als zunächst das Brexit-Referendum in Großbritannien und dann die US-Präsidentschaftswahlen anders ausgingen als von den meisten Beobachtern erwartet, zeigten sich viele Journalisten überrascht. Nur wenige räumten selbstkritisch ein, ihren Blick zu sehr auf die Metropolen gerichtet und die Konfliktlagen in der Provinz dabei aus dem Blick verloren zu haben. Von Großbritannien und den USA wurde dann im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 rasch auf deutsche Problemlagen geschlossen:

„Mehr als die Hälfte der Deutschen lebt fernab der großen Städte. Es sind Millionen Menschen, die Journalisten und Hauptstadtpolitiker zu oft aus den Augen verlieren“– so bekannte durchaus selbstkritisch die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ im Sommer 2017 (Schumacher 2017). Das Blatt lieferte damit die Begründung für ein Großprojekt: Die Hamburger Wochenzeitung hatte 16 junge Reporter für einen längeren Zeitraum in ein Dorf in Niedersachsen entsandt, um im August 2017 in einer Schwerpunktausgabe von den Menschen und ihren Problemen „in einem gewöhnlichen deutschen Dorf“ zu berichten.

Viele weitere überregionale Medien und Publizisten entdeckten in den Monaten vor der Bundestagswahl „das Dorf“ oder „das Land“. Mehrere Journalisten wanderten in den Jahren 2016/17 durch Deutschland, um mit „normalen Leuten“ zu sprechen und deren Lebenswelten, die Sicht abseits der Metropolen, zu erkunden und zu beschreiben. Im Wahljahr 2017 erschienen Bücher mit Titeln wie

  • „Heimaterde – eine Weltreise durch Deutschland“ von Lucas Vogelsang (Vogelsang 2017);
  • „Deutschland ab vom Wege. Eine Reise durch das Hinterland“ vom Henning Sußebach, Redakteur bei der „Zeit“ in Hamburg (Sußebach 2017) oder auch
  • „Zu Fuß durch ein nervöses Land“ von Jürgen Wiebicke, Redakteur beim WDR Köln (Wiebicke 2016).

Neben der „Zeit“ starteten etliche Redaktionen überregionaler Medien groß angelegte Dorf-Beobachtungsprojekte:

  • Die Berliner „Tageszeitung“ unternahm 2016/17 eine ganzjährige Entdeckungstour durch „Mein Land“ und schrieb im Resümee: „Wir wollten fernab der ,Großstadtblase‘ Menschen und ihre Lebensrealitäten zu Wort kommen lassen und Antworten finden.“ (Tageszeitung 2017)
  • Der Privatsender RTL quartierte im Sommer 2017 ein Reporterteam für Wochen in eine Land-WG in Rinteln in Niedersachsen ein. Rinteln wurde vom Privatsender zur „Wahlstadt“ erklärt, denn: „Vieles hier entspricht dem statistischen deutschen Mittel.“
  • Der Deutschlandfunk startete eine Reportagereihe „Abgehängte Regionen“ und besuchte Landstriche in sieben Bundesländern, denen die Bundesregierung zuvor „sehr stark unterdurchschnittliche Lebensverhältnisse“ bescheinigt hatte. Das Reportageprojekt begründet die DLF-Redaktion ­– ähnlich wie zuvor „Die Zeit“ – mit dieser These: „Wahlen werden auf dem Land entschieden: Eine Erkenntnis, die nicht nur der Front National und Donald Trump für sich zu nutzen wussten. Auch hierzulande könnte die Alternative für Deutschland zum ersten Mal in den Bundestag einziehen.“ (Deutschlandfunk 2017)

Stellvertretend für die zahlreichen Land-, Dorf- und Provinz-Reportagen sei aus der Süddeutschen Zeitung vom 10. September 2017 zitiert. Kurz vor der Bundestagswahl widmete sie ihren prominenten Platz des Leitkommentars der Lage auf dem Land: „Vielerorts in Deutschland verludern die Ortskerne, sie müssen wiederbelebt werden“, befand der Leiter der Innenpolitik-Redaktion, Heribert Prantl, unter dem bezeichnenden Titel: „Warum die Heimat wichtig für den Wahlkampf ist“ (vgl. Prantl 2017). Den diskutablen Begriff „Heimat“ beschrieb Prantl als „überschaubaren Nahraum“, der Autor befasste sich dann aber weniger mit Stadtquartieren und Vororten, sondern vor allem mit der Wirklichkeit des ländlichen Raums und seinen vielschichtigen Problemen:

„In Österreich und Deutschland leben zwei Drittel der Menschen in Dörfern, in Klein- und in Mittelstädten – also in der Provinz. Österreich und Deutschland sind zu zwei Dritteln Provinz. Provinz ist der Raum der übersichtlichen Lebenseinheiten, der Raum, in dem die Menschen sich kennen. Provinz ist die Verkörperung des Prinzips Heimat. Diejenigen, die sich für das Wort Provinz schämen, sagen lieber Region; meinetwegen. Provinz ist ein gutes Wort und ein guter Platz, um sich heimisch zu fühlen. Er muss es bleiben oder wieder werden.“ (ebd.)

Viele überregionale Medien entdeckten vor der Bundestagswahl 2017 das Thema „Dorf“ und berichteten über die vielschichtigen Probleme wie fehlende öffentliche Verkehrsmittel. / Foto: Soenke Rahn CC BY-SA 4.0

Als Probleme benannte der Süddeutsche Zeitung-Leitartikler unter anderem: „Die Menschen brauchen eine wohnungsnahe Rundumversorgung. Jeder zehnte Einwohner Deutschlands kann Brot und Milch nicht mehr zu Fuß einkaufen, weil der nächste Laden zu weit entfernt ist.“ Prantl fordert: „Öffentliche Verkehrsanbindungen müssen funktionieren, Schulen müssen zu neuen Mittelpunkten des Miteinander- und Voneinander-Lernens umgestaltet werden. Medizinische Betreuung und Pflege müssen neu konzipiert und ausgebaut werden. Der Kampf gegen den Rechtsextremismus ist auch ein Kampf gegen die provinzielle Depression.“ Im Kern müsse die Frage stehen, „wie man junge Menschen zum Bleiben oder, noch besser, zur Rückkehr bewegt“. Die Entvölkerung ländlicher Räume sei „kein Naturgesetz, sondern eine Folge dessen, dass Arbeit und Leben auf dem Land nicht oder zu wenig vereinbart werden können“ (ebd.).

Die Sicht dieser und der vielen anderen realitätsnahen Dorf-Beiträge, so weit überschaubar, referierten im Wesentlichen die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien, wie sie etwa das Thünen-Institut oder auch das private Berlin-Institut in der „Vorwahl-Zeit“ zur Problemlage in den ländlichen Räumen Deutschlands aufgelegt haben (Thünen-Institut 2015, Kröhnert u. a. 2011). Die medialen Berichte erweisen sich damit als eine Art Gelenkstelle nicht nur zwischen dörflichem oder „semi-urbanem“ Alltag und einer eher urbanen Leserschaft, sondern auch als Vermittlungsinstanz zwischen universitärer bzw. wissenschaftlicher Forschung zum ländlichen Raum und der sozialen Realität auf dem Land auf der einen Seite, den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft auf der anderen Seite. Das mentale Stadt-Land-Gefälle jedenfalls, die oben benannte mediale „Fernsicht auf das Dorf“ wich einem problemorientierten Blick auf Krisen, Konflikte und mögliche Lösungsansätze.

