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Reden als Ablasshandel

Von Fritz Wolf | 27.März 2008

Langweilig war es in den Nachrichtenredaktionen des Fernsehens in den letzten Monaten nicht. Jede Menge Aufreger. Wahlen in Hessen und Hamburg. Aufstieg und Fall von Andrea Ypsilanti. Verschwinden und Wiederauftauchen von Kurt Beck. Ständiges Wiedererscheinen der Herren Mehdorn und Schell. Größerer Fall nach unten für Klaus Zumwinkel. Hier Steuerhinterziehung, dort Milliarden­zuschüsse aus Steuergeldern an Banken, die sich verzockt haben. Kontra­punktisch dazu: beständig anrollende Entlassungswellen aus Unternehmen mit glänzenden Renditen. Nokia, BMW, Bergbau im Saarland, Siemens. Hiob wäre heute Nachrichtenredakteur.

Und doch hatten die Fernsehmacher ihre liebe Not mit den Bildern. Wie lassen sich Geschäfte mit faulen Krediten zeigen? Die leer stehenden Häuser in den USA mit den Tafeln “for sale” sehen immer gleich unbewohnt aus. Wie zeigt man eine Steuerhinterziehung? Mit einer Silberscheibe? Die Straßenkreuzung mit der LGT-Bank an der Vaduzer Dorfstraße gibt auch nicht viel her. Dann schon eher die Bilder, als die Staatsanwaltschaft Klaus Zumwinkel aus seinem Einfamilienhaus holte. Tagelang mussten wir uns aber mit dieser Szene begnügen, bis wir merkten: Wir waren gar nicht gemeint. Die Bilder sollten uns gar nicht informieren. Sie sollten nur weitere Steuerhinterzieher erschrecken, auch sie könnten vor laufenden Kameras von einer resoluten Staatsanwältin nach draußen gebeten werden. Fernsehbilder als Dienstleister. Unsichtbar wiederum blieb, dass der freundliche Manager nicht nur die Deutsche Post globalisiert, sondern dabei auch 100.000 Angestellte wegsaniert hat.

Denn wie zeigt man Entlassungen? Demonstrationen geben wenigstens Bilderfutter. Doch die Unternehmen lassen sich ungern von Kameras besuchen. Als das Heute-Journal über Nokias neuen rumänischen Standort berichtete, musste Claus Kleber mitteilen, den Fernsehteams sei untersagt worden, von der Eröffnung der Fabrik mit aktuellen Bewegtbildern zu berichten. Sonst für jeden visuellen Rummel gut, hatte das Fernsehen plötzlich nur einige karge Fotos und am nächsten Tag einige nichtssagende Filmschnipsel. Kehrende Männer, leere Parkplätze. Das Werk war aus der Entfernung gedreht und sah aus wie ein gelandetes Ufo. Nur nicht konkret werden. Bilder als Dienstleister waren hier unerwünscht. Und bald auch nicht mehr gefragt. Nächste Woche, nächstes Thema.

Aber Reden, das klappte. Die Polittalker kamen kaum zum Luftholen. Urplötzlich schien der großkoalitionäre Muff verblasen, die stets geschwätzigen Politrentner konnte man wieder ausladen. Die Steueraffäre lieferte allen Talks das nötige hohe Erregungsniveau. “Die Elite verrät das Volk – Ruiniert die Gier unsere Gesellschaft?” (Plasberg), “Die da oben – Wenn Reiche zu gierig werden” (Anne Will), “Zahlen nur noch die Dummen Steuern?” (Illner). Man konnte auf den Gedanken kommen, es handle sich um Ablasshandel. So viel Moralkeulen, nur damit niemand auf die Idee kommt, es könne auch am System liegen.

Bei dieser Gelegenheit wurden übrigens einige schon länger vermisste Sozialtypen reanimiert, etwa der Manager als Vorbild oder der ehrbare Kaufmann. Zu einer solch hochmoralischen Rolle wurde dann auch noch ausgerechnet der ehemalige EnBW-Vorstandschef Utz Claassen gebeten, der sich schon mit 44 Jahren in eine millionenschwere Frührente verabschiedet hatte. Man könnte auch sagen: Fernsehen informiert nicht, Fernsehen macht vergesslich.

