The Catch-Up

The Catch-Up Vol. 2 (19. Juni 2018)

Sogenannte Pionierjournalisten treiben den Fortschritt im Journalismus an. Wie sie die Branche verändern, untersuchen die Forscher Andreas Hepp und Wiebke Loosen. Zudem: Einblicke in die Rezeption von konstruktivem Journalismus und ein Rückblick auf die re:publica.

von Jonathan Gruber

The Catch-Up ist eine Message-Reihe, die über aktuelle Forschungsergebnisse und Diskussionen aus der Journalistik berichtet. Sie richtet sich sowohl an Forschende und Studierende des Fachbereichs als auch an Journalistinnen und Journalisten sowie alle anderen Interessierten. Ziel ist eine Verknüpfung von Wissenschaft und journalistischer Praxis.
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Die Wissenschaftler Andreas Hepp und Wiebke Loosen  glauben, dass sogenannte Pionierjournalisten (Datenjournalismus, Chatbotjournalismus, etc.) maßgeblich für Entwicklungen und Fortschritte im Journalismus verantwortlich sind. Um ihre Annahme mit Daten zu unterfüttern, haben sie im vergangenen Jahr eine Reihe von europäischen und US-amerikanischen Pionierjournalisten interviewt. In einem aktuellen Werkstattbericht (die Forschung ist also noch nicht abgeschlossen) schreiben sie:

The characteristics of established media organizations and start-ups seem to be quite clear: Established media organizations are financially, and in terms of the security they provide, (still) the better places to work, but are, due to their less flexible organizational structures and established routines, considered to be far less able to innovate and of less interest to pioneer journalists, despite being able to reach larger audiences. (S. 9–10)

Traditionelle Redaktionen sind also scheinbar nicht die optimalen Brutstätten für zukünftigen Formen von Journalismus. Doch es gibt einen Weg, Pioniere und Redaktionen zusammenzubringen:

In general, many of our interviews have shown us that pioneer journalism is intensively project-driven and something that, especially at the early stages of development, needs to be accomplished independently from the restrictions of daily production routines. This often means that individual pioneers and organizations are only bound together for a limited period of time and on a project basis and short-term contracts. (S. 13)

Solch kleine Projekte könnten irgendwann zu Keimzellen des Journalismus von morgen werden.

Certainly, pioneer journalists are not the sole ‘makers’ of journalism’s future – a future that is to some extent already observable in pioneering practices. But they are important idea generators in the broader dynamic of change: what is still perceived today as pioneering can (and will in part) be established practice tomorrow. (S. 18)

Wer sich ausführlicher mit Innovationen und Veränderungen im deutschen Journalismus beschäftigen will, dem sei die unlängst publizierte Dissertation von Christopher Buschow zu empfehlen: Die Neuordnung des Journalismus. Eine Studie zur Gründung neuer Medienorganisationen.

 

Bitte nicht zu euphorisch! Konstruktiver Journalismus im Test

Wie reagiert das Publikum auf innovativen, konstruktiven Journalismus?, fragte sich Klaus Meier und führte zwei Experimente mit Radio- bzw. Printbeiträgen (konstruktiv vs. nicht konstruktiv) durch. Zunächst einmal definierte er das Ziel von konstruktivem Journalismus als

[…] the objective of introducing additions to the classical “W” question words when researching and selecting topics: the question “What now?”, therefore a look towards the future instead of only the past—combined with explaining context, relationships, solution and action possibilities. It is a “holistic picture” that constructive journalism sets out to describe—and by no means a “positive journalism”—an expression that is refuted all-round because of its ambiguity: It is not intended to hide the negative aspects of a topic. (S. 2)

Die Befürworter von konstruktivem Journalismus haben die Nase voll von den ständigen „bad news“ und wollen ihrem Publikum eine andere Form von Berichterstattung bieten:

The readers of constructive articles (compared to readers of a non-constructive article on the same topic) should recognise the hope/solution of a problem on the micro-level, consider themselves better informed and feel better overall. On the meso-level, they should be more interested in the topic, medium and author and on the macro-level be more open towards social engagement in relation to the topic concerned or at least to talk with others about it. (S. 4)

Hehre Ziele, aber werden sie erreicht? Wie reagieren Menschen, wenn sie konstruktiv journalistische Beiträge konsumieren?