Was bedeutet das für die Leitfrage nach „Dörflichkeit“? Der Begriff wird aus dieser Sicht vor allem als eine Frage der Infrastruktur gedeutet, die zu sichern, zu bewahren und auszubauen sei. Dieses Ziel wird nicht als Selbstzweck betrachtet, sondern als stabilisierender Faktor gegen populistische Bewegungen, deren Heimstatt vornehmlich „auf dem Land“ gesehen wird (Neu 2016) – diese Vermutung schwingt in vielen Dorf- und Landreportagen der Jahre 2016/2017 mit. Ob diese These zutrifft, wäre eine eigene Untersuchung wert. Für die hiesige Fragestellung bleibt festzuhalten: Das Dorf wird aus dieser medialen Perspektive vor allem als krisenbedrohter Ort für „Kümmerer“ und „Anpacker“, für Ideen und Initiativen gesehen. Dörflichkeit wäre aus dieser Sicht nicht das Abziehbild oberflächlicher Idyllen und romantischer Visionen, sondern „tatsächliche Heimat“ im oben zitierten Sinne (Boym, zit. n. Bauman 2017:10-11) – sprich: ein Ort der Gegenwart, den es zu gestalten gilt.

Für die Zukunft: Land und Dorf als Chiffre für Utopien

Das Dorf taucht in aktuellen überregionalen Printmedien aber nicht nur als Ort des romantischen Gestern und des realitätsnahen Heute, sondern auch als Chiffre für Zukunft auf: als Gestaltungs- und Projektionsfläche für Utopieentwürfe und visionäre Planungen. Der Architekturkritiker und Redakteur Gerhard Matzig etwa hat im Dezember 2017 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung ausdrücklich „Das Dorf von morgen“ beschrieben – so die Überschrift seines Beitrages (Matzig 2017). Der Text präsentiert einige Ergebnisse eines universitären Ideenwettbewerbs zu neuen Wohnraumangeboten, den die NRW-Bank ausgeschrieben hatte (vgl. NRW-Bank 2017). Den Studierenden war demnach die Aufgabe gestellt worden, „über urbane Lebensräume abseits der eigentlichen Urbanitätsmaschinen, also jenseits der Großstädte in der nordrhein-westfälischen Region nachzudenken“, wie Matzig schreibt. Sie hätten „das Land nicht als abgehängten, nur zum Idyll taugenden Gammelraum der Gestrigkeiten, sondern als neues urban-vitales Lebensgefühl“ präsentiert. Man sei abgewichen von der „üblichen Idee vom Landleben“, das laut Matzig definiert sei als „Typologie des Einfamilienhauses, der Automobilität und der Gewerbehöllen“. Davon hätten sich die Beiträge der Studierenden abgesetzt und eine internet-gestützte Lebensform entworfen, „in der Mobilität beispielsweise keine Frage mehr des Privatauto ist, in der Sharing wesentlich für Nachbarschaften ist – und in der ein heterogenes Wohnen, zugleich Arbeiten, in ganz unterschiedlichen, zeitlich und wohnraumtechnisch flexiblen Lebensentwürfen unter einem Dach möglich wird“ (Matzig 2017).

Vom Dorfleben war allerdings in den studentischen Wettbewerbsbeiträgen nur am Rand die Rede (vgl. NRW-Bank 2017). Das einzige Projekt, dem eine gewisse Dörflichkeit bescheinigt werden könnte, bezog sich auf Altenberge, eine immerhin 10 000 Einwohner zählende Gemeinde im Speckgürtel Münsters. Alle anderen Siedlungs- und Bauprojekte bezogen sich auf veritable Kreisstädte wie Herford, Gütersloh oder Bielefeld.

Anders gesagt: Der SZ-Redakteur Matzig verwendet den Begriff „Dorf“ als Chiffre für eine Zukunftsutopie, weitgehend abgelöst von den tatsächlichen Befunden der studentischen Entwürfen. Und mehr noch: Entgegen dem allgemeinen Sprachgebrauch, der „Dorf“ mit „ländlich“ konnotiert, wird der Begriff hier mit den Adjektiven „urban-vital“ charakterisiert und letztlich umgedeutet.

Diese Sicht trieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf die Spitze, als sie im Herbst 2017 ein Magazin-Sonderheft „FAZ Quarterly“ (FAZQ) mit dem Themenschwerpunkt „Raus aufs Land“ vorlegte. Schon auf dem Titelumschlag findet sich die wagemutige These: „Die Städte werden immer öder. Freiheit, Fortschritt und Lebenslust finden wir nur noch auf den Dörfern. Wo die Zukunft ist!“ Das Kernstück dieses Schwerpunktes, ein Feature mit dem Titel „Raus aufs Land“, spitzt diese Leitthese weiter zu: „Die Städte werden immer öder – Reservate für reiche Rentner und Touristen. Während die Zukunft vor die Stadt gezogen ist, wo mehr Platz ist für Experimente, die Suche nach neuen Formen des Lebens, Arbeitens und Wirtschaftens“ (Maak/Seidl/Wiedemann 2017: 80).

Vorgestellt werden unter anderem High-Tech-Zentren und industrielle Cloud-Speicher der Deutschen Telekom in Biere (Sachsen-Anhalt), ein Flüchtlingsprojekt mit syrischen Flüchtlingen in Gundelsheim (Franken), eine Kommune in Tarnac (Frankreich) sowie das im Jahr 2010 gegründete Öko-Siedlungsprojekt „Gut Tempelhof“ (Baden-Württemberg), das von den FAZQ-Autoren als besonders gelungener Zukunftsentwurf präsentiert wird. Diese Siedlung sei auf einem aufgelassenen Gut als „Mischung aus einer gemeinnützigen Stiftung und einer Genossenschaft“ (ebenda: 93) angelegt worden. Die inzwischen „105 Erwachsenen und 50 Kinder“ betreiben laut FAZQ extensive Landwirtschaft, haben eine Montessori-Schule eine Dorfkantine und ein Café eröffnet, und sie verwenden modernste Technik wie etwa ein Glasfasernetz oder ein Wissenschaftslabor, um ökologische Bauprojekte oder auch neue Möglichkeiten der Energiegewinnung zu entwickeln.

