#nr18 | Medienkritik

Journalistische Grauzonen (30. Oktober 2018)

Journalist haben eine Meinung, die jedoch nicht immer sichtbar wird. Gerade in Reportagen könnten sie ihre Position noch deutlicher zeigen und vertreten. Doch dann kann es den Anschein machen, als bewegten sie sich in einer Grauzone zwischen journalistischen Grenzen und Aktivismus. Zu diesem komplexen Problem haben sie eine klare Haltung.

von Lorina Ostheim und Tim van Olphen

Vor kurzem sorgte der Fall eines internationalen Rechercheprojekts für Aufsehen in Journalistenkreisen. Ein unabhängiges Journalistenkollektiv, bestehend aus acht europäischen Journalisten und Journalistinnen, konnte aufdecken, wie die EU mit ihrer Agrarpolitik Umweltsünder unter den Mitgliedstaaten subventioniert und fördert.

Daran beteiligt: Greenpeace. Die Nichtregierungsorganisation koordinierte das Projekt nicht nur, sondern finanzierte auch die Arbeit der Journalisten. Die Beteiligung von Greenpeace – vor allem die finanzieller Natur – ließ eine Debatte über die Arbeit von Journalisten und ihre Zusammenarbeit mit NGOs entstehen.

Der Vorwurf: Das Kollektiv sei durch die Zusammenarbeit nicht mehr unvoreingenommen und hätte durch die NGO redaktionell beeinflusst werden können. Die Journalisten würden sich in einem Graubereich zwischen Journalismus und Aktivismus befinden und Transparenz im Umgang mit der NGO und den finanziellen Aspekten vermissen lassen.

Strikte Regeln

Der französische Journalist Mark Lee Hunter hat an dem Rechercheprojekt mitgewirkt. Er sagt, er könne die ethischen Bedenken verstehen, die Zusammenarbeit mit Greenpeace sei jedoch nach strikten Regeln abgelaufen – journalistisch und ethisch. Anforderungen an die Kooperation mit der NGO im Vorfeld seien „nicht anders gewesen als die an andere Medien auch“ und dazu zählten laut Hunter „Transparenz, Informationen, redaktionelle Unabhängigkeit und eben finanzielle Ressourcen“.

Der freie Journalist sieht in der gemeinschaftlichen Arbeit zwischen Journalisten und NGOs kein Problem. Dass er dabei von der NGO für seine Arbeit bezahlt wurde, sei „völlig normal“, sagt Hunter. „So wie Journalisten und Journalistinnen, die bei einem Medienhaus angestellt sind, für ihre Arbeit entlohnt werden, so wurde ich auch für meine entlohnt.“

„Nicht gekauft“

Wichtig sei ihm jedoch, dass er von Greenpeace „nicht gekauft“ worden sei. Vielmehr war es Hunter selbst, der mit der Rechercheidee auf die NGO zuging und eine Zusammenarbeit vorschlug. Auch sehe er sich entgegen mancher Vorwürfe nicht als Aktivist, sondern als ein „Reformer, der die Öffentlichkeit informieren und etwas verändern“ wolle.

Neben Hunter, der bei den Enthüllungen rund um die Umweltsünder in der EU mithalf, treten auch Seenotretter auf dem Mittelmeer, Tierschützer und Menschen, die sich aktiv rechtem Gedankengut entgegenstellen, für eine gute Sache ein.

Wann machen sich Journalisten durch ihr Handeln mit der aus Hanns Joachim Friedrichs‘ berühmten Zitat bekannten „guten Sache“ gemein oder werden gar zu Aktivisten?

Hier erklären Journalisten ihr Rollenverständnis und ihre Haltung zum Aktivismus:

„Position dem Publikum gegenüber transparent machen“ – Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Deutschen Presserats

Lutz Tillmanns, der Geschäftsführer des Deutschen Presserats, fordert: „Position dem Publikum gegenüber transparent machen“

Lutz Tillmanns ist der Meinung, dass Journalisten „Haltung zu gesellschaftspolitischen und sonstigen Themen des Lebens einnehmen und – zurückhaltend – zeigen“ dürfen. Im Rahmen ihrer journalistischen Tätigkeit sollten sie jedoch ihre Position dem „Publikum gegenüber transparent machen“ und keine aktive Rolle in „im weitesten Sinne politischen Institutionen“ einnehmen. Daher halte er es auch nicht für zulässig, wenn Journalisten in eine politische Sache eingriffen und gleichzeitig dazu journalistisch tätig seien.

