#nr15 Spezial | Publikum
Die Glaubwürdigkeitskrise aus Publikumssicht: Mehr Vielfalt, mehr Fakten, mehr Recherche

Ukraine-, Griechenland- und Germanwings-Berichterstattung haben eins gemeinsam – in allen drei Fällen wurden Fehler seitens der Presse gemacht. Und in allen drei Fällen offenbarte sich in den heftigen Reaktionen des Publikums das ganze Ausmaß der Glaubwürdigkeitskrise.

von Michaela Haase (Redaktion/Schnitt) und Petra Maier (Kamera)

Die wachsende Unzufriedenheit mit den „Mainstream-Medien“ brach sich vor allem online in der Anonymität der Netzwelt Bahn. Kritisiert wurden – in teils sehr harschen Worten – die als tendenziös wahrgenommenen Mediendiskurse (so das „Griechen-Bashing“ bzw. die „anti-russische Propaganda“) sowie faktische Fehler.

In der erregten Debatte um die Krisenberichterstattung zum Germanwings-Absturz wurden vor allem der Umgang mit den Opfern, die Spekulationen um die Absturzursache sowie die Namensnennung des Ko-Piloten angeprangert. Auch hier boten Soziale Netzwerke ein willkommenes Ventil für den Unmut. Bei Twitter und Facebook kochte der Frust über: User schrieben „Ihr kotzt mich an“, „Klicks sind nicht alles“ oder „Nein, liebe Medien, ich möchte keine Angehörigen der Opfer sehen“. Auch das von Pegida geprägte Unwort des Jahres 2014 von der „Lügenpresse“ wurde bedenkenlos weitergetragen. Selbst von einer „Amok“- oder „Arschlochpresse“ war die Rede. Dabei hatten die Medien, zumindest was die Namensnennung von Andreas Lubitz angeht, nicht gegen Berufsregeln verstoßen, wie der Presserat festgestellt hat. Dieser rügte lediglich die Veröffentlichung von Fotos der Absturzopfer.

Leserbrief 2.0 – Eine exemplarische Twitterrundschau zum Shitstorm nach dem Germanwings-Absturz

 

Was aus der Germanwings-, Ukraine- und Griechenlandkrise bleibt, ist erstens ein Imageschaden, der das verbliebene Vertrauen in den Journalismus vermutlich noch weiter untergraben hat. Zumindest legt das eine Studie zur Ukraine-Berichterstattung nahe: 14 Prozent gaben hier an, ihr Vertrauen in die Medien sei durch die Ukraine-Berichterstattung gesunken (Infratest Dimap/ZAPP-Studie 2014).

Und zweitens die Erkenntnis, dass sich die Medienkritiker aus dem Volk nicht als einzelne fehlgeleitete Rechte oder gelangweilte Dauernörgler abtun lassen, wie es einige Journalisten gerne glauben würden.

Denn die Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus ist real. Und unabhängig von subjektiven Empfindlichkeiten, sprich ob das Publikum als überkritisch oder aber die Kritik als gerechtfertigt empfunden wird, ist die Unzufriedenheit des Publikums ganz objektiv ein ernstzunehmendes Problem, mit dem sich die Medien letztlich auseinandersetzen müssen.

Was das Publikum stört

Aber woher kommt der viele Frust? Was stört die Menschen an der Medienberichterstattung und was lässt sie ihr Vertrauen in den Journalismus verlieren?

Fragt man Menschen, warum sie mit der Medienberichterstattung unzufrieden sind, tauchen viele Punkte auf, die während der Ukraine-Krise und der Germanwings-Debatte schon heiß diskutiert wurden. So nannten im Zuge einer Straßenumfrage in der Innenstadt Hamburgs viele als Grund für ihren Vertrauensverlust die als dramatisierend, boulevardisierend sowie sehr einseitig empfundene Berichterstattung der Medien. Neben fehlender Binnenpluralität wurden auch schlechte Recherche, Spekulationen, Manipulationen und die Aufdringlichkeit mancher Journalisten thematisiert. Dabei übten viele der Befragten durchaus differenziert Kritik und waren auch bereit, die Schwierigkeiten der Journalisten, unter Druck gute Arbeit zu leisten, anzuerkennen.

Nachgefragt: Was das Publikum an der Medienberichterstattung stört

Die Krise in Zahlen

Das ganze Ausmaß der Krise enthüllt sich in aktuellen Umfrageergebnissen: Mittlerweile ist es eine Mehrheit der Bevölkerung, die den Medien nicht mehr vertraut. Bei einer repräsentativen Studie der Infratest Dimap für ZAPP gaben im Dezember 2014 nur noch 29 Prozent der Befragten an, sehr großes oder großes Vertrauen in die Medien zu haben. 54 Prozent hatten dagegen wenig, 15 Prozent sogar gar kein Vertrauen.

Wie eine aktuelle Studie der Forschungsgruppe Wahlen des ZDF jedoch herausfand, ist die Glaubwürdigkeit stark vom jeweiligen Medium abhängig. Offensichtlich sind unterschiedliche Medien unterschiedlich stark von der Krise betroffen. Als am vertrauenswürdigsten gelten regionale Tageszeitungen (2,5 auf einer Skala von +5 bis -5), dicht gefolgt von überregionalen Tageszeitungen (2,4) und öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern (2). Wesentlich schlechter schnitten private Fernsehsender ab (0,1). Das Misstrauen ist gegenüber Sozialen Medien und der Bildzeitung am größten, die mit negativen Werten von -1,4 und -2 die Schlusslichter in der Umfrage bildeten.

Grafiken und Diagramme zur Glaubwürdigkeitskrise

 

„Es sollte um die Wahrheit gehen, nicht um die Quote“

Doch was können Medien und ihre Vertreter ganz konkret tun, um wieder an Glaubwürdigkeit zu gewinnen? Was wünscht sich das Publikum von Journalisten?

Fragt man HamburgerInnen auf der Straße, ist der Tenor deutlich: Sie wünschen sich gründlichere Recherche und besseres Fact-Checking, bevor Meldungen veröffentlicht werden, anstatt Mutmaßungen und vorschnelle Schlüsse. Wichtig wäre zufällig auswählten Bürgern auch eine ausgeglichene Berichterstattung, die alle Seiten zu Wort kommen lässt, und mehr Meinungsvielfalt innerhalb eines Mediums. Ein weiterer Verbesserungsvorschlag beinhaltete weniger Orientierung an der Quote und wirtschaftlichen Interessen. Allerdings wurden auch Zweifel geäußert, ob ein Wandel des Mediensystems überhaupt möglich sei. Kann ein einzelner Journalist überhaupt einen Unterschied machen?

Nachgefragt: Was sich das Publikum von Journalisten wünscht

Zumindest eines hat die Debatte um die Glaubwürdigkeitskrise der Medien jedenfalls schon einmal erreicht: Journalisten und Medien beschäftigen sich selbstkritisch mit ihren Vorgehensweisen, Mechanismen und Routinen – und setzen sich mit ihrem Publikum und dessen Wünschen auseinander. Vielleicht ein erster Schritt hin zu einem Dialog, für mehr Vertrauen und eine höhere Qualität.

4. September 2015