Über das Miteinander, die Kommunikation innerhalb der Tempelhof-Gemeinschaft teilt das FAZQ-Feature wenig mit. Von regelmäßigen Plenumssitzungen ist immerhin die Rede, von einer Satzung, die man sich bei der Gründung gegeben hat, von einem Ideen- und Geldgeber und von einer solidarischen Gemeinschaft, die mittlerweile auch Leute aufnehme, „die es sich nicht leisten können“. Auch das überlappende Nebeneinander von Privatem und Öffentlichem wird angedeutet: „In der Mitte gibt es Gemeinschaftsräume, außen herum Privatbereich. 25 Menschen wohnen im Haus und um das Gebäude herum. Singles, Paare und Alleinerziehende“ (ebd.: 94)

Dieses und die anderen angeführten Projekte feiern die FAZQ-Autoren als „futuristisches Gegenmodell zur Nostalgisierung des Lebens“. Damit sei „das Land“ ein Raum der Freiheit und der Zukunft geworden – sie werde „weniger in den totregulierten, überkontrollierten Städten, sondern im offenen Raum des Landes zu finden sein“ (ebd.). Dieses Urteil überrascht insofern, als die Autoren nur wenige Absätze zuvor dargelegt haben, dass das Siedlungsprojekt Tempelhof sehr wohl seine Regeln und Kontrollen kennt. Doch am Ende landet auch das utopisch ausgemalte Feature wieder bei den Begriffen, die gewissermaßen „alte Bekannte“ aus der Wissenschaftstradition der Dorf-Forschung sind: Gemeinschaft, Zusammenhalt und die Überlappung des privaten und des öffentlichen Bereichs.

Der (meist) verborgene Vermessungspunkt

Nicht allen, aber den meisten der hier genannten Medienbeiträge und Themenschwerpunkte ist eines gemein: Sie vermessen auf je unterschiedliche Weise und in durchaus unterschiedlicher Intensität das Land, tun dies aber fast immer in Bezug zur Stadt. Der urbane Raum und seine kommunikativen Regeln bilden einen trigonometrischen Punkt, von dem aus das Land und die Dörfer vermessen werden. Dieser Vermessungspunkt wird in den einzelnen Texten mal mehr, mal weniger deutlich sichtbar. Gelegentlich grenzen sich die Autoren klar von der Stadt und ihren Regeln ab, so etwa in den zitierten Beiträgen der FAZQ-Sonderheftes – aber selbst dann noch bildet der urbane Raum den Bezugspunkt. Anders gesagt: Das Landleben und die Dörfer werden überwiegend nach den Regeln der Metropolen verstanden, dargestellt und gedeutet.

Zum einen ist das mit den Bedingungen medialer Produktion zu erklären: Die meisten Journalisten, die für überregionale Tages- und Wochenzeitungen oder Rundfunksender tätig sind, arbeiten nun einmal in den Metropolen. Dort lebt auch die Mehrheit ihre Publikums, und, nicht zu vergessen, dort haben auch die meisten Anzeigenkunden ihren Firmensitz.

Zum anderen spielt die Prägung der agierenden Journalistinnen und Journalisten eine – letztlich schwer zu gewichtende – Rolle, also Herkunft und Habitus, Bildung und Besitz, sozialer und politischer Standort. Immerhin ist gut belegt (Steindl et. al. 2017), dass die Mehrheit der derzeit rund 45.000 hauptberuflich tätigen Journalistinnen und Journalisten in Deutschland aus der akademischen Mittelschicht, also aus einem meist urban geprägten Umfeld stammt, dass die meisten von ihnen eine universitäre Laufbahn und damit eine entsprechende Sozialisation absolviert haben und auch, dass sie selbst sich politisch im Gesamtdurchschnitt als „eher links von der Mitte“ (ebenda : 414) einordnen.

Diese – hier stark generalisierte ­– Einstellung der Journalisten unterscheidet sich mehr oder weniger deutlich von den Mentalitäten der ländlich-dörflichen Bevölkerung.Die Differenzen dürften einer „romantischen“ oder „utopischen“ Medien-Sicht auf Dorf und Land nicht im Weg stehen – umso mehr indes, wenn es gilt, den „tatsächlichen“ dörflichen bzw. ländlichen Kosmos aus seinen jeweils eigenen Regeln heraus zu erkunden und medial zu beschreiben. Ob eine solche journalistische Beschreibung der „tatsächlichen Heimat“ und seiner sozialen und wirtschaftlichen Problemlagen von den Medienkonsumenten stets erwünscht wird, erscheint allerdings fraglich. Auch das belegt die nach wie vor hohe Nachfrage und der Erfolg der Hochglanz-Landmagazine und -sendungen.

 

Literatur:

#nr18 | Medienkritik

Journalistische Grauzonen (30. Oktober 2018)

Journalist haben eine Meinung, die jedoch nicht immer sichtbar wird. Gerade in Reportagen könnten sie ihre Position noch deutlicher zeigen und vertreten. Doch dann kann es den Anschein machen, als bewegten sie sich in einer Grauzone zwischen journalistischen Grenzen und Aktivismus. Zu diesem komplexen Problem haben sie eine klare Haltung.

von Lorina Ostheim und Tim van Olphen

Vor kurzem sorgte der Fall eines internationalen Rechercheprojekts für Aufsehen in Journalistenkreisen. Ein unabhängiges Journalistenkollektiv, bestehend aus acht europäischen Journalisten und Journalistinnen, konnte aufdecken, wie die EU mit ihrer Agrarpolitik Umweltsünder unter den Mitgliedstaaten subventioniert und fördert.

Daran beteiligt: Greenpeace. Die Nichtregierungsorganisation koordinierte das Projekt nicht nur, sondern finanzierte auch die Arbeit der Journalisten. Die Beteiligung von Greenpeace – vor allem die finanzieller Natur – ließ eine Debatte über die Arbeit von Journalisten und ihre Zusammenarbeit mit NGOs entstehen.

Der Vorwurf: Das Kollektiv sei durch die Zusammenarbeit nicht mehr unvoreingenommen und hätte durch die NGO redaktionell beeinflusst werden können. Die Journalisten würden sich in einem Graubereich zwischen Journalismus und Aktivismus befinden und Transparenz im Umgang mit der NGO und den finanziellen Aspekten vermissen lassen.

Strikte Regeln

Der französische Journalist Mark Lee Hunter hat an dem Rechercheprojekt mitgewirkt. Er sagt, er könne die ethischen Bedenken verstehen, die Zusammenarbeit mit Greenpeace sei jedoch nach strikten Regeln abgelaufen – journalistisch und ethisch. Anforderungen an die Kooperation mit der NGO im Vorfeld seien „nicht anders gewesen als die an andere Medien auch“ und dazu zählten laut Hunter „Transparenz, Informationen, redaktionelle Unabhängigkeit und eben finanzielle Ressourcen“.

Der freie Journalist sieht in der gemeinschaftlichen Arbeit zwischen Journalisten und NGOs kein Problem. Dass er dabei von der NGO für seine Arbeit bezahlt wurde, sei „völlig normal“, sagt Hunter. „So wie Journalisten und Journalistinnen, die bei einem Medienhaus angestellt sind, für ihre Arbeit entlohnt werden, so wurde ich auch für meine entlohnt.“

„Nicht gekauft“

Wichtig sei ihm jedoch, dass er von Greenpeace „nicht gekauft“ worden sei. Vielmehr war es Hunter selbst, der mit der Rechercheidee auf die NGO zuging und eine Zusammenarbeit vorschlug. Auch sehe er sich entgegen mancher Vorwürfe nicht als Aktivist, sondern als ein „Reformer, der die Öffentlichkeit informieren und etwas verändern“ wolle.

