Mehr Ausdauer!

Rechtsextremismus auf der flüchtigen Agenda der Medien: Oft werden lediglich vereinzelte Taten großen Ausmaßes thematisiert. Eine Diskussion über öffentliche Aufklärung und politische Integration.

dokumentiert von Jessica Bartsch und Alexa Zrenner

»Die norwegische Presse hatte nach den Anschlägen von Anders Breivik große Selbstzweifel«, erinnert sich Sven Egil Omdal, Journalist beim Stavanger Aftenblad und Leiter des wissenschaftlichen Beirats der norwegischen Presse. Sie habe sich mit Zweifeln an der Leistungsfähigkeit des Systems Journalismus als Frühwarnsystem konfrontiert gesehen. Warum hatte es bis zu diesem Zeitpunkt keine nationale, öffentliche Debatte über Rechtsextremismus gegeben? Gab es keinerlei Anzeichen, die Journalisten im Vorwege hätten erkennen müssen?

Omdal forderte, der Journalismus müsse vermehrt »investigativ arbeiten«. Um verstehen zu können, woher die Gewaltbereitschaft rühre, müssten Journalisten kontinuierlich die Gesinnung der Rechtsextremisten und ihre Diskurse verfolgen. Nur so könnten illegale Handlungen, Ideologien und religiöse Radikalisierung rechtzeitig aufgedeckt und öffentlich thematisiert werden. Dafür benötige der Journalismus aber vor allem ein Mehr an Ausdauer, so Omdal.

Christian Schicha, Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Mediadesign Hochschule in Düsseldorf, warf folgende Frage auf: »Inwieweit wird rechtsextremen Gewalttätern und ihrem Gedankengut eine mediale Bühne geboten?« Es sei die Aufgabe des Journalismus, Öffentlichkeit herzustellen und damit einen Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung zu leisten. Doch dürfe dabei der Täter selbst zu einem Diskursteilnehmer werden, obwohl es möglicherweise gerade dessen Ziel war, mediale Aufmerksamkeit zu erlangen?

Im Fall Breivik wurde der Drang nach Öffentlichkeit durch die Selbstinszenierung des Mörders im Internet deutlich. Mit einer Fantasieuniform bekleidet und martialisch bewaffnet zeigte sich der Attentäter im Netz. »Breivik darf kommunizieren«, hob Omdal hervor. Eine Plattform für rechtsextreme Äußerungen sei sogar wichtig, damit der Journalismus dagegen argumentieren könne. Nur sei zu überlegen, wie lange die Medien ihm eine Plattform für seine Anschauungen geben sollten. Medienethiker Schicha betonte, es sei nicht die Aufgabe des Journalismus, Täter auszublenden. Vielmehr solle der Journalismus Täter mittels umfassender Berichterstattung demaskieren. Tatsachen, über die nicht berichtet werde, könnten zu einer Mythenbildung beitragen, warnte Schicha.

Die bildliche Darstellung spiele eine besondere Rolle bei der journalistischen Berichterstattung, da sie eine emotionale Kraft besitze. Der Wissenschaftler wies darauf hin, dass es bei der Veröffentlichung von Fotos der Täter wichtig sei, diese in einen Kontext zu stellen. Die Herkunft müsse für die Rezipienten kenntlich gemacht werden. Als negatives Beispiel hob Schicha die Bild-Zeitung hervor, welche ein von Breivik selbst online gestelltes Bild abgedruckt hatte, ohne auf dessen Herkunft zu verweisen. In Norwegen werde wesentlich stärkeres Gewicht auf die Opfer gelegt, so der Journalist Omdal. Eine Veröffentlichung von Opfer-Fotos sei oftmals sogar von den Angehörigen ausdrücklich gewünscht gewesen. In Deutschland werde die Darstellung von Opfern oftmals negativ bewertet – mit dem Argument, dies würde erneute Qualen für die Angehörigen bedeuten.

Täter demaskieren

Führt also Zurückhaltung bei der Veröffentlichung von Bildern dazu, dass Bilder erst gar nicht auftauchen? Gerade in Zeiten der digitalen Vernetzung könne man sich von diesem Gedanken verabschieden, sagte Schicha. Die Maxime bei der Fotoauswahl sollte dennoch stets lauten: »Gründlichkeit vor Schnelligkeit«. In der deutschen Berichterstattung über das Breivik-Massaker sei dieser Grundsatz oftmals nicht eingehalten worden. Dem norwegischen Journalisten zufolge hatte sich vor dem Breivik-Attentat lediglich einer der knapp 10.000 Journalisten der Norwegian Union of Journalists auf das Thema Rechtsextremismus spezialisiert. Der freie Journalist Øyvind Strømmen wurde über Nacht zu einem der gefragtesten Experten auf diesem Gebiet. Omdal machte hier auf die Gefahren für den Journalismus als Ort der öffentlichen Aufklärung aufmerksam. Risiken für den öffentlichen Auftrag der Presse ergäben sich aus der Personalpolitik der Medienbetriebe und den Arbeitsbedingungen von Journalisten.

Es wäre seiner Ansicht nach fatal, sollten die aktuellen Abbauprozesse im Journalismus anhalten und die Anzahl der Redakteure weiter verringert werden. So würden Chancen geschmälert, über Rechtsradikalismus zu berichten, illegales Gedankengut und Taten aufzudecken und somit möglicherweise in der Zukunft Anschläge zu verhindern. »Das wäre nicht nur ein Verlust für den Journalismus, sondern für die Demokratie als Ganzes«, warnte Omdal.

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