Dann die beiden Landtagswahlen, das Hessenchaos und das Fünfparteiensystem. Ganz neue und interessante Traumpaare traten auf den Plan. Erwin Huber und Bodo Ramelow zum Beispiel. Wie der CSU-Chef sich wand vor dem leibhaftigen Gottseibeiuns neben ihm – köstlich. Wie der wiederum sich bräsig mit breiter Krawatte im Stuhl zurücklehnte, weil er wusste, die Linke ist nicht nur in den Parlamenten, sondern auch in den Talkshows angekommen.

Oder CSU-Generalin Christine Haderthauer und Linken-Vize Klaus Ernst. Körpersprachlich nicht ganz so ausdrucksvoll, aber doch voller dramatischer Abneigung. Allerdings sollte ein Medienberater Herrn Ernst einmal dahingehend beraten, dass ständiges Ichhabjadochrecht-Grinsen schlechten Eindruck hinterlässt bei Leuten mit wirklichen Problemen. Das standhafte Niederlächeln wäre auch gar nicht nötig gewesen. Die Position des Schmierenkomödianten war im kleinen TV-Staatstheater mit dem Saarländischen Regierungschef Peter Müller schon ganz gut besetzt.

Anne Will tut übrigens der journalistischen Qualität ihrer Sendung keinen Gefallen, wenn sie einen CDU-Ministerpräsidenten oder eine CSU-Generalsekretärin einlädt und ihnen nichts anderes zumutet als das leichte Spiel, die SPD vor sich herzutreiben und über sich zu schweigen. Irgendwann fiel das sogar Peter Müller auf, und er sagte: “Es ist eine komische Situation, dass wir der SPD besserwisserische Ratschläge geben”. Komische Situation – niederschmetternder kann man nicht urteilen über eine politische Talkshow.

Bleiben für die Ehrenrettung für das Fernsehen als Informationsquelle die kleinen, die nicht-offiziellen Bilder. Manchmal erzählen sie einfach mehr über Politik, Politiker und Regierte. Etwa die Szene aus dem Hamburger Wahlkampf, als SPD-Kandidat Michael Naumann mit einer Rose ausgerechnet eine Frau an einem Blumenstand beschenken wollte. Worauf die ebenso strikt abweisend reagierte wie ein mürrischer Zeitgenosse im hessischen Wahlkampf, der dem in Vertretermanier klingelnden Roland Koch barsch die Tür wies und ihm sogar den Handschlag verweigerte.

Oder die Szene, in der Klaus Ernst bei “Anne Will” die berühmte kleine Karteikarte zog und einen Satz vorlas (”ausnahmsweise, nur ausnahmsweise”). Darin war die Rede von der “gerechten Herstellung und Verteilung der wirtschaftlichen Güter”. Frau Haderthauer sagte was von “Kann ich mir schon vorstellen, uralte CSU”. Anne Will sagte “er will einen Witz machen” und es klang wie: Er will nur spielen. Ernsts lustiger Satz stammte übrigens aus der gültigen bayrischen Landesverfassung. Politik kann man mit solchen Karteikärtchen nicht machen, aber Punkte sammeln in einer Talkshow schon. Und irgendwie ist das alles ja auch Politik.

Zum Ausklang der rotierenden Nachrichten­wochen kam nach zweiwöchiger Grippe auch der SPD-Vorsitzende Kurt Beck wieder und bescherte Tom Buhrow ein Erlebnis, das ihn fast ins Stottern brachte: “Es gibt ihn noch. Man kann ihn selbst sehen” ließ sich der Tagesthemen-Moderator vernehmen und es klang, als habe er das Medium Fernsehen und seine Bilderlust eben erst für sich entdeckt. Unterdessen, aber das konnte man wiederum nicht sehen, outete sich sein Vorgänger Ulrich Wickert auf zoomer.de, der juvenilen Nachrichtensite von Holtzbrinck. “Ihr”, sagte Wickert und meinte die User der Webseite, “Ihr entscheidet, was wichtig ist.” Für dieses Bekenntnis zur Abdankung des Redakteurs hätten sie ihn früher bei den “Tagesthemen” wenigstens abgemahnt. Warum bloß hat Wickert bei den “Tagesthemen” aufgehört? Erinnert sich noch jemand?

Fritz Wolf (das medienbüro)

(Dieser Beitrag ist der neuen Message-Ausgabe entnommen, die im April erschienen ist. Die Top-Themen des neuen Heftes können Sie hier nachlesen.)

