Europa erfahrbar machen

»Pleite-Griechen«, »Bunga-Bunga-Berlusconi« und ­­»Englisch-Künstler Oettinger«: Wie berichten deutsche Medien über Europa und die Eurokrise? Braucht die Gesellschaft Europa als normatives Leitbild?

dokumentiert von Jessica Bartsch, Corinna Dege, Liske Jaax, Matthäus Kosik, Tim Kukral, Martin Maibücher, Sonny Müller, Lea Semen und Alexa Zrenner

Der Journalismus und Europa haben eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit: Sie befinden sich beide in ihrer wohl schwersten Krise seit Bestehen. Hier melden Qualitätsmedien Konkurs an, dort herrscht die Angst vor dem Zusammenbruch der einst verbindenden Idee einer Europäischen Union. Braucht die Gesellschaft am Ende weder das eine noch das andere?

Im Gegenteil, meint Carsten Brosda, Leiter des Amts Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, beide werden mehr denn je gebraucht. Auf dem Message-Symposium zum Thema »Wie gehen die Medien mit Europa um?« fand Brosda klare Worte: »Öffentlichkeit ist unerlässlicher Bestandteil eines demokratischen Gemeinwesens, somit auch die Gewährleistung durch einen freien und unabhängigen Journalismus.« Ein hehrer Wunsch, denn die allgegenwärtige Situation ist eine andere. Auch die von den Organen der EU geforderte europäische Öffentlichkeit sei nicht exis­tent, erklärte Medienexperte Brosda. »Bis heute wird in jeder Studie aufs Neue festgestellt, dass paneuropäische Medienangebote fehlen und nationale Medien nach wie vor mehrheitlich nationalstaatliche Themen bearbeiten.« Aus diesem Grund brauche es Europa als normatives Leitbild: »Es geht letztlich um nicht weniger als eine Zunahme einer kommunikativen Konnektivität in Europa«.

»Es gilt, Europa auch journalistisch neu zu denken.« Wolfgang Langenbucher

Ein dauerhaft durch nationalstaatliche Logiken gebrochenes Europa hätte weiter zur Folge, dass niemand in der Lage wäre, sich und seine Mitmenschen als Europäer zu erkennen und zu identifizieren. Und damit wären, so Brosda, auch die Grundpfeiler demokratischer Ordnung nicht mehr zu halten: »Denn ohne Reflexion, Thematisierung und ohne Vermittlung europäischer Aspekte unseres Alltags und Zusammenlebens wäre auch deren demokratische und rationale Bearbeitung nicht möglich«.

»Wir brauchen eine Aktualisierung der großen Geschichte, dass Europa seit 60 Jahren friedlich ist«, forderte Brosda weiter. »Es müssen auch Menschen daran anknüpfen können, die das Kriegsende nicht nur knapp, sondern teilweise um 40 Jahre verpasst haben. Diese Menschen brauchen andere Europathemen. Das ist eine journalistische Aufgabe«.

»Zu einer Familie hingehen und vor Ort berichten.« Vinzenz Wyss

Auch Message-Beirat Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur, plädiert für einen Journalismus, der sich nicht nur an Institutionen oder Politikern wie Merkel oder Hollande orientiert. Wichtig sei, Geschichten zu erzählen, die vor Ort stattfinden, und damit die großen Zusammenhänge zu thematisieren. »In Spanien sind 2011 400.000 Zwangsräumungen von Wohnungen vollzogen worden«, so Wyss. »Da muss man zu einer Familie hingehen und vor Ort berichten. Und nicht immer nur in Griechenland. An dieser Familiengeschichte kann ich dann Europa wahrscheinlich besser erzählen und erreiche damit vielleicht auch jüngere Menschen, die diese gro­ßen Geschichten gar nicht mitbekommen haben«.

Carsten Brosda stimmte dem zu: »Es muss das Alltagsleben in anderen europäischen Ländern erfahrbar gemacht werden, ohne dabei wieder nationalisierende oder stereotype Tendenzen aufzuzeigen«, so der Hamburger Medienexperte. Stephan Ruß-Mohl, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universitá della Svizzera italiana in Lugano und Message-Beiratsmitglied, sieht das indessen kritisch: »Die große Geschichte, von der hier immer die Rede ist, müsste die EU mit ihren vielen Millionen, die sie in PR-Arbeit steckt, selber hinkriegen«. Vom Journalismus sei eher zu erwarten, dass er Europa sehr kritisch begleite, »gerade weil wir Europa weiterbauen wollen.«