Neben Hunter, der bei den Enthüllungen rund um die Umweltsünder in der EU mithalf, treten auch Seenotretter auf dem Mittelmeer, Tierschützer und Menschen, die sich aktiv rechtem Gedankengut entgegenstellen, für eine gute Sache ein.

Wann machen sich Journalisten durch ihr Handeln mit der aus Hanns Joachim Friedrichs‘ berühmten Zitat bekannten „guten Sache“ gemein oder werden gar zu Aktivisten?

Hier erklären Journalisten ihr Rollenverständnis und ihre Haltung zum Aktivismus:

„Position dem Publikum gegenüber transparent machen“ – Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Deutschen Presserats

Lutz Tillmanns, der Geschäftsführer des Deutschen Presserats, fordert: „Position dem Publikum gegenüber transparent machen“

Lutz Tillmanns ist der Meinung, dass Journalisten „Haltung zu gesellschaftspolitischen und sonstigen Themen des Lebens einnehmen und – zurückhaltend – zeigen“ dürfen. Im Rahmen ihrer journalistischen Tätigkeit sollten sie jedoch ihre Position dem „Publikum gegenüber transparent machen“ und keine aktive Rolle in „im weitesten Sinne politischen Institutionen“ einnehmen. Daher halte er es auch nicht für zulässig, wenn Journalisten in eine politische Sache eingriffen und gleichzeitig dazu journalistisch tätig seien.

Wann die Akteure innerhalb des Journalismus ihre „professionelle Rolle verlassen und zu Aktivisten“ werden, hänge vom Einzelfall ab. So befürwortet er beispielsweise die aktive Beteiligung von Journalisten und Journalistinnen an Rettungsaktionen von Flüchtlingen oder deren Vorgehen gegen Rechtsextremismus. Vorausgesetzt sei dabei aber immer, dass Transparenz herrscht und sie ihr Publikum „auch bei der journalistischen Tätigkeit hierüber in Kenntnis setzten.“ Die Arbeit und die persönlichen Aktivitäten der Journalisten müssten daher grundsätzlich mit den allgemeinen Gesetzen und Ethik des Journalismus übereinstimmen. Sollten Journalisten mit ihrer Arbeit in eine Grauzone vordringen und gar rechtliche oder ethische Grenzen überschreiten, „sind sie für diesen Schritt immer erklärungspflichtig.“ Transparentes Vorgehen sei ein wichtiges Kriterium der Qualität journalistischer Arbeit, findet Tillmanns.

 

„Journalisten, die ihre Meinung vertreten, wirken schnell aktivistisch“ – Hilal Sezgin, Kolumnistin der Frankfurter Rundschau

Hilal Sezgin, Kolumnistin der Frankfurter Rundschau, findet: „Journalisten, die ihre Meinung vertreten, wirken schnell aktivistisch.“

„Bei einer Demo gegen einen Schlachthof hatte sich ein Sanitäter menschenverachtend gegen einen Demonstranten geäußert“, sagt Hilal Sezgin. Das habe sie seinem Vorgesetzten gemeldet. Der Sanitäter sei daraufhin entlassen worden. Zunächst habe sie in dieser Situation Unbehagen verspürt und sich gefragt, ob sie damit nicht eine Grenze überschreite, „aber im Nachhinein fand ich, dass meine Position völlig in Ordnung und im Einklang mit den journalistischen Aufgaben war.” Denn als Journalistin verstehe sie sich auf Demos als dritte Partei zwischen den Demonstranten und der Polizei.

Sezgin hat einen Lebenshof auf dem Land, schreibt Bücher und die Kolumne „Unter Tieren“ für die Frankfurter Rundschau. Sie findet: „Ein ‚Ideal‘ journalistischer Arbeit, das erfordert, seine persönliche Haltung herauszulassen, funktioniert nicht.“

Durch ihre Texte, die oft Tierrechte thematisieren, würde Sezgin von manchen Leser_innen als aktivistisch wahrgenommen. „Würde ich eine Reportage über Menschen schreiben, die gefoltert werden, wäre das wahrscheinlich anders. Was Menschen nicht passt, sehen sie eher als Aktivismus“, meint die Publizistin.

Statt sich vornehm zurückzuhalten, sollte sich laut Sezgin im Journalismus niemand scheuen, aktivistisch oder engagiert zu sein. Und: „Journalisten sollten reflektierter berichten. Denn sie sind am Rechtsruck in Deutschland mitschuldig, da sie Themen selektieren und entscheiden, wie intensiv sie über etwas berichten.“

Sezgin selbst möchte Themen, die Tiere bewegen, in die Gesellschaft bringen: „Ich möchte, dass diese Themen auf einer gleichberechtigten Ebene mit Mainstream-Themen diskutiert werden. Ich finde, das entspricht sowohl aktivistischen, journalistischen und erzählerischen Idealen; diese widersprechen sich ja gar nicht.“ Sie erzähle die Geschichten, um die Wahrheit zu zeigen und um Missstände aufzudecken.

 

Mitmach-Journalismus statt Aktivismus – Correctiv: Geschäftsführer David Schraven und Chefredakteur Oliver Schröm, gemeinsame Stellungnahme

Correctiv-Chefredakteur Oliver Schröm

„Correctiv ist hochgradig investigativer Journalismus, nicht Aktivismus“, sagte Correctiv-Chefredakteur Oliver Schröm auf der diesjährigen Netzwerk Recherche-Jahreskonferenz über die Arbeit des gemeinnützigen Recherchezentrums. Auf Anfrage erklären er und Geschäftsführer David Schraven nun gemeinsam, Correctiv betreibe Aufklärungsarbeit, ermittle und vermittle Informationen. Und: „Wir wollen wissen, was bei den Menschen passiert. Deswegen gehen wir zu ihnen.“

Die beiden definieren Aktivismus als besonders intensives Bemühen von Menschengruppen, um politische Forderungen durchzusetzen, „indem sie vor allem außerparlamentarisch Einfluss auf politische Prozesse nehmen“.

Journalismus und Aktivismus beschäftigten sich zwar beide beispielsweise mit Informationen, Vorhaben und Ideen. Doch während Journalismus diesen unvoreingenommen gegenübertrete, um die Öffentlichkeit darüber zu unterrichten, gehe Aktivismus zielgerichtet vor, um damit politische Interessen durchzusetzen.

Die journalistische Berichterstattung dürfe sich im Rahmen geltender Gesetze und Regeln bewegen, bestehe ein Widerspruch müssten Journalisten abwägen: Maßstab müsse das öffentliche Interesse in Abwägung zu anderen widerstrebenden Interessen sein – zum Beispiel der Vertraulichkeit des Wortes, wenn jemand ein vertrauliches Gespräch veröffentlichen wolle.

