Im Reich der Freiheit
Von Michael Haller | 14.Januar 2008
Der Weg in die Kommunikationsfreiheit ist reich an Stolper- und Hinkelsteinen. Was man da alles falsch machen kann! Da gab es zum Beispiel vorige Woche die Late-Night-TV-Show „Willkommen Österreich!“ mit dem gerade aus der fantastischen Vanity-Fair-Welt heimgekehrten Ulf Poschardt. Und mit der Selbstdarstellerin aus Bremen, Sie wissen schon: Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray, eine deutsch-türkische Studentin, die Talk-Moderatoren seit längerem bibberig macht mit ihrer ausgesucht zotigen Hardcoresprache über alles Genitalische. Die vielen Talk-Macher/innen haben sich reihum schon gefreut (Einschaltquoten) und entsetzt (öffentlicher Sprachgebrauch) über soviel Schamlosigkeit.
Also, vorige Woche nun auch bei den Österreichern, und seither gibt es die Sendung als Video mit den tollen Links zur Site der Lady. Am Folgetag erklärten ungezählt viele Blogger, wie sie die Frau finden, legten ihre Links zum Video der Österreicher, zur Lady, zu anderen Websites. Mitgemacht haben auch die Mediawatcher und webbekannten Meinungsschreiber. Alle waren merkwürdig erregt, und durch die Gemeinde wogte ein Riesenpalaver.
Zufällig einen Tag später trafen sich Bloggeristen und Journalisten in Berlin zu einer vom DJV veranstalteten Diskussionsrunde unter dem leicht irreführenden Titel: „Regeln oder Anarchie? – Journalismus im www“ (eigentlich keine Frage: Journalismus, egal in welchem Medium, braucht notwendig Regeln). Zwar ging’s auf dem Podium kreuz und quer, man nannte die Äpfel Birnen und die Blogger Journalisten. Trotzdem konnte ich im Laufe der Debatte viel über die Selbstbefindlichkeiten der (anwesenden) Journalisten und (anwesenden) Bloggeristen lernen, abgesehen von einigen (ebenfalls anwesenden) bloggenden Journalisten. Und dies meine ich keineswegs ironisch.
Gelernt habe ich erstens, dass der Graben des Misstrauens und der Abneigung zwischen Blattmachern (Fahnenträger Schirrmacher) und Blogmachern (Tastaturträger Don Alphonso) tiefer und breiter ist als gedacht. Die Verantwortlichen in den Mainstreammedien haben das Lebensgefühl und die Weltsicht der Unter-30-Jährigen wirklich nicht begriffen; dass sie mit aufgeblasenen Belanglosigkeiten (Knut, Britney, Dschungelcamp) ihre Titelblätter und Nachrichtensendungen füllen – und zeitgleich mit geschwellter Brust über ihre „öffentliche Aufgabe“ schwadronieren: Das kotzt die an Sinnfragen interessierten jungen Leute definitiv an. Man kann die Erwartungsenttäuschung sehr vieler junger Leute sehr gut nachvollziehen, wenn sie davon erzählen, was sie vom „großen“ Journalismus (nicht nur Sat.1 und die Springer-Presse, auch Stern und Spiegel, ARD und ZDF) erwartet und was sie von ihm tatsächlich bekommen haben: die Einsicht, dass der Unsinn die Welt regiert (nicht gemeint sind die Süddeutsche, die FAZ, die Zeit, die taz und manch andere gut gemachte Regionalzeitung). Und weil die in den etablierten Medien wirkenden Journalisten beim Stichwort Selbstreflexion (von Selbstkritik redet schon gar niemand) meist irritiert durchs Fenster ins Leere blicken, bleibt ihnen das Unbehagen der jungen Leute fremd. Besonders eindrücklich gab sich Stern-Mann Hans-Ulrich Jörges, indem er an der DJV-Talkrunde sogleich lauthals bekannt gab, über was er mit den Bloggern reden wolle und über was nicht:Herrenreitermentalität.