Wann die Akteure innerhalb des Journalismus ihre „professionelle Rolle verlassen und zu Aktivisten“ werden, hänge vom Einzelfall ab. So befürwortet er beispielsweise die aktive Beteiligung von Journalisten und Journalistinnen an Rettungsaktionen von Flüchtlingen oder deren Vorgehen gegen Rechtsextremismus. Vorausgesetzt sei dabei aber immer, dass Transparenz herrscht und sie ihr Publikum „auch bei der journalistischen Tätigkeit hierüber in Kenntnis setzten.“ Die Arbeit und die persönlichen Aktivitäten der Journalisten müssten daher grundsätzlich mit den allgemeinen Gesetzen und Ethik des Journalismus übereinstimmen. Sollten Journalisten mit ihrer Arbeit in eine Grauzone vordringen und gar rechtliche oder ethische Grenzen überschreiten, „sind sie für diesen Schritt immer erklärungspflichtig.“ Transparentes Vorgehen sei ein wichtiges Kriterium der Qualität journalistischer Arbeit, findet Tillmanns.

 

„Journalisten, die ihre Meinung vertreten, wirken schnell aktivistisch“ – Hilal Sezgin, Kolumnistin der Frankfurter Rundschau

Hilal Sezgin, Kolumnistin der Frankfurter Rundschau, findet: „Journalisten, die ihre Meinung vertreten, wirken schnell aktivistisch.“

„Bei einer Demo gegen einen Schlachthof hatte sich ein Sanitäter menschenverachtend gegen einen Demonstranten geäußert“, sagt Hilal Sezgin. Das habe sie seinem Vorgesetzten gemeldet. Der Sanitäter sei daraufhin entlassen worden. Zunächst habe sie in dieser Situation Unbehagen verspürt und sich gefragt, ob sie damit nicht eine Grenze überschreite, „aber im Nachhinein fand ich, dass meine Position völlig in Ordnung und im Einklang mit den journalistischen Aufgaben war.” Denn als Journalistin verstehe sie sich auf Demos als dritte Partei zwischen den Demonstranten und der Polizei.

Sezgin hat einen Lebenshof auf dem Land, schreibt Bücher und die Kolumne „Unter Tieren“ für die Frankfurter Rundschau. Sie findet: „Ein ‚Ideal‘ journalistischer Arbeit, das erfordert, seine persönliche Haltung herauszulassen, funktioniert nicht.“

Durch ihre Texte, die oft Tierrechte thematisieren, würde Sezgin von manchen Leser_innen als aktivistisch wahrgenommen. „Würde ich eine Reportage über Menschen schreiben, die gefoltert werden, wäre das wahrscheinlich anders. Was Menschen nicht passt, sehen sie eher als Aktivismus“, meint die Publizistin.

Statt sich vornehm zurückzuhalten, sollte sich laut Sezgin im Journalismus niemand scheuen, aktivistisch oder engagiert zu sein. Und: „Journalisten sollten reflektierter berichten. Denn sie sind am Rechtsruck in Deutschland mitschuldig, da sie Themen selektieren und entscheiden, wie intensiv sie über etwas berichten.“

Sezgin selbst möchte Themen, die Tiere bewegen, in die Gesellschaft bringen: „Ich möchte, dass diese Themen auf einer gleichberechtigten Ebene mit Mainstream-Themen diskutiert werden. Ich finde, das entspricht sowohl aktivistischen, journalistischen und erzählerischen Idealen; diese widersprechen sich ja gar nicht.“ Sie erzähle die Geschichten, um die Wahrheit zu zeigen und um Missstände aufzudecken.

 

Mitmach-Journalismus statt Aktivismus – Correctiv: Geschäftsführer David Schraven und Chefredakteur Oliver Schröm, gemeinsame Stellungnahme

Correctiv-Chefredakteur Oliver Schröm

„Correctiv ist hochgradig investigativer Journalismus, nicht Aktivismus“, sagte Correctiv-Chefredakteur Oliver Schröm auf der diesjährigen Netzwerk Recherche-Jahreskonferenz über die Arbeit des gemeinnützigen Recherchezentrums. Auf Anfrage erklären er und Geschäftsführer David Schraven nun gemeinsam, Correctiv betreibe Aufklärungsarbeit, ermittle und vermittle Informationen. Und: „Wir wollen wissen, was bei den Menschen passiert. Deswegen gehen wir zu ihnen.“

Die beiden definieren Aktivismus als besonders intensives Bemühen von Menschengruppen, um politische Forderungen durchzusetzen, „indem sie vor allem außerparlamentarisch Einfluss auf politische Prozesse nehmen“.

Journalismus und Aktivismus beschäftigten sich zwar beide beispielsweise mit Informationen, Vorhaben und Ideen. Doch während Journalismus diesen unvoreingenommen gegenübertrete, um die Öffentlichkeit darüber zu unterrichten, gehe Aktivismus zielgerichtet vor, um damit politische Interessen durchzusetzen.

