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Programmieren als Königsdisziplin (14. August 2017)

Wer als Journalist etwas auf sich hält oder sich auf einem Zukunftsmarkt beweisen möchte, tippt mit Software-Entwicklern um die Wette. Aufwendig entwickelte Programme sammeln riesige Datenmengen auf Webseiten, die Journalisten gezielt auswerten. „Web Scraping“ heißt das neue Zauberwort und „Python“ ist die Sprache der Wahl. Was ist von dem Datenboom zu halten? Fünf Journalisten und Programmierer über die Erfahrungen aus einem Einsteigerworkshop im Coden

von Louise Sprengelmeyer und Mira Taylor

Programmieren ist kein Hexenwerk, verlangt aber Ausdauer. Die kann sich später auszahlen, denn: Wer als Journalist programmieren könne, sei auf dem Arbeitsmarkt deutlich im Vorteil, sagt Patricia Ennenbach, Freie Online- und Radiojournalistin beim WDR. Ennenbach stellte sich vor einigen Jahren dem technischen Neuland. Mit dem Tippen einzelner Befehle in die Kommandozeile startete sie, mittlerweile gibt sie Einsteigerworkshops zum Programmieren mit Python, Pandas und Django. Erste Schritte mit Python konnten Journalisten auf der diesjährigen Jahrestagung von Netzwerk Recherche im Workshop „Code like a journalist“ lernen. Nicht nur für Datenjournalisten sei Programmieren – oder Coden – wichtig, sondern auch für klassische Onlineredakteure, erklärt Workshop-Leiterin Ennenbach hinterher Message Online.

Fotos, Grafiken und Videos gehören zu den Standardelementen von Journalismus im Netz. Datenjournalisten können mit Kenntnissen im Coden einen Schritt weitergehen und Grafiken programmieren, in denen User Informationen, die für sie individuell wichtig sind, selbstständig mit wenigen Klicks durchforsten und sich in die Analyse der Daten vertiefen können. Überregionale Geschichten lassen sich so für den einzelnen User runterbrechen – individuelle statt unspezifischer Information. Aus einer großen Geschichte entstehen unzählige kleine.

 (O-Ton: Patricia Ennenbach, Freie Online- und Radiojournalistin beim WDR)

Journalisten sollten sich im Klaren sein, was Programmierer mit einigen Zeilen Code alles erreichen könne, sagt Stefan Wehrmeyer, Datenjournalist beim Recherchezentrum Correctiv und Betreiber der Webseite FragDenStaat.de. Gleichzeitig sollten Programmierer ein Grundverständnis journalistischer Arbeitsweisen haben: Ab welchem Punkt werden nackte Zahlen zu einer Story?

Um Daten zu analysieren, hilft Jupyter Notebooks. Die Software bietet den Vorteil, dass nicht nur Computer, sondern auch Menschen mit dem getippten Code etwas anfangen können. Für Journalisten werden Analyseschritte und -ergebnisse angezeigt und das System kann den Code für die Datenanalyse ziehen.

Neben einem generellen Grundverständnis für das Coden ist es für Journalisten ebenso sinnvoll, einige Zeilen Quelltext selber schreiben zu können, sagt Software-Entwickler Felix Ebert. Für die Süddeutsche Zeitung Online programmierte er das Webspecial „Der Facebook-Faktor“. Wer selbst ein paar Zeilen Code schreiben kann, ist unabhängig: Wer weiß, was möglich ist, kann Projekte wie den „Facebook-Faktor“ skizzieren und mit einem erfahrenen Programmierer bauen. Das bestätigt auch Correctiv-Redakteur und Software-Entwickler Simon Wörpel: Sobald die Datenanalyse und -visualisierung veröffentlicht wird, sollten Journalisten mit Spezialisten zusammenarbeiten.

Programmierfähigkeiten eignet sich der fleißigste Schüler nicht an einem Nachmittag an. „Ohne konkrete Anwendung lernt man das nicht“, sagt Wörpel und hat einen Tipp für alle Einsteiger: „Überleg dir etwas aus deiner alltäglichen Arbeit als Journalist, was du mit einer kleinen Programmierung automatisieren kannst.“ Zunächst über einzelne Schritte Buch führen und erst dann mit dem Coden beginnen, sei die richtige Reihenfolge, sagt Wörpel. Schritt für Schritt könnten so Arbeitsabfolgen optimiert werden. Auf Correctiv erklärt der Datenexperte in Video-Tutorials nützliche Programme, mit denen Lokaljournalisten Daten nutzen können.

