Afrika
Aufbruch, Erfolg und Erniedrigung

Investigative Reporter des afrikanischen Netzwerks FAIR decken in transnationalen Teams skandalöse Missstände auf. Trotz ihrer Erfolge gibt es kaum Grund zur Euphorie – auch wegen der Europäer.

von Lutz Mükke

Evelyn Groenink ist eine erfahrene Recherchejournalistin. Seit vielen Jahren lebt und arbeitet die Niederländerin in Johannesburg und berichtet aus Afrika, einem der weltweit schwierigsten Berichtsgebiete. So schnell bringt die 52-jährige eigentlich nichts auf die Palme. Doch den 21. März 2013 wird sie wohl so schnell nicht vergessen. An diesem Abend wird im Königlichen Theater von Den Haag der renommierteste niederländische Journalistenpreis vergeben, der »De Tegel«. Was sie dort erlebt, empfindet sie als »beleidigend«.

Groenink ist hier, weil sie zusammen mit Kollegen aus Kamerun, Ghana, Nigeria, der Elfenbeinküste, Simbabwe und Holland sechs Monate recherchierte, wie verlogen der Fairtrade-Handel mit westafrikanischem Kakao abläuft. Um den Dingen auf den Grund zu gehen, hatten die afrikanischen Kollegen unter anderem wochenlang Interviews und Recherchen in privaten und staatlichen Händlernetzwerken und auf mehr als 100 westafrikanischen Kakao-Farmen geführt. Das war nicht immer ganz risikofrei. Aber damit schufen sie ein stabiles Datenfundament für die 2012 erschienene Enthüllungsgeschichte »The Fairtrade Chocolate Rip-Off«. Auf den Cent genaue Angaben belegen, wer vom »fairen Handel« wirklich profitiert und wer für dumm verkauft wird. Im Fokus der Kritik steht die niederländische Organisation Max Havelaar mit ihrem Label Fairtrade. Westafrikanische Kakao-Bauern und naive europäische Konsumenten werden offensichtlich gelinkt.

Eine exzellente, preiswürdige Geschichte – so preiswürdig, dass sie für »De Tegel« nominiert wird. Zur Preisveranstaltung sind nur die drei niederländischen Journalisten des achtköpfigen Rechercheteams eingeladen. Und »bizarrerweise«, so Groenink, meinen an jenem Abend viele niederländische Kollegen allen Ernstes, die beteiligten afrikanischen Journalisten seien lediglich als »Studenten« oder »Hilfsarbeiter« in die Arbeit integriert gewesen, und die drei Niederländer hätten sie dabei quasi ausgebildet. Groenink widerspricht heftig, denn die Fairtrade-Story wäre ohne die afrikanischen Kollegen nicht zu stemmen gewesen. Ganz zu schweigen davon, dass die Afrikaner des Teams unter anderem für die BBC, den Guardian, die dpa oder große Radiostationen arbeiten.

Wie »bettelnde Individuen«

Chief Bisong Etahoben war ebenfalls Teil des Kakao-Rechercheteams. Der 60-jährige Kameruner gibt in der Hauptstadt Yaoundé die seit 1992 erscheinende Zeitung The Weekly Post heraus. Dass afrikanische Journalisten von europäischen und amerikanischen Kollegen nicht ernst genommen oder herabwürdigend behandelt werden, ist für ihn nicht neu. Das Verhältnis habe sich zwar zum Besseren entwickelt, »aber leider nicht in dem Maße, wie man es erwarten darf.« Es bleibe die Tendenz, dass man afrikanische Journalisten wie »bettelnde Individuen« behandele. Der Herausgeber berichtet von Hungerleiderhonoraren, von arroganten westlichen Journalisten und einfältiger Ignoranz, die ganze Recherchevorhaben scheitern ließ, weil Ratschläge der afrikanischen Partner besserwisserisch in den Wind geschlagen wurden. Dennoch: In den mittlerweile verstärkt angegangenen transnationalen Recherchen und Kooperationen sieht Chief Bisong Etahoben große Chancen.