Die journalistische Berichterstattung dürfe sich im Rahmen geltender Gesetze und Regeln bewegen, bestehe ein Widerspruch müssten Journalisten abwägen: Maßstab müsse das öffentliche Interesse in Abwägung zu anderen widerstrebenden Interessen sein – zum Beispiel der Vertraulichkeit des Wortes, wenn jemand ein vertrauliches Gespräch veröffentlichen wolle.

Eine zunehmend „aktivistischere“ Berichterstattung sei in Deutschland nicht zu beobachten. Zwar würden viele journalistische Bereiche oberflächlicher, doch berichteten laut Schraven und Schröm gerade „Qualitätsmedien immer häufiger intensiver und tiefgründiger“. Durch neue Methoden wie Daten- und Bürgerjournalismus könnten Journalisten „besser und schärfer“ berichten. Das könne dabei helfen, Bürger in der Medienwelt mitmachen zu lassen.

 

„Sich selbst zu kennen ist die Grundlage für gutes Erzählen” – Ronja von Wurmb-Seibel, freie Journalistin

„Sich selbst zu kennen ist die Grundlage für gutes Erzählen”, sagt die freie Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel,

Dass ein Mensch Gefühle und Interessen hat, bedeute nicht, er könne nicht klar denken. „Im Gegenteil”, findet Ronja von Wurmb-Seibel. “Aus meiner Sicht macht gerade das einen guten Journalisten aus: mitzufühlen, Gefühle dann aber entweder aus der Berichterstattung aussparen – im Fall einer Analyse – oder sie zu benennen.”

Die Journalistin und Autorin plädiert für einen seriösen aufgeklärten Journalismus, der entweder Einstellungen und Gefühle transparent miteinbeziehe, „rein analytisch mit hart recherchierten Fakten“ arbeite oder eine Mischung aus beidem sei.

Was Journalisten als Menschen ausmache, seien eben auch Gefühle und politische Einstellungen. Nur sei ein professioneller Umgang damit nötig. Die Idee von Journalisten ohne eine bestimmte Haltung sei einfach fiktiv. „Ich weiß auch gar nicht, wozu das gut sein sollte – wir sind ja keine Roboter”, meint von Wurmb-Seibel.

„Ich persönlich schreibe und berichte ausschließlich über Themen, die mich selbst bewegen – mal als Reportage, mal als recherchierter Bericht, mal als Analyse – und jeweils entsprechend reflektiert und kenntlich gemacht“, erklärt die Journalistin. „Und noch mehr: Ich glaube, sich selbst zu kennen, ist die Grundlage für gutes Erzählen.”

 

„Haltung ist die wichtigste Eigenschaft“ – Bartholomäus von Laffert, freier Journalist

„Als Aktivist müsste ich mich mehr aktiv politisch mit für ein bestimmtes Thema einsetzen“, sagt Bartholomäus von Laffert. Seines Rollenbildes ist er sich bewusst, er sei „in erster Linie“ Journalist. Gleichwohl finde er, viele Formen von Journalismus würden ein aktivistisches Element enthalten. Für ihn persönlich beginne das schon bei der Themensetzung – welche Themen könne er auf die Agenda setzen, bei welchen sagen „das ist wichtig, darüber muss man schreiben!“

Von Laffert hat Sea-Watch vier Wochen lang auf dem Mittelmeer begleitet und viel über seine Erlebnisse an Board geschrieben. Er findet, Haltung sei bei der Berichterstattung die „wichtigste Eigenschaft von Journalisten“. Beim Thema Seenotrettung beispielsweise halte er nicht viel davon, Vertreter von Sea-Watch und Sebastian Kurz in gleichem Umfang zu Wort kommen zu lassen, wenn dieser dann sagen würde, dass „seiner Meinung nach alle Seenotretter Flüchtlingstaxis sind“. Vielmehr lege er seine Recherche offen und „argumentiere und mache transparent, welche Abwägungen ich gemacht habe, dass ich zu einer bestimmten Haltung komme“. Mit dem Objektivitätsbegriff könne er nicht viel anfangen, er sei ein viel größerer Fan von Subjektivität, die transparent stattfinde. Lasse man der vermeintlichen Objektivität halber alle zu Wort kommen, dann „gewinnt am Ende immer der, der am lautesten schreit“.

