Interview | Kriegsberichterstattung

„Für mich ist Syrien mehr als Krieg“ (16. Januar 2018)

erhaim_credit rossi

Die syrische Journalistin Zaina Erhaim gab einen Job bei der BBC auf, um in ihre kriegsgeplagte Heimat zurückzukehren. Weil sie dort aber von praktisch allen Kriegsparteien bedroht wurde, lebt die Reporterin inzwischen in der Türkei. Im Message-Interview spricht Erhaim, die 2015 von Reporter ohne Grenzen als Journalistin des Jahres ausgezeichnet wurde, über die gefährliche Ausbildung von Medienaktivisten, schlechte Erfahrungen mit ausländischen Kollegen und ihren Kampf für die Rechte von Frauen in Syrien.

Frau Erhaim, kann es nach rund sieben Jahren Bürgerkrieg eine unabhängige Berichterstattung über den Konflikt in Ihrer Heimat noch geben?
Erhaim: In Syrien selbst ist das nahezu unmöglich. Nicht einmal in den Gebieten, die von kurdischen Truppen kontrolliert werden. Diese werden zwar vom Westen unterstützt und gelten als progressiv. Aber wenn ihnen Berichte missfallen, verhaften sie die Journalisten oder schmeißen sie raus.

Wo findet man dann verlässliche Informationen?
In Exil-Medien wie der 2011 in Syrien gegründeten und seit einiger Zeit in der Türkei produzierten Zeitung Inab Baladi oder bei Syria Stories, einem Projekt des Institute for War and Peace Reporting (IWPR), für das ich arbeite.

Syria Stories ist eine Plattform, auf der Berichte über den Krieg, aber auch Geschichten aus dem Alltag in Syrien veröffentlicht werden. Wer liefert die Beiträge?
Zum Teil syrische Journalisten, aber wir trainieren auch ganz normale Bürger, damit sie aus ihrem Alltag berichten können. Ich habe bislang rund 150 Medienaktivisten ausgebildet und ihnen beigebracht, wie man recherchiert, Fragen stellt, Artikel schreibt oder Videos dreht. Ein gutes Drittel der Teilnehmer waren Frauen.

Sie haben diese Trainingsprogramme trotz der anhaltenden Gewalt zum Teil im Kriegsgebiet durchgeführt. Was waren die größten Schwierigkeiten dabei?
Es besteht jeden Tag die Gefahr, gekidnappt oder getötet zu werden. Und 15 Medienaktivisten auf einem Fleck sind natürlich ein besonders ,lohnendes‘ Ziel. Ähnlich gefährlich wie die Bomben sind die Islamisten, wenn wir in von ihnen kontrollierten Gebieten gemeinsame Kurse für Männer und Frauen anbieten.

Warum sind Sie diese Risiken immer wieder eingegangen?
Die Medienaktivisten sind die Augen und Ohren der Weltöffentlichkeit in Syrien. Ohne sie wäre es ein Leichtes gewesen, das Leid der Syrer zu ignorieren. Zumindest solange zu ignorieren, bis sie als Flüchtlinge an der eigenen Grenze auftauchen.

Welche Motivation treibt die Medienaktivisten an?
Am Anfang dachten sie, das Filmen und Dokumentieren der Gewalt würde die internationale Gemeinschaft zum Eingreifen bewegen. Spätestens seit den schweren Giftgasangriffen in den Vororten von Damaskus 2013 ist das anders. Für manche ist es ein ganz normaler Broterwerb geworden, andere wollen Beweise sammeln für den Fall, dass die Kriegsverbrechen irgendwann aufgearbeitet werden.

Trotz allem ist Syrien von der Nachrichtenagenda, zumindest im Westen, fast vollständig verschwunden.
Als Journalistin mit Redaktionserfahrung kann ich das verstehen. Nachrichten aus Syrien schaffen es nur noch in die Schlagzeilen, wenn der Iran, Russland oder Saudi-Arabien sich dazu äußern.