Eine zunehmend „aktivistischere“ Berichterstattung sei in Deutschland nicht zu beobachten. Zwar würden viele journalistische Bereiche oberflächlicher, doch berichteten laut Schraven und Schröm gerade „Qualitätsmedien immer häufiger intensiver und tiefgründiger“. Durch neue Methoden wie Daten- und Bürgerjournalismus könnten Journalisten „besser und schärfer“ berichten. Das könne dabei helfen, Bürger in der Medienwelt mitmachen zu lassen.

 

„Sich selbst zu kennen ist die Grundlage für gutes Erzählen” – Ronja von Wurmb-Seibel, freie Journalistin

„Sich selbst zu kennen ist die Grundlage für gutes Erzählen”, sagt die freie Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel,

Dass ein Mensch Gefühle und Interessen hat, bedeute nicht, er könne nicht klar denken. „Im Gegenteil”, findet Ronja von Wurmb-Seibel. “Aus meiner Sicht macht gerade das einen guten Journalisten aus: mitzufühlen, Gefühle dann aber entweder aus der Berichterstattung aussparen – im Fall einer Analyse – oder sie zu benennen.”

Die Journalistin und Autorin plädiert für einen seriösen aufgeklärten Journalismus, der entweder Einstellungen und Gefühle transparent miteinbeziehe, „rein analytisch mit hart recherchierten Fakten“ arbeite oder eine Mischung aus beidem sei.

Was Journalisten als Menschen ausmache, seien eben auch Gefühle und politische Einstellungen. Nur sei ein professioneller Umgang damit nötig. Die Idee von Journalisten ohne eine bestimmte Haltung sei einfach fiktiv. „Ich weiß auch gar nicht, wozu das gut sein sollte – wir sind ja keine Roboter”, meint von Wurmb-Seibel.

„Ich persönlich schreibe und berichte ausschließlich über Themen, die mich selbst bewegen – mal als Reportage, mal als recherchierter Bericht, mal als Analyse – und jeweils entsprechend reflektiert und kenntlich gemacht“, erklärt die Journalistin. „Und noch mehr: Ich glaube, sich selbst zu kennen, ist die Grundlage für gutes Erzählen.”

 

„Haltung ist die wichtigste Eigenschaft“ – Bartholomäus von Laffert, freier Journalist

„Als Aktivist müsste ich mich mehr aktiv politisch mit für ein bestimmtes Thema einsetzen“, sagt Bartholomäus von Laffert. Seines Rollenbildes ist er sich bewusst, er sei „in erster Linie“ Journalist. Gleichwohl finde er, viele Formen von Journalismus würden ein aktivistisches Element enthalten. Für ihn persönlich beginne das schon bei der Themensetzung – welche Themen könne er auf die Agenda setzen, bei welchen sagen „das ist wichtig, darüber muss man schreiben!“

Von Laffert hat Sea-Watch vier Wochen lang auf dem Mittelmeer begleitet und viel über seine Erlebnisse an Board geschrieben. Er findet, Haltung sei bei der Berichterstattung die „wichtigste Eigenschaft von Journalisten“. Beim Thema Seenotrettung beispielsweise halte er nicht viel davon, Vertreter von Sea-Watch und Sebastian Kurz in gleichem Umfang zu Wort kommen zu lassen, wenn dieser dann sagen würde, dass „seiner Meinung nach alle Seenotretter Flüchtlingstaxis sind“. Vielmehr lege er seine Recherche offen und „argumentiere und mache transparent, welche Abwägungen ich gemacht habe, dass ich zu einer bestimmten Haltung komme“. Mit dem Objektivitätsbegriff könne er nicht viel anfangen, er sei ein viel größerer Fan von Subjektivität, die transparent stattfinde. Lasse man der vermeintlichen Objektivität halber alle zu Wort kommen, dann „gewinnt am Ende immer der, der am lautesten schreit“.

Der freie Journalist sagt: „Wenn ich auf dem Meer bin und eine Seenotrettungsorganisation begleite, und auf einem Gummiboot sitze während um mich herum Menschen ertrinken, dann ist es das natürlichste der Welt, dass ich da eingreife.“ In dem Moment, in dem er auf das Schiff gegangen sei, sei er „Teil der Crew”, erzählt von Laffert. „Es wäre nur heuchlerisch zu sagen, ‚ich bin in dem Fall unabhängiger und objektiver Journalist‘ – bin ich nicht!“

 

„Aus idealistischen Gründen Unterstützerin und Helferin“ – Andrea Röpke, freie Journalistin (Schwerpunkt Rechtsextremismus)

Die freie Journalistin Andrea Röpke sieht sich als „Dokumentatorin und Aufklärerin eines speziellen Themas“. Foto: L. Schmidt

Andrea Röpke findet, dass viele gute Recherchen nicht Journalisten liefern, „sondern Aktivisten.“ So wie diese zu Experten werden, könnten Journalisten zu Fachleuten werden, die sich „nach einer Veröffentlichung verpflichtet fühlen, weiterzuhelfen“. Die Politologin, die zum Themenschwerpunkt Rechtsextremismus recherchiert und rechte Demonstrationen sowie Veranstaltungen dokumentiert, erzählt, dass es vorrangig um Fakten und Sachlichkeit gehe und eben darum, „ein wichtig erscheinendes Thema sichtbar zu machen“.

Röpke hält diejenigen Journalisten für die lobenswerten, die sich schwierigen Themen annehmen und es nicht bei einer Veröffentlichung belassen, sondern sich „durchaus mit einer Sache gemein machen“, nachdem sie sich intensiv damit auseinandergesetzt hätten. Das Aufkeimen des Rechtspopulismus in Teilen Europas lasse auch „Journalisten, die sich intensiv mit Politik befassen, nicht unberührt“. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen würden nicht nur ihren Job machen, auch hätten sie soziale und politische Ideale. Mit Billigung der Medien sei es den Rechten gelungen, gesellschaftliche Diskurse zu erweitern und Tabus zu brechen. Sie fordere daher nicht unbedingt mehr Aktivismus, sondern vielmehr die „Rückkehr zu Besonnenheit und Fachlichkeit.“ Ihre Rolle sei vorrangig die einer „Dokumentatorin und Aufklärerin eines speziellen Themas“, sagt sie. Aus idealistischen Gründen möchte sie aber auch „Unterstützerin und Helferin“ sein.

 

„Hauptsache eine Haltung ist transparent nachvollziehbar” – Markus Beckedahl, Chefredakteur netzpolitik.org

Markus Beckedahl, Chefredakteur von netzpolitik.org, hält „einen objektiven Journalismus für nicht wirklich existent“.

Markus Beckedahl, Chefredakteur von netzpolitik.org, mag den Begriff „Aktivismus“ nicht, wird aber oft als Netzaktivist bezeichnet. Das englische Wort „advocacy“ – Themenanwaltschaft finde er besser, „das ist aber so spießig, dass der Begriff kaum genutzt wird.“ Unter Aktivismus verstehe er, sich für politische Ziele zu engagieren – meist ehrenamtlich. Wenn Journalisten für etwas eintreten, werde das häufig als Haltung bezeichnet.

