Die Wahrheit hinter der Wirklichkeit

Radiofeatures erzeugen Kontext und liefern thematische Einordnung. Ihren Machern bietet die akustische Langform Raum für Spielerei und Konzeptkunst – und manchmal sogar hohe Honorare.

von Julia Berghofer und Anna Waiblinger

Ganze 53 Minuten. So lang dauert ein ARD-Radiofeature. 53 Minuten, in denen ausgiebig über den Terror des NSU berichtet wird. Oder über die deutschen Waffenexporte nach Katar. 53 Minuten, in denen es nicht um die schnelle Information geht, sondern darum, »die Wahrheit hinter der Wirklichkeit zu zeigen« – so formulierte Dorothea Runge, seit 1998 Redakteurin beim WDR, die Aufgabe von Radiofeatures.

Im Vergleich zu anderen Hörfunkbeiträgen nimmt ein Feature viel Sendezeit in Anspruch. Dass sich der Aufwand lohnt, davon waren alle anwesenden Radiomacher überzeugt: »Wir wollen wie die Dokumentarfilmer die Welt begreifen und es unserem Hörer ermöglichen, sich sein eigenes Bild zu machen«, erklärte Leslie Rosin, Redakteurin beim WDR.

Die Themen, die in Features behandelt werden, gehen dabei weit über den tagesaktuellen Journalismus hinaus. »Die Beiträge sollen einen Kontext erzeugen und dem Hörer eine thematische Einordnung bieten«, so Rosin weiter. Als Beispiel führte die Radioredakteurin das Hörfunkfeature »Neun Stockwerke Deutschland« an – eine Koproduktion von WDR, RBB und Deutschlandradio Kultur. Es sei ein positives Stück über den Mut der Gescheiterten. Der Vorteil des nicht-tagesaktuellen Beitrags laut Rosin: »Er kann immer ausgestrahlt werden, sobald das Thema Hartz IV auf die Medienagenda kommt – denn er ist repertoirefähig.«

Konzeptkunst und Fakten

Zudem ermögliche das Feature die größten gestalterischen Freiheiten, fand Rosin. »Aber nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch«, ergänzte Hermann Thießen vom Deutschlandfunk. Das Radiofeature »Game INC«, das sich mit »Let’s play«-Videos bei Youtube und deren Machern befasst, entstand durch eine experimentelle Studiosituation: Die Protagonisten zockten, während sie mit O-Tönen von Experten konfrontiert wurden und sofort kommentierten. »Aber auch Konzeptkunst mit Schauspielern ist im Feature möglich«, fügte Thießen hinzu. Wichtig sei aber trotz aller Spielerei, dass die Fakten stimmen.

Die Synthese zwischen Radiokunst und Qualitätsjournalismus ist ein Merkmal der akustischen Langform. Das ARD-Radiofeature bietet ihr einen festen Sendeplatz. Sieben Rundfunkanstalten sind an der Kooperation beteiligt, seit 2010 strahlen sie jeden Monat jeweils ein Stück aus. Durch diese Zusammenarbeit ist es möglich, den Autoren Honorare zu zahlen, die etwa dreimal so hoch sind wie für reguläre öffentlich-rechtliche Features üblich. »Dadurch soll ein Anreiz geschaffen werden, sich auch an investigative und langwierige Recherchen zu wagen«, erläuterte Dorothea Runge. Denn genau solche Stoffe seien es, die gute Features – und damit gutes Radio – ausmachten.

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