Blogs und Journalismus
Biosprit: Kommt die nächste Katastrohpe?

von Antoine Laurent, Mareike Riedel und Sebastian Schneider

Im Januar und Februar behandeln die Printmedien den Themenkomplex vergleichsweise verhalten. Die Verknappung der Ressourcen ist das zentrale Thema. Biokraftstoffe und ihre Rolle beim Klimawandel werden ausführlich beleuchtet. Die TV-Nachrichtensendungen verfolgen grosso modo dieselben Themen.

Am 23. Januar bringt die Tagesschau einen Bericht über die (harten) Klimaschutz-Auflagen der EU an Deutschland. Ende Januar folgen zwei Hintergrundberichte zum Thema Biosprit, die den Begriff für Laien erklären sollen. Am 28. Januar bringt Heute erstmals einen Bericht über die ausgebremste Biodiesel-Branche und die enttäuschten Erwartungen der Hersteller und der Autoindustrie.

In den ersten zwei Februarwochen schnellt das Interesse nach oben; in fast allen Zeitungen erscheinen Berichte mit dem Tenor »Biosprit heizt Klimawandel mächtig an« (FR 8.2.08), die sich auf drei USStudien beziehen. In der zweiten Monatshälfte folgen Artikel, die sich mit den möglichen Folgen für Lebensmittelpreise befassen und erste Zweifel an Umweltminister Gabriels Plänen zur Biosprit-Beimischung äußern (»Höhere Biospritquote steht auf der Kippe«, FTD vom 16.02.2008). Tenor: Der vermehrte Anbau von Bioenenergiepflanzen könne sich auch negativ auf die Lebensmittelpreise auswirken.

Das Fernsehen reagiert zurückhaltender; dies zeigen die gerade mal drei Treffer auf tagesschau.de zum Thema Biosprit. Es geht um die Klimaziele der Bundesregierung und die Biosprit-Beimischungsidee des Umweltministers Gabriel. Von der zweiten Woche an finden sich bei N-TV indessen zahlreiche Kommentare über die schlechte Klimabilanz von Biosprit und seinen negativen Einfluss auf den Treibhauseffekt.

In der zweiten März-Hälfte thematisieren die großen Medien vermehrt das Problem der möglichen Klimaschädlichkeit der Biosprit-Produktion. Manche Autoren treten für den Ausbau der Wind kraft ein. Gegen Ende des Monats warnen erstmals Automobilverbände, dass die vorgesehenen Bei mischungsquoten für viele PKW schädlich sein könnten. In diesem Zusammenhang folgen Berichte und Reports über die dramatisch ansteigenden Spritpreise und alternative, kostengünstigere Treibstoffe wie Wasserstoff oder Erdgas. In den TV-Nachrichten wird gegen Ende des Monats erstmals die Frage aufgeworfen, ob die Einführung von Biosprit rückgängig gemacht werden sollte. Berichte über Spritpreis-Erhöhungen folgen.

Allein an den drei Tagen vom 3. bis 5. April bringen Taz, Welt, Tagesspiegel und Berliner Zeitung 40 Beiträge zum Thema. Im Zuge der Gabriel-Berichterstattung folgen auch einige längere Hintergrundstücke. Bis Mitte April werden dann innenpolitische Schuldzuweisungen erörtert.

Mitte April zeichnet sich eine Themenwende ab: »Die neue Knappheit« (SZ vom 14.4.08). Der massive Anbau von Energiepflanzen lasse die Lebensmittelpreise vor allem in ärmeren Ländern explodieren. Die Folge seien Hungersnöte, eine Perspektive, die von der Taz wiederholt diskutiert wird. Im selben Zusammenhang bringen Welt und FTD Beiträge über die Zukunft der Landwirtschaft und die Rolle der Gentechnik. Die FR skizziert die globale Energie-/Ernährungskrise, während SZ, FTD und Handelsblatt eher nationale Probleme und Folgen diskutieren.

Auch in den Fernsehsendungen eskaliert Anfang April das Thema zum offenen Interessenkonflikt. ZDF-Heute strahlt am 1. April einen Bericht über »Millionen getäuschte Autofahrer« aus. Quelle ist eine Meldung des ADAC: In Deutschland seien drei Millionen Autos und Motorräder für den geplanten Kraftstoff E-10 (mit Biosprit-Anteil) ungeeignet; die zum 1. Januar 2009 geplante Einführung von E-10 rücke somit in weite Ferne.

Am 7. April bringen die TV-Nachrichten Berichte über den Stopp des Biosprits E-10 durch Minister Gabriel. In der Folgewoche wird die Verträglichkeit thematisiert, die mit der Einführung des Biosprits einhergeht, und die Rücknahme der angekündigten Verordnung durch den Umweltminister. Am 10. April erfahren die Fernsehzuschauer, dass Uno-Experten vor Hunger in Entwicklungsländern als Folge des exzessiven Anbaus von Pflanzen zur Förderung von Biosprit warnen.

