Pulitzer-Preis
Das Geschäft mit den Wirbelstürmen

Eine Lokalzeitung in Florida enthüllte, wie die Versicherungsindustrie den Hurrikan-geschüttelten Bundesstaat ausnahm und die Immobilienbesitzer betrog. Protokoll einer dreijährigen Recherche.

von Paige St. John

Jeb Bush eilte durch einen abgelegenen Gang in Floridas Kapitol. Er kam gerade aus einer Senatsanhörung. Unvermittelt blieb er stehen, sein abrupter Halt brachte die Beraterschar aus dem Tritt, er wandte sich erst zur Wand und dann zu mir: »Was soll ich machen, wenn sie das Risiko nicht eingehen?«, fragte er.

Die Bemerkung an sich war nicht sonderlich spektakulär; kein anderer Reporter in Florida hätte etwas geahnt. Aber das hier war die Fortsetzung eines ständigen Gesprächs zwischen Bush und mir, und Floridas Gouverneur räumte eine bedeutende Niederlage ein. »Sie« – das waren die großen Immobilien-Versicherer, die aus Florida abwanderten, obwohl man bemüht war, ihnen jeden Wunsch zu erfüllen. In dem Augenblick wusste ich, dass hier eine Riesenstory schlummerte.

Den Gouverneur abgefangen

In den zwei endlos langen Sommern 2004 und 2005, in denen sich der Gouverneur mit acht Hurrikanen herumschlagen musste, hatte ich mir angewöhnt, Bush ständig abzufangen, um ihn in spontanen Interviews zu Tropenstürmen, Katastropheneinsätzen und Versicherungen zu befragen. Ich durchforstete stets Bushs von seinem Pressebüro veröffentlichten Tagesprogramm nach Möglichkeiten, ihn zwischen Punkt A und B zu erwischen. Bei solchen Gelegen­heiten, in verwinkelten Gängen oder auf Parkplätzen, waren außer dem Gouverneur immer ein oder zwei Berater zugegen sowie Polizisten, die den Bruder des Präsidenten streng bewachten. Aber es gab fast nie andere Reporter.

Irgendwie hatten Bush und Florida dann schließlich die Hurrikane Charley, Frances, Jeanne und Ivan sowie Bonnie, Katrina, Rita und Wilma überstanden. Aber jetzt steckte das Land in einem anderen Schlamassel: Das Problem waren nun die Versicherungen.

Die Regulierungsbehörden hatten die Verdrei­fachung der Versicherungsprämien für küstennahe Grundstücke genehmigt. Ohne erneute Stürme hätten die Versicherer also in Geld schwimmen können. Stattdessen wanderten die großen, sicheren Firmen aus Florida ab. Nun rückten kleine Firmen mit unzureichender Kapitalausstattung an ihre Stelle, aber auch sie wollten die Strandgemeinden nicht versichern. Floridas regierungseigene Versicherung, als letzte Rettung ins Leben gerufen, wuchs so schnell, dass sie in Kürze Floridas größte Versicherungsgesellschaft sein würde. Bushs Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Marktes schwand.

Die Versicherungskrise lähmte Floridas Wirtschaft, sie vernichtete Immobilien-Deals und ließ Hypotheken »sauer« werden. E-Mails an Bush (noch so eine Gewohnheit von mir: regelmäßig um Einsicht in die Bürger-Briefe an den Gouverneur ersuchen. Sie sind besser als Umfragen, wenn man wissen will, was die Menschen bewegt, und sie bieten Material für Geschichten) waren voll von Hilferufen der Hauseigentümer.

Floridas Zeitungen blieben jedoch weitgehend uninteressiert. Sogar mein damaliger Arbeitgeber lehnte meinen Vorschlag ab, die Situation längerfristig zu beobachten. Es war ein Glücksfall, dass ich kurz nach Bushs Eingeständnis auf dem Flur des Kapitols ein Vorstellungs­gespräch bei der Sarasota Herald Tribune hatte und meinen Wunsch, Floridas Versicherungsindustrie unter die Lupe zu nehmen, zur Sprache brachte. Sie nahmen mich und mein Vorhaben dazu. Wir erwarteten ein traditionelles Projekt: sechs Monate Recherche und vielleicht vier oder fünf Tage lang Storys. Es wurden drei Jahre Recherche daraus, und nicht nur zu einer Branche, sondern zu dreien. Es dauerte ein ganzes Jahr, die Storys zu veröffentlichen – so viele gedruckte Seiten waren es, dass sie am Ende die Wand des Zimmers bedeckten, in das ich mich zum Schreiben zurückgezogen hatte.