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Der rundfunkpolitische Sündenfall

Von Wolfgang R. Langenbucher | 11.Februar 2008

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) und die WAZ Mediengruppe werden künftig im Internet kooperieren. “Der WDR steht vor dem Abschluss seiner ersten Kooperation mit einem Zeitungsverlag”, teilte der öffentlich-rechtliche Sender nach Angaben von Heise Online mit. So lapidar informiert uns der große WDR. Konkretes erfahren wir in ein paar Wochen – und dann gleich in einer Pressekonferenz mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU). Das klingt wie eine rundfunkpolitische Drohgebärde: Wenn der oberste Landesvater da mitmischt und offensichtlich einverstanden ist – dann darf es ja wohl keine ernsthaften Einwände mehr geben?!

Den (gelernten) Österreicher erinnert dies an eine Situation, an ein Bild aus den Vorzeiten der Medienpolitik dieses Landes. Statt solche mit ordnungspolitisch entschlossenem Zugriff zu machen, überließ man sie – die Beobachter mussten um Fassung ringen –, dem Generalintendanten des ORF und dem Verlegerverband. Den Stillhaltevertrag, den beide schlossen, segnete – in der Bildmitte platziert – der Bundeskanzler höchstpersönlich ab. Das skurrile Ergebnis und seine Folgen befriedigte damals alle Beteiligten: Die Verleger hatten für mehr als ein Jahrzehnt die rundum in allen anderen Ländern wachsende und blühende lästige private Radio- oder Fernsehkonkurrenz vom Halse; der ORF konnte ohne Ende –und ohne Kritik – seine Werbezeiten ausbauen, bis diese Einkünfte die Hälfte seines Budgets ausmachten (was ihn heute akut gefährdet); und die Politik hat einen Dauerstreit erst einmal auf Eis gelegt. Dass sich da zwei, ja drei in ein gemeinsames rundfunkpolitisches Bett legten, hatte für das Kommunikationsklima des Landes verheerende Folgen: Statt wechselseitiger kritischer Beobachtung, statt lebhaftem journalistischem Wettbewerb herrschte Grabesruhe. Der Werbekuchen war zur Zufriedenheit aller Beteiligten aufgeteilt. Für Spannung und Konflikt sorgten dann – dank Satellit und Kabel – erst ausländische Sender – nicht eben ersprießlich für den Standort Österreich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Diesen rundfunkpolitischen Sündenfall wider die politische Gewaltenteilung von privatem Verlagswesen und öffentlichem Rundfunk mochte man damals für typisch österreichisch halten, geschuldet der sozialpartnerschaftlichen Konkordanzdemokratie. Aber verglichen mit den Dimensionen dessen, was uns da mit betonter Harmlosigkeit vom Appellhofplatz 1 zu Köln verkündet wird, war das damals ein Lercherl (österreichisch für Kleinigkeit u.ä.): „WDR-Intendantin Monika Piel betonte, im publizistischen Bereich gebe es viele Gemeinsamkeiten zwischen dem WDR und der Qualitätspresse.“

Man muss das dreimal lesen, um es zu glauben und in seinen Dimensionen richtig zu gewichten: Die WAZ, dieser kapitalistische Zeitungskonzern, u.a. mit der Wiener Krone im Paket – eine Zierde der Qualitätspresse! Die gebührenfinanzierte größte und drum reichste Landesrundfunkanstalt der Republik entdeckt nach Jahrzehnten schärfster Systemkonkurrenz wunderbarerweise so intensive Gemeinsamkeiten, dass man die digitale Welt nun miteinander gestalten will, ja muss. Und der Herr Ministerpräsident wird bei einer Pressekonferenz in ein paar Wochen – wenn clevere Juristen und bilanzbesessene Betriebswirte alles längst unter Dach und Fach gebracht haben – seinen Segen dazu geben. Beide mächtigen Medienakteure werden ihm diese Großmut danken; ganz gewiss, denn dafür gibt es täglich genug ganz praktische Möglichkeiten.