Heute.de bringt einen Sonderbericht über die drohende Hungerkatastrophe; es folgen Berichte über Horst Seehofers Ruf nach einer neuen Agrarpolitik. Am 23. April zeigen die Sender Auszüge aus der Debatte des Bundestages über die Nahrungsmittelkrise. In der zweiten Aprilhälfte stehen wieder Fragen der Umweltbelastung im Vordergrund, gegen Ende des Monats häufen sich Nachrichten über die mutmaßlich steigenden Lebensmittelpreise.

Bis Mitte Mai wird anlässlich einer Südamerika- Reise der Bundeskanzlerin zudem über eine mögliche Kooperation zwischen der Bundesrepublik und Brasilien berichtet (Produktion von Biosprit). Auf N-TV folgen Meinungsbeiträge zum Thema erneuerbare Energien.

Auch in den Printmedien bleibt das Thema Lebensmittelpreise bis Mitte Mai top; vom 10. Mai an berichten Welt und SZ über das geplante Energieabkommen der Bundesregierung mit Brasilien und das Problem der Nachhaltigkeit von Biokraftstoffen.

Der Untersuchungszeitraum endet mit Berichten über die Unterzeichnung des Energieabkommens durch Angela Merkel und den brasilianischen Präsidenten Lula da Silva.

Greifen die A-Blogger das Thema auf?

Zunächst das Erstaunlichste: In keinem der fünf untersuchten deutschen General-Interest-Blogs fanden wir Treffer zum Themenkomplex Biosprit und/ oder Biodiesel. Weder haben sich Stefan Niggemeier, noch Sichelputzer, Spreeblick, Robert Basic oder der Politblog mit diesem ebenso globalen wie lokalen Konfiktstoff und den agierenden, vielleicht auch instrumentalisierten Mainstream-Medien auseinandergesetzt.

Auch weiter gesteckte Themenkontexte (umfassendere Begriffe wie Hungerkrise, Regenwald und Lebensmittelpreise) brachten keinen Erfolg.

Berichten die gewöhnlichen Blogger?

Der über Blogpulse eingesetzte Suchbegriff »Biosprit« führt zu 596 Treffern. Die hier ersichtlichen Peaks liegen zwischen dem 4. und dem 14 April: Unmittelbar davor berichten die Medien über den OECD-Bericht, der besagt, dass »Biokraftstoffe nicht signifikant zur Reduzierung der Treibhausgase oder zur Sicherung des Treibstoffangebots beitragen« können.

Am 3. April wird gemeldet, dass Umweltminister Gabriel seine Biodiesel-Pläne über die Bei mischung von zehnprozentigem Bio-Etha nol zurück ziehen werde; sofort schießt die Frequenz der Blog-Kommentare in die Höhe.

Nach dem 11. April (Wochen ende) bringen die Mainstream- Medien große Beiträge über die drohende Lebens mittel knappheit. In den folgenden 24 Stunden steigt der Kommentar-Level erneut an. Auffallend ist hierbei, dass auf zwei Blog-Ein träge mehrere abgeschrie bene Quer verweise folgen und sich so eine Quasi-Debatte fast ausschließlich über gegenseitiges Verweisen entwickelt.

Der auch im Englischen verbreitete Begriff »Biodiesel« erzielt 13.846 Treffer; der überwiegende Anteil ist in englischsprachigen Blogs aus den USA zu finden. Dort verläuft die Medien bericht erstattung relativ zur deutschen verzögert; entsprechend erreicht dort die Blogger-Diskussion ihren Höhepunkt rund zwei Wochen später.

Vergleich mit einem Blog-affinen Thema

Um die über Blogpulse für den Komplex »Biosprit« ermittelten Treffer einordnen zu können, wird auch bei diesem Thema als Referenz ein die Web- Welt betreffendes Thema herangezogen: der Begriff »Datenschutz«. Erwartungsgemäß bildet der Begriff – sozusagen als Grundrauschen – eine deutlich höhere Intensität ab; einzig während der ganz heißen Phase im April erreicht er mit 0,004 Prozent dieselbe Intensität wie »Biosprit«.

Fazit: Die Bilanz fällt ernüchternd aus. Das Ereignisthema »Biosprit« hat alle Facetten für einen breit angelegten Mediendiskurs: Behauptungen, Gegenpositionen, Halbwahrheiten und Lügen folgen aufeinander – und jede davon betrifft das Alltagsleben der Leute.

Das Thema »Biosprit« hat also durchaus das Potenzial, einen Großteil gerade der mit Drittweltfragen oft befassten jungen Leute anzusprechen. Tatsächlich aber wird diese Kontroverse von den großen General- Interest-Blogs ignoriert. In der breiten Bloggerszene wird sie zwar angesprochen, aber nicht erörtert.

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