Der freie Journalist sagt: „Wenn ich auf dem Meer bin und eine Seenotrettungsorganisation begleite, und auf einem Gummiboot sitze während um mich herum Menschen ertrinken, dann ist es das natürlichste der Welt, dass ich da eingreife.“ In dem Moment, in dem er auf das Schiff gegangen sei, sei er „Teil der Crew”, erzählt von Laffert. „Es wäre nur heuchlerisch zu sagen, ‚ich bin in dem Fall unabhängiger und objektiver Journalist‘ – bin ich nicht!“

 

„Aus idealistischen Gründen Unterstützerin und Helferin“ – Andrea Röpke, freie Journalistin (Schwerpunkt Rechtsextremismus)

Die freie Journalistin Andrea Röpke sieht sich als „Dokumentatorin und Aufklärerin eines speziellen Themas“. Foto: L. Schmidt

Andrea Röpke findet, dass viele gute Recherchen nicht Journalisten liefern, „sondern Aktivisten.“ So wie diese zu Experten werden, könnten Journalisten zu Fachleuten werden, die sich „nach einer Veröffentlichung verpflichtet fühlen, weiterzuhelfen“. Die Politologin, die zum Themenschwerpunkt Rechtsextremismus recherchiert und rechte Demonstrationen sowie Veranstaltungen dokumentiert, erzählt, dass es vorrangig um Fakten und Sachlichkeit gehe und eben darum, „ein wichtig erscheinendes Thema sichtbar zu machen“.

Röpke hält diejenigen Journalisten für die lobenswerten, die sich schwierigen Themen annehmen und es nicht bei einer Veröffentlichung belassen, sondern sich „durchaus mit einer Sache gemein machen“, nachdem sie sich intensiv damit auseinandergesetzt hätten. Das Aufkeimen des Rechtspopulismus in Teilen Europas lasse auch „Journalisten, die sich intensiv mit Politik befassen, nicht unberührt“. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen würden nicht nur ihren Job machen, auch hätten sie soziale und politische Ideale. Mit Billigung der Medien sei es den Rechten gelungen, gesellschaftliche Diskurse zu erweitern und Tabus zu brechen. Sie fordere daher nicht unbedingt mehr Aktivismus, sondern vielmehr die „Rückkehr zu Besonnenheit und Fachlichkeit.“ Ihre Rolle sei vorrangig die einer „Dokumentatorin und Aufklärerin eines speziellen Themas“, sagt sie. Aus idealistischen Gründen möchte sie aber auch „Unterstützerin und Helferin“ sein.

 

„Hauptsache eine Haltung ist transparent nachvollziehbar” – Markus Beckedahl, Chefredakteur netzpolitik.org

Markus Beckedahl, Chefredakteur von netzpolitik.org, hält „einen objektiven Journalismus für nicht wirklich existent“.

Markus Beckedahl, Chefredakteur von netzpolitik.org, mag den Begriff „Aktivismus“ nicht, wird aber oft als Netzaktivist bezeichnet. Das englische Wort „advocacy“ – Themenanwaltschaft finde er besser, „das ist aber so spießig, dass der Begriff kaum genutzt wird.“ Unter Aktivismus verstehe er, sich für politische Ziele zu engagieren – meist ehrenamtlich. Wenn Journalisten für etwas eintreten, werde das häufig als Haltung bezeichnet.

„Nicht mit einer Sache gemein machen“, ein Spruch, der Hanns Joachim Friedrichs nachgesagt wird, mache für den öffentlich-rechtlichen Bereich Sinn. „Aber sonst halte ich einen objektiven Journalismus für nicht wirklich existent. Ich finde es gut, dass Teile des Journalismus sich mittlerweile trauen, mehr Haltung zu zeigen. Das wird dann häufig schon als aktivistisch wahrgenommen.“ Hauptsache, die Haltung sei transparent nachvollziehbar und journalistische Standards wurden eingehalten.

„Wir sind bei netzpolitik.org sehr transparent, sowohl in unserer Finanzierung als auch, wofür wir einstehen“, so Beckedahl. Sie sähen sich als Journalisten, handelten so, berichteten aber aus der Perspektive von digitalen Grundrechten – und schrieben das dazu. „Wir nutzen Journalismus, um für Demokratie und Grundrechte einzutreten. Insofern bewegen wir uns auf der journalistischen Seite in der Nähe zur advocacy“, erklärt Beckedahl. Als Journalist aus demokratischer Perspektive zu berichten, sollte selbstverständlich sein. Denn ohne Demokratie sei Journalismus schwer durchführbar.

 

„Geschichten dürfen nicht zur Währung werden” – Verena Hölzl, freie Journalistin

Nach Ansicht von Verena Hölzl sind Journalisten und Aktivisten in gewisser Weise aufeinander angewiesen. Foto: Pyae Sone Win

Im September 2017 strömten durchgehend Geflüchtete nach Bangladesch ein. Es regnete stark, die Menschen hatten Hunger, suchten Zuflucht und waren teils verletzt. Damals fragte sich Verena Hölzl häufig, ob sie nun besser helfen oder mit ihrem Interview weitermachen solle. „Ich habe das für mich ganz klar definiert: Meine Rolle ist die der Journalistin. Vor allem in Krisensituationen, in denen nicht viel Zeit ist für Überlegungen, ist das essentiell“, beschreibt sie. Geschichten dürften nicht zur Währung werden. Es sei bereits zu Handgreiflichkeiten gekommen, da die Geflüchteten durch Hölzls pure Anwesenheit erwartet hätten, Hilfe zu bekommen.