Allen dreien muss man in den Arm fallen – und zwar mit allen Instrumenten des öffentlichen Widerspruchs. Der kommt ab sofort – hoffentlich – von der Opposition, von den Journalisten, den Kulturschaffenden und jenen Teilen der Zivilgesellschaft, die es gut mit dem öffentlichen Rundfunk meinen. Was hier so liebevoll angeschoben werden soll, ist nicht mehr und nicht weniger als ein verhängnisvoller Systembruch. Wenn sich in dieser Republik, langsam und mühsam in den Nachkiegsjahren und immer wieder von der Politik behindert und durch Marktmechanismen (Stichwort Konzentration, Monopolbildung) gefährdert, doch eine wirkungsvolle Medienöffentlichkeit institutionalisiert hat, so war und ist einer ihrer unabdingbaren Säulen die – um es zu wiederholen – publizistische Gewaltenteilung zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen ordnungspolitischen Modellen. Wir verdanken sie einem glücklichen Moment in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands, eine der ganz wenigen kommunikationspolitischen Innovationen, die überhaupt je zustande kamen. Zugegeben: Längst haben sich da viele durchaus bedenkliche Mischformen entwickelt, nicht zuletzt durch das exzessive Outsourcing ihrer Produktionen durch die Rundfunkanstalten. Das lässt sich nicht mehr zurückdrehen und hat ohne Zweifel viel Kreativität frei gesetzt und Arbeitsplätze geschaffen. Aber was Frau Piel und Herr Hombach gemeinsam mit Herrn Rüttgers planen, wäre ein kommunikationspolitischer Qualitätssprung.

Er muss verhindert werden. Und wird es, denn auf die Richter in Karlsruhe ist seit Jahrzehnten in diesen Dingen einer verfassungsgebotenen Systemreinheit einigermassen Verlaß.

Eine ganz andere Frage bleibt: Was geschieht mit den gigantischen Programmschätzen der Rundfunkanstalten? Für ihre Zugänglichkeit müssen in der digitalen Welt in der Tat Lösungen gefunden werden, aber systemgerechte.

Wolfgang R. Langenbucher

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Norbert Lammert und der Parlamentskanal

Von Hans J. Kleinsteuber | 1.Februar 2008

Es ist Vorweihnachtszeit und der Bundestagspräsident macht seine Wunschliste auf. Im Dezember 2007 schrieb Norbert Lammert in der Zeit (nachzulesen auf der Seite seiner Bundestagsfraktion), was für ihn ganz oben steht: Eine breitere Berichterstattung der vorhandenen Sender über sein Parlament. Und er gerät ins Schwärmen: 1955 erreichte eine mehrstündige Debatte über die Pariser Verträge noch Einschaltquoten bis zu 75 Prozent. Selbst der Ausfall beliebter Unterhaltungssendungen zugunsten einer Bundestagsdebatte sei 1957 von der großen Mehrzahl der Zuschauer begrüßt worden.

Damals war alles besser. Heute, so seine Klage, wird von den 700 Stunden nur knapp die Hälfte aller Debatten übertragen und dies im abgelegenen Spartenkanal Phoenix. Das gehe so nicht, denn die Liveübertragung von Parlamentsdebatten zähle zum Kern des Grundversorgungsauftrags und gehöre damit zurück in die Hauptprogramme. Und schließlich deprimiert ihn der Befund, dass 2006 mehr Zeit in die Übertragung von Polit-Talkshows ging, als in die von Bundestagsdebatten.

Geht die Mediendemokratie ausgerechnet an ARD und ZDF vorbei? Nein, Lammert versteht sie einfach nicht! Nehmen wir seine Beispiele aus den 50ern: Das erste Programm der ARD wurde 1954 eingeführt, Alternativen gab es nicht. Eine Quote von 75 Prozent ist da eher wunderlich niedrig. Dass dies nicht mehr so ist, hat ausgerechnet Lammerts CDU eingeleitet. Schließlich waren es seine Leute, die bereits in den 1970ern laut nach Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Monopols riefen. 1985 gelang es, den kommerziellen „Urknall“ in Rheinland-Pfalz, dem Stammland von Kanzler Helmut Kohl, herbeizuführen. Seitdem bestimmen nicht mehr politische Vorgaben das Programm, sondern schlicht Quoten. Und die Quoten, die der Bundestag erreicht, tendieren nun einmal gegen Null.

Da fragt man sich: Warum richtet Lammert seine Forderung nur an den öffentlich-rechtlichen TV-Sektor, während die Kommerziellen weiterhin frei am Markt operieren können? Die werden es begrüßen, wenn im Tagesverlauf die öffentliche Konkurrenz mit einsamen Talking Heads aus dem Bundestag den letzten Zuschauer zu ihnen herübertreibt. Übrig blieben dann die kommerziellen Anbieter mit ihren weitgehend politikfreien Programmen (siehe die Kürzung der Nachrichtensendungen bei Sat1), die auf satte Mehreinnahmen – sicherlich im dreistelligen Millionenbereich – rechnen könnten. Sorry, aber das sind die Regeln der Fernsehökonomie! Eigentlich ist es ein Unding, dass der zur Neutralität verpflichtete Präsident des Hohen Hauses in so plumper Form ein Absatzförderungsprogramm für das Privatfernsehen einfädelt.

