Ohne Zwang geht nichts

Ist eine Quote der richtige Weg, um mehr Frauen in die Chefetagen zu bekommen? Oder gibt es bessere Optionen? Darum ging es in der Podiumsdiskussion »Quote gegen Machos«.

Dokumentiert von Lisa Wolf

Die hatten die Nase voll: Im Februar dieses Jahres forderten 350 Journalistinnen eine Frauenquote von 30 Prozent in den Führungspositionen der Redaktionen. Schluss mit vagen Selbstverpflichtungen und Versprechungen, her mit der Quote. Aber ist sie das angepriesene Allheilmittel? Oder gibt es andere Wege, mehr Frauen in die Chefetagen zu bringen?

Die großen Linien dieser Diskussion waren auch in der kleinen Runde auf der Hamburger Netzwerk Recherche-Tagung erkennbar. Da gab es die klaren Befürworter, wie Anja Reschke von Panorama und Sabine Kartte, selbst geschäftsführende Redakteurin beim Stern, die beklagte: »Es ist ja beinahe unangenehm, dass man 2012 noch so eine Diskussion führen muss, aber: meine Kollegen sind fast alle Männer!« Dabei seien sich die Wissenschaftler einig: Reine Frauen- oder Männergruppen funktionieren ganz gut – gemischte Gruppen aber besser. Dann holte Reschke tief Luft: »Ohne dieses verdammte Ding, die Quote, geht es anscheinend nicht!« Gegenüber saßen Georg Mascolo vom Spiegel und Thomas Sattelberger von der Deutschen Telekom. In der von Eva-Maria Schnurr moderierten Diskussion zeigte sich Letzterer schnell als glühender Befürworter der Quote.

Anja Reschke forderte zunächst, dass die Quote endlich her müsse: »Alle sind dafür, aber es tut sich nichts! Es kann nur an den Männern liegen, die die Schlüsselpositionen besetzt halten.« Wie sonst könne man den geringen Anteil von Frauen in den Chefetagen erklären – an gut ausgebildeten Frauen mangelte es jedenfalls nicht.

Das bestätigte auch der einzig männliche Journalist in der Runde, Georg Mascolo, Chefredakteur des Spiegel.

Er sprach sich jedoch gegen die Quote aus: »Alles, was auf Freiwilligkeit basiert, ist besser als jeder Zwang.« Zum einen gebe es bereits sehr viele hervorragende Journalistinnen, zudem sei auch der Nachwuchs zunehmend weiblich. Damit gibt es für ihn längst keinen Grund mehr für eine männliche Domianz in den Redaktionen. »Wie wir mehr Frauen in die Führungspositionen bekommen, darüber lässt sich streiten. Für den Spiegel ist eine starre Quote aber keine Option«, betonte er.

Denn: Für den Spiegel als eher mittelständisches Unternehmen mit nur geringer Fluktuation mache ein solch starres Instrument keinen Sinn. »Zu sagen, in fünf Jahren haben wir so und so viel Prozent an Frauen in den Chefetagen, das bringt uns nichts«, sagte er. Auch wenn sich die Veränderung langsam vollziehe – Unwillen zur Veränderung könne man den Redaktionen wohl kaum vorwerfen.

An diesem Punkt hätte die Diskussion beendet sein können. Befürworter wie Gegner der Quote hatten die bekannten Argumente dargelegt, eine Einigung war nicht in Sicht. Frischen Schwung brachte der Personalvorstand der Deutschen Telekom, Thomas Sattelberger, in die Runde. »Dass im Journalismus, der doch ein Spiegelbild der Gesellschaft sein soll, nur zwei Prozent der Chefredakteure weiblich sind, hat mich schockiert«, erklärte dieser.