Ihrer Ansicht nach sind Journalisten und Aktivisten in gewisser Weise aufeinander angewiesen: Journalisten könnten Botschaften von Aktivisten einem breiten Publikum zugänglich machen. Aktivisten lieferten neue Ansätze oder könnten Kontakte herstellen, da sie sich längerfristiger mit Themen beschäftigten als Journalisten.

„Das Aktivistische an meiner Arbeit ist vermutlich, dass ich dazu beitrage zu dokumentieren, was vielleicht eines Tages als Völkermord in die Geschichte eingeht. Mehr nicht“, findet Hölzl, die als freie Journalistin aus Myanmar berichtet. Hilfe sei die Aufgabe von Hilfsorganisationen.

„In der Berichterstattung zu den Rohingya stehe ich sehr nahe an der Grenze zum Aktivismus. Das liegt daran, dass es zwar wie immer zwei Seiten dieses Konfliktes gibt, das Ausmaß der Brutalität des burmesischen Militärs gegen die Rohingya allerdings so überproportional war, dass sich ganz natürlich alle Geschichten nur darum drehen – und kaum um die Rohingya-Aufständischen“, schildert Hölzl ihre eigene Situation. „Die Regierung von Myanmar wirft uns ausländischen Journalisten deshalb Aktivismus und Einseitigkeit vor.“

 

Machen sich Journalisten nun durch ihr Handeln mit einer guten Sache gemein und werden sogar zu Aktivisten?

Aus den Antworten der Journalistinnen und Journalisten wird deutlich, dass das simple Vertreten einer persönlichen Meinung, selbige nicht gleich zu Aktivisten macht. Im Gegenteil – es ist sehr wichtig, Haltung zu zeigen. Angesichts des verstärkt auftretenden Rechtspopulismus, durch Donald Trump, die italienische Regierung und nicht zuletzt durch die AfD, ist es gerade jetzt erforderlich, dass Journalisten und Journalistinnen Stellung beziehen und klare Kante zeigen.

Es wäre naiv zu glauben, dass Journalistinnen und Journalisten mit ihren Texten nicht auch ihre eigene Meinung wiedergeben. Insgesamt darf aber dabei die Transparenz – wie es Markus Beckedahl sagt – nicht in den Hintergrund rücken. Meinungen und Haltungen müssen transparent und nachvollziehbar sein. Objektiven Journalismus gibt es nicht.

Viele der Befragten sehen es gerade in diesen Zeiten als wichtig an, mit NGOs zusammenzuarbeiten, sich an der Rettung von Flüchtlingen zu beteiligen, oder sich aktiv für Tierrechte einzusetzen. Dies widerspricht nicht der journalistischen Ethik. Journalisten müssen in der Berichterstattung jedoch redaktionelle Unabhängigkeit wahren und sich ihrer jeweiligen Rolle bewusst sein.

Ob sie durch ihr Handeln eine aktivistische Position einnehmen, hängt vom Einzelfall und den sozialen sowie politischen Idealen ab. Um es mit den Worten von Verena Hölzl zu sagen: „Egal wie klar man seine Rolle definiert, am Ende ist man doch nur Mensch.“

 

Dokumentation | Medienkritik

Raunen statt Recherche (27. Februar 2018)

Bild ist der Titanic auf den Leim gegangen – und was folgt daraus?

von Volker Lilienthal

Schon die Schlagzeile war die Unterstellung, diese Partei sei eine von Wiederholungstätern: „Neue Schmutzkampagne bei der SPD!“ Und dann weiter: „Es geht um brisante Mails, den Juso-Chef und einen Mann namens Juri“. Bild stieg darauf ein, wertete angebliche Mails aus und ließ sogar den getarnten Informanten in die eigene Redaktion. Am Ende kam heraus: Ein satirischer Fake war das, Aktionskunst aus dem Haus Titanic. Das reichweitenstarke Newsportal T-Online bat Message-Herausgeber Volker Lilienthal um eine Einordnung des Falls. Sein Gastbeitrag löste auf Twitter ein lebhaftes, hauptsächlich zustimmendes Echo aus. Message veröffentlicht nun eine aktualisierte und leicht erweiterte Fassung. Darin geht der Autor auch auf die immer wieder beliebte Frage ein: Was darf Satire?

Die Schlagzeile, mit der die Bild-Zeitung der Titanic auf den Leim ging.