Und dann die Klage über zu wenig attraktive Bilder aus dem Bundestag: Sind es nicht die geltungssüchtigen Politiker des Bundestags, die in die beklagten TV-Shows drängen? Während das Bild vom Hohen Haus meist gähnend leere Sitzreihen zeigt? Währenddessen die Ausschüsse hinter verschlossenen Türen tagen, obwohl da oft viel substantieller Politik gemacht wird. Da gehören jede Minute Kameras hinein! Lässt der Bundestag aber nicht zu.

Tatsächlich nehmen gerade die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihren Grundversorgungsauftrag entsprechend den Regeln der Mediendemokratie wahr: Sie bieten den Politikern eine professionell gestaltete Plattform inklusive Publikumsansprache an. Und im Tagesverlauf sind sie die einzigen, die regelmäßig über Politik berichten. So sieht zeitgerechte politische Kommunikation aus.

Wie sieht das Parlamentsfernsehen in anderen Ländern aus? In den USA gibt es drei Kanäle von C-Span. So richtig attraktiv ist ihr Angebot, wenn es in den öffentlichen (!) Ausschusssitzungen heiß hergeht. In Großbritannien finden wir die 24 h von BBC Parliament, in Frankreich LCP und beim Europäischen Parlament EbS. Und so geht es in den meisten europäischen Staaten weiter. Nirgends ist die Parlamentsübertragung in den Hauptprogrammen zu finden.

Politiker aus der Richtung Lammert sorgten schon bisher für eine deutsche Sondersituation: Die Selbstverständlichkeit, dass Bürger ein Anrecht auf TV-Übertragung aus ihrem Parlament haben, wird mit medienfernen Forderungen überfrachtet. Dies endete 1997 in dem niemand befriedigenden Kompromiss Phoenix, dem Ereignis- und Dokumentationskanal (das Parlament bietet beides nicht).

Löst man das Problem von seinen medienpolitischen Unterströmungen, so gilt folgendes: Der Bundestag produziert seit Jahren in eigener Regie ein Parlamentsfernsehen, dass im Hause selbst, in Berliner Redaktionen und via Web-TV zu empfangen ist. Dafür hat er beim Neubau für 15 Millionen in modernste TV-Technik investiert. Natürlich kann ein Parlamentskanal nicht staatsfern sein, er soll ja gerade in der Mitte des Staates Transparenz schaffen. Deswegen handelt es sich auch nicht um ein Massenmedium, das mit publizistischen Inhalten konkurriert. Ein derartiger Kanal muss besser mit dem bestehenden Online-Portal des Bundestags synchronisiert werden, dort sollten an prominenter Stelle Sendezeiten zu finden sein, im Plenum behandelte BT-Drucksachen müssten parallel einsehbar und Videofiles unkompliziert zeitversetzt abrufbar sein. Und das bitte auch für alle Ausschüsse. So schafft man einen bürgernahen Bundestag.

Und was besonders schön wäre: Der gescholtene Spartenkanal Phoenix würde entlastet und könnte endlich das werden, wofür er 1997 schon geplant war. Er könnte zum 24 h-Nachrichtenkanal der Öffentlich-Rechtlichen mutieren. ARD und ZDF sind bestens darauf vorbereitet, aber warum ließ man sie nicht? Fragen wir mal bei der Partei von Lammert nach, die einst meinte, dass – ausgerechnet – ihre Politik besser bei NTV und N24 aufgehoben sei. Vielleicht verstehen die Leute um Lammert die Mediendemokratie nicht, aber wie man Medienpolitik im Interesse der eigenen Klientel machen kann, das wissen sie wohl. Im neuen Jahr sollten wir zu solider Medienpolitik zurückfinden. Die soll dem Bürger dienen – weder der Politik noch dem Kommerz.