Der Chief ist Mitglied beim Forum for African Investigative Reporters (FAIR). Die im Mai 2003 gegründete Initiative afrikanischer Recherchejournalisten unterstützte die Kakao-Story. Als FAIR vor zehn Jahren mit 15 Journalisten aus sechs afrikanischen Staaten startete, war nicht abzusehen, ob aus der Idee, investigativen Journalismus in Afrika zu fördern, etwas werden würde. Panafrikanische Ideen hatten um die Jahrtausendwende unter Medienmachern und Journalisten Hochkonjunktur. Eine neue Gründerzeit war angebrochen. Initiativen wie die African Commission on Human and Peoples’ Rights, Highway Africa, African Plattform on Access to Information, das Pan-African Media Network, die African Union of Broadcasting oder The African Editors’ Forum traten nun panafrikanisch in die Öffentlichkeit. Was Dynamik und Agilität anbelangt, kann diese Zeit durchaus mit dem politischen Panafrikanismus der 1960er Jahre verglichen werden, dem Jahrzehnt der afrikanischen Unabhängigkeit.

»Arizona Project« war Auftakt

Heute hat FAIR ein Büro im gediegenen Johannesburger Stadtteil Richmond, im Bürokomplex Park Road 1, dort, wo viele ausländische Korrespondenten und Journalistenorganisationen sitzen. Auf der Habenseite der Zehnjahresinventur stehen sicher nicht die internen Zerreißproben, Querelen und Finanzierungsprobleme der Jahre 2010 und 2011, sondern das aufgebaute inhaltliche Programm einer gut aufgestellten internationalen Journalistenorganisation: Jahreskonferenzen, Angebote für Aus- und Weiterbildungen, Recherchestipendien, eine Kontaktbörse, ein Diskussionsforum, gute internationale Vernetzungen innerhalb Afrikas, in die USA, nach Europa und in den Mittleren Osten. Zum Kern des etwa 250 FAIR-Journalisten, Studenten und Akademiker umfassenden Netzwerks gehören etwa 75 investigative Journalisten, darunter Namen wie Anas Aremeyaw Anas, Kasim Mohamed, Ken Opala oder Charles Rukini. Im internationalen Beirat arbeiten Brant Houston, David Kaplan, Mark Hunter oder Joe Hanlon mit.

FAIR-Mitglieder räumen auch jedes Jahr aufs Neue internationale Journalistenpreise ab. Eine international viel zitierte transnationale Recherche erschien 2010 unter dem Titel »Killing soccer in Africa«. Sie war das erste »Arizona Projekt« auf dem afrikanischen Kontinent. »Arizona Projekt« steht synonym für eine Team-Recherche, die losgetreten wird, wenn zuvor Recherchen massiv unterdrückt werden sollten. Das Motto lautet: Man kann vielleicht einzelne Journalisten mundtot machen, aber niemals eine Story, niemals den Journalismus. Die Bezeichnung geht auf die Ermordung Don Bolles zurück, der 1976 in Arizona von Kriminellen umgebracht wurde, weil er ihre Kreise störte. Die US-amerikanische Organisation Investigative Reporters and Editors (IRE) rief damals alle ihre Mitglieder dazu auf, sich die Korruptions-Story in Arizona vorzuknöpfen und zu Ende zu recherchieren, was dann auch 38 Reporter taten.

Im Falle der FAIR-Fußball-Recherche wurde zuvor ein kamerunischer Journalist krankenhausreif geschlagen. Man versuchte, seine Recherchen über Korruption im Afrikanischen Fußballverband abzuwürgen. Daraufhin organisierte FAIR ein Team von acht Journalisten, das die Korruptionsvorwürfe und Hintergründe in acht der wichtigsten afrikanischen Fußballnationen recherchierte – in Ghana, Kamerun, Nigeria, der Elfenbeinküste, Südafrika, Kenia, Sambia und in Simbabwe. Die desillusionierenden Ergebnisse sind heute im Dossier »Killing Soccer in Africa« nachzulesen.