„Nicht mit einer Sache gemein machen“, ein Spruch, der Hanns Joachim Friedrichs nachgesagt wird, mache für den öffentlich-rechtlichen Bereich Sinn. „Aber sonst halte ich einen objektiven Journalismus für nicht wirklich existent. Ich finde es gut, dass Teile des Journalismus sich mittlerweile trauen, mehr Haltung zu zeigen. Das wird dann häufig schon als aktivistisch wahrgenommen.“ Hauptsache, die Haltung sei transparent nachvollziehbar und journalistische Standards wurden eingehalten.

„Wir sind bei netzpolitik.org sehr transparent, sowohl in unserer Finanzierung als auch, wofür wir einstehen“, so Beckedahl. Sie sähen sich als Journalisten, handelten so, berichteten aber aus der Perspektive von digitalen Grundrechten – und schrieben das dazu. „Wir nutzen Journalismus, um für Demokratie und Grundrechte einzutreten. Insofern bewegen wir uns auf der journalistischen Seite in der Nähe zur advocacy“, erklärt Beckedahl. Als Journalist aus demokratischer Perspektive zu berichten, sollte selbstverständlich sein. Denn ohne Demokratie sei Journalismus schwer durchführbar.

 

„Geschichten dürfen nicht zur Währung werden” – Verena Hölzl, freie Journalistin

Nach Ansicht von Verena Hölzl sind Journalisten und Aktivisten in gewisser Weise aufeinander angewiesen. Foto: Pyae Sone Win

Im September 2017 strömten durchgehend Geflüchtete nach Bangladesch ein. Es regnete stark, die Menschen hatten Hunger, suchten Zuflucht und waren teils verletzt. Damals fragte sich Verena Hölzl häufig, ob sie nun besser helfen oder mit ihrem Interview weitermachen solle. „Ich habe das für mich ganz klar definiert: Meine Rolle ist die der Journalistin. Vor allem in Krisensituationen, in denen nicht viel Zeit ist für Überlegungen, ist das essentiell“, beschreibt sie. Geschichten dürften nicht zur Währung werden. Es sei bereits zu Handgreiflichkeiten gekommen, da die Geflüchteten durch Hölzls pure Anwesenheit erwartet hätten, Hilfe zu bekommen.

Ihrer Ansicht nach sind Journalisten und Aktivisten in gewisser Weise aufeinander angewiesen: Journalisten könnten Botschaften von Aktivisten einem breiten Publikum zugänglich machen. Aktivisten lieferten neue Ansätze oder könnten Kontakte herstellen, da sie sich längerfristiger mit Themen beschäftigten als Journalisten.

„Das Aktivistische an meiner Arbeit ist vermutlich, dass ich dazu beitrage zu dokumentieren, was vielleicht eines Tages als Völkermord in die Geschichte eingeht. Mehr nicht“, findet Hölzl, die als freie Journalistin aus Myanmar berichtet. Hilfe sei die Aufgabe von Hilfsorganisationen.

„In der Berichterstattung zu den Rohingya stehe ich sehr nahe an der Grenze zum Aktivismus. Das liegt daran, dass es zwar wie immer zwei Seiten dieses Konfliktes gibt, das Ausmaß der Brutalität des burmesischen Militärs gegen die Rohingya allerdings so überproportional war, dass sich ganz natürlich alle Geschichten nur darum drehen – und kaum um die Rohingya-Aufständischen“, schildert Hölzl ihre eigene Situation. „Die Regierung von Myanmar wirft uns ausländischen Journalisten deshalb Aktivismus und Einseitigkeit vor.“

 

Machen sich Journalisten nun durch ihr Handeln mit einer guten Sache gemein und werden sogar zu Aktivisten?

Aus den Antworten der Journalistinnen und Journalisten wird deutlich, dass das simple Vertreten einer persönlichen Meinung, selbige nicht gleich zu Aktivisten macht. Im Gegenteil – es ist sehr wichtig, Haltung zu zeigen. Angesichts des verstärkt auftretenden Rechtspopulismus, durch Donald Trump, die italienische Regierung und nicht zuletzt durch die AfD, ist es gerade jetzt erforderlich, dass Journalisten und Journalistinnen Stellung beziehen und klare Kante zeigen.

Es wäre naiv zu glauben, dass Journalistinnen und Journalisten mit ihren Texten nicht auch ihre eigene Meinung wiedergeben. Insgesamt darf aber dabei die Transparenz – wie es Markus Beckedahl sagt – nicht in den Hintergrund rücken. Meinungen und Haltungen müssen transparent und nachvollziehbar sein. Objektiven Journalismus gibt es nicht.

Viele der Befragten sehen es gerade in diesen Zeiten als wichtig an, mit NGOs zusammenzuarbeiten, sich an der Rettung von Flüchtlingen zu beteiligen, oder sich aktiv für Tierrechte einzusetzen. Dies widerspricht nicht der journalistischen Ethik. Journalisten müssen in der Berichterstattung jedoch redaktionelle Unabhängigkeit wahren und sich ihrer jeweiligen Rolle bewusst sein.

Ob sie durch ihr Handeln eine aktivistische Position einnehmen, hängt vom Einzelfall und den sozialen sowie politischen Idealen ab. Um es mit den Worten von Verena Hölzl zu sagen: „Egal wie klar man seine Rolle definiert, am Ende ist man doch nur Mensch.“

 

Dokumentation | Medienkritik

Raunen statt Recherche (27. Februar 2018)

Bild ist der Titanic auf den Leim gegangen – und was folgt daraus?

von Volker Lilienthal

Schon die Schlagzeile war die Unterstellung, diese Partei sei eine von Wiederholungstätern: „Neue Schmutzkampagne bei der SPD!“ Und dann weiter: „Es geht um brisante Mails, den Juso-Chef und einen Mann namens Juri“. Bild stieg darauf ein, wertete angebliche Mails aus und ließ sogar den getarnten Informanten in die eigene Redaktion. Am Ende kam heraus: Ein satirischer Fake war das, Aktionskunst aus dem Haus Titanic. Das reichweitenstarke Newsportal T-Online bat Message-Herausgeber Volker Lilienthal um eine Einordnung des Falls. Sein Gastbeitrag löste auf Twitter ein lebhaftes, hauptsächlich zustimmendes Echo aus. Message veröffentlicht nun eine aktualisierte und leicht erweiterte Fassung. Darin geht der Autor auch auf die immer wieder beliebte Frage ein: Was darf Satire?

Die Schlagzeile, mit der die Bild-Zeitung der Titanic auf den Leim ging.

Wenn ich in der jüngeren Vergangenheit als Experte nach der Bild-Zeitung gefragt wurde, habe ich mich um Differenzierung bemüht: seit langem kein rechtes Kampfblatt mehr, eher um gesellschaftlichen Ausgleich bemüht, zum Beispiel in der Flüchtlingskrise. Kritisch auch gegenüber AfD und Pegida, hin und wieder jedenfalls. Kollegen gibt es, die wollten Bild gar die Journalismus-Eigenschaft absprechen. Also wäre Bild nicht mehr vom Artikel 5 Grundgesetz geschützt? Ich widersprach.