Als Zweites habe ich gelernt, dass umgekehrt viele Blogger glauben, sie seien nun die wahren Gralshüter des „echten“ Journalismus, der angeblich authentisch und frisch und frech und voll das Leben sei – sozusagen ohne Deo-Spray mit dem würzigen Naturduft unter der Achselhöhle. Viele von denen sind der Meinung, wenn sie schon eine Meinung haben, dann solle dies die Öffentlichkeit wissen, also seien sie Journalisten. Sie setzen sich in eins mit den nun wirklich echten medienkritischen Blogjournalisten (Stefan Niggemeier et al.).
Man könnte jetzt voll Häme über das Mündel reden, das Vormund spielt – doch das wäre die komplett falsche Stoßrichtung. Denn es geht nicht um das Verhältnis Amateur–Profi, sondern um die in der Blogosphäre mit Herzblut gelebte Idee der offenen, unverstellten (für authentisch gehaltenen) Kommunikation: Jeder soll sagen dürfen, was er sagen will, ohne Kontrolletti durch einen oberschlauen Redakteur, der als Schleusenwärter den Zugang zum Forum überwacht und löscht, was kritisch und gegen ihn gerichtet ist. Fernab dieses Mainstreams öffnet sich der Freiraum für den herrschaftsfreien, für alle offenen Diskurs, bei dem das bessere Argument gewinnt.
Ein paar Minuten Lektüre in den Beiträgen verschiedener Blogs genügen, um aus dem Habermas’schen Traum zu erwachen und zu erkennen, dass den meisten Beiträgen eine simple Voraussetzung fehlt: genügend kommunikative Kompetenz, damit ein öffentliches Gespräch überhaupt in Gang kommen kann. Zum Beispiel die Kompetenz, sich zuerst hinreichend gut zu informieren, ehe man eine Meinung äußert. Oder auch die, dass man seine Meinung auf plausible Argumente stützt, die zur Begründung dienen. Dass man sich seiner Vorurteile bewusst ist und offen darüber reflektiert. Und besonders wichtig: Dass man auf der symbolischen Ebene des Sprechakts die Meinungen anderer Menschen nicht nur respektiert, sondern feiert. Wenn irgendwo, dann wäre Rosa Luxemburgs mutiger Spruch von der Freiheit, die immer zuerst die Freiheit des Andersdenkenden sei, das Leitbild der Bloggerwelt.
Die real existierende Szene der Blogger hat ein anderes Gepräge. Eitles Gerede („sorry, aber ich …“), redundantes Geschwätz („da hat XX natürlich Recht …“), argumentlose Vorurteile („Wir Blogger denken da …“), auch Belehrfreude („bitteschön, kann man sogar googeln ….“), Von-oben-herab-Geschreibe („war wieder Schwachsinn, diese Diskussion“) – nur gelegentlich stößt man auf eine informative oder plausibel begründete Einschätzung wie auf die berühmte Stecknadel im Heuhaufen.
Um Missverständnissen zuvor zu kommen: Ich meine damit nicht die Kommentarspalten und Foren der großen Medien, die – wie deren Redaktionen klagen – volllaufen mit Rassismus- und Nazi- und Antisemitismuskommentaren, sobald sich ein geeigneter Anlass zeigt (Sievers von Focus-Online: „Wir schmeißen die Hälfte der eingegangenen Kommentare weg“). Diese gesteuerten Redaktionsforen sind keine Blogs, hier werden User-Reaktionen oft regelrecht provoziert. Und ein frustrierter Stern-, Focus- oder Spiegel-Leser hat natürlich mehr davon, wenn er seine aggressiven Polit-Zoten beim Mainstream ablädt und nicht bei Alphonso oder Niggemeier oder Michaela May. Logisch, dass jene überschwemmten Medienredaktionen ein Regelwerk brauchen, das mehr ist als eine pupertär-verklemmte Netiquette – klare Kommunikationsregeln, nach denen man, statt zu rülpsen und zu kotzen, miteinander sprechen und eine Erfahrung, eine Sichtweise, eine Meinung gewinnen kann.