Er habe die Erfahrung gemacht, dass nur guter Wille allein nicht reiche. Die Quote sei dagegen geeignet, als ultima ratio das alte System aufzubrechen. Denn alle Selbstverpflichtungen der Wirtschaft seien seit 2001 »quasi wirkungslos verpufft«. Pro Quote als Wachmacher sei eine gute Idee gewesen – doch jetzt dürften die Frauen nicht nachlassen. Eine regelmäßige Veröffentlichung der aktuellen Zahlen wäre zum Beispiel denkbar: »Und das Damoklesschwert der Schande sollte darüber hängen!«

Das ließ Georg Mascolo nicht ohne Weiteres auf sich sitzen. Er lud den Telekom-Manager für Ende des Jahres ein, persönlich den Spiegel zu besuchen, um die Fortschritte zu überprüfen. Allerdings würden nicht nur Frauen zu wenig gefördert, generell sahen alle Beteiligten einen Nachholbedarf im Journalismus im Bereich der Personalpolitik. Bisher kümmert sich in vielen Redaktionen der Chefredakteur um die Neueinstellungen. »Der ist meist ein sehr guter Journalist, aber eben nicht unbedingt auch ein guter Personalchef«, sagte Mascolo. Die Personalpolitik dürfte auch im Journalismus nicht länger ein »Stiefkind« bleiben.

«Es ist für mich als Branchenfremden unverständlich, dass es keine aktivere Talentförderung im Journalismus gibt«, betonte Sattelberger. Dazu zähle es zum Beispiel, Mitarbeiter aktiv zu Führungspositionen zu ermutigen. Genau wie man die Vorgabe »Im Zeitraum X soll der Umsatz um soundsoviel Prozent steigen« konsequent umsetzen könne, gebe es auch Gründe, den Frauenanteil entsprechend zu erhöhen. »Bei T-Systems habe ich einmal zehn Monate lang keine Chefposition neu besetzt – und plötzlich waren mehr als genug weibliche Bewerberinnen da«, erklärte er. Und wenn es mal keine geben sollte, muss das jeder seiner Personalleiter gesondert begründen. Alles Maßnahmen, die auch im Journalismus denkbar seien.

Befristete Führungspositionen könnten ebenso helfen, mehr Frauen zu fördern. »Leider besteht unter Journalisten ein Hang, an der einmal erreichten Position kleben zu bleiben. Dabei sei es doch oft gerade interessant, nach mehreren Jahren als Leiter auch wieder das Ressort zu wechseln oder selbst wieder mehr zu schreiben«, erklärte Stern-Redakteurin Sabine Kartte. Job Sharing oder Teilzeit-Führungsstellen sind weitere Stichworte. Der amerikanische Journalismus zeige sich in dieser Hinsicht beispielsweise wesentlich flexibler. Auch wenn man das nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen kann, forderten die Teilnehmer auch hier ein Umdenken. Thomas Sattelberger bestätigte zudem den Erfolg dieser Modelle, die er selbst bereits seit Jahren erfolgreich umsetzt.

Nachdem die Runde diesen Schwenk in die Personalpolitik beinah einstimmig vollzogen hatte, kam schnell ein neuer Streitpunkt auf. Ein Einwurf aus dem Publikum brachte den Stein ins Rollen: »Obwohl hier im Publikum die Mehrheit Frauen sind, sitzen in der ersten Reihe nur Männer!«

Sind die Frauen am Ende vielleicht doch wieder selbst schuld? Unterschätzen sie ihre eigenen Fähigkeiten, halten sich eher zurück und warten darauf, angesprochen zu werden? Sabine Kartte zeigte sich selbstkritisch: »Auch mal in der Konferenz Kritik für den eigenen Vorschlag einstecken, offensiver Beförderungen einfordern. Daran können wir Frauen sicher auch arbeiten.«

Anja Reschke sah das anders: »Wer hat denn nun die Bring- und Nehmer-Schuld? Es ist die Pflicht der Unternehmer, mehr auf Frauen zuzugehen, wenn doch bekannt ist, dass sie selbst eher zur Zurückhaltung neigen.«

Thomas Sattelberger bestätigte diese Ansicht. Er erwarte nicht, dass Frauen sich wie Männer verhalten – und akzeptiere das auch. Egal, ob über Quote oder freiwillige Lösungen – in einem waren sich dann alle einig: Auch der Journalismus kann es sich nicht mehr leisten, auf die Frauen zu verzichten – und wenn man ihn mit der Quote zu seinem Glück zwingen muss. Brigitte Fehrle, die ursprünglich an der Diskussion teilnehmen sollte, musste übrigens kurzfristig absagen. Sie war neue Chefredakteurin der Berliner Zeitung geworden.

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