Pressefreiheit
#FreeDeniz – Damit’s nicht beim Hashtag bleibt

Der Auftakt zur nr-Konferenz steht im Zeichen von Solidarität und Aktivismus –  für inhaftierte Journalisten in der Türkei und auf der ganzen Welt.

von Leonard Kehnscherper und Micha Lemme

Im Programmablauf der diesjährigen Jahreskonferenz von netzwerk recherche steht hinter dem ersten Punkt Begrüßung „Rede 1: Deniz Yücel (angefragt)“. Doch der Journalist ist in der Türkei inhaftiert. Statt seiner sprachen zahlreiche Kollegen zum Auftakt – allen voran eine gute Freundin.

„Wir alle dürfen nicht nachlassen, müssen weiter solidarisch sein“, forderte die taz-Journalistin Doris Akrap am Ende des ungewöhnlichen, aber bewegenden Auftakts zur #nr17. Mit zwölf namhaften Kollegen, darunter Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, Anja Reschke von „Panorama“ und Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni, verlas Akrap einen offenen Brief an ihren Kollegen und Freund Deniz Yücel, der seit Jahresbeginn in einem türkischen Gefängnis sitzt.

„Auch du warst schon auf der nr-Jahreskonferenz zu Gast. Hast diskutiert und zugehört, gestritten und gelacht“, erinnerte Gemma Pörzgen von Reporter ohne Grenzen. Der Brief der Kollegen war auch der deutschen Journalistin Meale Tolu gewidmet, die seit einigen Wochen ebenfalls inhaftiert ist – gemeinsam mit ihrem zweijährigen Sohn. Wie Yücel wird Tolu unter anderem Terrorpropaganda vorgeworfen.

350 eingesperrte Journalisten

Yücel und Tolu seien „zwei von derzeit über 350 Kolleginnen und Kollegen, die in rund 40 Ländern eingesperrt sind“, fasste der Filmemacher Stephan Lamby das Schicksal vieler Journalisten weltweit zusammen. Dass allein in den letzten 18 Monaten mehr als 90 Kollegen getötet wurden, nannte er „eine schreckliche, eine empörende Bilanz“.

Große Geste, starke Worte: Namhafte Journalisten-Kollegen verlesen offenen Brief an inhaftierten Deniz Yücel. / Foto: Jonas Walzberg

Große Geste, starke Worte: Namhafte Journalisten-Kollegen verlesen offenen Brief an inhaftierten Deniz Yücel. / Foto: Jonas Walzberg

Zwar schütze die Pressefreiheit Journalisten nicht vor Gewehrkugeln und Bomben in Krisen- und Kriegsgebieten, ergänzte Jupp Legrand von der Otto-Brenner-Stiftung. „Wenn aber staatliche Behörden und Regierungen diese Freiheit nicht schützen, dann kann es überhaupt keinen Schutz mehr geben.“

Dabei, stellte Sportjournalist Hajo Seppelt klar, sei Pressefreiheit „keine Geschmacksfrage!“ Vielmehr sei sie ein in der UN-Charta von 1948 verbrieftes Recht.

Nicht nur die eindrucksvolle Solidaritätsbekundung zu Konferenzbeginn, auch eine ungewöhnliche publizistische Allianz in Deutschland macht deutlich, was auf dem Spiel steht. „Von der Bild bis zur taz, von der Welt bis zur Jungle World“, fasste die 1. nr-Vorsitzende Julia Stein zusammen. So stand der Konferenz-Auftakt im Zeichen von Solidarität – und Aktivismus. Die Redner auf dem Podium – und das laut und lang applaudierende Publikum – machten sich mit den Schicksalen ihrer Kollegen gemein.

Scheinbar ein Gegensatz zum berühmten Bonmot von Hanns Joachim Friedrichs: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“ Oder zum nr-Medienkodex, in dem es heißt: „Journalisten machen keine PR“. Auch keine Krisen-PR in Form von Autokorsos und Benefiz-Konzerten für einen inhaftierten Kollegen? Also keine Unterstützung für Kampagnen wie #FreeDeniz?

„Kann mein Engagement schaden?“

Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni bei #nr17 / Foto: Rohwedder

Auch Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni setzte bei #nr17 ein Zeichen für die Pressefreiheit. / Foto: Rohwedder

Als Argument gegen Solidaritätsbekundungen für Yücel oder Tolu oder ein Engagement für die Pressefreiheit taugt das zum journalistischen Mantra geronnene Friedrichs-Zitat nicht. Denn er selbst sagte in eben jenem Spiegel-Gespräch aus dem Jahr 1995 auch, er habe einmal nach einem schweren Erdbeben in Armenien 20.000 Mark gespendet, machte sich also gemein.

Die zahlreichen Journalisten-Aktivisten, die bundesweit für Yücels Freilassung demonstrieren, treibt viel eher eine andere Frage um: „Kann ich Deniz mit meinem Engagement auch schaden?“

Diesen Zweifel hat Akrap für sich ausgeräumt. In einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel stellte Yücels Vertraute klar, sie jedenfalls könne nicht die Klappe halten und schweigen. Das wiederholte sie auf der #nr17-Bühne in Hamburg: Sie könne nicht einfach hoffen, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoan Deniz wieder freilässt. „Mir bleibt keine Wahl, außer laut zu sagen, was Sache ist“, sagte die taz-Redakteurin auf der #nr17-Konferenz. Damit ist sie sehr nah bei dem Ausspruch eines anderen bedeutenden deutschen Journalisten – Rudolf Augsteins „Sagen, was ist“.

Auf „Promotion-Tour“

Deshalb sei sie seit Yücels Verhaftung am 17. Februar 2017 mit Freunden und Kollegen auf „Promotion-Tour“. Seitdem gebe es Autokorsos von Hamburg bis Wien, Lesungen von Frankfurt bis Zürich und Konzerte am Brandenburger Tor. Deshalb sprach Akrap auch Klartext in Richtung der kritischen Stimmen, die es unter deutschen Kollegen durchaus auch gibt: „Deniz vorzuwerfen, dass er selbst Schuld sei, ist wie einer sexuell missbrauchten Frau vorzuwerfen, einen Minirock getragen zu haben.“ Und deshalb sei es auch wichtig, dass sich alle – sie, Kanzlerin Merkel und das Publikum – weiterhin für Deniz einsetzten: „Damit #FreeDeniz kein Hashtag bleibt!“

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