Insbesondere Web-Scraping – also das automatisierte Lesen und Speichern von Daten – reduziert die Arbeitsstunden für Datenjournalisten erheblich. In vielen Fällen werden Daten in geschlossenen PDF-Dateien ins Netz gestellt und können nur händisch – oder mithilfe kostenpflichtiger Tools – analysiert werden. Falls sich keine CSV-, XML- oder API-Formate auftreiben lassen, kann mithilfe einer Sprache wie Python ein Web-Scraper programmiert werden, der die relevanten Fakten aus Datenmassen bequem extrahiert. Slideshare und ProPublica halten dazu hilfreiche Tipps bereit.

Erfolgserlebnisse wie ein Schreiner

Am Anfang müssten Anfänger verstehen lernen, dass der Computer den Code exakt auslese, erklärt WDR-Datenjournalistin Ennenbach. Befehle müssten genau getippt werden: so bedeute etwa eine eckige Klammer etwas Anderes als eine runde. Vor dieser peniblen Genauigkeit dürften Journalisten keine Angst haben, betont Ennenbach. Die Logik einer Programmiersprache zu durchschauen, sei eine Hürde, die gut zu überwinden ist, findet Claudia Pupo Almaguer, die als Freie Journalistin beim MDR arbeitet. Die Journalistin lernte bei Ennenbach erste Schritte im Coden.

„Auch wenn du eine Frau bist, nie einen Mathe-Leistungskurs hattest und dich um die Statistik-Vorlesungen in deinem Studium gedrückt hast, kannst du programmieren lernen“, sagt WDR-Datenjournalistin Ennenbach. Alles im Befehlsfenster – dem sogenannten Terminal – zu erledigen, kann für Anfänger ungewohnt sein. Monika Gemmer, Journalistin bei der Frankfurter Rundschau, fand es zunächst schwierig, sich in die Funktionsweise von Python hineinzudenken. Dennoch rückt sie nicht von ihrem Ziel ab, programmieren zu lernen.

 (O-Ton: Monika Gemmer, Journalistin bei der Frankfurter Rundschau)

Immer mehr Journalisten versuchen, ein grundlegendes Verständnis vom Programmieren in ihr Standard-Repertoire zu integrieren. Schnelle Erfolgserlebnisse motivieren ebenso wie ein fertiggestelltes Projekt.

(O-Ton: Karsten Schmehl, Buzzfeed)

Python – Das Alphabet für Datenjournalisten

Genauso wie Menschen Englisch, Spanisch oder Griechisch sprechen, können Journalisten zwischen mehreren Programmiersprachen wählen, fasst Linux-Fan Wörpel zusammen. Heutzutage könnten mit unzähligen Sprachen vergleichbare Ergebnisse erzielt werden. Webentwickler und Datenjournalist Simon Jockers erklärt:

(O-Ton: Simon Jockers, Webentwickler und Datenjournalist)

Python sei eine einfache Programmiersprache, sagt Correctiv-Kollege Wehrmeyer: „Das Schwierigste ist immer die Installation.“ Um das Problem aus der Welt zu schaffen, hat WDR-Datenjournalistin Ennenbach eine Installationsanleitung der wichtigsten Programme für Journalisten auf Github gestellt. Schritt für Schritt werden die einzelnen Programme installiert: Python und Python Packages, Notebooks, Vitualenv, Librarys und der Texteditor Gedit.

Programmier-Tipps für Einsteiger

Auf CodeCademy stehen Workshops zu HTML und CSS, zu JavaScript, Git und Python bereit. Eine Zeitangabe verdeutlicht den hohen Lernaufwand: Zehn Stunden für den Einstieg in HTML und CSS, ganze 13 Stunden für erste Befehle mit Python. Mit HTML werden Inhalte programmiert, mit CSS Präsentationen gefertigt und JavaScript dient der Interaktivität. HTML-Seiten sind statisch, damit sich aber der Inhalt einer Seite bei einem Klick auf einen Button verändert, muss die Seite dynamisch sein. Dafür gibt es Python oder JavaScript. Neben CodeCademy sind Foren wie HtmlDog und Molily hilfreiche Begleiter für den Einstieg. Für die Kernarbeit der Datenanalyse reichen die Programmiersprachen R oder Python aus.

Besonders für Python gebe es eine große Learning-Community, sagt Wörpel. Die derzeit besten Onlinekurse richteten sich häufig an Frauen, seien für Männer aber genauso hilfreich. Diese Tutorials fangen laut Wörpel bei null an und erklären die einzelnen Schritte verständlich in einer sinnvollen Reihenfolge. WDR-Journalistin Ennenbach empfiehlt DjangoGirls für Neueinsteiger. Auf Twitter liegen weitere Tipps versteckt: Unter dem Hashtag #ddj tauschen sich Datenjournalisten regelmäßig aus.