Womit wir wieder bei den Österreichern, bei Ulf und Lady Bitch angelangt sind. Mich hat verblüfft, dass in der Blogosphäre offenbar dieselben instinktbesetzten Nachrichtenwerte hipp sind wie jene, die den etablierten Medien (hier: ORF) angelastet werden: Promi und Sex, Sensation und Skandal. Denn schon am Tag nach der TV-Sendung haben tausende Blogger schwadroniert, ob die Frau echt oder falsch, klug oder dumm sei, ob sie nur provoziere oder den Machismo-Kult der Hardcore-Rapper persifliere, ob man ihr Gequassel „geil“ oder „öde“ finden und ihre Bums-Rapp-Hymnen hören oder nicht hören solle. Insgesamt ein gigantisches Pennäler-Palaver, das unter Pennälern völlig in Ordnung ist, weil man dort (noch) nicht weiß, wie man sein Leben erleben wird.
Vielleicht erweitert sich die Blogosphäre zu einer postpubertären Selbstfindungsveranstaltung der Mediengesellschaft. Ich habe nichts dagegen, im Gegenteil, ich möchte davon träumen, dass sie nicht in ihrer Redundanz ersticken, sondern die Frischluft des Diskurses gewinnen wird. Aber redet bitte nicht von Journalismus, so verdreht der real existierende auch sein mag. Journalismus liefert das aktuelle Ereigniswissen, auf das sich die meisten Blogger stürzen wie die Geier auf den Kadaver, und besonders gierig dann, wenn ein Mainstream-Fernsehsender eine „Porno-Rapperin“ präsentiert.
Michael Haller
Topics: Blogosphäre |










15.Januar 2008 at 16:44
[…] Den Anfang macht Gern-und-Viel-Redner Haller himself - mit dem alten Problem Journalist vs. Blogger. […]
15.Januar 2008 at 17:08
[…] Message-Redaktionsblog, Michael Haller: Im Reich der Freiheit […]
15.Januar 2008 at 17:36
Die Lektüre Ihres Textes hat mich sehr erfreut. Anzumerken wäre noch, dass die Diskussion auf Seiten der Journalisten geführt werden muss. Die Menschen, die sich und ihre Meinung in Blogs schreiben, müssen dies nicht, solange sie nicht den Anspruch erheben, bloggende Journalisten zu sein.
15.Januar 2008 at 19:22
Das Internet ist grundsätzlich nach allen Seiten offen und so gibt es Auseinandersetzungen auf allen Stufen. So ist “Diskurs” möglich, aber auch “Pennäler-Palaver”.
Was gerade von den nicht ganz Jungen im Internet nicht verstanden wird, ist, dass das alles gleichzeitig und auch nebeneinander existieren kann - ohne dass das eine das andere bedroht. Wer das nicht glaubt, schaue mal einem vifen Menschen unter zwanzig zu, wie er mühelos mehrere elektronische Geräte gleichzeitig bedient. Während die einen etwas noch einzuordnen versuchen, haben es die anderen schon längst weiter getrieben - das Tempo heutzutage ist oft hoch, so hoch, dass es viele, durchaus auch mich manchmal, überfordert.
Ob es eher Blogger oder Journalisten sind, die zum Diskurs oder zum Pennäler-Palaver neigen, ist nicht zu beantworten (und davon abgesehen völlig unwichtig). In Zukunft geht es vermehrt um einzelne Menschen und darum, wie sie sich einbringen. Durch die unausweichliche Transparenz sind ihre Taten für alle sichtbar. So zeigt sich, wer was macht.
