Interview | Recherche | Rechtsextremismus
Christian Fuchs über… Grenzen

Christian Fuchs arbeitet für das Investigativ-Ressort der ZEIT und gilt als Experte zur Neuen Rechten. Gemeinsam mit Paul Middelhoff hat er das Buch „Das Netzwerk der Neuen Rechten“ geschrieben. Im Interview spricht er über ethische Grenzgänge, erklärt, warum ihn seine Recherchen über deutsche Nationalisten ins Ausland geführt haben, und er verrät, was er seinem jungen Ich heute mit auf den Weg geben würde.

Message: Sie beschäftigen sich schon lange mit der Neuen Rechten. Wie lange haben Sie an Ihrem aktuellen Buch gearbeitet?

Fuchs: Die reine Schreibzeit betrug nur etwa vier Monate. Aber wir greifen in dem Buch auf Recherchen aus den vergangenen drei Jahren zurück, weil das Thema sehr weitläufig ist. Wir schreiben da über ein Netzwerk von rund 160 Organisationen, wo ganz viele Menschen dahinterstecken. Man muss erstmal die Strukturen verstehen und die wichtigen Player ausmachen und sich mit ihnen treffen. Das braucht Zeit.

Die Recherchen blieben nicht auf Deutschland beschränkt. Warum muss man für eine Geschichte über Nationalisten grenzüberschreitend Recherchieren?

Auch dieses Thema wird – wie mittlerweile fast jedes – automatisch international. Man würde ja denken, es widerspreche dem nationalistischen Gedankengut von Rechtsextremen und Rechtsradikalen, allerdings sieht man selbst in diesem Bereich internationale Verbindungen, wo Strategien ausgetauscht werden und Geldflüsse über das Ausland laufen.

Für Christian Fuchs hat nahezu jede Recherche auch internationale Aspekte. Deshalb seien grenzüberschreitende Kooperationen so wichtig. Foto: Raphael Hünerfauth

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit internationalen Kollegen?

Es gibt nicht mehr diesen einen genialen Reporter, der sich irgendwo reinwühlt und nach ein paar Wochen eine geile Geschichte bringt. Das ist vorbei. Gerade im investigativen Bereich geht es oft nur noch in Gruppen, weil einem einfach die Expertise für andere Länder fehlt. Die allermeisten Kooperationen und Verbünde, die ich mit ausländischen KollegInnen hatte, waren sehr fruchtbar und für alle Seiten ein Gewinn. Ich würde es jedem empfehlen, seine Fühler auch in die anderen Länder auszustrecken, denn ich glaube, die allermeisten Themen sind heute international und man braucht die Kontakte ins Ausland, um sauber arbeiten zu können.

Warum?

Unternehmen sind heute multinational, Menschen leben global. Man nehme ein Thema über Rechte, die Flüchtlingsheime angezündet haben. Die Opfer kommen etwa aus Syrien. Wenn man denen nachrecherchieren will, hilft es ungemein, sich mit dort ansässigen Kollegen zu verbinden. Egal was man anfasst – es wird immer global.

Gibt es Besonderheiten bei Recherchen am rechten Rand? 

Natürlich. Es ist sehr schwierig, mit wichtigen Playern in Kontakt zu kommen, weil einige von denen gar kein Interesse daran haben, mit den verhassten „Mainstream-Medien“ zu sprechen. Kommt aber ein Interview mit uns zustande, wird das gerne mal mitgeschnitten und durch das Spinnen eines Gegen-Narrativs anschließend gegen uns verwendet. Ganz zu schweigen von der massiven Zahl an Klagen und den Versuchen, uns juristisch einzuschüchtern – und das nicht erst nach Veröffentlichung eines Artikels, sondern bereits während der Recherche. Das wird auch persönlich, wenn etwa meine Familie und ich angegriffen oder bedroht werden.

Wie reagieren Sie auf deratige Grenzüberschreitungen?

Wir haben gewisse ethische Standards und sollten diesen im Zuge unserer Arbeit folgen. Auf gar keinen Fall dürfen wir sie verscherbeln und selbst nicht mehr einhalten, egal wie wenig Ethos die Subjekte haben, über die wir recherchieren. Die eigenen Ansprüche, die wir an unseren Berufsstand, die Gesellschaft und die Gesetze haben, sollten wir nicht infrage stellen.

Sie haben also noch nie im Zuge einer Recherche ethische Grenzen überschritten?

Ich würde diese Frage mit nein beantworten. Es ist immer sehr wichtig, vor einem Schritt zusammen mit Kollegen zu überlegen, ob wir diesen gehen sollen. Ich erinnere mich an einen Fall, da hatten wir die Zugangsdaten zu einem Social-Media-Account einer Person. Ich war geneigt, diese zu benutzen, um an Informationen zu kommen, an die wir sonst nicht kommen würden. Wir hatten uns dann allerdings dagegen entschieden. Ich finde, wenn man Anderen moralische Verfehlung vorwirft, darf man selbst seine eigenen Standards nicht unterminieren. Wir als demokratisch verfasste JournalistInnen müssen, was das angeht, sauber arbeiten. Sonst sind wir angreifbar.

Ein kurzes Gedankenspiel: Sie sehen den jungen Nachwuchsjournalisten Christian Fuchs, wie er gerade seine allererste Kontaktanfrage an eine Person aus dem rechten Spektrum verfasst. Welchen Rat würden Sie Ihrem jüngeren Ich mit auf den Weg geben?

Also…(lacht)… dass er sich ehrlich für das Subjekt interessiert und nicht nur an einem schnellen Skandal interessiert ist. Dass er sich im Vorfeld tiefgreifend über die besagte Person informiert hat und bereits alles weiß, was zu ihr oder dem jeweiligen Thema veröffentlicht wurde. Eine Vorfeld-Recherche – etwa durch das Sprechen mit weiteren Akteuren – hilft oft sehr gut, um bestens informiert in ein späteres Gespräch zu gehen. Außerdem würde ich ihm raten, immer höflich und anständig zu bleiben. Auch dann, wenn die andere Seite das nicht tut. Immerhin muss man eine Vertrauensbasis aufbauen, denn sonst erfährt man nichts. Der jüngere Christian Fuchs wusste noch nicht so gut, dass investigativer Journalismus sehr viel mit Psychologie zu tun hat. Also: Junger Christian Fuchs, denke noch zwei oder drei Mal nach, bevor du die E-Mail abschickst (lacht)!

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Fuchs.

Interview: David Baldauf

 

29. August 2019