An einer anderen bemerkenswerten transnationalen FAIR-Recherche arbeiteten investigative Reporter aus fünf Ländern (Nigeria, Benin, Simbabwe, Niederlande, Kenia). Heraus kam der Report »Pirates, Smugglers and Corrupt Tycoons. Social Bandits in Africa« – ein Mosaik über den agilen informellen und kriminellen Sektor in Afrika. Ob in Nigeria, Benin, Somalia oder Kenia, mächtige Kriminelle sorgen genau dort für Arbeitsplätze, Einkommen und Sicherheit, wo Staaten versagen – oder daran mitverdienen. Der Insider-Blick ist teilweise undercover recherchiert worden.

Lebensgefahr nimmt zu

Auch wenn sich mittlerweile mehrere FAIR-ähnliche Organisationen und Zentren für investigativen Journalismus in Afrika etablieren konnten, ringt Recherchejournalismus hier täglich einen zähen Kampf. Peter Nkanga, 2011 African Investigative Journalist of the the Year, skizziert den Stand der Dinge sehr nüchtern: »Investigativer Journalismus ist schon wieder auf dem Rückzug.« Der Nigerianer, der in Abudja lebt, wünschte sich zwar mehr transnationale Recherchen à la FAIR. Gleichzeitig kennt der Westafrika-Beauftragte der New Yorker Pressefreiheitsorganisation Committee to Protect Journalists (CPJ) jedoch auch die extrem harten Realitäten in den Ebenen der afrikanischen Alltage. Seit einem Jahr beobachtet er für CPJ 16 Länder; eine Region, in der etwa 290 Millionen Einwohner leben. Nkanga erklärt: »Den meisten Journalisten reichen zwei Telefonate, und damit füllen sie ihre Seiten und Programme.« Das habe mit schlechter Ausbildung und der Produktion billiger Schlagzeilen ebenso zu tun wie mit dem hohen Berufsrisiko, das Recherchejournalisten automatisch eingehen. »Sobald ein Journalist Frau und Kinder hat, überlegt er es sich dreimal, ob er diesen Berufsweg einschlägt«, resümiert Nkanga.

Beispiele für den heftigen Umgang mit Journalisten meldet CPJ aus Westafrika im Akkord. Ein kamerunischer Journalist wurde am 28. März 2013 wegen »Diffamierung« zu zwei Monaten Gefängnis und 3.900 US Dollar Strafe verurteilt. Die Direktorin des Senders 3 TV in Benin erhielt im Januar wegen »Beleidigung des Präsidenten« ihr Urteil: drei Monate Gefängnis und 1.000 Dollar Strafgeld. (Präsident Boni Yayi begnadigte sie Wochen später mit großzügiger Geste.)

In Mali, im einstigen Musterland der Pressefreiheit, spielen Journalisten mittlerweile russisches Roulette: Seit dem Putsch 2012 sind sie regelmäßig Ziele sowohl von »staatlichen« Sicherheitskräften als auch von Aufständischen. Im Umgang mit Journalisten unterscheiden sich beide Kriegsparteien laut CPJ nicht. Offene Zensur ist in Mali mittlerweile das geringste Problem. Willkürliche Verhaftungen, körperliche Angriffe, Einschüchterungen und versuchte Morde stehen auf der Tagesordnung.

Und schließlich, so Nkanga, wäre da noch der überall in der Region anzutreffende »kalte« Weg, auf dem unliebsame Journalisten und Medien aus dem Weg geräumt würden. Ein solcher Fall ist in einer gerade abgegebenen gemeinsamen Erklärung von CPJ, PEN International und dem Internationalen Verlegerverband dokumentiert: Die nigerianische Regierung soll durch Druck und Einflussnahme auf Werbekunden dem kritischen nigerianischen Nachrichtenmagazin Africa Report 2011 den Geldhahn abgedreht haben. Der ehemalige Herausgeber, Dele Olojede, bezeugt sogar, ihm seien 20 Millionen US-Dollar angeboten worden, damit er seine Recherchen über Korruption im Ölsektor beende.

Die Niederlande sind von all diesen Zuständen freilich weit entfernt. Dort herrschen andere.

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