Krise als Krankheit

Metaphern im Mediendiskurs zur Finanzkrise

Von Helene Debertin

Vom »Strudel der Finanzkrise« über die »Wucht der Krise« bis hin zum »Sog der Krise« – in der Berichterstattung zum Thema Finanzkrise wimmelt es von Metaphern. Besonders verbreitet sind Krankheits-, Kriegs- und sonstige Katastrophenmetaphern. Teilweise wird die Finanzkrise mit konkreten Katastrophenereignissen wie zum Beispiel Erdbeben in Verbindung gebracht (»Epizentrum der Krise«). Dagegen weisen Metaphern wie »Die Finanzkrise hinterlässt« oder »Bekämpfung der Krise« auf eine vorangegangene Katastrophe hin, ohne sie greifbar zu machen.

Wozu dienen diese Metaphern? Kris­tin Kuck und David Römer zeigen in dem Buch »Krise, Cash & Kommunikation« am Beispiel des metaphorischen Konzepts »Krise als Krankheit«, wie Begriffe des Herkunftsbereichs »Krankheit« auf den Bereich der Wirtschaft angewendet werden:

»Wird die Wirtschaft allgemein als erkrankter Körper konzeptualisiert, dann werden in der Regel Banken oder das gesamte Finanzsystem als lebenswichtige Organe verstanden. Es gibt einen Arzt, den Staat […] Die Krankheit zeigt sich in Symptomen […] und verlangt nach einer Therapie oder einem ärztlichen Eingriff, was wiederum eine Diagnose voraussetzt. Als Maßnahmen zur Heilung der Krankheit werden Rettungspakete diskutiert, wie auch – sehr kontrovers – die kurzfristige Verstaatlichung von Banken. Als Medizin wird Geld eingesetzt, das nötig für die Erhaltung der Lebensfähigkeit der Banken ist.«

Legitimation von Maßnahmen

Das ist ein Ergebnis des Forschungsprojektes »Sprachliche Konstruktionen sozial- und wirtschaftspolitischer ›Krisen‹ in der BRD von 1973 bis heute«.

Nicht nur die Begriffe werden übertragen, sondern auch die mit ihnen assoziierten Akteurskonstellationen, Eigenschaften und Handlungszwänge. So kann im Rahmen der Krankheits-Metaphorik über die Schwere der Krankheit und über die Wirksamkeit der Maßnahmen zur »Heilung« diskutiert werden. Die Darstellung der Krise als Krankheit der Wirtschaft veranschaulicht, dass eine Störung oder Funktionsunfähigkeit eingetreten ist, die dringend behoben werden muss. Dadurch können auch als drastisch angesehene Maßnahmen legitimiert werden.

Literatur:
Kuck, Kristin und Römer, David (2012): Metaphern und Argumentationsmuster im Mediendiskurs zur ›Finanzkrise‹. In: Peltzer, Anja; Lämmle, Kathrin und Wagenknecht, Andreas (Hrsg.): Krise, Cash & Kommunikation. Die Finanzkrise in den Medien. Konstanz und München: UVK Verlagsgesellschaft mbH. 256 Seiten, 29 Euro.

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