Lateinamerika
»Jede Recherche mit Zweifeln«

Die investigative Journalistin und Buchautorin Ana Lilia Pérez deckt die Korruption in ihrem Land auf. Dafür setzt sie ihr Leben aufs Spiel. Als Heldin sieht sie sich dennoch nicht.

Die 36-jährige Ana Lilia Pérez wirkt entspannt in ihrer neuen Umgebung. Wenn sie spricht, spielt sie nachdenklich mit ihrer Kette. Dann wieder redet sie leidenschaftlich von ihrer Mission. Die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte hat sie für ein Jahr nach Deutschland geholt. Sie kommt zur Ruhe, gibt Interviews und versucht, über die Lage mexikanischer Journalisten zu informieren. Mexiko ist zurzeit eines der gefährlichsten Länder der Welt für Journalisten. Mindestens 80 ihrer Kollegen sind in den letzten zwölf Jahren ermordet worden, weitere 14 werden vermisst.

Ihr letztes Buch »El Cártel Negro« dreht sich um die illegalen Geschäfte des staatlichen Mineralölkonzerns »Petróleos Mexicanos«. In die sind Politiker, Unternehmer und Drogenkartelle verwickelt. Ein wichtiges Buch, mit dem man sich viele Feinde macht. Hatten sie Angst vor der Veröffentlichung? 

Ana Lilia Pérez: Traurigerweise ja. Normalerweise freut man sich ja sehr auf das Erscheinen seines Buches und ist ganz stolz. Aber ich hatte Angst. Ich wusste, dass mein Buch ziemlich einschlagen würde. Ich hatte so viele kompromittierende Dokumente darin zitiert, dass ich lange gezögert habe, es zu veröffentlichen. Ich hatte daran sieben Jahre gearbeitet. Aber manchmal ist es gefährlicher, nicht zu publizieren, anstatt zu publizieren. Denn wenn man recherchiert und gefährliche Leute das bemerken, dann wissen sie nicht genau, was Du tatsächlich herausgefunden hast. Absurderweise entschied ich mich daher aus Sicherheitsgründen dazu, es zu veröffentlichen. Letztendlich weiß ich aber nicht, was tatsächlich gefährlicher ist.

Warum bleiben Sie trotz Morddrohungen Journalistin?

Mexiko macht gerade eine schwere Zeit durch, gerade jetzt sind die Menschen auf die Medien angewiesen. Ich war mein ganzes Leben lang Journalistin, ich habe schlichtweg auch nichts Anderes gelernt. Bereits in der Schule habe ich Reportagen geschrieben, dann ging ich auf die Journalistenschule und seit 15 Jahren schreibe ich. Es ist natürlich eine sehr persönliche Entscheidung, unter diesen Umständen in Mexiko weiter als Journalistin zu arbeiten. Doch dieser Beruf bedeutet eben auch eine spezielle Art zu leben. Nicht mehr als Journalistin arbeiten zu können, würde für mich den Tod bedeuten. Und ich will nicht sterben. Ich will leben und meine Aufgabe erfüllen.

Haben Sie wirklich nie darüber nachgedacht, hinzuschmeißen?

Natürlich habe ich das. Die erste Morddrohung ändert dein Leben für immer. Ich versuche mich so gut es geht zu schützen, und natürlich macht man sich danach viel mehr Gedanken, bevor man die eine oder andere Information veröffentlicht. Du weißt dann ja, dass sie dich dafür vielleicht umbringen werden. Aber wenn ich recherchiere, denke ich auch immer an die Bedeutung meiner Arbeit. Man muss sich selbst davon überzeugen, dass das, was man tut, wichtig und sinnvoll ist. Aber ich gebe ehrlich zu, die Zweifel bleiben. Und jede neue Recherche stürzt mich wieder neu in diese Zweifel, da ich Angst habe.

In welcher Situation würden Sie aufhören?

Ich habe Angst davor, in diese Situation zu kommen. Risiko gehört zu meiner Arbeit. Ich arbeite hart am Limit. Und eigentlich möchte ich über Ihre Frage nicht weiter nachdenken. Viele meiner Kollegen hätten längst aufgehört, wenn sie in meiner Situation wären: Ich musste das Land verlassen und habe immer ein GPS dabei, damit man mich im Falle einer Entführung finden kann beziehungsweise wenigstens meine Leiche. Ich hatte in Mexiko rund um die Uhr Leibwächter bei mir. Die Polizei hatte mich festgenommen, ich wurde verhört und wie eine Kriminelle behandelt. Ich glaube, jeder Journalist hat seine persönlichen Grenzen. Aber ich möchte nicht an etwas so Schlimmes denken, das dafür sorgen könnte, dass ich aufhöre… …

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