[…] The readers clearly recognise the core area of this reporting approach: hopeful aspects, encouragements, consolation and ideas for solutions. Constructive journalism can counteract a negative view of the world though with just a single report on a more emotional than rational plane: After the constructive report, readers feel emotional, cheerful and in part also less depressed, but not better informed, and they do not have a greater interest in the topic concerned. S. 13–14

Konstruktiver Journalismus ist vielleicht eher eine ergänzende Darstellungsform als die Revolution des Journalismus. Meier empfiehlt Redaktionen deshalb:

Constructive reporting needs more resources, time and space. First of all, the hopeful prospects should not be used to simply garnish a difficult problem at any price, and secondly not be at the expense of a differentiated and comprehensive presentation of a complex social problem. Accordingly, longer presentation forms, such as features, are more suitable for constructive journalism. […] Moreover, it is advisable to avoid overly euphoric reporting, as otherwise reports are perceived as uncritical, with the risk of the audience assuming an influence of commercial or political interests. (S. 14–15)

 

Was wir uns sonst noch so angeschaut haben (Rückblick auf die re:publica):

Alljährlich Anfang Mai versammeln sich Blogger, Journalisten, Politiker, Netzaktivisten, Wissenschaftler und viele, viele andere Menschen auf der re:publica in Berlin. Die re:publica 2018 (inkl. der Media Convention Berlin) ist vorbei, doch viele der Programmpunkte wurden aufgezeichnet und können online kostenlos nachgeschaut werden:

Besserer Journalismus statt Gimmick für Techlovers: Augmenting Journalism bei der New York Times —>

Wie kann Journalismus von einer neuen Technologie, wie Augmented Reality (AR) profitieren? Die New York Times hat es bei der Berichterstattung über die Olympischen Winterspiele ausprobiert.

Neue Ideen für digitalen Journalismus: Crowdrecherche + alternatives Storytelling + Visualisierung von Daten + konstruktiver VR-Journalismus —>

Neue Technik, neue Möglichkeiten, neue Ideen für den Journalismus. Wie funktioniert die Umsetzung in Redaktionen? Journalistinnen und Journalisten berichten über ihre Erfahrungen.

Wie sieht der Nachrichten-Journalismus von morgen aus? —>

Ein Blick in die Zukunft: Wie erreichen uns in zehn Jahren journalistische Nachrichten?

 

Nachschlag

Inwiefern hängt die mediale Aufmerksamkeit für einen Politiker von dessen Persönlichkeit ab? Über eine Studie zu diesem Thema hatten wir in Vol. 1 berichtet. Aber welchen Unterschied macht das Geschlecht von Politikern auf Social-Media-Plattformen? Moran Yarchi und Tal Samuel-Azran haben sich das mal genauer angeschaut:

Our study focuses on male versus female politicians’ ability to engage social media users during an election campaign, using the Israeli 2015 campaign as our case study. Female politicians’ posts generated significantly more user engagement in terms of the number of Likes and Shares in comparison to male politicians, while generating the same number of participants in their discussions. […] The evidence strongly indicates that social media provides greater opportunities for female politicians to promote themselves and improve their status in the political power play. (S. 978)

Die Studie zeigt, dass Posts von Politikerinnen – in der Stichprobe – Interaktionen auf Sozialen Netzwerken stärker befördern als die der männlichen Kollegen. Das ist interessant, doch es bleiben viele Fragen offen: Liegt dies tatsächlich ausschließlich am Geschlecht oder vielleicht (auch) an unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen? Welche Bedeutung hätte diese Beobachtung für den Ausgang von Wahlen? Welche Aussagen lassen sich auf dieser Grundlage über das Publikum solcher Posts treffen?

Politik und Journalismus | The Catch-Up

The Catch-Up Vol. 1 (24. April 2018)

In der ersten Ausgabe von „The Catch-Up“ beschäftigen wir uns mit dem Verhältnis von Politik und Journalismus. Fawzi, Baugut und Reinemann (2018) haben die Fixierung von Lokalpolitikern auf Lokalzeitungen als Informationsquelle und Möglichkeit der Selbstdarstellung untersucht. Amsalem et al. (2018) erforschten dagegen die Persönlichkeitsmerkmale von Politikern, die eine besonders intensive Berichterstattung befördern. 

von Jonathan Gruber

Unzertrennbar: Tageszeitungen und Lokalpolitiker

The Catch-Up ist eine Message-Reihe, die über aktuelle Forschungsergebnisse und Diskussionen aus der Journalistik berichtet. Sie richtet sich sowohl an Forschende und Studierende des Fachbereichs als auch an Journalistinnen und Journalisten sowie alle anderen Interessierten. Ziel ist eine Verknüpfung von Wissenschaft und journalistischer Praxis.
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Gehen Sie mal in das Büro einer Lokalpolitikerin oder eines Lokalpolitikers, vorzugsweise morgens. Sehr wahrscheinlich werden Sie die Politikerin oder den Politiker vertieft in eine lokale Tageszeitung vorfinden. Ist das Informationsbedürfnis befriedigt, wandert die Zeitung in der Regel durch die Hände aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und wird auch dort aufs Genaueste studiert. Den enormen Stellenwert der lokalen Tageszeitung in der kommunalen Politik haben Fawzi, Baugut und Reinemann (2018) in einer Studie untersucht und dafür Fragebögen von 461 Kommunalpolitikern ausgewertet.

