Kein Esel mit Burka

Deutsche Medien berichten zu wenig über das Ausland, viele Artikel sind voller Klischees. Um das zu ändern, müssten Redaktionen und Korrespondenten umdenken, fordern auslandserfahrene Journalisten.

Dokumentiert von Paul Hellmich

Friederike Böge ist Politikredakteurin bei der Financial Times Deutschland und war bis vor kurzem freie Afghanistan-Korrespondentin. Gemma Pörzgen ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Osteuropa und hat als Korrespondentin in Belgrad und Israel gearbeitet. Beide Journalistinnen debattierten miteinander bei der Netzwerk Recherche-Veranstaltung »Du sollst dir (k)ein Bild machen«.

»Wir provinzialisieren«, stellte Pörzgen in Hinblick auf die Auslandsberichterstattung fest und bezog sich damit nicht nur auf einen zahlenmäßigen Rückgang von Korrespondentenbeiträgen. Die Berichte aus dem Ausland gäben auch immer häufiger einen ausschließlich deutschen Blickwinkel wieder, beobachtete sie. »Es ist die Pflicht der Berichterstattung, ihre Auswahlkriterien zu überprüfen«, forderte Pörzgen.

Ein nationales Framing, also eine Art »deutsche Brille«, erkannte Friederike Böge auch in einem großen Teil der Afghanistan-Berichterstattung. Die deutschen Journalisten vor Ort stützen sich ihrer Ansicht nach zu häufig auf deutsche Quellen, allen voran das Auswärtige Amt und die Bundeswehr. Dadurch rückten militärische Aspekte in den Vordergrund, innenpolitische Aspekte kämen zu kurz. Die Korrespondenten sollten Böges Ansicht nach aus der Perspektive der »embedded journalists« ausbrechen, auch wenn ihre Arbeit dadurch beschwerlicher werde.

Exemplarisch für diese Sichtweise war für sie »Esel mit Burka«. Dahinter verberge sich ein geläufiger Ausdruck unter Bundeswehrsoldaten, die auf ihren Patrouillen Afghaninnen am Wegesrand sehen. Mitfahrende Journalisten übernähmen nicht selten diese stereotypisierende Sichtweise. Für Korrespondenten, die mit Einheimischen in Kontakt treten wollen und möglichst auch die Landessprache sprechen, könnten die Individuen unter den Burkas und ihre Geschichten dagegen zur Grundlage für Artikel werden.

Voraussetzung dafür sei aber eine gewissenhafte Planung, die nicht selten zu kurz komme. »Die Inhaftierung der Bild-Journalisten im Iran im vergangenen Jahr war ein Paradebeispiel für fehlende Vorbereitung«, sagte Pörzgen, die Entscheidung der Redaktion, sie dorthin zu schicken, sei fahrlässig gewesen.

Auch bei organisierten Journalistenreisen besteht nach Ansicht der Referentinnen die Gefahr, stereotype Darstellungen zu übernehmen oder, schlimmer noch, sich von den Veranstaltern der Reise instrumentalisieren zu lassen. Hier seien die Autoren wieder in der Pflicht, sich vorzubereiten. Bei Reisen, die von staatlicher Seite angeboten würden, sei es beispielsweise wichtig, auch mit Nichtregierungsorganisationen zu sprechen. Dafür müsse man manchmal aushandeln, vom offiziellen Besuchsprogramm abweichen zu dürfen. »Man muss auch nicht immer mit einer Geschichte zurückkommen«, empfahl Pörzgen. »Gerade bei ›schwierigen‹ Ländern ist es manchmal besser, nach der Reise erst einmal fünf Bücher über die Region zu lesen.« Die Kooperation zwischen Reportern im Ausland und den Redaktionen in Deutschland verlaufe nicht immer reibungslos, erzählten Pörzgen und Böge. Als Korrespondentin erhalte man immer wieder Aufträge für tagesaktuelle Artikel, die Nachrichtenagenturen bereits recherchiert hätten, berichtete Böge. »Es lohnt sich, auch mal Nein zu sagen.« Stattdessen sollten Journalisten im Ausland lieber Geschichten schreiben, die »querlaufen«, die unbekannte Aspekte eines Landes zeigen und Stereotype vermeiden. Sie selbst sieht sich als lebenden Beweis dafür, dass ein »langsamerer« Journalismus auch finanziell erfolgreich sein könne. Pörzgen bekräftigte diesen Ansatz und plädierte dafür, dass Zeitungen sich für aktuelle nachrichtliche Texte auf Agenturmaterial beschränken, um den Korrespondenten Luft für eigene Geschichten zu lassen.

Dafür sei allerdings ein Vertrauensverhältnis zwischen Redaktionen und Korrespondenten notwendig. Grundvoraussetzung sei ein Dialog, in dem die Zeitung Raum für gute Geschichten bietet, die Auslandsreporter aber auch für Argumente empfänglich sind, meinte Böge. Schließlich bestehe immer auch die Gefahr, dass Korrespondenten sich in politische Kleinstprozesse vertiefen, die für Leser nicht mehr interessant seien.

Ihr ehemaliger Arbeitgeber, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, lobte sie, sei in Hinblick auf die Auslandsberichterstattung eine »spezielle Zeitung«. Dort gebe es den Grundsatz »Der Korrespondent hat recht und nicht der Redakteur«. Um die Kommunikation zwischen beiden zu verbessern, hätte sich Pörzgen gewünscht, dass Korrespondenten im Anschluss an ihre Arbeit im Ausland häufiger in Redaktionen angestellt würden. Das sei auch eine Möglichkeit, der Dominanz der Innenpolitik etwas entgegenzuhalten.

Der Befürchtung aus dem Publikum, dass eine differenzierte und ausführliche Auslandsberichterstattung in Zukunft nur noch im Reservat von Zeitungen wie SZ, FAZ oder NZZ überleben könne, hatten die Referentinnen wenig entgegenzu setzen. Regionale Zeitungen und selbst Nachrichtenagenturen wie DPA würden aus Kostengründen immer weniger Texte von Korrespondenten verwenden, hat Gemma Pörzgen beobachtet.

Einziger Lichtblick seien zurzeit Beiträge von Auslandsreportern der öffentlich-rechtlichen Sender, die in Blogs, Online-Videos und Textversionen von Audio-Beiträgen neue Verbreitungswege fänden. Die freie Journalistin befürchtete allerdings, dass auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Zukunft an ihrem Korrespondenten-Netz sparen könnten.

Im internationalen Vergleich schneiden die Auslandsbeiträge der deutschen Medien nicht unbedingt schlecht ab, räumte Pörzgen ein: »Wenn wir uns daran messen würden, müsste man sagen, dass alles super ist. Selbst im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern ist die deutsche Auslandsberichterstattung noch gut.« Die aktuelle Entwicklung in den Redaktionen stehe aber im Widerspruch zu den Interessen des Publikums. Leser und Zuschauer verbrächten immer häufiger selbst Zeit im Ausland, sei es auf Reisen oder während des Studiums.

Das Interesse für Auslandsberichterstattung steige eher, glaubt Pörzgen. »Ich wünsche mir, dass mehr Leser die Veränderungen bei der Auslandsberichterstattung registrieren und ihrem Unbehagen Ausdruck verleihen.«

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