Message-Blog
Zur StartseiteMESSAGE-WerkstattDer MESSAGE-BlogDie MacherMESSAGE-KonzeptMESSAGE-PartnerMESSAGE-Archiv

Aktuelles Heft

message 3-2008


MESSAGE-Werkstatt 3-2008

« Der rundfunkpolitische Sündenfall | Home | In eigener Sache »

Reden als Ablasshandel

Von Fritz Wolf | 27.März 2008

Langweilig war es in den Nachrichtenredaktionen des Fernsehens in den letzten Monaten nicht. Jede Menge Aufreger. Wahlen in Hessen und Hamburg. Aufstieg und Fall von Andrea Ypsilanti. Verschwinden und Wiederauftauchen von Kurt Beck. Ständiges Wiedererscheinen der Herren Mehdorn und Schell. Größerer Fall nach unten für Klaus Zumwinkel. Hier Steuerhinterziehung, dort Milliarden­zuschüsse aus Steuergeldern an Banken, die sich verzockt haben. Kontra­punktisch dazu: beständig anrollende Entlassungswellen aus Unternehmen mit glänzenden Renditen. Nokia, BMW, Bergbau im Saarland, Siemens. Hiob wäre heute Nachrichtenredakteur.

Und doch hatten die Fernsehmacher ihre liebe Not mit den Bildern. Wie lassen sich Geschäfte mit faulen Krediten zeigen? Die leer stehenden Häuser in den USA mit den Tafeln “for sale” sehen immer gleich unbewohnt aus. Wie zeigt man eine Steuerhinterziehung? Mit einer Silberscheibe? Die Straßenkreuzung mit der LGT-Bank an der Vaduzer Dorfstraße gibt auch nicht viel her. Dann schon eher die Bilder, als die Staatsanwaltschaft Klaus Zumwinkel aus seinem Einfamilienhaus holte. Tagelang mussten wir uns aber mit dieser Szene begnügen, bis wir merkten: Wir waren gar nicht gemeint. Die Bilder sollten uns gar nicht informieren. Sie sollten nur weitere Steuerhinterzieher erschrecken, auch sie könnten vor laufenden Kameras von einer resoluten Staatsanwältin nach draußen gebeten werden. Fernsehbilder als Dienstleister. Unsichtbar wiederum blieb, dass der freundliche Manager nicht nur die Deutsche Post globalisiert, sondern dabei auch 100.000 Angestellte wegsaniert hat.

Denn wie zeigt man Entlassungen? Demonstrationen geben wenigstens Bilderfutter. Doch die Unternehmen lassen sich ungern von Kameras besuchen. Als das Heute-Journal über Nokias neuen rumänischen Standort berichtete, musste Claus Kleber mitteilen, den Fernsehteams sei untersagt worden, von der Eröffnung der Fabrik mit aktuellen Bewegtbildern zu berichten. Sonst für jeden visuellen Rummel gut, hatte das Fernsehen plötzlich nur einige karge Fotos und am nächsten Tag einige nichtssagende Filmschnipsel. Kehrende Männer, leere Parkplätze. Das Werk war aus der Entfernung gedreht und sah aus wie ein gelandetes Ufo. Nur nicht konkret werden. Bilder als Dienstleister waren hier unerwünscht. Und bald auch nicht mehr gefragt. Nächste Woche, nächstes Thema.

Aber Reden, das klappte. Die Polittalker kamen kaum zum Luftholen. Urplötzlich schien der großkoalitionäre Muff verblasen, die stets geschwätzigen Politrentner konnte man wieder ausladen. Die Steueraffäre lieferte allen Talks das nötige hohe Erregungsniveau. “Die Elite verrät das Volk – Ruiniert die Gier unsere Gesellschaft?” (Plasberg), “Die da oben – Wenn Reiche zu gierig werden” (Anne Will), “Zahlen nur noch die Dummen Steuern?” (Illner). Man konnte auf den Gedanken kommen, es handle sich um Ablasshandel. So viel Moralkeulen, nur damit niemand auf die Idee kommt, es könne auch am System liegen.

Bei dieser Gelegenheit wurden übrigens einige schon länger vermisste Sozialtypen reanimiert, etwa der Manager als Vorbild oder der ehrbare Kaufmann. Zu einer solch hochmoralischen Rolle wurde dann auch noch ausgerechnet der ehemalige EnBW-Vorstandschef Utz Claassen gebeten, der sich schon mit 44 Jahren in eine millionenschwere Frührente verabschiedet hatte. Man könnte auch sagen: Fernsehen informiert nicht, Fernsehen macht vergesslich.