Wenn ich in der jüngeren Vergangenheit als Experte nach der Bild-Zeitung gefragt wurde, habe ich mich um Differenzierung bemüht: seit langem kein rechtes Kampfblatt mehr, eher um gesellschaftlichen Ausgleich bemüht, zum Beispiel in der Flüchtlingskrise. Kritisch auch gegenüber AfD und Pegida, hin und wieder jedenfalls. Kollegen gibt es, die wollten Bild gar die Journalismus-Eigenschaft absprechen. Also wäre Bild nicht mehr vom Artikel 5 Grundgesetz geschützt? Ich widersprach.

Dabei bleibe ich. Doch meine sonstige Einschätzung, Bild habe sich sozusagen zivilisiert, ein Akt der Selbsterziehung oder der korrigierenden Reaktion auf so berechtigte wie nachhaltige Kritik, war blauäugig, ich nehme sie zurück. Die sogenannte Titelgeschichte über eine angebliche „Neue Schmutzkampagne bei der SPD!“ zeigte von Anfang an, dass Bild selten zögert, noch Öl ins Feuer zu gießen, wenn eine Partei, eine Regierung, ein Minister, eine Behörde oder was auch immer in einer Krise steckt und an Ansehen verliert. Dann nimmt Bild scheinbar belastendes Material gerne entgegen, nimmt ein paar Nachprüfungen vor, ob es echt ist – und selbst wenn dafür nicht viel spricht, darf die Geschichte nicht sterben.

„Totrecherchieren“, wie es im Journalistenjargon heißt, gilt hier nicht. Die Botschaft „Neue Schmutzkampagne bei der SPD!“ musste offenbar unbedingt gebracht werden, weil sie ins politische Konzept passte: eine Partei, die schon genug in Nöten steckte, nochmals vorzuführen. Seht her: Lassen sich sogar mit Russen ein! Nur wer bis zum Ende des wirren Textes, erschienen auf Seite 1 am 16. Februar, durchgehalten hatte, konnte eine kleine Distanzierung lesen: „Für die Echtheit der E-Mails gibt es keinen Beweis.“

Schon damals war klar: Bild hatte die journalistische Sorgfaltspflicht in erheblichem Maße verletzt. In deren Rahmen wäre es Aufgabe der Redaktion gewesen, den scheinbaren Mailwechsel und seinen Inhalt zu verifizieren. Offensichtlich ist dies aber nicht gelungen, Bild räumte es selbst ein. In einer solchen Situation aber wäre es Ausdruck wahrgenommener Verantwortung gewesen, auf diese Art von politisch motivierter Verdachtsberichterstattung zu verzichten. Oder aber den Artikel deutlicher kleiner zu fahren, auf hinteren Seiten zu platzieren und mit dem Zweifel an der Echtheit der Mails in den Text einzusteigen. Eine derart windige Geschichte aber auf Seite 1 zu heben, ist ein blattmacherisches Totalversagen. Ein Versagen vor allem auch des nunmehrigen Alleinherrschers von Bild, Julian Reichelt. Bekanntlich weiß der sein Blatt gut zu verkaufen, schreckt vor kaum einer Polarisierung (wie jüngst in Hart aber fair) zurück. Aber in der Stunde der Entscheidung fehlt ihm die Selbstdisziplin. Das Gespür, was man tun darf – und was man besser sein lassen sollte.

Eingriff in laufenden Entscheidungsprozess einer Partei

Vergessen wir nicht, dass Bild hier mit unbewiesenen – und nun auch widerlegten – Behauptungen in einen laufenden politischen Entscheidungsprozess eingegriffen hat. Wie sich die SPD-Basis entscheidet, ob pro oder contra GroKo, ist ja nicht ausgemacht. In einer solchen Situation mit einer Tendenzberichterstattung zu kommen, die geeignet war, den wortmächtigsten GroKo-Gegner, nämlich Juso-Chef Kevin Kühnert, politisch und moralisch zu deklassieren, war der unzulässige Versuch einer offenkundig politisch motivierten Intervention in einen Meinungsbildungsprozess. Klar, Journalisten berichten beständig über politische Entscheidungsprozesse, kritisieren deren Akteure, warnen vor drohenden Resultaten, befürworten andere. Aber sie tun dies selten mit unbewiesenen Tatsachenbehauptungen – und wenn, dann haben sie die Grenze zur Propaganda überschritten.

Natürlich sind die Grenzen des Machbaren bei Boulevardmedien weiter gesteckt als bei anderen. Hier darf zugespitzt werden. Nie aber dürfen die Fakten zurechtgedrechselt werden. Kampagnen verbieten sich. Wenn aber Bild beim laufenden Mitgliederentscheid der SPD-Basis mal insinnuiert, Ausländer dürften mitstimmen, vielleicht sogar ein Hund, und dann noch der Juso-Chef vorgeführt wird, der sich scheinbar mit Russen eingelassen hat, dann drängt sich der Eindruck einer Anti-SPD-Kampagne natürlich auf.