Das Ergebnis: Nicht Soziale Netzwerke oder die Onlineauftritte der Lokalmedien waren für die Politiker erste Anlaufstelle für Informationen „über das aktuelle politische Geschehen, über Positionen der relevanten Organisationen oder der Bürger“, sondern die klassische Tageszeitung (S. 25) – wobei die Daten der Erhebung bereits vier Jahre alt sind. Das Medium also, dessen Abgesang seit Jahren laut ertönt und welches mit starken Reichweiten- und Umsatzverlusten zu kämpfen hat. Die Tageszeitung scheint den Politikern etwas anzubieten, was genau ihren Bedürfnissen entspricht. Möglicherweise wissen sie um die inhaltliche Relevanz, welche vor allem die regionale Presse hat. Einer Studie des Mediendienstleisters presserelations zufolge werden vermehrt regionale Tageszeitungen von anderen Medien zitiert. Das spricht für die Qualität der Angebote.

Informationen aus Sozialen Netzwerken erachteten übrigens gerade einmal ein Viertel der Befragten für relevant und lokale Blogs sowie Bürgermedien lockten mit ihren Angeboten nur ungefähr jeden Zehnten.

Keiner interessiert sich für die Netten!

(Lokal-)Politiker nutzen die Zeitung natürlich auch zur Selbstdarstellung. Laut der Studie versuchen 80 Prozent der Befragten, über die Lokalmedien eigene Themen auf die politische Agenda zu setzen (Fawzi et al., 2018, S. 33). Manche haben dabei mehr Erfolg als andere. Amsalem, Zoizner, Sheafer, Walgrave & Loewen (2018) haben unlängst erforscht, welche Charaktereigenschaften Politikern dabei zum Vorteil gereichen.

Ein Showmaster wie Donald Trump oder eine Technokratin wie Angela Merkel: Wem widmen die Medien mehr Aufmerksamkeit? Interviews mit 339 Berufspolitikern und Parlamentsmitgliedern aus Belgien, Kanada und Israel, gepaart mit einer Erhebung zu ihrer „medialen Sichtbarkeit“ (Anzahl der Namensnennungen der Politiker in nationalen Medien) zeigten,

  • dass die individuelle Persönlichkeit von Politikern tatsächlich einen starken Einfluss auf ihre Medienpräsenz hat. Das Forscherteam analysierte dafür die spezifischen Charaktereigenschaften ihrer Stichprobe mithilfe des sogenannten Big-Five-Persönlichkeitsmodells aus der Psychologie.
  • dass besonders häufig extrovertierte und kommunikationsfreudige Politikerinnen und Politiker in den Medien auftauchten. Nach Amsalem et al. (2018) suchen solche Menschentypen beständig nach sozialer Anerkennung und genießen das Scheinwerferlicht der Medien. Ganz anders Charaktere, die besonders rücksichtsvoll, empathisch und kooperativ erscheinen. Ihre Namen tauchten deutlich seltener in der untersuchten Berichterstattung auf. Der mögliche Grund: Konflikte und Auseinandersetzungen wecken eher das Interesse des Publikums (siehe: Nachrichtenfaktoren) und werden deshalb im Journalismus bevorzugt publiziert (dazu gibt es mittlerweile Gegenbewegungen, z. B.: Solution Oriented Journalism).

Die Autoren warnen in der Diskussion ihrer Ergebnisse davor, dass die Fixierung der Berichterstattung auf konfliktfreudige Politiker eine Polarisierung der Gesellschaft befördern könnte: „[…] while cooperation and compromise are fundamental aspects of the democratic process, the media success of less agreeable politicians—who are more hostile and aggressive—can lead over time to more polarized political systems“ (S. 19).

P.S.: Über das Verhältnis von Politik und Journalismus in einer Demokratie können Sie hier mehr erfahren. Erste Analysen zur Verwendung von Social Media im Rahmen der Bundestagswahl 2017 hat beispielsweise Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut hier veröffentlicht. Empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Podcast „The Axe Files“, mit David Axelrod. Der einstige Wahlkampfleiter von Barack Obama unterhält sich in seinem Podcast mit namhaften Personen aus Politik und Journalismus über ihren Werdegang und das aktuelle Zeitgeschehen. Besonders interessant ist beispielsweise die Folge mit dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau oder das Gespräch mit Ex-Trump-Pressesprecher Sean Spicer, kurz bevor dieser seinen Job im Weißen Haus antrat.

Quellen

Fawzi, N., Baugut, P., & Reinemann, C. (2018). Die Funktionen von Lokalmedien für die Kommunalpolitik. Medien & Kommunikationswissenschaft, 66(1), 22–40. https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-1-22

Amsalem, E., Zoizner, A., Sheafer, T., Walgrave, S., & Loewen, P. J. (2018). The Effect of Politicians’ Personality on Their Media Visibility. Communication Research. https://doi.org/10.1177/0093650218758084