Es sei wichtig, dass man zwischen Europa und dem Euro als Währung differenziert, genauso wie man zwischen Eu­ropa als Vision und einer wachsenden Brüsseler Bürokratie, die demokratisch nicht legitimiert ist, differenzieren solle. Dass die übliche Berichterstattung oftmals weder nah an den Bürgern noch an den Politikern ist, sondern schlicht den Dreiklang Krise – Katastrophe – Klischee bedient, befand stern-Chefredakteur Andreas Petzold aus eigener Erfahrung. Ein »offener Brief« seines Magazins im März 2010 an vermeintlich faule, finanzielle Unterstützung einstreichende Griechen entfachte ein Medien­echo nicht nur in der griechischen Presselandschaft. Man habe sich dem Bild des »faulen Griechen« damals nicht entziehen können, gesteht Petzold ein. Der stern zog seine Lehren daraus und setzte Mitarbeiter daran, sich näher und langfristig mit den an der Krise beteilig­ten Institutionen wie der Europäischen Zentralbank auseinanderzusetzen.

»Die große Geschichte müsste die EU selber hinkriegen.« Stephan Ruß-Mohl

Ohne nachhaltige journalistische Zugänge werde man von der Vielfalt der Informationen schlichtweg abgehängt, ist Petzold überzeugt: »Ein temporärer Korrespondent in Brüssel reicht da nicht«. Und in der Redaktion müsse es immer jemanden geben, der neue Fakten zuverlässig einzuordnen wisse. So könne man einen Kontrapunkt zu der meist oberflächlichen Bericht­erstattung der Boulevardmedien setzen.

Wenn die Presse zum Beispiel jegliche Hilfe für Griechenland schlecht­rede, führe dies zu keiner Lösung. Die Europa-Krise sei von Beginn an nicht nur ein Thema der Medien gewesen, so Andreas Petzold, sondern auch des politischen Populismus. Dagegen müsse die Medienöffentlichkeit Kontrapunkte setzen, indem sie immer wieder Fakten dagegenhalte.

Wie schwer es sein kann, diese Fakten zusammenzutragen, berichtete Hans Werner Kilz, ehemaliger Chefredakteur des Spiegel und der Süddeutschen Zeitung sowie Beiratsmitglied von Message. »Es ist ein kompliziertes Geflecht, zu durchschauen und zu beschreiben, was politischen und ökonomischen Sachverstand mit historischer Perspektive verlangt«, so Kilz. In der Regel dauere es mindestens ein bis zwei Jahre, bis ein EU-Korrespondent die Materie halbwegs durchdrungen habe und in die Zirkel komme, »wo die Themen lauern«. Zwar war Europa immer wichtig, bisher jedoch hatte es für die deutschen Journalisten und Wähler nie Priorität.

Vom Eintritt der BRD in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft im Jahr 1957 bis hin zur Erweiterungspolitik der Europäischen Union habe die deutsche Öffentlichkeit Europa lediglich als Randthema wahrgenommen, stellte Kilz rückblickend fest. Als Beispiele nannte er »schrullige Stoffe« wie die EU-Vorschriften zur Krümmung von Bananen. »Europa wurde immer als Bürokratie-Monster dargestellt«, erinnert sich Kilz, und auch später, als europäische Machtzentrale, sei Brüssel bei den Medien nur auf wenig Interesse gestoßen.

Anders sei das jetzt, in Krisenzeiten. Und trotzdem scheint der Job als EU-Korrespondent vergleichsweise unattraktiv. Der EU-Korrespondent einer bedeutenden deutschen Tageszeitung wollte nach ein paar Jahren Brüssel verlassen, erzählte Kilz, doch er durfte nicht. Sein Arbeitgeber ließ ihn nicht gehen. Der Grund: Es fand sich kein Nachfolger, der freiwillig nach Brüssel ging. Das liege unter anderem am Verhältnis der Europa-Korrespondenten zu ihren Heimatredaktionen, so Kilz. EU-Korrespondenten neigten auf Grund ihres Brüsseler Umfeldes zu einer deutlich europafreundlicheren Berichterstattung, die auch die Situation anderer EU-Länder in ihren Analysen berücksichtige. Von den Chefs in der Heimat würden sie daraufhin häufig als »Europäer« verspottet. »Kommentatoren der Redaktion, die Brüssel weder aus eigener Arbeitserfahrung noch über Recherche-Kontakte kennen, rücken dann auf ihren Meinungsseiten das wieder zurecht, was der Korrespondent in seiner Berichterstattung behauptet hat«.

»Es muss menscheln, auch in politischen Geschichten.« Hans Werner Kilz

Bei anderen Zeitungen komme es gar nicht erst zu Meinungsverschiedenheiten mit den Heimatredaktionen. Boulevard-Blätter wie die Bild oder die Zeitungen des Rupert Murdoch aus Großbritannien schicken ihre Korres­pondenten laut Kilz von Anfang an »mit einem klaren Auftrag« in die belgische Hauptstadt: Sie sollen Geschichten bringen, »die den Zorn und die Empörung der Menschen schüren«. Dabei gelte das Motto: »Hauptsache Trouble«.

