»Wir schlachten dich ab«

Immer wieder erleben investigativ arbeitende Journalisten, wie sie wegen ihrer Arbeit diffamiert und kompromittiert werden. Drei von ihnen diskutierten darüber beim Forum »Anwalt war gestern«.

Dokumentiert von Lisa Opitz

Die Aufgabe des Journalismus ist es, Öffentlichkeit herzustellen und damit zur Meinungsbildung beizutragen. Dabei geht es nicht nur darum, tagesaktuelle Ereignisse zu thematisieren, sondern auch Missstände aufzudecken und schwarze Schafe zu enttarnen. Doch wer öffentlich negativen Ruhm erntet, reagiert darauf oft mit Diffamierungen – bis hin zu wilden Drohungen und Gerichtsverfahren.

Der wohl bekannteste Fall ging Anfang dieses Jahres durch die Medien. Stefan Loipfinger wühlte zu tief im Schlamm der Spendenbranche und machte dabei eine Reihe unerfreulicher Entdeckungen. Seit 2008 kämpfte er mit seiner Internetseite CharityWatch.de für mehr Transparenz in der deutschen Spendenkultur. Er fand heraus, dass Spendengelder verschiedener Organisationen und Vereine oft ihren eigentlichen Bestimmungsort gar nicht oder nur teilweise erreichen. Doch nach vier Jahren Kampf musste Loipfinger aufgeben, weil er an seine mentalen und finanziellen Grenzen stieß.

Öffentlich-rechtliche Sender, Rundfunkhäuser, Printmedien und sogar seine Familie wurden in Folge seiner Recherchen mit Drohschreiben bombardiert, in denen Loipfinger unter anderem verschiedenster perverser Fantasien bezichtigt wurde. Zunächst versuchte Loipfinger, sich zu wehren, indem er die Beschuldigungen dementierte. In einem Interview mit dem NDR-Fernsehen sagte er: »Das Problem ist, wenn man eine Sache rausgelöscht hat, da muss man so viel Energie reinstecken, dass in der Zeit der andere locker drei, fünf neue Dinge woanders verbreitet. Und das ist wie eine Hydra, der schlägt man einen Kopf ab, drei neue wachsen sofort nach. Man ist im Grunde fast machtlos«.

Es folgten mehrere Gerichtsverfahren, angestrengt von unseriösen Organisationen, mit teuren Anwälten – finanziert aus Spendengeldern. Allein 2011 musste sich Stefan Loipfinger rund 50 Unterlassungsbegehren, Gegendarstellungswünschen und anderen durch Rechtsanwälte vorgetragenen Verfahren stellen.

An einen fast absurden Fall erinnert sich Loipfinger besonders: Vor Gericht stellte sich die Frage, unter welchen Umständen ein Hund als gelähmt bezeichnet werden kann. CharityWatch.de hatte in einem Artikel über Hunde ohne Beine berichtet, diese in der Überschrift jedoch als gelähmt betitelt. Das Gericht sprach dem klagenden Verein Recht zu, woraufhin die Überschrift geändert werden musste. Alle anderen geforderten Unterlassungspunkte wies das Gericht jedoch ab. Der Verein will trotzdem in Berufung gehen und vor dem Oberlandesgericht weiter streiten.

Diese vielen Gefechte haben Loipfinger nicht nur Nerven und Zeit gekostet, sondern auch eine beachtliche Summe Geld. Trotz der Unterstützung des Bayerischen Journalistenverbands, bei dem Loipfinger seit 15 Jahren Mitglied ist, ergab sich für CharityWatch.de 2011 ein Minus von insgesamt 87.000 Euro. Loipfinger musste erkennen, dass die deutsche Spendenbranche wohl noch nicht reif für einen Umbruch ist, und stellte die Arbeit auf seiner Internetseite ein. Was bleibt, sind die bis jetzt gesammelten Informationen, veröffentlicht im Buch »Die Spendenmafia«.