Hans J. Kleinsteuber

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Der liebe Sachbezug

Von Dieter Wild | 20.Januar 2008

Da hatte der schreckliche Vereinfacher Roland Koch vielleicht mal nicht daneben gegriffen. In seinem hessischen Polter-Stolper-Wahlkampf bejammerte er, dass die Medien in ihrer Berichterstattung über Straftaten den „Migrationshintergrund“ der Täter zu oft verschwiegen – aus Angst, gegen die Richtlinie 12.1 des Pressekodex zu verstoßen. Darin heißt es:

„In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zughörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegen Minderheiten schüren könnte.“

Klingt richtig gut, aufgeklärt, menschenfreundlich. Nur: Mit dem „begründbaren Sachbezug” ist es so eine Sache. Es gibt ihn nämlich überall und nirgends. Wenn ein schwarzer Riese aus dem Senegal eine zarte Frankfurterin würgt – worin besteht dann wohl der „begründbare Sachbezug“ zwischen Herkunft und Tat? Nach allem, was man vom Senegal weiß, werden die Frauen auch dort nicht massenweise gewürgt. Ergo dürfte man nicht schreiben, dass der Täter aus dem Senegal kommt. Denn zweifellos sind die Senegalesen in Deutschland eine Minderheit und gewiss könnte die Erwähnung der Herkunft Vorurteile gegen Senegalesen schüren. Also dürfte man nur schreiben, dass der Täter „ein Schwarzer“ war. Geht aber auch nicht. Denn die Schwarzen sind hierzulande gleichfalls eine Minderheit. Also bleibt nur zu schreiben: „ein Mann“. Männer sind hier nur leicht in der Minderheit, also vermutlich nicht schützenswert.

Gleiches Dilemma, wenn der Täter nicht aus dem Senegal, sondern aus dem Bayerischen Wald, etwa aus Viechtach oder Zwiesel, stammte. Menschen von dort sind auch eine schützenswerte Minderheit, ein „begründbarer Sachbezug“, dass man dorten besonders viele Frauen würge oder dass besonders viele Bayrischwäldler nach Frankfurt strömten, gibt’s nicht. Also: weg mit dem Bayerischen Wald! Der Mann kommt einfach von irgendwoher. Vielleicht aus der Frankfurter Nachbarschaft der zarten Gewürgten? O weh! Dann fühlt sich die gesamte Nachbarschaft, zweifellos eine Minderheit, in Verruf gebracht. Also: Auch „Nachbarschaft“ darf nicht sein. Bleibt also nur der „Mann“ als solcher, und der Journalist meldet dann nur noch: „Mann würgte Frau“.

Man sieht, die Richtlinie 12.1 des Pressekodex mit ihrem „begründbaren Sachbezug“ ist unbegründbarer Quatsch, erklärbar aus dem ehrenwerten, aber übertriebenen Streben nach allumfassender politischer Korrektheit. Leider kann keine Richtlinie, niemand den Medien sagen, ob und wann sie Vorurteile schüren. Wer berichtet, dass der Klinikarzt N.N. wegen schwerer Kunstfehler rechtskräftig verurteilt wurde, schürt vermutlich Vorurteile gegen alle Ärzte. Und wenn ein Politiker beanstandet, dass ein Journalist über ihn etwas total Falsches, vielleicht Verleumderisches geschrieben hat, verfestigt er die ohnehin bestehenden Vorurteile gegen die Journalisten, die ja eine schützenswerte Minderheit sind. Also müssen die von ihnen begangenen Fehler unkorrigiert bleiben, also ihr Politiker:

Hände weg von den Medien – bravo!

Wie man hört, will der Deutsche Presserat den Artikel 12 seines Pressekodex und vielleicht auch die Richtlinie 12.1 neu fassen. Vorschlag: weglassen!

Dieter Wild

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Im Reich der Freiheit

Von Michael Haller | 14.Januar 2008

Der Weg in die Kommunikationsfreiheit ist reich an Stolper- und Hinkelsteinen. Was man da alles falsch machen kann! Da gab es zum Beispiel vorige Woche die Late-Night-TV-Show „Willkommen Österreich!“ mit dem gerade aus der fantastischen Vanity-Fair-Welt heimgekehrten Ulf Poschardt. Und mit der Selbstdarstellerin aus Bremen, Sie wissen schon: Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray, eine deutsch-türkische Studentin, die Talk-Moderatoren seit längerem bibberig macht mit ihrer ausgesucht zotigen Hardcoresprache über alles Genitalische. Die vielen Talk-Macher/innen haben sich reihum schon gefreut (Einschaltquoten) und entsetzt (öffentlicher Sprachgebrauch) über soviel Schamlosigkeit.

