Besser warm anziehen!

Christian Pfeiffer, Experte im Bereich Gewaltforschung, kritisiert behördliche Inkompetenz im Umgang mit rechter Gewalt und das generelle Desinteresse der Mainstream-Medien.

dokumentiert von LEA SEMEN

Schlicht entsetzt« sei er gewesen, sagte Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, zum Auftakt des Hamburger Symposiums, als er die Reaktionen von Justiz, Politik und vor allem den Medien auf die Entdeckung der Terrorzelle NSU in Deutschland sowie den norwegischen Massenmord des Anders Behring Breivik beobachtete. Eine einheitliche und tiefgründige Strategie im Umgang mit Rechtsterrorismus sei nicht zu erkennen gewesen, vor allem keine Krisenstrategie, so der Kriminologe.

Gewundert habe er sich über die »geringe Power«, mit der die Polizei auf die ersten Ausländermorde reagiert habe, auch über das geringe Interesse der Medien. Die Mordserie der terroristischen Vereinigung NSU sei verharmlost und falsch zugeordnet worden. Weil es »Döner-Morde« waren? »Stellen Sie sich vor, es wären anstelle der türkischen Kleinhändler deutsche Banker ermordet worden – erst drei, dann vier, dann fünf und sechs. Glauben Sie nicht auch, dass dann ganz anders ermittelt worden wäre?«

Den Irrtümern der Ermittlungsbehörden erlag aber auch Pfeiffer damals. Als Berater einer bayerischen Sonderkommission kam auch ihm nicht der Verdacht, es könnten Neonazis hinter den Morden stecken. Warum nicht? Weil es kein Bekennerschreiben gegeben habe, das zum Muster fast aller terroristischen Attentate weltweit gehöre. Dass es auch ohne gehe, dass die Mörder sich am Ende nicht bekannten, weil sie ihr verstecktes Privatleben mit Ostsee- Urlauben nicht verlieren wollten, »diese Fantasie hatten wir nicht in der Ermittlungsgruppe «, räumte der Kriminologe ein. »Wir haben diese Serie von Taten wie Eifersuchtsdelikte behandelt, nichts für die ganz große Politik.«

Der Journalist Patrick Gensing, der unter anderem für tagesschau.de und das ARD-Magazin Panorama arbeitet, zweifelte Pfeiffers Darstellung an: Nicht ein Mangel an logistischem Aufwand oder Fantasie hätten zur Nichtentdeckung geführt, sondern »ideologische Verblendung « der Behörden und Ermittler. Aus Sicht von Pfeiffer haben die norwegische Justiz und die Medien des Landes im Umgang mit dem Rechtsterroristen Breivik falsch gehandelt.

»Breivik wollte als Krieger gezeigt werden, und das hat er geschafft. Jetzt hat er Heldenstatus.« Der größte Fehler sei die norwegische Liveübertragung der Gerichtsverhandlung über Breivik gewesen. »Die Medien bieten Attentätern wie ihm eine Weltbühne.« Aus politisch motiviertem Hass tötete Breivik am 22. Juli 2011 77 Menschen in Oslo und auf der Ferieninsel Utøya, die Mehrzahl davon Kinder und Jugendliche. Im norwegischen Breivik-Prozess, »ging es nicht um die Wahrheit, die war klar«, kritisierte Pfeiffer den live übertragenen Prozess. Doch muss ein kritischer Journalismus nicht eine schonungslose Öffentlichkeit bieten?

Ja, sagte Gensing: »Das Gericht hat recht daran getan, den Prozess öffentlich zu machen, denn so musste sich die Öffentlichkeit noch einmal mit Breivik auseinandersetzen. Er konnte sich im Gericht auch nicht inszenieren. Breivik ist kein Held in dieser Szene.«

Heikle Randzonen

Ähnlich äußerten sich die norwegischen Gäste: Breivik sei wie ein zwar extremer, aber eben auch ,normaler‘ Krimineller behandelt worden – daher die in Norwegen wie bei jedem anderen Strafprozess mögliche Direktübertragung im Fernsehen.

Pfeiffer wartete in seinem Vortrag noch mit einem drastischen deutschen Beispiel auf: Eine Nazi-Gegnerin war nach einer Gegen-Rechts-Demonstration und einem Zeitungsinterview wegen ihres Vornamens »Sarah« als »jüdische Affenfotze « beschimpft worden. Ein anonymer Briefeschreiber drohte ihr, »in ihr offenliegendes Gedärm zu pissen«.

Mit diesem Fall aus Langenhagen bei Hannover war Pfeiffer in seiner Zeit als niedersächsischer Justizminister (2000 bis 2003) konfrontiert. Gegenüber der örtlichen Presse plädierte er damals für eine Art Nachrichtensperre: »Meine Bitte war: Auf keinen Fall darf dieser Brief zitiert werden in den Medien.« Denn genau das sei es, was der Anonymus erreichen wolle. »Zum Glück haben sich die Medien überzeugen lassen, die große Bühne hat er nicht bekommen.« Lutz Tillmanns, GeschaÅNftsführer des Deutschen Presserats, hält nichts vom Versuch, etwas totzuschweigen. Einen solchen Vorfall könne man in einer offenen Gesellschaft nicht »diskret« handhaben, zumal heute, da das Internet jedes Gerücht in Echtzeit vervielfältige. Ähnlich äußerte sich der Medienwissenschaftler Christian Schicha: »Darauf komplett zu verzichten ist aus meiner Sicht keine Lösung.« Pfeiffers Eindruck: »Dort, wo Zentren des Rechtsextremismus sind, versagen örtliche Journalisten.« In einem Forschungsprojekt will der Kriminologe nun das Verschweigen von Rechtsextremismus auf lokaler Ebene detailliert nachweisen. Schon jetzt könne er sagen, Deutschlands Journalisten müssten sich angesichts der absehbaren Studienergebnisse »warm anziehen«.

Laut Pfeiffer geht die generelle Neigung zur Verharmlosung rechter Gewalt auf lokale Traditionen von Rechtsextremismus sowie Gegenwartsursachen zurück. Besonders im Lokaljournalismus seien Negativ-Schlagzeilen unerwünscht, vornehmlich aus Angst der Zeitungen vor wirtschaftlichen Einbußen, und davor, der Mythos einer ordentlichen Stadt könne Schaden nehmen.

Patrick Gensing erinnerte in der Diskussion an die äußeren Umstände: »Wir arbeiten unter nicht optimalen Bedingungen. Viele Kollegen arbeiten unter einem harten wirtschaftlichen Druck, da bleibt wenig Zeit für Recherchen, wenig Zeit, sich mit einer möglicherweise rassistischen Schlägerei auf dem Dorf auseinanderzusetzen und erst mal zu recherchieren, ob die Angaben der Polizei überhaupt richtig sind.« Engagierte und mutige Redakteure hätten kaum eine Chance, glaubt Pfeiffer. »Das wahre Ausmaß von Rechtsextremismus soll nicht gezeigt werden. Doch damit begünstigt der Journalismus die Heranbildung von rechtsextremen Zentren. Und dieses lokale Geflecht muss aufgedeckt werden.«

Journalisten hingegen, die offen und tiefgründig recherchieren und berichten, seien ein Zeichen für eine funktionierende Zivilgesellschaft. »Davon haben wir zu wenige. Doch man muss den Kampf aufnehmen. Wir brauchen einen Sieg der Anständigen«, forderte Pfeiffer.

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