Auch Renate Daum kann ein Lied von anonymen Drohungen und wüsten Unterstellungen singen. Sie arbeitet für die Gruner und Jahr Wirtschaftsmedien und beschäftigt sich besonders mit dem grauen und wenig regulierten Kapitalmarkt. Daum warnt Kunden vor unvorteilhaften Angeboten. Presserechtliche Auseinandersetzungen sind bei dieser Thematik fast schon üblich. Zuletzt gab es jedoch einen Fall, bei dem zunächst Daum, später auch der Verlag unter Beschuss geriet.

Es begann mit mehreren unseriösen Pressemitteilungen durch einen Kunden, der sich durch ihre Berichterstattung offensichtlich angegriffen fühlte. Darauf folgten Blog-Einträge mit der Behauptung, sie sei ein ehemaliges Stasi-Mitglied und unterwandere Gruner und Jahr mit sozialistischen Ansichten. Als Nächstes versuchten die Täter, Daums Arbeit im Verlag zu diffamieren und schickten permanent Löschungs- und Änderungsaufträge per E-Mail. Daum prüfte alle Anfragen und änderte oder löschte bei Bedarf Inhalte in den Online-Auftritten. »Sobald eine Abwesenheitsnotiz von mir kam, die Täter also wussten, dass ich nicht im Haus war, kamen besonders viele dieser E-Mails, die dann meine Kollegen bearbeiten mussten. Das war reine Zermürbungstaktik«, meint die Journalistin.

Am 18. Mai 2012 dann der Super-GAU: Die Internetseite www.graumarktinfo.de wurde so stark mit Anfragen beschossen, dass sie zusammenbrach und vom Verlag abgeschaltet werden musste. Die Angriffe wurden erst nach zwei Wochen weniger. Inzwischen ist die Seite wieder online, sieht sich aber immer noch regelmäßigen Angriffen ausgesetzt. »Wir haben natürlich Strafanzeige gegen die Verfasser des Blogs gestellt, aber der Blog ist anonym und der Täter sitzt im Ausland«, sagt Daum. Wenn man versucht, die Attacken auf der Internetseite zurückzuverfolgen, sei es fast unmöglich, Beweise zu finden, die vor Gericht verwertbar sind.

Ein anderer Fall ist Andreas Becker, Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung in Uelzen. Gegen seine Redaktion gab es Drohungen mit Gewalt. Anlass waren zwei Prozesse gegen die Douglas-Bande, jugendliche Clans mit zum Teil osteuropäischem Hintergrund. Sechs Jugendliche waren wegen versuchten Totschlags und räuberischer Erpressung angeklagt – die Allgemeine Zeitung berichtete.

Es dauerte nicht lange, da fingen die Familienangehörigen der Angeklagten an, die Redaktion zu bedrohen. »Wir wissen, wo du wohnst!« und »Das wird der letzte Bericht, den du schreibst, wir schlachten dich ab, du Schwein!«, riefen sie, während sie die Redakteure beim Gang zum Gericht verfolgten. In der Redaktion gingen mehrere Drohanrufe und Faxe mit der Androhung körperlicher Gewalt ein.

»Wir haben zunächst versucht, das mit uns selbst auszumachen«, sagt Becker. Später sind die Redakteure dann zur Polizei gegangen, wo der Fall vom Polizeipräsidenten als »südeuropäischer Temperamentsausbruch« abgestempelt und ad acta gelegt wurde. »Wir haben unser Problem dann öffentlich gemacht, und das löste eine Lawine aus«, erzählt Becker. Plötzlich herrschte ein überregionales Interesse an dem Fall der Allgemeinen Zeitung, es gab mehrere Fernsehbeiträge, unter anderem vom NDR.

Im Falle der Allgemeinen Zeitung war der Gang an die Öffentlichkeit das einzig Richtige. Trotzdem stellt sich für jeden Journalisten weiterhin die Frage, wie man mit derlei Drohungen umgeht.

Für Andreas Becker war von Beginn an klar, »wir weichen da keinen Millimeter zurück«, die Berichterstattung sollte weitergehen. »Das ist kein Beruf, bei dem man um halb fünf den Griffel fallen lässt und nach Hause geht. Wenn wir in einem Land, wo so viel geschwiegen wird, auch noch schweigen, dann haben wir verloren.«

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