Dabei bleibe ich. Doch meine sonstige Einschätzung, Bild habe sich sozusagen zivilisiert, ein Akt der Selbsterziehung oder der korrigierenden Reaktion auf so berechtigte wie nachhaltige Kritik, war blauäugig, ich nehme sie zurück. Die sogenannte Titelgeschichte über eine angebliche „Neue Schmutzkampagne bei der SPD!“ zeigte von Anfang an, dass Bild selten zögert, noch Öl ins Feuer zu gießen, wenn eine Partei, eine Regierung, ein Minister, eine Behörde oder was auch immer in einer Krise steckt und an Ansehen verliert. Dann nimmt Bild scheinbar belastendes Material gerne entgegen, nimmt ein paar Nachprüfungen vor, ob es echt ist – und selbst wenn dafür nicht viel spricht, darf die Geschichte nicht sterben.

„Totrecherchieren“, wie es im Journalistenjargon heißt, gilt hier nicht. Die Botschaft „Neue Schmutzkampagne bei der SPD!“ musste offenbar unbedingt gebracht werden, weil sie ins politische Konzept passte: eine Partei, die schon genug in Nöten steckte, nochmals vorzuführen. Seht her: Lassen sich sogar mit Russen ein! Nur wer bis zum Ende des wirren Textes, erschienen auf Seite 1 am 16. Februar, durchgehalten hatte, konnte eine kleine Distanzierung lesen: „Für die Echtheit der E-Mails gibt es keinen Beweis.“

Schon damals war klar: Bild hatte die journalistische Sorgfaltspflicht in erheblichem Maße verletzt. In deren Rahmen wäre es Aufgabe der Redaktion gewesen, den scheinbaren Mailwechsel und seinen Inhalt zu verifizieren. Offensichtlich ist dies aber nicht gelungen, Bild räumte es selbst ein. In einer solchen Situation aber wäre es Ausdruck wahrgenommener Verantwortung gewesen, auf diese Art von politisch motivierter Verdachtsberichterstattung zu verzichten. Oder aber den Artikel deutlicher kleiner zu fahren, auf hinteren Seiten zu platzieren und mit dem Zweifel an der Echtheit der Mails in den Text einzusteigen. Eine derart windige Geschichte aber auf Seite 1 zu heben, ist ein blattmacherisches Totalversagen. Ein Versagen vor allem auch des nunmehrigen Alleinherrschers von Bild, Julian Reichelt. Bekanntlich weiß der sein Blatt gut zu verkaufen, schreckt vor kaum einer Polarisierung (wie jüngst in Hart aber fair) zurück. Aber in der Stunde der Entscheidung fehlt ihm die Selbstdisziplin. Das Gespür, was man tun darf – und was man besser sein lassen sollte.

Eingriff in laufenden Entscheidungsprozess einer Partei

Vergessen wir nicht, dass Bild hier mit unbewiesenen – und nun auch widerlegten – Behauptungen in einen laufenden politischen Entscheidungsprozess eingegriffen hat. Wie sich die SPD-Basis entscheidet, ob pro oder contra GroKo, ist ja nicht ausgemacht. In einer solchen Situation mit einer Tendenzberichterstattung zu kommen, die geeignet war, den wortmächtigsten GroKo-Gegner, nämlich Juso-Chef Kevin Kühnert, politisch und moralisch zu deklassieren, war der unzulässige Versuch einer offenkundig politisch motivierten Intervention in einen Meinungsbildungsprozess. Klar, Journalisten berichten beständig über politische Entscheidungsprozesse, kritisieren deren Akteure, warnen vor drohenden Resultaten, befürworten andere. Aber sie tun dies selten mit unbewiesenen Tatsachenbehauptungen – und wenn, dann haben sie die Grenze zur Propaganda überschritten.

Natürlich sind die Grenzen des Machbaren bei Boulevardmedien weiter gesteckt als bei anderen. Hier darf zugespitzt werden. Nie aber dürfen die Fakten zurechtgedrechselt werden. Kampagnen verbieten sich. Wenn aber Bild beim laufenden Mitgliederentscheid der SPD-Basis mal insinnuiert, Ausländer dürften mitstimmen, vielleicht sogar ein Hund, und dann noch der Juso-Chef vorgeführt wird, der sich scheinbar mit Russen eingelassen hat, dann drängt sich der Eindruck einer Anti-SPD-Kampagne natürlich auf.

Nun rechtfertigt sich Bild-Chefredakteur Julian Reichelt damit, das Blatt habe ja gar nicht berichtet, dass sich Kühnert mit Russen eingelassen habe. Die Titanic habe insofern nicht ihr Ziel erreicht. Aber Bild hat sehr wohl den Eindruck erweckt, es könnte etwas dran sein: dass der Juso-Chef gerne die Hilfe von Russen in Anspruch nehmen könnte, damit die auf Facebook Stimmung gegen die GroKo machen. Hier aber ging Raunen vor Recherche. Denn der Eindruck konnte eben nicht bestätigt werden. Was man aber nicht beweisen kann, darüber muss man schweigen. Mutmaßungen desorientieren die Leser. Zur Information tragen sie nichts bei. Eher sind sie das, wovon wir demokratiebedrohend schon genug haben: Fake News.

Reichelts nachgeschobene Schutzbehauptungen

Aber es kommt ja noch schlimmer. Nun ist raus, dass Titanic Bild aufs Glatteis geführt hat. Und wie leicht das war: „Eine anonyme Mail, zwei, drei Anrufe – und Bild druckt alles, was ihnen in die Agenda passt“, heißt es bei Titanic. Der Mitarbeiter des Satireblatts, Moritz Hürtgen, sprach sogar in der Bild-Zentrale vor, getarnt mit billiger Brille, und wurde ohne Ausweiskontrolle in die Redaktion vorgelassen. Das sei „hoch professionell organisierter Betrug“ gewesen, rechtfertigt sich Reichelt im Spiegel-Interview. Das „hoch professionell“ verwundert. Natürlich möchte Reichelt alles: nur nicht die Raffinesse von Titanic würdigen. Der Verweis auf die angebliche Professionalität soll eher sagen: ,So perfekt ausgeführt, dass wir es im Grunde gar nicht entdecken konnten‘.

