Journalismuskultur
Vom Bohren dicker Bretter

Thomas Leif, seit der Gründung Erster Vorsitzender des Netzwerk Recherche, diskutiert über die Recherchekultur in Deutschland und über die Rolle des Netzwerks.

von Paige St. John

Wenn Sie hier in Berlin zum Tagesspiegel oder zur Berliner Zeitung greifen – oder bei Ihnen zu Hause zum Wiesbadener Kurier –, würden Sie sagen, dass diese Zeitungen im Laufe der vergangenen zehn Jahre besser geworden sind?

Thomas Leif: Nein, besser nicht, aber auch nicht wesentlich schlechter, obwohl sich die Arbeitsbedingungen der reduzierten Redaktionen massiv verschlechtert haben. Stichwort Ressourcenknappheit. Bei vielen Blättern in Deutschland finden sie Spitzenqualität neben Problemzonen.

Fällt Ihnen mitunter auch mal etwas Herausragendes auf?

Ja immer wieder, im europäischen Vergleich wird in Deutschland insgesamt hochwertiger Jour­na­lismus geboten. Wenn wir über das Segment der Qualitätszeitungen sprechen, dann fiel mir zum Beispiel Ende September in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung eine luzide, tiefschürfende Analyse der Malaise der FDP auf.

Und wo steht heute der Journalismus der Regional­blätter im Vergleich zu 2001?

Vielerorts werden die meist konkurrenzfreien Blätter von maximal reduzierten Teams produziert mit miserabel bezahlten freien Mitarbeitern aus der Region gefüllt. Hinzu kommt der Umbau der Redaktionen zu kleinen Zirkeln von Textmanagern, die der Not folgend, Fremd- und Agenturmaterial veredeln. Und das dritte Problem ist die unheilvolle Komplizenschaft mit den lokalen Eliten.

Und wenn Sie an die Tagesschau von gestern Abend denken: Kam sie – journalistisch gesehen – besser daher als vor zehn Jahren?

Auch hier eine gemischte Bilanz. Problematisch finde ich den vergleichsweise hohen Anteil offizieller ministerialer Verlautbarungen, ohne die direkte Kontext-Prüfung und die notwendige Einordnung und Erklärung.

Welche Themen fehlen zum Beispiel?

Aktuell in der Rettungsschirm-Debatte die Verantwortung der unterkapitalisierten Banken und deren unkontrollierten Geschäftsmodelle. Da gibt es in den Nachrichtensendungen zu viele Leerstellen und zu viel Transport amtlicher Schönwetter-Mitteilungen.

Systematischer gedacht: Ist es die Staatsnähe der Öffentlich-Rechtlichen?

Nein. Diese Defizite werden ja intern von den Machern selbst gesehen. Optimierungsbedarf gibt es meines Erachtens in der Afghanistan-Berichterstattung: Hier fallen manche Berichte hinter den derzeitigen Erkenntnis­stand von Parlamentsdebatten und der meisten Experten.

Die öffentlich-rechtlichen Fernsehmacher stehen nicht unter dem ökonomischen Druck wie ihre Kollegen von der Presse. Sie sind auch 2011 gut ausgestattet und werden gut bezahlt. Wie erklären Sie sich hier diesen Qualitätsabfall – hat sich das Rollenselbstverständnis verändert?

Einen generellen Qualitätsabfall gibt es nicht. Schauen Sie sich beispielsweise die Arbeit von Werner Sonne an, der Direkt-Interviews für das Morgenmagazin präsentiert. Er zeigt eine distanzierte, informierte Haltung zu den Machtträgern des Berliner Betriebs und stellt klare, zielführende Fragen. Damit werden Standards gesetzt, die leider nicht immer gehalten werden.

Das klingt jetzt aber stark nach dem Muster: Früher war alles besser, wir Oldies sind die Größten.

Nein, man muss nur auf die Tendenz hinweisen, dass viele Personalentscheider die Bedeutung der Qualitätsmerkmale »Praxis-Erfahrung« und »Analyse-Kompetenz« nicht ausreichend bedenken.

Studien über Fernsehnachrichten zeigen, dass sich die TV-Journalisten zunehmend mit der Inszenierung der Themen identifizieren und sich weniger um die Inhalte kümmern – darin wohl ähnlich der Politik. Hier wie dort dominiert der Bühneneffekt. Und dieses Rollenverständnis fasziniert wiederum narziss­tisch und darstellerisch begabte junge Leute. Für sie ist Journalismus nicht Recherche, sondern Themeninszenierung.

Der Befund ist berechtigt. Personalisierung drängt die Sachverhalte und den Kontext zu sehr in den Hintergrund, weil gelegentlich behauptet wird, Politik sei im Fernsehen anders nicht mehr zu vermitteln. Übertriebene Personalisierung in Verbindung mit Entsachlichung sind ein gefährlicher Cocktail.

Nun scheint sich aber das TV-Publikum – will man den Erhebungen der ARD/ZDF-Zuschauerforschung glauben – mit komplexen Politikthemen tatsächlich schwerzutun und wegzuzappen, wenn die ARD während der Primetime solche Inhalte bringt.

Es gibt auch fulminante Gegenbeispiele, die mit gut gemachten und überraschenden Fakten große Resonanz hatten. Aber aufs Ganze gesehen hat man sich auf die Formel geeinigt, dass sich das TV-Publikum für so etwas nicht interessiert, es vielleicht auch nicht kapiert. So wurden immer mehr Politikfelder zu No-go-Areas erklärt und den bunten Selbstdarstellern das Spielfeld überlassen.

Dazu fallen einem mehrere Gesichter aus den Reihen der Regierungsparteien ein. An wen denken Sie?

Der Fall Guttenberg ist besonders typisch für diesen Trend der Personalisierung. Dieser »Anti-Politiker« hat eine sogenannte Bundeswehrreform hinterlassen, an der nichts stimmt und nichts funktioniert. Und doch wurde er mit seinen Posen gegen die politische Klasse von den Medien dafür hochgejubelt und von der Boulevardpresse sogar als Kanzlerkandidat ausgeschmückt. Das Fatale daran ist, dass in sehr vielen Redaktionen die Seite 2 der Bild-Zeitung das Agendasetting macht.

Also haben sich über Fernsehen und Boulevardpresse die Kriterien und Maßstäbe für das verschoben, was der Journalismus als Gatekeeper für berichtenswert erklärt.

Diese schleichende Verschiebung der Nachrichtenfaktoren ist sicher das zentrale Problemfeld ……

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