Nun rechtfertigt sich Bild-Chefredakteur Julian Reichelt damit, das Blatt habe ja gar nicht berichtet, dass sich Kühnert mit Russen eingelassen habe. Die Titanic habe insofern nicht ihr Ziel erreicht. Aber Bild hat sehr wohl den Eindruck erweckt, es könnte etwas dran sein: dass der Juso-Chef gerne die Hilfe von Russen in Anspruch nehmen könnte, damit die auf Facebook Stimmung gegen die GroKo machen. Hier aber ging Raunen vor Recherche. Denn der Eindruck konnte eben nicht bestätigt werden. Was man aber nicht beweisen kann, darüber muss man schweigen. Mutmaßungen desorientieren die Leser. Zur Information tragen sie nichts bei. Eher sind sie das, wovon wir demokratiebedrohend schon genug haben: Fake News.

Reichelts nachgeschobene Schutzbehauptungen

Aber es kommt ja noch schlimmer. Nun ist raus, dass Titanic Bild aufs Glatteis geführt hat. Und wie leicht das war: „Eine anonyme Mail, zwei, drei Anrufe – und Bild druckt alles, was ihnen in die Agenda passt“, heißt es bei Titanic. Der Mitarbeiter des Satireblatts, Moritz Hürtgen, sprach sogar in der Bild-Zentrale vor, getarnt mit billiger Brille, und wurde ohne Ausweiskontrolle in die Redaktion vorgelassen. Das sei „hoch professionell organisierter Betrug“ gewesen, rechtfertigt sich Reichelt im Spiegel-Interview. Das „hoch professionell“ verwundert. Natürlich möchte Reichelt alles: nur nicht die Raffinesse von Titanic würdigen. Der Verweis auf die angebliche Professionalität soll eher sagen: ,So perfekt ausgeführt, dass wir es im Grunde gar nicht entdecken konnten‘.

Und noch eine Schutzbehauptung führt der Bild-Chefredakteur an: Angeblich war das Thema Kühnert und die Russen redaktionsintern schon vom Spielplan abgesetzt. Dann aber habe die SPD Rechtsmittel gegen Unbekannt angekündigt – und flugs eine neue Lage entstehen lassen, die den Nachrichtenwert wieder ins Unermessliche steigen ließ? Nichts da! Erstens sollten Strafanzeigen, ja selbst staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, erst recht die sogenannten Vorermittlungen tiefer gehängt werden. Sie besagen nämlich erst mal gar nichts, insinuieren aber in Nachrichtenform: Irgendwas wird schon dran sein. Sodann: Es war ja Bild, die erst die Aufregung in die SPD-Parteizentrale trug. Die Berichterstattung über einen mutmaßlichen Skandal ankündigte. Und die damit die Partei quasi zum Jagen trug. Das ist ein Leichtes: Strafanzeigen zu provozieren und hinterher selbstbestätigend darüber zu berichten. Übrigens: Reichelt hat die Verantwortung für die Blamage mittlerweile auf sich genommen, an Rücktritt aber nach eigenem Bekunden nicht gedacht.

Flackerndes Irrlicht im Zeitgespräch der Gesellschaft

Auf Twitter und anderen Orts wird nun anhaltend seit Tagen über #miomiogate gespottet: „Alter Schwede, hat sich die Bild blamiert“. Ja, hat sie. Aber mehr als das. Die Affäre zeigt: Auf Bild ist kein Verlass. Politiker, die mit dem Boulevardblatt ihm Fahrstuhl nach oben gefahren sind und dann wieder nach unten (Mathias Döpfner), wissen das schon länger. Vor allem aber wir als Leser dürfen das nie vergessen: Bild steht nicht für eine verlässliche Nachrichtengebung, für eine vernunftbetonte und hinreichend umfassende Information, die wir alle zur Orientierung in einer unüberschaubaren Welt brauchen. Diese Zeitung und ihre Webvariante sind flackernde Irrlichter im Zeitgespräch der Gesellschaft. Man kann das lesen, hin und wieder jedenfalls, wenn man es zu verdauen versteht. Verlassen aber sollte man sich darauf nicht.

Bild hat in diesem Kasus von nicht unerheblicher politischer Bedeutung vor aller Augen offenbart, dass a) in der Nachrichtenwerthierarchie von Bild noch immer Effekt und Skandal vor Sorgfalt und Verzicht rangieren, dass b) die internen Verfahren zur Verifikation und, mehr noch, zur Falsifikation von Informationen nicht gut funktionieren und dass c) die Redaktion offenbar schrecklich vergesslich ist.

