Interview | Kriegsberichterstattung
„Für mich ist Syrien mehr als Krieg“

Die syrische Journalistin Zaina Erhaim gab einen Job bei der BBC auf, um in ihre kriegsgeplagte Heimat zurückzukehren. Weil sie dort aber von praktisch allen Kriegsparteien bedroht wurde, lebt die Reporterin inzwischen in der Türkei. Im Message-Interview spricht Erhaim, die 2015 von Reporter ohne Grenzen als Journalistin des Jahres ausgezeichnet wurde, über die gefährliche Ausbildung von Medienaktivisten, schlechte Erfahrungen mit ausländischen Kollegen und ihren Kampf für die Rechte von Frauen in Syrien.

Auch darum geht es in Ihren Trainingsprogramm für die Medienaktivisten, oder?
Die Bürgerjournalisten oder Medienaktivisten sind die wichtigste Quelle für Informationen aus Syrien. Die meisten wissen nicht, wie genau die Medien funktionieren, aber sie riskieren ihr Leben, um ausländischen Redaktionen Fotos oder Geschichten zu liefern. Dieser Einsatz sollte nicht umsonst sein, das sagen wir unseren Teilnehmern.

Als Journalistin haben Sie aber auch im Land selbst einen schweren Stand, brauchen bei Ihrer Arbeit stets männliche Begleitung. Ist Journalismus in vielen arabischen Staaten also nicht nur eine Frage von Meinungsfreiheit, sondern auch von Gleichberechtigung?
Ich kann nur über die patriarchalische Gesellschaft in Syrien sprechen, in der es viele Vorurteile und gesellschaftliche Konventionen gibt. Journalistin zu sein ist dort eine ziemliche Herausforderung, denn als Frau sollte ich mich eigentlich um Familie und Kinder kümmern.

Inmitten der Kriegswirren arbeiten Sie an Projekten, die die Stellung der Frau in der syrischen Gesellschaft stärken sollen. Ist der Krieg der richtige Zeitpunkt, um über Emanzipation in Syrien nachzudenken?
Eine gute Frage, die bisher nicht abschließend beantwortet wurde. Ich glaube schon. Frauenrechte sind Menschenrechte. Wenn wir nicht jetzt über Menschenrechte und Gerechtigkeit diskutieren, werden wir beides auch nicht erreichen, sollte der Krieg einmal vorüber sein.

Interview und Übersetzung: Malte Werner

16. Januar 2018