Freie Journalisten
Die Masse zahlt ein

Journalismus basiert zunehmend auf der Arbeit vonKollektiven. Finanzierungsmodelle wie Crowdfunding und Micropaymentsetzen auf ein sehr großes: die Internet-Nutzer.

von Piet Felber

Mario Damian brennt für seine Sache. Das merkt man, wenn erdarüber spricht. Seine Sache ist das Low Magazine, einunabhängiges Kunstmagazin, das er gemeinsam mit Danny Winkler inDresden herausgibt. Während er über die Pläne spricht,die er damit hat, wühlt er in Siebdrucken und Holzschnitten, dieKünstler für die Cover-Gestaltung des Heftes angefertigthaben. Über ein Drittel der 3.500 Euro Produktions­kostenhaben die beiden über die Crowdfunding-Plattform startnext.deeingenommen.

Was freie Journalisten sich von den beiden abschauenkönnen, ist neben der absoluten Überzeugung vom eigenenProjekt – so es der noch bedarf – der Finanzierungsansatz.Und der kommt in der Branche langsam an: Immer mehr Journalistenexperimentieren mit alternativen Finanzierungsmodellen wie Crowdfundingund Micropayment. Beide setzen auf die breite Masse der Internet-Nutzerals potenzielle Geldgeber.

Unterstützer können selbst profitieren

Auf Crowdfunding-Plattformen kann man ein Projekt vor seiner Umsetzungbewerben und bekannt machen. Die Nutzer können, wenn ihnen dasProjekt gefällt und sie bereit sind, dafür Geld zu geben, demProjektinitiator etwas über die Plattform spenden. Je nach Art desVorhabens – bislang sind es vor allem Projekte von Kreativenaller Art – erhalten die Unterstützer für bestimmteSummen Gegenleistungen für ihr Geld: Sei es ein signiertesExemplar, wenn es sich um eine Publikation handelt, ein Credit in einemFilm oder ein Auftritt in einem Hörspiel. Damian und Winklerbelohnen ihre Unterstützer zum Beispiel mit Original-Drucken derCover-Künstler des Low.

Auch auf journalistische Projekte ist dieses Prinzip anwendbar:Redakteure oder Blogger können die Recherche eines Journalistenper Crowdfunding unterstützen und bekommen im GegenzugNutzungsrechte am Text oder Informationen aus der Recherche. AuchDamian kann sich vorstellen, Recherchen in der Künstlerszene aufdiese Weise zu fördern: »Über die prekäre sozialeLage osteuropäischer Künstler würde ich gern im LowMagazine berichten«.

Reputation bei der Netzgemeinde zählt

Die Annäherung von Journalisten an das Crowdfunding-Prinzipvollzieht sich in Deutschland nur langsam. In den USA gibt es seit 2008eine eigene Plattform für journalistische Projekte,»Spot.us«. Und auch auf interdisziplinären Plattformenfinden sich Vorhaben, die von Journalisten initiiert wurden. JoshuaFrank, ein Umwelt-Journalist aus Oregon, arbeitet gerade an einem Buchüber das Vorgehen amerikanischer Ermittlungsbehörden gegenUmweltaktivisten. Die Recherchen dazu, die ihn und seinen Co-AutorJeffrey St. Clair durch das ganze Land führten, sind fastabgeschlossen.

Sie müssen nur noch den Druck finanzieren. Auf kickstarter.comwerben die beiden nun für die finanzielle Unterstützung ihresProjekts. Wenn sie 3.500 Dollar zusammenbekommen – diesen Betraghaben sie als Zielsumme ausgewiesen –, können sie drucken.Jeffrey St. Clair und Joshua Frank wurden für ihreumweltjournalistische Arbeit bereits ausgezeichnet. Ein guter Ruf undProminenz helfen mit Sicherheit, ein Vorhaben auf einerCrowdfunding-Seite zu promoten.

Ein neues Investigativ-Modell

Doch David Cohn, der Gründer von Spot.us, möchteeinschränken, dass man »mit Sicherheit nicht denPulitzer-Preis gewonnen haben muss«. Die entsprechende Reputationbei 2.000 Leuten reiche schon aus. Das sagt ihm die Erfahrung aus 165erfolgreich geförderten Projekten.

Ein Einwand, der gegen die Finanzierung investigativer Arbeit überCrowdfunding oft erhoben wird, ist, dass damit Konkurrenten übereigene Vorhaben informiert und Leute alarmiert würden, denen manmit den Recherchen etwas nachweisen will. Doch Frank glaubt nicht, dassseinem Buch aus dieser Richtung Gefahr droht – zu weitfortgeschritten seien die Recherchen bereits. Die freieMedienjournalistin und Bloggerin Ulrike Langer sieht im Schritt aufeine Plattform vielmehr die Möglichkeit, weitere Informationen zumThema zu generieren.

»Dazu braucht man allerdings eine etwas andere Vorstellung voninvestigativem Journalismus«, sagt sie und betont dengemeinschaftlichen, partizipativen Grundcharakter, den journalistischeArbeit so annimmt. Aus Crowdfunding wird auf diese Art»Crowdsourcing«, das Nutzen von Schwarmintelligenz. UlrikeLanger setzt selbst auch auf Crowdfunding: Das Geld für den Druckdes Buches »Universalcode. Journalismus im digitalenZeitalter«, das sie gemeinsam mit Christian Jakubetz und RalfHohlfeld herausgibt, soll über verbindliche Vorbestellungen aufder Plattform euryclia.de finanziert werden. Sobald 1.000 Bestellungenvorliegen, geht das Buch in Druck.

Drei Kriterien für Plattformen

Befragt nach den Kriterien, die eine Crowdfunding-Plattformfür Journalisten – und nicht nur für die –erfüllen muss, nennt Langer drei wesentliche Punkte: »Manmuss erstens genügend Platz und die entsprechenden Hilfsmittel aufder Seite haben, um sein Projekt ausführlich vorstellen zukönnen.« Das ist im Internet, wo es prinzipiell unbegrenztenRaum für alles gibt, sicher das geringste Problem. Auch die Fragenach vielfältigen Möglichkeiten, sich darzustellen – inForm kurzer Videos oder anderen multimedialen Gimmicks – istkeine, an der es scheitern sollte. Professionelle Plattformen werdentechnische Möglichkeiten für all das entwickeln können.…

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