Die meist jungen, unerfahrenen, aber aufstiegsorientierten Korrespondenten der Murdoch-Blätter würden sich an diese Vorgaben halten und dementsprechend schreiben. »Das ist Panik pur«, sagte Kilz, »zur Qualitätsverbesserung der Zeitungen tragen solche Berichte wenig bei.« Das gelte auch für die EU-Berichterstattung der Bild-Zeitung – und nicht nur für die: »Selbst die dpa neigt zu Krawall-Aufmachungen, die von den Blättern nur zu bereitwillig übernommen werden«.

Von den Boulevard-Reportern unterscheidet Kilz die anderen, die »seriösen Brüsseler Korrespondenten«. Bei ihnen laute der Tenor: Wir dürfen Griechenland nicht fallen lassen – wenn das passiert, folgen auch noch Spanien und Italien. Der Ausschluss Griechenlands aus der Euro-Zone sei, so Kilz, »ein Tabu, an das sich die seriösen Korrespondenten ­halten«.

»Medial propagierter Zorn der Griechen« Andreas Petzold

Auch Kilz stellt dieses Tabu nicht in Frage. Stattdessen kritisiert er die Frankfurter Allgemeine Zeitung, bei der prominente Vertreter einen anderen Ton vorgeben: »Die FAZ, namentlich der Herausgeber Holger Steltzner, polemisiert sehr stark gegen Europa. Da bin ich mehr auf Angela Merkels Seite. Wenn der Euro kippt, kippt auch Europa. Nationalstaaten wird es immer geben, aber der Euro verbindet die Menschen.« (s. Text auf S. 44)

Andreas Petzold vom stern stieß ins gleiche Horn. Die deutsche Presse müsse nicht ständig Desaster prophezeien. Die dominierende Meinung in der Bevölkerung bloß widerzuspiegeln, führe zu einem gefährlichen Reflex: Der journalistische Fokus verschiebe sich auf destruktive und periphere Debatten. „In der Krise geht es ja nicht nur um den Euro, sondern auch um Demokratie und Europa“, sagte Petzold in Hamburg.

Die FAZ fahre, so scheine es, einen konsequenten Kurs gegen die Euro-Politik. »Ich habe in der FAZ überwiegend gefunden, was man alles nicht machen sollte«, sagte Petzold. »Es würde mich freuen, wenn dort Alternativen zu lesen wären«. Solche Kontrapunkte in ­Meinung und Darstellungsform könnten in der Öffentlichkeit ein komplexes Bild schaffen und wären dem Thema Europa angemessen.

Als solches Gegengewicht nannte Petzold eine Reportage seines Magazins, für die der Autor sechs Wochen mit dem Zug durch Griechenland gefahren sei. »Er sammelte Stimmen vom Straßenfeger bis zum Bürgermeister und stellte fest, dass der in Deutschland medial propagierte Zorn der Griechen nicht zwangsläufig Realität ist«. Wobei der Chefredakteur auch wirtschaftliche Probleme bei Europa-Themen sieht: »Wenn wir Titel zum Euro haben, wissen wir von vornherein: Das ist am Kiosk wahrscheinlich der Liegenbleiber des Tages.« Eine Ausgabe des stern im Herbst 2012 zur Rettung des Euros etwa verkaufte sich mit 802.143 Exemplaren (davon 247.272 im Einzelverkauf) unterdurchschnittlich.

Und was ist mit den neuen ­Medien? Medienexperte Carsten Brosda betont: »Eine Studie des Hans-Bredow-Instituts besagt, dass die relevantesten Medien für die politische Meinungsbildung auf Platz eins die Tagesschau und auf Platz drei die Bild-Zeitung sind.« Auf Platz zwei: Google! Und auf Platz sechs: Facebook! Man habe nun also neben den durch nationale Massenmedien geprägten Öffentlichkeiten auch neue Medienangebote, die nicht nur nationale Diskurse abbilden. Es sei eine Chance für die Europäisierung von Diskursen, wenn man zwischen den klassischen und neuen Diskursen Grenzen überwinde und Verbindungen herstelle.

Auch der Schweizer Vinzenz Wyss betont: »Es ist wichtig, dass wir die klassischen und neuen Medien nicht gegeneinander ausspielen. Flusskommunikation ist das bessere Stichwort.« Die große Herausforderung an Journalisten sei es, in diese neuen Versammlungsöffentlichkeiten hineinzugehen und dort interessante Themen zu finden. Kommunikationswissenschaftler Stephan Ruß-Mohl teilt dieses Vertrauen in neue Medien nicht: »Facebook und ähnliche Kanäle reichen wahrscheinlich nicht, um Sprachgrenzen in Europa zu überwinden.«

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