Moocs sei eine weitere gute Plattform, um Fähigkeiten im Coden auszubauen, sagt Datenjournalist Wehrmeyer. Und wenn es mal Probleme gibt, helfe die Crowd weiter. Auf die meisten Fragen gebe es im Netz bereits Antworten: „Es gibt eigentlich keine gute Ausrede, nicht mit dem Programmieren anzufangen oder es wenigstens zu probieren.“ Ennenbach stimmt Wehrmeyer zu: „Dann kann man sich zu Hause hinsetzen, hat ein neues Hobby und kann abends coden.“

Sicherheit | Video

Die fatale Fahrlässigkeit in der digitalen Welt (14. Juli 2017)

Warum Journalisten beim Informantenschutz dazulernen müssen

Oft sind Journalisten bei heiklen Recherchen auf interne Informanten oder Whistleblower angewiesen. Dabei ist es die Pflicht der Journalisten, ihre Quellen restlos vor Enttarnung zu schützen. Manchmal misslingt das auf fatale Weise, wie der jüngste Fall einer Whistleblowerin aus der NSA gezeigt hat. Vermutlich infolge einer Unvorsichtigkeit der Rechercheure wurde die junge Frau von den amerikanischen Strafverfolgungsbehörden identifiziert und muss jetzt mit einer mehrjährigen Haftstrafe rechnen. Ein Fall von unprofessioneller Fahrlässigkeit mit schrecklichen Folgen für die Betroffene. Muss also der Informantenschutz im digitalen Zeitalter auf den Prüfstand? Und was müssen Journalisten dringend dazulernen? Für Message Online hat sich Torben Steenbuck unter Experten für Quellenschutz umgehört.

#digijour2015 | Dokumentation | Video

Defizite, Chancen, Herausforderungen (Video) (7. Dezember 2015)


Quelle: Lecture2go

Defizite, Chancen, Herausforderungen
Anschlussdiskussion zur Keynote von Christian Jakubetz

Dirk von Gehlen (sueddeutsche.de)
Barbara Hans (Spiegel Online)
Christiane Krogmann (tagesschau.de)
Dr. Jan-Hinrik Schmidt (Hans-Bredow-Institut)

Der Beitrag dokumentiert einen Programmpunkt der Tagung „Digitaler Journalismus: Disruptive Praxis eines neuen Paradigmas“, die am 5. und 6. November 2015 unter der Leitung von Prof. Dr. Volker Lilienthal (Universität Hamburg) in Hamburg stattfand.

#nr15 Spezial | Video

Periscope, Meerkat & Co – Wird Live-Streaming den Journalismus verändern? (16. Oktober 2015)

Live-Übertragungen – das gab es bisher vor allem im Fernsehen. Mit Apps wie Periscope und Meerkat brauchen Journalisten nur noch ein Smartphone, um einen Live-Stream zu starten. Die Zuschauer können liken und kommentieren.

Von Amelie Breitenhuber und Vanessa Karrasch

Derzeit wird noch viel ausprobiert, doch das Potenzial von Live-Streaming-Apps für den Journalismus ist groß. Verschiedene Journalisten und Medien haben bereits gezeigt, dass besonders die Interaktion mit dem Publikum gut funktioniert. Denn über die Live-Videoformate sind die User nah dran an der Redaktion und am Geschehen. Doch der Trend wird auch von einer medienrechtlichen Diskussion begleitet. Wie steht es um Urheberrechte und ab wann braucht man in Deutschland eine Rundfunklizenz?

Medienexperte Alexander Becker (meedia.de) und die Hamburger Anwältin Dr. Petra Hansmersmann (Expertin für Social-Media und Datenschutzrecht) betrachten die Chancen und Risiken von Live-Streaming-Apps.

#nr15 Spezial | Personal Branding | Video

Notwendige Selbstvermarktung oder Personenkult? (11. August 2015)

Eigentlich geht es im Journalismus um gute Geschichten. Die gilt es zu verkaufen. Neueste Kampagnen großer Verlage werben nun aber mit den großen Namen unter den Artikeln. Die Journalisten selbst stehen plötzlich im Vordergrund und erzählen in Werbespots der Zeit oder der Bild am Sonntag, was ihr jeweiliges Medium am besten kann. Auch freie Journalisten versuchen, sich als Marke zu etablieren, um sich im hart umkämpften Markt besser behaupten zu können. Benjamin Breitegger, Max Ginter und Florian Steinkröger haben für Message Online mit Experten gesprochen und um eine Einordnung des Trends gebeten. Neue Egomanie oder eine gute Methode, um Aufmerksamkeit für Journalismus zu schaffen? (mehr …)