Zwischen den Kulturen
Medienwunder Afghanistan?

Von Merjam Wakili und Kefa Hamidi

Die Organisation »Reporter ohne Grenzen« platziert Afghanistan in ihrer jährlich veröffentlichten Rang­liste der Pressefreiheit seit 2002 regelmäßig vor den Nachbarländern Iran und Pakistan. Im Jahr 2011 belegte Afghanistan Rang 150, Pakistan 151 und Iran 175. Über 75 Fernsehsender, 175 Radiostationen und rund 800 Printmedien liefern Informa­tionen und Unterhaltung für die afgha­ni­sche Bevölkerung. Der Medien­bereich boomt.

Neben den staatlichen Medien, die eine rund 140-jährige Geschichte in Afghanistan haben, etablierten sich seit 2002 kontinuierlich privatkommerzielle und Partei-Medien. Gedruckte Medien erreichen wegen der schlechten Infrastruktur und der hohen Analphabetenrate von etwa 70 Prozent nur einen kleinen Teil der afghanischen Bevölkerung. Deutlich stärker verbreitet sind hingegen die elektronischen Medien: 47 Prozent der Afghanen besitzen ein Fernsehgerät und 68 Prozent ein Radio (Altai 2010).

So viele Fernseh- und Hörfunksender konkurrierten noch nie zuvor um die Gunst des afghanischen Publikums. Die Medienlandschaft des Landes war indes in keiner Epoche frei von Restriktionen und musste sich stets dem Staats­monopol unterwerfen. Nur kurz, zwischen 1963 und 1973, dem sogenannten Jahrzehnt der Demokratie, hatte Afghanistan eine Verfassung mit Passagen zur Pressefreiheit. Eine Tradition unabhängiger Medien konnte sich hier kaum entwickeln. Erst seit 2002 können die mit internationaler Hilfe neu entstandenen Medien überhaupt die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung erreichen.

Wer gehört zu den Hauptakteuren der Medienhilfe in Afghanistan? Das meiste Geld investiert die US-amerikanische Regierungsorganisation USAID (2010 22 Millionen US-Dollar), gefolgt von der EU-Kommission. Darüber hinaus geben zahlreiche Stiftungen und Hilfs-organisationen Geld. Während die Europäer bis vor einigen Jahren die Umwandlung des Staatssenders Radio Television Afghanistan (RTA) in einen öffentlichen Sender förderten, richteten die USA ihren Fokus auf den privat­wirtschaftlichen Medienmarkt. Im Jahr 2003 investierte USAID knapp 230.000 US-Dollar in den ersten privaten Radiosender des Landes Arman FM, der ein junges, urbanes Publikum ansprechen und vor allem unterhalten sollte. Ein Jahr später unterstützte USAID den Aufbau des privaten Fernsehsenders Tolo mit 2,5 Millionen US-Dollar (Altai 2010) – die erste Konkurrenz für den staatlichen Monopolisten RTA. Tolo schaffte es, mit attraktiven Unter­haltungsprogrammen und innovativen Formaten zu einem der beliebtesten Sender des Landes zu werden. Ihm werden 45 Prozent Zuschaueranteil zugerechnet (Altai 2010).

Rasch folgten weitere private Medienunternehmen. Mit Unterhaltungssendungen erhoffen sich die Privatsender hohe Zuschaueranteile und somit mehr Werbekunden. Ihr Nachmittags- und Abendprogramm wird geprägt durch afghanische Musikclips, indische oder türkische Seifenopern, durch westliche Quizformate wie Wer wird Millionär? oder Deal or No Deal sowie durch Castingshows wie Afghan Star.

Viele Medienformate und Printerzeugnisse werden zudem von ausländischen Truppen quersubventioniert. Insgesamt gesehen ist kritischer Journalismus eher Mangelware.

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