Der ursprüngliche Plan blieb die ganze Zeit unverändert: der Spur des Geldes zu folgen, nachzuvollziehen, was mit den Milliarden Dollars passierte, die Floridas Hausbesitzer für die Versicherung ihrer Immobilien zahlten.

Auf der Suche nach Lehrern

Umwelt-, Politik- und Katastrophenberichterstattung waren mir nicht fremd, aber über das Versicherungs­wesen hatte ich noch nie berichtet. Das hieß, ich musste mir zunächst einmal Lehrer suchen. Ich wandte mich der Handvoll Quellen zu, die ich aufgebaut hatte, als ich über die Versicherungs­gesetzgebung berichtet hatte. Dazu gehörten auch Führungskräfte von zwei Unternehmen, die willens waren, mir geduldig wieder und wieder zu erklären, wie die Dinge liefen. Ich machte Staatsbedienstete in Landesämtern ausfindig, die mir vielleicht raten konnten, wo und wonach ich suchen sollte. Ich wurde zur unersättlichen Leserin von Fachzeitschriften der Versicherungsbranche.

Bald hatte ich echte Insider zu allen relevanten Aspekten gefunden, einschließlich einiger, die mit ihren Auskünften ein großes Risiko eingingen. Und sie verschafften mir Zugang zu Dokumenten und Daten. Floridas Versicherungsindustrie gab vor, Geld zu verlieren, aber bei verdreifachten Prämiensätzen und ohne Hurrikane ergab die Aussage keinen Sinn. Ich musste die Behauptung überprüfen.

Daten aus der Behördegeschmuggelt

Diese Art des grundlegenden Factcheckings war am Anfang sehr schwierig. Floridas Regulierungs­behörden verweigerten mir den Zugang zu der Datenbank, die die eingezahlten Prämien und ausgezahlten Ansprüche jedes einzelnen Versicherers aufführte. Die staatliche Organisation, die die Datenbank beherbergte, reagierte ebenfalls nicht.

Mit dem Versprechen, ihn als Quelle nicht zu nennen, überredete ich einen Mitarbeiter, der Zugang zur Datenbank hatte, die Berichte rauszuschmuggeln und mir zukommen zu lassen. Wir hatten unseren ersten eindeutigen Beweis. Daten aus zehn Jahren bewiesen, dass Floridas Versicherer deutlich mehr an Prämien einsammelten, als sie an Hauseigner auszahlten, sogar eingerechnet der Verluste durch Hurrikane. Warum also wanderten die Versicherer aus Florida ab? Und wohin ging all das Geld – all die Milliarden Dollar pro Jahr?

Ich streckte meine Fühler immer weiter aus. Ich sammelte alle erreichbaren Daten über die mehr als 200 Immobilienversicherer, die in Florida Geschäfte machen, und begann, eine zentrale Datenbank einzurichten, eine Auflistung ihrer Finanzen, der von ihnen versicherten Häuser und ihrer Geschäftspartner. Dann wandte ich mich ihren Tochtergesellschaften und Zweigstellen zu, ihren Verträgen mit Rückversicherern, den Rating-Agenturen und Unternehmen der Computermodelle-Branche, die mit ihnen Geschäfte machten. Zunächst gab ich diese Informationen per Hand ein, jeden Abend nahm ich mir ein paar Stunden zum Eintippen.

Später überredete ich Mitarbeiter der Regulierungsbehörde, mir elektronische Datensätze zu überlassen, und mir sogar kundenspezifische Dateien herzustellen – fast immer kostenlos. Ich erkannte, dass die anfängliche Ablehnung auf mangelnde Vertrautheit mit der Presse beruht hatte – schließlich fragen …

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