Sie sprechen es an: Sie haben einen Job bei der BBC aufgegeben, um dauerhaft in ihrer Heimat leben zu können – obwohl der Krieg da bereits ausgebrochen war. Warum?
Ich wollte nie woanders leben. Als ich 2010 nach London ging, um Journalismus zu studieren, habe ich gesagt, dass ich zurückkomme. Als dann die Revolution ausbrach, stand ich kurz vor dem Abschluss und kehrte danach umgehend nach Damaskus zurück.

Ihre Heimatverbundenheit in allen Ehren, aber Sie sind in ein Kriegsgebiet zurückgekehrt…
Ich ging zurück, weil ich dorthin gehöre. Ich spürte die Verantwortung, meinem Land und den Menschen dort zu helfen. Das hätte aus der Ferne nicht funktioniert. Außerdem gerieten im Laufe der Revolution viele meiner Freunde in Haft oder verloren ihr Leben. Das hat mich nur noch weiter bestärkt.

Sie haben einmal gesagt, dass sie sich mehr Nachrichten aus Syrien abseits der Grausamkeit wünschen – wie in den Syria Stories. Hat sich Ihr Wunsch erfüllt?
Für mich ist Syrien mehr als Krieg. Deshalb lege ich den Fokus meiner Berichterstattung auf das Leben der Menschen und nicht die Gewalt. In der internationalen Politik werden wir Syrer oft entmenschlicht, aber wir leben, lieben, haben Kinder.

Ende 2017 haben Sie in Bremen erstmals Nicht-Syrer ausgebildet. Sie haben einen Mobile-Reporting-Kurs für Studenten zum Thema Flüchtlinge geben…
…und dabei viel gelernt. Bremen ist zwar kein Kriegsgebiet, aber dort leben Tausende, die vor der Gewalt vor der eigenen Haustür geflohen sind. Diese Perspektive auf den Konflikt und seine Folgen, die bei internationalen Journalistenkollegen mittlerweile oft wichtiger ist als der Krieg selbst, war für mich neu.

Mit diesen Kollegen haben Sie bislang wenig gute Erfahrung gemacht, wie Sie auf dem International Journalism Festival in Perugia im vergangenen Jahr erzählten…
Obwohl ich einen Abschluss in Journalismus vor einer europäischen Universität habe, behandeln mich viele Kollegen aus dem Ausland wie einen Gratis-Fixer. Ich werde ständig nach meinen Quellen gefragt oder soll sogar ganze Geschichten kostenlos zur Verfügung stellen.

Auch darum geht es in Ihren Trainingsprogramm für die Medienaktivisten, oder?
Die Bürgerjournalisten oder Medienaktivisten sind die wichtigste Quelle für Informationen aus Syrien. Die meisten wissen nicht, wie genau die Medien funktionieren, aber sie riskieren ihr Leben, um ausländischen Redaktionen Fotos oder Geschichten zu liefern. Dieser Einsatz sollte nicht umsonst sein, das sagen wir unseren Teilnehmern.

Als Journalistin haben Sie aber auch im Land selbst einen schweren Stand, brauchen bei Ihrer Arbeit stets männliche Begleitung. Ist Journalismus in vielen arabischen Staaten also nicht nur eine Frage von Meinungsfreiheit, sondern auch von Gleichberechtigung?
Ich kann nur über die patriarchalische Gesellschaft in Syrien sprechen, in der es viele Vorurteile und gesellschaftliche Konventionen gibt. Journalistin zu sein ist dort eine ziemliche Herausforderung, denn als Frau sollte ich mich eigentlich um Familie und Kinder kümmern.

Inmitten der Kriegswirren arbeiten Sie an Projekten, die die Stellung der Frau in der syrischen Gesellschaft stärken sollen. Ist der Krieg der richtige Zeitpunkt, um über Emanzipation in Syrien nachzudenken?
Eine gute Frage, die bisher nicht abschließend beantwortet wurde. Ich glaube schon. Frauenrechte sind Menschenrechte. Wenn wir nicht jetzt über Menschenrechte und Gerechtigkeit diskutieren, werden wir beides auch nicht erreichen, sollte der Krieg einmal vorüber sein.

Interview und Übersetzung: Malte Werner