Dann die beiden Landtagswahlen, das Hessenchaos und das Fünfparteiensystem. Ganz neue und interessante Traumpaare traten auf den Plan. Erwin Huber und Bodo Ramelow zum Beispiel. Wie der CSU-Chef sich wand vor dem leibhaftigen Gottseibeiuns neben ihm – köstlich. Wie der wiederum sich bräsig mit breiter Krawatte im Stuhl zurücklehnte, weil er wusste, die Linke ist nicht nur in den Parlamenten, sondern auch in den Talkshows angekommen.

Oder CSU-Generalin Christine Haderthauer und Linken-Vize Klaus Ernst. Körpersprachlich nicht ganz so ausdrucksvoll, aber doch voller dramatischer Abneigung. Allerdings sollte ein Medienberater Herrn Ernst einmal dahingehend beraten, dass ständiges Ichhabjadochrecht-Grinsen schlechten Eindruck hinterlässt bei Leuten mit wirklichen Problemen. Das standhafte Niederlächeln wäre auch gar nicht nötig gewesen. Die Position des Schmierenkomödianten war im kleinen TV-Staatstheater mit dem Saarländischen Regierungschef Peter Müller schon ganz gut besetzt.

Anne Will tut übrigens der journalistischen Qualität ihrer Sendung keinen Gefallen, wenn sie einen CDU-Ministerpräsidenten oder eine CSU-Generalsekretärin einlädt und ihnen nichts anderes zumutet als das leichte Spiel, die SPD vor sich herzutreiben und über sich zu schweigen. Irgendwann fiel das sogar Peter Müller auf, und er sagte: “Es ist eine komische Situation, dass wir der SPD besserwisserische Ratschläge geben”. Komische Situation – niederschmetternder kann man nicht urteilen über eine politische Talkshow.

Bleiben für die Ehrenrettung für das Fernsehen als Informationsquelle die kleinen, die nicht-offiziellen Bilder. Manchmal erzählen sie einfach mehr über Politik, Politiker und Regierte. Etwa die Szene aus dem Hamburger Wahlkampf, als SPD-Kandidat Michael Naumann mit einer Rose ausgerechnet eine Frau an einem Blumenstand beschenken wollte. Worauf die ebenso strikt abweisend reagierte wie ein mürrischer Zeitgenosse im hessischen Wahlkampf, der dem in Vertretermanier klingelnden Roland Koch barsch die Tür wies und ihm sogar den Handschlag verweigerte.

Oder die Szene, in der Klaus Ernst bei “Anne Will” die berühmte kleine Karteikarte zog und einen Satz vorlas (”ausnahmsweise, nur ausnahmsweise”). Darin war die Rede von der “gerechten Herstellung und Verteilung der wirtschaftlichen Güter”. Frau Haderthauer sagte was von “Kann ich mir schon vorstellen, uralte CSU”. Anne Will sagte “er will einen Witz machen” und es klang wie: Er will nur spielen. Ernsts lustiger Satz stammte übrigens aus der gültigen bayrischen Landesverfassung. Politik kann man mit solchen Karteikärtchen nicht machen, aber Punkte sammeln in einer Talkshow schon. Und irgendwie ist das alles ja auch Politik.

Zum Ausklang der rotierenden Nachrichten­wochen kam nach zweiwöchiger Grippe auch der SPD-Vorsitzende Kurt Beck wieder und bescherte Tom Buhrow ein Erlebnis, das ihn fast ins Stottern brachte: “Es gibt ihn noch. Man kann ihn selbst sehen” ließ sich der Tagesthemen-Moderator vernehmen und es klang, als habe er das Medium Fernsehen und seine Bilderlust eben erst für sich entdeckt. Unterdessen, aber das konnte man wiederum nicht sehen, outete sich sein Vorgänger Ulrich Wickert auf zoomer.de, der juvenilen Nachrichtensite von Holtzbrinck. “Ihr”, sagte Wickert und meinte die User der Webseite, “Ihr entscheidet, was wichtig ist.” Für dieses Bekenntnis zur Abdankung des Redakteurs hätten sie ihn früher bei den “Tagesthemen” wenigstens abgemahnt. Warum bloß hat Wickert bei den “Tagesthemen” aufgehört? Erinnert sich noch jemand?

Fritz Wolf (das medienbüro)

(Dieser Beitrag ist der neuen Message-Ausgabe entnommen, die im April erschienen ist. Die Top-Themen des neuen Heftes können Sie hier nachlesen.)

Topics: Fernsehen |

Kommentare