Politik und Journalismus | The Catch-Up

The Catch-Up Vol. 1 (24. April 2018)

In der ersten Ausgabe von „The Catch-Up“ beschäftigen wir uns mit dem Verhältnis von Politik und Journalismus. Fawzi, Baugut und Reinemann (2018) haben die Fixierung von Lokalpolitikern auf Lokalzeitungen als Informationsquelle und Möglichkeit der Selbstdarstellung untersucht. Amsalem et al. (2018) erforschten dagegen die Persönlichkeitsmerkmale von Politikern, die eine besonders intensive Berichterstattung befördern. 

von Jonathan Gruber

Unzertrennbar: Tageszeitungen und Lokalpolitiker

The Catch-Up ist eine Message-Reihe, die über aktuelle Forschungsergebnisse und Diskussionen aus der Journalistik berichtet. Sie richtet sich sowohl an Forschende und Studierende des Fachbereichs als auch an Journalistinnen und Journalisten sowie alle anderen Interessierten. Ziel ist eine Verknüpfung von Wissenschaft und journalistischer Praxis.
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Gehen Sie mal in das Büro einer Lokalpolitikerin oder eines Lokalpolitikers, vorzugsweise morgens. Sehr wahrscheinlich werden Sie die Politikerin oder den Politiker vertieft in eine lokale Tageszeitung vorfinden. Ist das Informationsbedürfnis befriedigt, wandert die Zeitung in der Regel durch die Hände aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und wird auch dort aufs Genaueste studiert. Den enormen Stellenwert der lokalen Tageszeitung in der kommunalen Politik haben Fawzi, Baugut und Reinemann (2018) in einer Studie untersucht und dafür Fragebögen von 461 Kommunalpolitikern ausgewertet.

Das Ergebnis: Nicht Soziale Netzwerke oder die Onlineauftritte der Lokalmedien waren für die Politiker erste Anlaufstelle für Informationen „über das aktuelle politische Geschehen, über Positionen der relevanten Organisationen oder der Bürger“, sondern die klassische Tageszeitung (S. 25) – wobei die Daten der Erhebung bereits vier Jahre alt sind. Das Medium also, dessen Abgesang seit Jahren laut ertönt und welches mit starken Reichweiten- und Umsatzverlusten zu kämpfen hat. Die Tageszeitung scheint den Politikern etwas anzubieten, was genau ihren Bedürfnissen entspricht. Möglicherweise wissen sie um die inhaltliche Relevanz, welche vor allem die regionale Presse hat. Einer Studie des Mediendienstleisters presserelations zufolge werden vermehrt regionale Tageszeitungen von anderen Medien zitiert. Das spricht für die Qualität der Angebote.

Informationen aus Sozialen Netzwerken erachteten übrigens gerade einmal ein Viertel der Befragten für relevant und lokale Blogs sowie Bürgermedien lockten mit ihren Angeboten nur ungefähr jeden Zehnten.

Keiner interessiert sich für die Netten!

(Lokal-)Politiker nutzen die Zeitung natürlich auch zur Selbstdarstellung. Laut der Studie versuchen 80 Prozent der Befragten, über die Lokalmedien eigene Themen auf die politische Agenda zu setzen (Fawzi et al., 2018, S. 33). Manche haben dabei mehr Erfolg als andere. Amsalem, Zoizner, Sheafer, Walgrave & Loewen (2018) haben unlängst erforscht, welche Charaktereigenschaften Politikern dabei zum Vorteil gereichen.

Ein Showmaster wie Donald Trump oder eine Technokratin wie Angela Merkel: Wem widmen die Medien mehr Aufmerksamkeit? Interviews mit 339 Berufspolitikern und Parlamentsmitgliedern aus Belgien, Kanada und Israel, gepaart mit einer Erhebung zu ihrer „medialen Sichtbarkeit“ (Anzahl der Namensnennungen der Politiker in nationalen Medien) zeigten,

  • dass die individuelle Persönlichkeit von Politikern tatsächlich einen starken Einfluss auf ihre Medienpräsenz hat. Das Forscherteam analysierte dafür die spezifischen Charaktereigenschaften ihrer Stichprobe mithilfe des sogenannten Big-Five-Persönlichkeitsmodells aus der Psychologie.
  • dass besonders häufig extrovertierte und kommunikationsfreudige Politikerinnen und Politiker in den Medien auftauchten. Nach Amsalem et al. (2018) suchen solche Menschentypen beständig nach sozialer Anerkennung und genießen das Scheinwerferlicht der Medien. Ganz anders Charaktere, die besonders rücksichtsvoll, empathisch und kooperativ erscheinen. Ihre Namen tauchten deutlich seltener in der untersuchten Berichterstattung auf. Der mögliche Grund: Konflikte und Auseinandersetzungen wecken eher das Interesse des Publikums (siehe: Nachrichtenfaktoren) und werden deshalb im Journalismus bevorzugt publiziert (dazu gibt es mittlerweile Gegenbewegungen, z. B.: Solution Oriented Journalism).

Die Autoren warnen in der Diskussion ihrer Ergebnisse davor, dass die Fixierung der Berichterstattung auf konfliktfreudige Politiker eine Polarisierung der Gesellschaft befördern könnte: „[…] while cooperation and compromise are fundamental aspects of the democratic process, the media success of less agreeable politicians—who are more hostile and aggressive—can lead over time to more polarized political systems“ (S. 19).

P.S.: Über das Verhältnis von Politik und Journalismus in einer Demokratie können Sie hier mehr erfahren. Erste Analysen zur Verwendung von Social Media im Rahmen der Bundestagswahl 2017 hat beispielsweise Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut hier veröffentlicht. Empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Podcast „The Axe Files“, mit David Axelrod. Der einstige Wahlkampfleiter von Barack Obama unterhält sich in seinem Podcast mit namhaften Personen aus Politik und Journalismus über ihren Werdegang und das aktuelle Zeitgeschehen. Besonders interessant ist beispielsweise die Folge mit dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau oder das Gespräch mit Ex-Trump-Pressesprecher Sean Spicer, kurz bevor dieser seinen Job im Weißen Haus antrat.

Quellen

Fawzi, N., Baugut, P., & Reinemann, C. (2018). Die Funktionen von Lokalmedien für die Kommunalpolitik. Medien & Kommunikationswissenschaft, 66(1), 22–40. https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-1-22

Amsalem, E., Zoizner, A., Sheafer, T., Walgrave, S., & Loewen, P. J. (2018). The Effect of Politicians’ Personality on Their Media Visibility. Communication Research. https://doi.org/10.1177/0093650218758084