Also, vorige Woche nun auch bei den Österreichern, und seither gibt es die Sendung als Video mit den tollen Links zur Site der Lady. Am Folgetag erklärten ungezählt viele Blogger, wie sie die Frau finden, legten ihre Links zum Video der Österreicher, zur Lady, zu anderen Websites. Mitgemacht haben auch die Mediawatcher und webbekannten Meinungsschreiber. Alle waren merkwürdig erregt, und durch die Gemeinde wogte ein Riesenpalaver.

Zufällig einen Tag später trafen sich Bloggeristen und Journalisten in Berlin zu einer vom DJV veranstalteten Diskussionsrunde unter dem leicht irreführenden Titel: „Regeln oder Anarchie? – Journalismus im www“ (eigentlich keine Frage: Journalismus, egal in welchem Medium, braucht notwendig Regeln). Zwar ging’s auf dem Podium kreuz und quer, man nannte die Äpfel Birnen und die Blogger Journalisten. Trotzdem konnte ich im Laufe der Debatte viel über die Selbstbefindlichkeiten der (anwesenden) Journalisten und (anwesenden) Bloggeristen lernen, abgesehen von einigen (ebenfalls anwesenden) bloggenden Journalisten. Und dies meine ich keineswegs ironisch.

Gelernt habe ich erstens, dass der Graben des Misstrauens und der Abneigung zwischen Blattmachern (Fahnenträger Schirrmacher) und Blogmachern (Tastaturträger Don Alphonso) tiefer und breiter ist als gedacht. Die Verantwortlichen in den Mainstreammedien haben das Lebensgefühl und die Weltsicht der Unter-30-Jährigen wirklich nicht begriffen; dass sie mit aufgeblasenen Belanglosigkeiten (Knut, Britney, Dschungelcamp) ihre Titelblätter und Nachrichtensendungen füllen – und zeitgleich mit geschwellter Brust über ihre „öffentliche Aufgabe“ schwadronieren: Das kotzt die an Sinnfragen interessierten jungen Leute definitiv an. Man kann die Erwartungsenttäuschung sehr vieler junger Leute sehr gut nachvollziehen, wenn sie davon erzählen, was sie vom „großen“ Journalismus (nicht nur Sat.1 und die Springer-Presse, auch Stern und Spiegel, ARD und ZDF) erwartet und was sie von ihm tatsächlich bekommen haben: die Einsicht, dass der Unsinn die Welt regiert (nicht gemeint sind die Süddeutsche, die FAZ, die Zeit, die taz und manch andere gut gemachte Regionalzeitung). Und weil die in den etablierten Medien wirkenden Journalisten beim Stichwort Selbstreflexion (von Selbstkritik redet schon gar niemand) meist irritiert durchs Fenster ins Leere blicken, bleibt ihnen das Unbehagen der jungen Leute fremd. Besonders eindrücklich gab sich Stern-Mann Hans-Ulrich Jörges, indem er an der DJV-Talkrunde sogleich lauthals bekannt gab, über was er mit den Bloggern reden wolle und über was nicht:Herrenreitermentalität.

Als Zweites habe ich gelernt, dass umgekehrt viele Blogger glauben, sie seien nun die wahren Gralshüter des „echten“ Journalismus, der angeblich authentisch und frisch und frech und voll das Leben sei – sozusagen ohne Deo-Spray mit dem würzigen Naturduft unter der Achselhöhle. Viele von denen sind der Meinung, wenn sie schon eine Meinung haben, dann solle dies die Öffentlichkeit wissen, also seien sie Journalisten. Sie setzen sich in eins mit den nun wirklich echten medienkritischen Blogjournalisten (Stefan Niggemeier et al.).

Man könnte jetzt voll Häme über das Mündel reden, das Vormund spielt – doch das wäre die komplett falsche Stoßrichtung. Denn es geht nicht um das Verhältnis Amateur–Profi, sondern um die in der Blogosphäre mit Herzblut gelebte Idee der offenen, unverstellten (für authentisch gehaltenen) Kommunikation: Jeder soll sagen dürfen, was er sagen will, ohne Kontrolletti durch einen oberschlauen Redakteur, der als Schleusenwärter den Zugang zum Forum überwacht und löscht, was kritisch und gegen ihn gerichtet ist. Fernab dieses Mainstreams öffnet sich der Freiraum für den herrschaftsfreien, für alle offenen Diskurs, bei dem das bessere Argument gewinnt.

