Der beste Job überhaupt

Als Freier im Ausland arbeiten – ohne dabei pleitezugehen: Drei erfahrene Auslandsreporter diskutierten beim Podium »Frei arbeiten im Ausland« alles von Finanzplanung bis Kindererziehung.

Dokumentiert von Siri Warrlich

Recherchieren in einer völlig fremden Kultur, über die Sprachbarriere hinweg? Mit einem oft kaum planbaren Einkommen klarkommen? Sich womöglich noch dazu mit Malaria, abenteuerlichen Internetverbindungen und verständnislosen Redakteuren in Deutschland rumschlagen? Ist es nicht bequemer, als Journalist in Deutschland zu arbeiten?

Klaus Ehringfeld machte die Zweifel gleich zu Beginn des Podiums zunichte: »Die Arbeit als Auslandskorrespondent ist der beste Job, den unser Metier zu bieten hat.« Seit über zehn Jahren lebt er als freier Journalist in Lateinamerika. Wenn sich seine Arbeit auch in Zukunft tragen würde, hätte er »nicht vor, zurückzukommen«. Was ihn an der Auslands-Berichterstattung fasziniert: »Hier wiederholt sich nichts.«

Vor einigen Wochen, so Ehringfeld, sei es ihm in seiner langjährigen Erfahrung zum allerersten Mal passiert, dass er ein Thema zum zweiten Mal anging. Davor: Neues und Aufregendes jeden Tag. Vor vielen Jahren eher zufällig von einer Weltregion angefixt, losgefahren, geblieben – und im Falle von Ehringfeld, wenn sich die Jahre im Ausland längst nicht mehr an einer Hand abzählen lassen, »verbuscht«: die Laufbahn eines Auslandskorrespondenten kurz gefasst.

Variationen in diesem Schema gibt es freilich. Alle drei Podiumsteilnehmer waren auf unterschiedlichen Wegen zu freien Journalisten im Ausland geworden. Klaus Ehringfeld hatte vor seinem Aufbruch nach Lateinamerika für den Lateinamerika-Dienst von AFP gearbeitet. »Da habe ich jeden Tag die französischen und englischen Meldungen aus der Region auf Deutsch übersetzt«, blickte Ehringfeld zurück. Irgendwann haben die Finger dann zu doll gejuckt: Selber machen, statt immer nur die Arbeit von Kollegen zu übersetzen – das war der Antrieb, der ihn schließlich in den Flieger steigen ließ. Marc Engelhardt dagegen war einer Frau auf den Fersen: »Meine Freundin hat mich angerufen und gesagt, sie habe einen Job in Nairobi. Ich bin hinterhergeflogen – daraus sind sieben Jahre geworden.« Zuvor hatte Engelhardt ein Volontariat beim NDR gemacht, ins Ausland zu gehen war schon lange sein im Hinterkopf sicher verwahrter Traum gewesen.

Frauke Niemeyer, die einzige Frau in der Runde, hatte sich »einfach verknallt« – in Brasilien, während einer privaten Urlaubsreise. »Im Flieger zurück nach Deutschland war mir dann schon klar: Ich muss da nochmal hin.« Ein Stipendium der Internationalen Journalisten-Programme half dabei.

Die Anfänge, von denen die Podiumsteilnehmer berichteten, liegen lange zurück. Für Klaus Ehringfeld ist inzwischen das elfte Jahr in Lateinamerika angebrochen, Marc Engelhardt wechselte den Kontinent und berichtet nun aus Genf, allein Frauke Niemeyer war als einzige aus der Runde nach einem Jahr in Rio de Janeiro nach Deutschland zurückgekehrt. Im Ausland vom Schreiben und Filmen leben? Es geht, so lässt sich wohl der kleinste gemeinsame Nenner der unterschiedlichen Erfahrungen der Runde zusammenfassen.

Frauke Niemeyer riet, schon vor der Abreise mit dem Aufbau eines Abnehmer-Pools zu beginnen. Rumtelefonieren, Mails schreiben, den eigenen Namen verbreiten. Das kann unangenehm sein, aber ein paar Monate später sei es dann viel leichter, die erste konkrete Geschichte zu verkaufen, so ihr Rückblick auf Brasilien. Ehringfeld fügte hinzu: »Ich rate jedem, mindestens eine österreichische und schweizerische Zeitung im Pool zu haben. Die zahlen großzügiger als die deutschen Zeitungen und begegnen unserer Arbeit wertschätzender.«

Einen breit gefächerten Abnehmer-Pool aufzubauen, sei ebenfalls wichtig, so Ehringfeld. Er berichte für rund zwölf verschiedene Zeitungen aus Lateinamerika. Kollege Engelhardt hatte sich nach sieben Jahren in Nairobi einen Pool aus rund 20 Tageszeitungen, Radio- und TV-Abnehmern aufgebaut. Das Publikum auf der Hamburger Netzwerk Recherche-Tagung lernte: Ein solider »Bauchladen« ist nicht nur für Tabak- oder Obstverkäufer, sondern auch für Journalisten im Ausland die wichtigste Grundlage für ihren Lebensunterhalt.