Und noch eine Schutzbehauptung führt der Bild-Chefredakteur an: Angeblich war das Thema Kühnert und die Russen redaktionsintern schon vom Spielplan abgesetzt. Dann aber habe die SPD Rechtsmittel gegen Unbekannt angekündigt – und flugs eine neue Lage entstehen lassen, die den Nachrichtenwert wieder ins Unermessliche steigen ließ? Nichts da! Erstens sollten Strafanzeigen, ja selbst staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, erst recht die sogenannten Vorermittlungen tiefer gehängt werden. Sie besagen nämlich erst mal gar nichts, insinuieren aber in Nachrichtenform: Irgendwas wird schon dran sein. Sodann: Es war ja Bild, die erst die Aufregung in die SPD-Parteizentrale trug. Die Berichterstattung über einen mutmaßlichen Skandal ankündigte. Und die damit die Partei quasi zum Jagen trug. Das ist ein Leichtes: Strafanzeigen zu provozieren und hinterher selbstbestätigend darüber zu berichten. Übrigens: Reichelt hat die Verantwortung für die Blamage mittlerweile auf sich genommen, an Rücktritt aber nach eigenem Bekunden nicht gedacht.

Flackerndes Irrlicht im Zeitgespräch der Gesellschaft

Auf Twitter und anderen Orts wird nun anhaltend seit Tagen über #miomiogate gespottet: „Alter Schwede, hat sich die Bild blamiert“. Ja, hat sie. Aber mehr als das. Die Affäre zeigt: Auf Bild ist kein Verlass. Politiker, die mit dem Boulevardblatt ihm Fahrstuhl nach oben gefahren sind und dann wieder nach unten (Mathias Döpfner), wissen das schon länger. Vor allem aber wir als Leser dürfen das nie vergessen: Bild steht nicht für eine verlässliche Nachrichtengebung, für eine vernunftbetonte und hinreichend umfassende Information, die wir alle zur Orientierung in einer unüberschaubaren Welt brauchen. Diese Zeitung und ihre Webvariante sind flackernde Irrlichter im Zeitgespräch der Gesellschaft. Man kann das lesen, hin und wieder jedenfalls, wenn man es zu verdauen versteht. Verlassen aber sollte man sich darauf nicht.

Bild hat in diesem Kasus von nicht unerheblicher politischer Bedeutung vor aller Augen offenbart, dass a) in der Nachrichtenwerthierarchie von Bild noch immer Effekt und Skandal vor Sorgfalt und Verzicht rangieren, dass b) die internen Verfahren zur Verifikation und, mehr noch, zur Falsifikation von Informationen nicht gut funktionieren und dass c) die Redaktion offenbar schrecklich vergesslich ist.

Denn es ist ja nicht das erste Mal, dass Titanic Journalisten leimte. Bei allem, was auf den ersten Blick bizarr erscheint, sollten in jeder Redaktion die Alarmglocken läuten: Will uns hier jemand hinters Licht führen? Die Bild hätte wissen müssen, dass sie für solche Guerillaaktionen ein besonders attraktives Objekt ist. Hat man bei Bild noch nie vom „Project Veritas“ gehört? Davon, dass der Washington Post unlängst eine erfundene Missbrauchsgeschichte untergejubelt werden sollte? Die Washington Post-Reporter blieben skeptisch und ersparten ihrem Blatt die Blamage. Davor hätte sich auch Bild schützen können, wenn die Redaktion nicht leichtfertig und fahrlässig nach der Leimrute einer Anti-SPD-Kampagne gegriffen hätte.

Satire als neue Form der Medienkritik?

Allerdings gibt es auch keinen Grund, die Aktionssatire von Titanic etwa als investigative Medienkritik zu adeln. Zunächst haben wir rein empirisch zur Kenntnis zu nehmen, dass die neuere Satire sich längst nicht mehr damit begnügt, Äußerungen und Handlungen von Politikern – oder wie hier: Medien – hinterher bloß spitz zu kommentieren. Vielmehr bewegt sie sich zunehmend ins alltägliche Arbeitsfeld ihrer Zielobjekte hinein und setzt dort gezielt Köder, provokante Stimuli, die die eine oder andere Reaktion auslösen sollen.

Am Beispiel von Jan Böhmermann gesagt: Das kann zu erhellenden, dekuvrierenden Effekten führen – Stichwort: #verafake –, aber auch zu fahrlässig gestreuten Platzierungen von Bildfälschungen im Internet, auf die im Falle von #varoufake die Redaktion von „Günther Jauch“ hereingefallen ist. Bei diesem Fall aus dem Jahr 2015 spekulierten Böhmermann und sei Team natürlich auch auf die damals weitverbreitete anti-griechische Stimmung. Musste man denen nicht selbst den Stinkefinger zutrauen? Drei Jahre später: Satirische Guerilla-Aktionen wie die von Titanic exploitieren natürlich auch ein gärendes Misstrauen in Medien. Im Grunde verwandeln sie das Lügenpresse-Geraune in einen Gegenstand satirischer Unterhaltung. Und nachher schlagen sich alle auf die Schenkel und rufen: Ertappt!

Von Satirikern kann man normativ wohl nicht erwarten, dass sie solche Zusammenhänge reflektieren. Dass sie sich auf skeptische Nachfragen ernsthaft einlassen, wie jüngst ein Hürtgen-Interview in der Jungen Welt zeigte. Oder dass sie wählerisch sein sollten in der Wahl ihrer Foren, in denen sie ihre Scoops absatzsteigernd nachauswerten. Den eigenen Erfolg am Köcheln zu halten ist legitim, denn auch Titanic-Hefte wollen ja verkauft sein. Aber muss es gleich RT Deutsch sein, wo man auf Fragen antwortet? Moritz Hürtgen war sich dafür nicht zu schade, Reichelt warf ihm daraufhin vor, sich vor den Karren russischer Propaganda spannen zu lassen. Doch wer sich das Kurzinterview anhört, merkt: Auch die Antworten sind Satire. Wohl ebenso, wie wenn Hürtgen nach einem „Hessenschau“-Interview twittert, er bedauere, dieses je gegeben zu haben.

Nervöse Zeiten

Wir leben in nervösen Zeiten. Das politische Deutschland dreht schon seit längerem hohl. Auch die seriösen Medien stehen vielfach unter Druck. Sie wollen nicht der Duchlauferhitzer für Hetze aus der rechten Ecke sein. Und werden es doch, einfach weil sie ab einer bestimmten Relevanzschwelle dann doch über das hingehaltene braune Stöckchen springen und über den neuesten Tabubruch berichten. Der dann am Ende schrecklich normal wirkt und niemand regt sich mehr auf. Und dann die Social Media, die längst nicht mehr demokratische Spielwiese für die freie Meinungsäußerung aller sind, sondern vermintes Gelände propagandistischer Manipulation, wie die aktuelle Berichte über „Reconquista Germanica“ zeigen.

In einer solchen Situation brauchen wir verantwortlichen Journalismus, der die Stimme der Vernunft erhebt, der Tatsachen von Lügen scheidet und der bei aller Freiheit und Notwendigkeit der Kritik an politischem Handeln das gemeinsame Interesse aller Bürger nicht aus dem Auge verliert: in einem freiheitlichen, sozialen Rechtsstaat zu leben, in einer Gesellschaft, die Konflikte zivilisiert, ohne Gewalt ausgeträgt, in der die Rechte von Minderheiten respektiert werden und in der alle zusammen klüger, nicht dümmer werden wollen. Man nennt es auch: Aufklärung. Bild hat eine andere, sehr volatile Agenda.