Nachgefragt
Krise als Gemeinsamkeit – Was Europa und der Journalismus aneinander haben

Message Online wollte mehr wissen: Sonny Müller fragte den Medienexperten Dr. Carsten Brosda, wie das gehen kann: Medien sollen beitragen zur Entwicklung einer europäischen Identität. Unser Interviewpartner hat Journalistik und Politik an der Universität Dortmund studiert, er promovierte über „Diskursiven Journalismus“ und volontierte und bei der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ in Essen volontiert. Seit 2011 leitet er das Amt für Medien in der Hamburger Senatskanzlei, zuvor war er im SPD-Bundesvorstand für Kommunikation verantwortlich.

von Sonny Müller

Europa und der Journalismus haben eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit: Sie befinden sich beide in ihrer wohl schwersten Krise seit Bestehen. Hier melden Qualitätsmedien Konkurs an, dort herrscht die Angst vor dem Zusammenbruch der einst verbindenden Idee einer Europäischen Union. Braucht die Gesellschaft am Ende weder das eine noch das andere?

Mehr denn je, meint Carsten Brosda. Der Leiter des Amts Medien der Freien und Hansestadt Hamburg fand auf dem Message-Symposium zum Thema „Europa und Journalismus“ (30. November 2012, dokumentiert in Message 2/2013) klare Worte: „Öffentlichkeit ist unerlässlicher Bestandteil eines demokratischen Gemeinwesens, somit auch die Gewährleistung durch einen freien und unabhängigen Journalismus.“ Und nur wenn es gelinge, die finanziellen Schwierigkeiten zu überwinden und weiterhin qualitativ hochwertigen Journalismus zu produzieren, könne so etwas wie eine gesamteuropäische Öffentlichkeit entstehen.

Ein hehrer Wunsch, denn die allgegenwärtige Situation ist eine andere. Auch die von den verschiedenen Organen der EU geforderte europäische Öffentlichkeit sei nicht existent, erklärt Medienexperte Brosda. „In einzelnen Nationalstaaten sind eine gemeinsame Kultur und Sprache, gemeinsame Erfahrungen und ein gewisses Sozialisations- und Bildungsniveau gewährleistet“, konstatiert Brosda. Doch die medialen Voraussetzungen für Ländergrenzen überschreitende europabezogene Diskurse fehlen. Die fast täglich in allen journalistischen Formen zu beobachtende Quintessenz sind nationalstaatlich verankerte Öffentlichkeiten. „Bis heute wird in jeder Studie wieder aufs Neue festgestellt, dass paneuropäische Medienangebote fehlen und nationale Medien nach wie vor mehrheitlich nationalstaatliche Themen bearbeiten“, erklärt Brosda.

Nur führe die Krise dazu, dass sich viele Prozesse wieder auf die zwischenstaatliche Ebene zurückentwickeln. „Die Politik“, so Brosda, „flüchtet sich in den zwischenstaatlichen Arkanbereich.“ So werde weder der Bürger erreicht, noch europaübergreifend diskutiert. Brosda zeigt zwar auf, dass sich in der Vernetzung nationalstaatlicher Kommunikationsarenen eine Art der europäischen Öffentlichkeit erkennen lasse. Die Quartalszeitschrift the European oder das länderübergreifende Projekt der ZEIT, die zum Thema Europakrise eine Beilage mit Berichten anderer großer europäischer Zeitungen wie der spanischen El Pais oder der polnischen Gazeta Wyborcza veröffentlichte, sind lediglich erste Versuche. Viel zu häufig entstünden europarelevante Debatten nur, wenn zuvor eine nationale Aufmerksamkeit bestand. „Vielmehr wird die Krise in nationale Geschichten übersetzt und damit eines guten Teils ihrer dimensionalen Vielschichtigkeit beraubt“, kritisiert der Medienexperte.

Die Folge und große Gefahr: Renationalisierung und De-Europäisierung. Alle Hoffnung lastet auf den fragilen Schultern der Qualitätsmedien. Schließlich seien sie es, die am ehesten neue Debatten entfachen könnten. Doch bisher fehle ihnen die europäische Reichweite. Womöglich auch weil die Nachfrage nach europäischen Themen noch zu verhalten ist und die Medien eigene ungelöste Marktprobleme zu bewältigen haben. Europäische Öffentlichkeit hat eben ihren Preis.

2. Juli 2013

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