Ein paar Minuten Lektüre in den Beiträgen verschiedener Blogs genügen, um aus dem Habermas’schen Traum zu erwachen und zu erkennen, dass den meisten Beiträgen eine simple Voraussetzung fehlt: genügend kommunikative Kompetenz, damit ein öffentliches Gespräch überhaupt in Gang kommen kann. Zum Beispiel die Kompetenz, sich zuerst hinreichend gut zu informieren, ehe man eine Meinung äußert. Oder auch die, dass man seine Meinung auf plausible Argumente stützt, die zur Begründung dienen. Dass man sich seiner Vorurteile bewusst ist und offen darüber reflektiert. Und besonders wichtig: Dass man auf der symbolischen Ebene des Sprechakts die Meinungen anderer Menschen nicht nur respektiert, sondern feiert. Wenn irgendwo, dann wäre Rosa Luxemburgs mutiger Spruch von der Freiheit, die immer zuerst die Freiheit des Andersdenkenden sei, das Leitbild der Bloggerwelt.

Die real existierende Szene der Blogger hat ein anderes Gepräge. Eitles Gerede („sorry, aber ich …“), redundantes Geschwätz („da hat XX natürlich Recht …“), argumentlose Vorurteile („Wir Blogger denken da …“), auch Belehrfreude („bitteschön, kann man sogar googeln ….“), Von-oben-herab-Geschreibe („war wieder Schwachsinn, diese Diskussion“) – nur gelegentlich stößt man auf eine informative oder plausibel begründete Einschätzung wie auf die berühmte Stecknadel im Heuhaufen.

Um Missverständnissen zuvor zu kommen: Ich meine damit nicht die Kommentarspalten und Foren der großen Medien, die – wie deren Redaktionen klagen – volllaufen mit Rassismus- und Nazi- und Antisemitismuskommentaren, sobald sich ein geeigneter Anlass zeigt (Sievers von Focus-Online: „Wir schmeißen die Hälfte der eingegangenen Kommentare weg“). Diese gesteuerten Redaktionsforen sind keine Blogs, hier werden User-Reaktionen oft regelrecht provoziert. Und ein frustrierter Stern-, Focus- oder Spiegel-Leser hat natürlich mehr davon, wenn er seine aggressiven Polit-Zoten beim Mainstream ablädt und nicht bei Alphonso oder Niggemeier oder Michaela May. Logisch, dass jene überschwemmten Medienredaktionen ein Regelwerk brauchen, das mehr ist als eine pupertär-verklemmte Netiquette – klare Kommunikationsregeln, nach denen man, statt zu rülpsen und zu kotzen, miteinander sprechen und eine Erfahrung, eine Sichtweise, eine Meinung gewinnen kann.

Womit wir wieder bei den Österreichern, bei Ulf und Lady Bitch angelangt sind. Mich hat verblüfft, dass in der Blogosphäre offenbar dieselben instinktbesetzten Nachrichtenwerte hipp sind wie jene, die den etablierten Medien (hier: ORF) angelastet werden: Promi und Sex, Sensation und Skandal. Denn schon am Tag nach der TV-Sendung haben tausende Blogger schwadroniert, ob die Frau echt oder falsch, klug oder dumm sei, ob sie nur provoziere oder den Machismo-Kult der Hardcore-Rapper persifliere, ob man ihr Gequassel „geil“ oder „öde“ finden und ihre Bums-Rapp-Hymnen hören oder nicht hören solle. Insgesamt ein gigantisches Pennäler-Palaver, das unter Pennälern völlig in Ordnung ist, weil man dort (noch) nicht weiß, wie man sein Leben erleben wird.

Vielleicht erweitert sich die Blogosphäre zu einer postpubertären Selbstfindungsveranstaltung der Mediengesellschaft. Ich habe nichts dagegen, im Gegenteil, ich möchte davon träumen, dass sie nicht in ihrer Redundanz ersticken, sondern die Frischluft des Diskurses gewinnen wird. Aber redet bitte nicht von Journalismus, so verdreht der real existierende auch sein mag. Journalismus liefert das aktuelle Ereigniswissen, auf das sich die meisten Blogger stürzen wie die Geier auf den Kadaver, und besonders gierig dann, wenn ein Mainstream-Fernsehsender eine „Porno-Rapperin“ präsentiert.

Michael Haller

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