»Mit meinem Buch habe ich nix verdient«, antwortete Frauke Niemeyer auf eine Frage aus dem Publikum. »Aber die Arbeit hat extrem viel Spaß gemacht. Und am Anfang hatte ich lange Durststrecken, da war das Buch auch für die Psyche sehr gesund.« Also eher keine geeignete Arbeitsform für Freie im Ausland? Doch, sagte Marc Engelhardt – ob es sich finanziell lohnt, hänge aber immer vom Einzelfall ab. Er hatte während seiner Zeit in Afrika etwa Reiseführer geschrieben, die finanziell erfolgreich waren. Hinzu kamen ein Auftragsbuch über eine kenianische Nobelpreisträgerin sowie ein Buch über Somalia. »Das Somalia-Buch hat sich finanziell nicht gelohnt«, sagte Engelhardt. »Aber für meine Profilierung als Somalia-Experte war es sinnvoll und hilfreich.« Bücherschreiben kann also auch andere Effekte als den rein finanziellen haben.

Als Freier ins Ausland – nur wohin genau soll die Reise gehen? Ehringfeld und Engelhardt waren sich einig: In Weltregionen wie Lateinamerika oder Ostafrika, in denen im Vergleich zum Korrespondenten-Rummel in Washington oder New York relativ wenige feste Korrespondenten arbeiten, dort hätten es Freie einfacher.

Außerdem rieten die Diskutanten zur Vernetzung, etwa bei den Weltreportern. »Manchmal ist es einfach wichtig, seinen Ärger über diese oder jene Zeitung in den virtuellen Redaktionsraum zu rufen«, sagt Engelhardt. Und das Netzwerk hilft auch bei ganz praktischen Problemen: »Viele Kollegen melden sich ab, wenn sie auf längere Reisen aufbrechen. Und wenn wir wissen, diese Frau ist für zwei Wochen im Sudan, und nach zwei Wochen hören wir nichts von ihr, dann haken wir nach. Das ist extrem wichtig, weil sich dazu in Deutschland oft niemand verpflichtet fühlt.«

Mit Reise- und Bürokosten haben die Reporter unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Marc Engelhardt sagte, es sei ihm »kaum gelungen«, Reisekosten auf dem afrikanischen Kontinent von seinen Kunden einzufordern. Klaus Ehringfeld hingegen weigerte sich, seine Reisekosten auf die ohnehin geringen Honorare umzulegen. Er forderte von seinen Abnehmer-Medien finanzielle Unterstützung für Recherchereisen, die er meist auch bekam. Bei der privaten Finanzplanung, so der erfahrene Journalist, dürfe nämlich nicht vergessen werden: »Ich bin nur etwa 50 Prozent der Zeit wirklich Korrespondent. Die andere Hälfte geht für Bürokratie und Organisation drauf. Da bin ich dann Buchhalter, Detektiv, Sekretärin.« Nur dass er für all die anderen Jobs, die er nebenher noch ausübt, leider nicht bezahlt werde.

Generell beobachtete Ehringfeld zudem eine steigende Diskrepanz zwischen der hohen Erwartungshaltung von Redakteuren an seine Arbeit im Ausland und deren Bereitschaft, dementsprechend zu zahlen. »Die Schlaubergerei vieler Redakteure nimmt zu«, meinte Ehringfeld. »Da recherchiert dann jemand im Internet und denkt, er weiß Bescheid, was in Lateinamerika läuft.« Engelhardt pflichtete bei: »Authentische Auslandsberichterstattung gibt es nicht umsonst.« Ein praktischer Hinweis zum Finanziellen von Frauke Niemeyer: Das Geld für abgeschlossene Aufträge lande oft nicht pünktlich auf dem Konto. Deshalb sei Erspartes sehr wichtig, um als Freie im Ausland bestehen zu können.

Fazit: Der Job im Ausland erfordert nicht weniger Leidenschaft als das Dasein als freier Journalist in Deutschland – tendenziell mehr. »Die Hürde ist, ob man die vielfältigsten Herausforderungen auf allen Ebenen bewältigen kann. Du brauchst eine extrem hohe Frustrationstoleranz und die Bereitschaft, auch nach der vierten oder fünften abgelehnten Geschichte weiterzumachen«, betonte Klaus Ehringfeld.

Zudem empfahlen die Reporter: Länger bleiben als nur ein oder zwei Jahre. »Da ist man immer noch Lernender. Ich habe damals in Nairobi allein das erste Jahr damit verbracht, eine vernünftige Internetverbindung hinzukriegen«, erzählte Marc Engelhardt. »Bis man sich eine umfangreiche Expertise in der Region aufgebaut hat, dauert das viele Jahre.«

Trotz aller Mühen: Abraten würde in dieser Runde wohl keiner, den Traum vom Dasein als freier Journalist im Ausland zu leben. »Am besten mit einem Stipendium«, sagte Frauke Niemeyer – und fügte hinzu: »Und wenn ihr keins bekommt, dann macht es ohne!«

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