Pulitzr-Preis
Vernachlässigt bis zum Tod

In einem Behindertenheim kamen innerhalb weniger Jahre 13 Kinder durch Vernachlässigung ums Leben. Zwei Reporter der Chicago Tribune sorgten mit einer neunmonatigen Recherche für Aufklärung.

von Sam Roe

Im Heim Alden Village North leben Kinder mit schweren geistigen Behinderungen. Die meisten von ihnen können weder laufen noch sprechen oder um Hilfe rufen. Viele wurden von ihren Eltern abgegeben und haben niemanden, der für ihre Rechte eintritt.

Deshalb hat es auch kaum jemand wahrgenommen, als in der Chicagoer Pflegeeinrichtung Kinder unerwartet starben. Das Heim selber untersuchte nur selten, ob Versäumnisse vorlagen, Angehörige wurden nicht immer über Fehlverhalten informiert. Unzureichende staatliche Regulierung führte dazu, dass sich die Probleme häuften und die Zahl der Todesfälle weiter anstieg.

Zwei Tage lang vernachlässigt

Das änderte sich erst, nachdem die Chicago Tribune im letzten Jahr enthüllte, dass 13 Kinder und junge Erwachsene in dem Heim in Folge von Vernachlässigung oder unter ungeklärten Umständen gestorben waren. Als Reaktion auf die Artikel schritten sechs Behörden ein, um die Heimkinder zu schützen. Unter anderem kündigten die Verantwortlichen die Schließung des Heims an, was sehr selten geschieht. Als langfristigere Maßnahme wurde ein umfassendes Gesetzespaket verabschiedet, um die Betreuung in allen 300 Einrichtungen für Menschen mit Entwicklungsstörungen in Illinois zu verbessern – der bedeutendste Schritt in dieser Richtung seit Jahrzehnten.

Im Fokus unserer Geschichte über die Kinder von Alden Village North stand vor allem ein Kind: Jeremiah Clark, ein neunjähriger Junge, starb nach zweitägiger Vernachlässigung. Kurz nachdem die Helfer von Alden Village North Jeremiah eines Morgens in der Schule abgegeben hatten, bemerkten Lehrer, dass sehr viel Sekret aus der Öffnung im Bauch des Jungen austrat, wo ein Schlauch zur künstlichen Ernährung gelegt war. Hemd und Hose waren völlig durchnässt, ein Lehrer musste die Pfütze unter seinem Rollstuhl mit einem Wischmop beseitigen.

Die Schule forderte das Heim auf, den Jungen abzuholen, aber zum Entsetzen der Lehrer wurde er am nächsten Morgen wieder in die Klasse gebracht. Er sah noch schlechter aus, war blass, lethargisch und stöhnte. Die Lehrer legten ihn auf eine Matte, wo er in Fötalstellung lag und zitterte.

Wieder holten ihn die Mitarbeiter von Alden Village North ab, unternahmen aber bis zum nächsten Morgen nichts, um seine Erkrankung zu untersuchen, ihn während der Nacht zu überwachen oder einen Arzt zu rufen.

Jeremiah starb kurz darauf in einem Krankenhaus an Schock, Infektion und Darmverschluss. Vor seinem Tod schlug ein Arzt seiner Mutter vor, eine Operation zu versuchen, obwohl diese schmerzhaft und die Überlebenschance extrem gering gewesen wäre. »Nein«, entschied seine Mutter, »er hat genug durchgemacht.«

Vermutlich gibt es solche Fälle immer wieder. Kinder mit schweren Behinderungen sind anfälliger für Krankheiten und haben eine geringere Lebenserwartung. Es ist aber auch Tatsache, dass solche Kinder oft unter schlechter Betreuung leiden und durch Vernachlässigung sterben.

Ich stieß auf diese Geschichte auf die gleiche Weise, wie ich schon viele andere gefunden habe – beim Recherchieren eines ganz anderen Themas. 2008 untersuchte ich den Missbrauch antipsychotischer Medikamente in Pflegeheimen. Manchmal stellt das Pflegepersonal ältere Patienten mit solchen Mitteln ruhig, damit sie einfacher zu händeln sind. Als ich mich durch staatliche Untersuchungsberichte über Pflegeheime las, fand ich Unterlagen, die eine Reihe von Verstößen gegen Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften in Alden Village North enthüllten.

Alarmierende Regelmäßigkeit

Keiner der Vorfälle hatte etwas mit dem Missbrauch antipsychotischer Medikamente zu tun, aber es entsetzte mich, dass es in einem Heim für behinderte Kinder überhaupt zu derartigen Verfehlungen kommen konnte. Um mehr zu erfahren, forderte ich von den Behörden des Staates Illinois alle 113 seit dem Jahr 2000 vorliegenden Berichte über die Einrichtung an.

In den USA bekommt man solche Berichte gebührenfrei, so dass ich bald darauf tausende von Seiten sichten konnte. Ich sah, dass es mit alarmierender Regelmäßigkeit Todesfälle unter den in Alden lebenden Kindern gegeben hatte, von denen viele nicht hätten sterben müssen, wenn einfache medizinische Maßnahmen ergriffen worden wären. Man kümmerte sich nicht um Erkrankungen, reagierte nicht auf den Alarm lebenserhaltender Geräte und ließ Kinder mit komplizierten medizinischen Problemen unbeaufsichtigt.

Ein zwölfjähriger Junge starb wegen fehlender Überwachung, weil die Nachtschwester früh gegangen und die Tagschwester spät gekommen war. 2008 starben fünf Kinder und Heranwachsende im Abstand von drei Monaten, aber die Einrichtung hat keinen dieser Todesfälle näher untersucht.

Strafen nicht bezahlt

Aber war Alden Village North schlimmer als andere Heime für behinderte Kinder? Nachdem ich auch Berichte zu anderen Einrichtungen durchgesehen hatte, kam ich zu dem Ergebnis, dass es tatsächlich so war. In Alden hatten die Behörden mehr schwerwiegende Pflichtverletzungen gefunden als in den anderen neun Behindertenkinderheimen von Illinois zusammengenommen. Von der Bedeutung des Themas überzeugt, fragte ich nun mehr als 40 öffentliche Doku­mente an, die mit Alden Village North zu tun hatten. Viele davon offenbarten das Versagen von Kontroll­in­stanzen und Gesetzgeber. Vorschriften waren gelockert, Todesfälle nicht vollständig untersucht worden, Bußgelder wegen schlechter Pflege fallen gelassen oder reduziert worden.

So entdeckten wir, dass die Behörden in den letzten zehn Jahren Strafen von insgesamt 190.000 Dollar gegen Alden Village North verhängt hatten, die Einrichtung aber keine davon in voller Höhe bezahlt hatte. Trotz der vielen Todesfälle hatte Alden seit 2000 nur 21.450 Dollar an Bußgeldern gezahlt.

An Sterbeurkunden gelangen

Als größte Schwierigkeit während der gesamten Recherchezeit erwies es sich, die Namen der verstorbenen Kinder herauszufinden. Die Inspektionsbe­richte gaben ihre Identität nicht preis. Alden Village North war nicht bereit zu helfen, und Sterbeurkunden sind in Ilinois vertraulich.

Mit Hilfe einer Quelle innerhalb des staatlichen Systems konnte ich schließlich …

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