15.Januar 2008 at 19:25
“Denn schon am Tag nach der TV-Sendung haben tausende Blogger schwadroniert, ob die Frau echt oder falsch, klug oder dumm sei,”
Wo sind die Tausenden? Pardon, aber wenn Sie in der Sache des Auftritts besagter Frau bei Technorati nachschauen, werden Sie feststellen, dass sie kaum jemanden interessiert - jedenfalls nicht mehr als 10 Blogger, Technoratifehler miteingerechnet.
Zwei davon sind welche, die so ziemlich jedes aktuelle Thema aufgreifen, um entsprechend anzukommen, und eine weitere Person namens Peter Turi ist kein Blogger, sondern ein um Aufmerksamkeit gierender Urheberrechtsverletzer.
Bei geschätzt 100.000 deutschen Bloggern ist das eine Quote von weniger als 0,01%, die sich damit beschäftigen. Und damit ist Ihre Aussage in diesem Punkt definitiv nicht angemessen.
Änderung vom Admin: Link auf Technorati gesetzt.
15.Januar 2008 at 20:06
[…] Woche nur ein Artikel verschiedener Autoren erscheinen. Michael Haller macht den Anfang mit einem aktuellen Beitrag zur Diskussion zwischen Bloggern und […]
16.Januar 2008 at 08:54
[…] Im Reich der Freiheit (message-online.com/blog, Michael Haller) “Die Verantwortlichen in den Mainstreammedien haben das Lebensgefühl und die Weltsicht der Unter-30-Jährigen wirklich nicht begriffen; dass sie mit aufgeblasenen Belanglosigkeiten (Knut, Britney, Dschungelcamp) ihre Titelblätter und Nachrichtensendungen füllen – und zeitgleich mit geschwellter Brust über ihre „öffentliche Aufgabe“ schwadronieren: Das kotzt die an Sinnfragen interessierten jungen Leute definitiv an.” […]
16.Januar 2008 at 10:39
Ich kann nicht alles unterschreiben. Aber im Großen und Ganzen: jep, so isses, Herr Professor!
16.Januar 2008 at 15:17
[…] Im Reich der Freiheit | Message Blog […]
16.Januar 2008 at 17:37
[…] Michael Haller macht den Anfang und äußert sich gleich mal zu, nun ja, Blogs: Ein paar Minuten Lektüre in den Beiträgen verschiedener Blogs […]
17.Januar 2008 at 13:50
Darf ich nochmal fragen, wo bitteschön die tausenden Blogger sind, und, falls sie nicht auffindbar sein sollten, ob das da oben nicht einen gewissen Einfluss auf die Aussage des Textes haben könnte?
18.Januar 2008 at 15:09
[…] ist klar, daß die etablierten Medien uns teilweise mit entsetzlich öden Standardhemen (Knut, Britney, Dschungelcamp) belatschern, die junge und aufgewecktte Leute überhaupt nicht interessieren. Doch würden diese […]
19.Januar 2008 at 16:22
Guter Beitrag. Bis auf die Sache mit der Lady Ray. Ich surfe täglich ca. 40 Blogs ab und lese zum ersten mal über den TV-Auftritt dieser Frau in Ihrem Blog… Irgendwie fehlt es da an Grundlage. (Das Letzte mal, dass ich über sie gelesen habe, war bezeichnenderweise gestern im Spiegel).
Was aber nicht heißen soll, dass Blogger nicht auch Triviales toll finden. Basicthinking wird es bei Rihanna ganz heiß und einige werden wohl auch über “Flocke” berichten. Dennoch ist da meist der Unterschied in dem “Grund” weswegen Banales gepostet wird, zu sehen. Bloggern tun es, weil es sie persönlich interessiert/aufregt, dass Knut so süß ist und Britney wieder ihr Höschen vergessen hat. Online-Medien, weil sie Bilderstrecken einbauen bzw. Klicks generieren wollen.
27.Januar 2008 at 12:45
[…] um Blogger, Blogosphäre und Journalismus lässt mich nicht los. Eine Reaktion auf den von mir zitierten Beitrag von Michael Haller machte mich besonders stutzig. Don Alphonso begründete seine Kritik an Hallers […]