Denn es ist ja nicht das erste Mal, dass Titanic Journalisten leimte. Bei allem, was auf den ersten Blick bizarr erscheint, sollten in jeder Redaktion die Alarmglocken läuten: Will uns hier jemand hinters Licht führen? Die Bild hätte wissen müssen, dass sie für solche Guerillaaktionen ein besonders attraktives Objekt ist. Hat man bei Bild noch nie vom „Project Veritas“ gehört? Davon, dass der Washington Post unlängst eine erfundene Missbrauchsgeschichte untergejubelt werden sollte? Die Washington Post-Reporter blieben skeptisch und ersparten ihrem Blatt die Blamage. Davor hätte sich auch Bild schützen können, wenn die Redaktion nicht leichtfertig und fahrlässig nach der Leimrute einer Anti-SPD-Kampagne gegriffen hätte.

Satire als neue Form der Medienkritik?

Allerdings gibt es auch keinen Grund, die Aktionssatire von Titanic etwa als investigative Medienkritik zu adeln. Zunächst haben wir rein empirisch zur Kenntnis zu nehmen, dass die neuere Satire sich längst nicht mehr damit begnügt, Äußerungen und Handlungen von Politikern – oder wie hier: Medien – hinterher bloß spitz zu kommentieren. Vielmehr bewegt sie sich zunehmend ins alltägliche Arbeitsfeld ihrer Zielobjekte hinein und setzt dort gezielt Köder, provokante Stimuli, die die eine oder andere Reaktion auslösen sollen.

Am Beispiel von Jan Böhmermann gesagt: Das kann zu erhellenden, dekuvrierenden Effekten führen – Stichwort: #verafake –, aber auch zu fahrlässig gestreuten Platzierungen von Bildfälschungen im Internet, auf die im Falle von #varoufake die Redaktion von „Günther Jauch“ hereingefallen ist. Bei diesem Fall aus dem Jahr 2015 spekulierten Böhmermann und sei Team natürlich auch auf die damals weitverbreitete anti-griechische Stimmung. Musste man denen nicht selbst den Stinkefinger zutrauen? Drei Jahre später: Satirische Guerilla-Aktionen wie die von Titanic exploitieren natürlich auch ein gärendes Misstrauen in Medien. Im Grunde verwandeln sie das Lügenpresse-Geraune in einen Gegenstand satirischer Unterhaltung. Und nachher schlagen sich alle auf die Schenkel und rufen: Ertappt!

Von Satirikern kann man normativ wohl nicht erwarten, dass sie solche Zusammenhänge reflektieren. Dass sie sich auf skeptische Nachfragen ernsthaft einlassen, wie jüngst ein Hürtgen-Interview in der Jungen Welt zeigte. Oder dass sie wählerisch sein sollten in der Wahl ihrer Foren, in denen sie ihre Scoops absatzsteigernd nachauswerten. Den eigenen Erfolg am Köcheln zu halten ist legitim, denn auch Titanic-Hefte wollen ja verkauft sein. Aber muss es gleich RT Deutsch sein, wo man auf Fragen antwortet? Moritz Hürtgen war sich dafür nicht zu schade, Reichelt warf ihm daraufhin vor, sich vor den Karren russischer Propaganda spannen zu lassen. Doch wer sich das Kurzinterview anhört, merkt: Auch die Antworten sind Satire. Wohl ebenso, wie wenn Hürtgen nach einem „Hessenschau“-Interview twittert, er bedauere, dieses je gegeben zu haben.

Nervöse Zeiten

Wir leben in nervösen Zeiten. Das politische Deutschland dreht schon seit längerem hohl. Auch die seriösen Medien stehen vielfach unter Druck. Sie wollen nicht der Duchlauferhitzer für Hetze aus der rechten Ecke sein. Und werden es doch, einfach weil sie ab einer bestimmten Relevanzschwelle dann doch über das hingehaltene braune Stöckchen springen und über den neuesten Tabubruch berichten. Der dann am Ende schrecklich normal wirkt und niemand regt sich mehr auf. Und dann die Social Media, die längst nicht mehr demokratische Spielwiese für die freie Meinungsäußerung aller sind, sondern vermintes Gelände propagandistischer Manipulation, wie die aktuelle Berichte über „Reconquista Germanica“ zeigen.

In einer solchen Situation brauchen wir verantwortlichen Journalismus, der die Stimme der Vernunft erhebt, der Tatsachen von Lügen scheidet und der bei aller Freiheit und Notwendigkeit der Kritik an politischem Handeln das gemeinsame Interesse aller Bürger nicht aus dem Auge verliert: in einem freiheitlichen, sozialen Rechtsstaat zu leben, in einer Gesellschaft, die Konflikte zivilisiert, ohne Gewalt ausgeträgt, in der die Rechte von Minderheiten respektiert werden und in der alle zusammen klüger, nicht dümmer werden wollen. Man nennt es auch: Aufklärung. Bild hat eine andere, sehr volatile Agenda.