Mythen
In der Endlosschleife

Der hoch redundante Berichterstattungsmarathon zum 11. September hat nur wenig mit Journalismus zu tun – viel hingegen mit Ritualen, Einfallslosigkeit und Verwertungslogik.

von Stephan Weichert

An die zugepflasterten Programmplätze war man schon gewöhnt. An die Endlosschleifen im Fernsehen und die Cover der Zeitschriften mit den immer gleichen Fotos auch. Selbst die Gäste in den Talkshows, das politische Personal in den Dokumentationen und die ehrfürchtige Übertragung der Trauerfeierlichkeiten aus Manhattan boten – journalistisch betrachtet –kaum Neues. Der Zuschauer und Leser glaubte, all das bereits gelesen und gesehen zu haben.

Zehn Jahre ist es her, dass zwei Flugzeuge in das World Trade Center gesteuert wurden. Neun Jahre lang wurde an jedem 11. September mit gehörigem publizistischen Aufwand daran erinnert – ein Gedenktag in den Medien, der längst zum Selbstzweck geworden ist.

Sind Journalisten an Gedenktagen Gefangene ihres eigenen Verwertungssystems? Sehen sie in derartigen Medienereignissen nur einen Anlass, um die gleichen Geschichten erneut zu erzählen? Und: Bleibt die journalistische Aufklärung letztlich auf der Strecke, indem die Medien Mythen produzieren und die Realität in eine Endlosschleife des Immerselben zwängen?

Fernsehen als Ritualisierungsmaschine

Medien erinnern oft und gerne. An Jahrestagen wie dem 11. September, die regelmäßig medial zelebriert werden, drückt sich vor allem die Funktion des Fernsehens als Ritualisierungsmaschine aus. Die zeitlich geregelte Wiederholung ist nach Auffassung des im vorigen Jahr verstorbenen Publizisten und Medienforschers Harry Pross das wichtigste Merkmal des Rituals: Sie bringe Ordnung in die Praktiken der Kultur, indem sie die Lebenszeit der Menschen synchronisiere. Gleichzeitig, so Pross, simplifiziere das Ritual und laufe so Gefahr, zur sinnentleerten Routine zu werden. Individuelles werde durch Kollektives ersetzt und Wahrheiten durch Mythen. Für Pross ist das eine Machtfrage. Für die Zuschauer oftmals eine Zumutung. Dass uns globale Medienrituale ein neues »Weltbild« aufzwängen, stellte Pross schon Anfang der 1980er Jahre fest. Sportereignisse wie die Olympischen Spiele und die Fußball-WM hatten ihn zu dieser Diagnose veranlasst. Man muss darin nicht unbedingt eine Ideologiekritik erkennen. Es geht eher um die Sym­bolik, die das Fern­sehen, aber auch andere Massen­medien nach ihren jeweils spezifischen Produktionsregeln transportieren. Es geht, im Ganzen gesehen, eher um eine Kritik dessen, was uns Medienkonsumenten als »Common Sense« serviert wird. Dass gerade der 11. September zum Dreh- und Angelpunkt für die abstrusesten Verschwörungstheorien wurde, ist hinlänglich bekannt. Aber dass die Redundanzberichterstattung des Fernsehens hier auch als einer der Hauptgründe gelten muss, wird nur selten von den Medien selbst thematisiert. Bei der durch die hollywoodreifen Bilder überform­ten Realität ist es eigentlich kein Wunder, dass der 11. September inzwischen nur noch ein Artefakt seiner selbst ist. Oder anders gesagt: Schon damals, am 11. September 2001, war die Wirkmacht dieser Ikonografie so stark, dass die eigentliche Katastrophe überstrahlt wurde.

Terrorbilder haben in der Mediengesellschaft eine Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann: »Sie sind aber«, so die Kuratoren einer 9/11-Fotoausstellung des Künstlerforums C/O Berlin, »mehr als Medien, die unter Nutzung ihres ästhetischen Potenzials Deutungen transportieren. Diese Bilder besitzen die Fähigkeit, Realität zu erzeugen.« Was die bildenden Künste sicherlich von der Medienpraxis unterscheidet, ist die Art der Verarbeitung: Trotz der Pro­fi­lierung des Krisenjourna­lismus als eigenständiges Tätigkeitsfeld und trotz der beachtlichen Professionali­sierung, die seit 9/11 in den Redaktionen erkennbar stattgefunden hat, bleibt auch unter Journalisten ein bitterer Nachgeschmack. Technisch vollendete Breaking-News-Systeme und hauseigene Terrorexperten können einfach nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Krise des 11. September auch Sinnbild für eine Krise der Medien selbst ist, zumindest ansatzweise. Denn sie wissen offenbar nicht mehr, wie sie bei all dem unreflektierten Erinnern und Gedenken an die Katastrophe noch einen journalistischen Mehrwert erzeugen sollen. Die Rede ist hier nicht unbedingt von bahnbrechenden neuen Erkenntnissen zum Hergang des Terroranschlags oder von der Enthüllung geheimer Dokumente. Ich meine nur, dass der Umgang der Medien mit dem 11. September weniger verklärt, weniger ritualisiert, weniger selbstgefällig werden muss. Jahrestage wie diese verdienen andere Nuancen der Berichterstattung. Sie verdienen Respekt gegenüber den Opfern und Rettern, aber auch Recherche und Aufklärung. Und überhaupt: Warum wird eigentlich nur noch an Jahrestagen über 9/11 gesprochen und geschrieben?

Keine Lust mehr

Vermutlich ist es genau das, worauf die Zuschauer, Hörer, Leser gar keine Lust mehr haben: dass sie sich am Jahrestag von 9/11 zum x-ten Mal die Geschichten anhören müssen von den New Yorker Feuerwehrmännern, von den Hinterbliebenen der Opfer oder von Geretteten wie der »dust lady«, die Günter Jauch in seiner Premierensendung am 11. September 2011 zu seinem ebenso faden wie sinnentleerten Talk eingeladen hatte. Mehr Ritual geht nicht.

Es ist jedenfalls ein Trugschluss, das hat sich inzwischen hoffentlich auch unter Programm- und Blattmachern herumgesprochen, dass 9/11 ein Selbstläufer-Thema ist, das man bilderreich unterfüttert und möglichst dünn analysiert. Es mag zwar kein Quoten- oder Auflagenkiller sein, so schlimm ist es nicht. Und natürlich schaudert es jeden Betrachter, wenn er sich noch einmal durch die zahlreichen Online-Bildergalerien klickt oder sich durch allerlei TV-Dokumentationen mit den Schreckensaufnahmen zappt. Aber es bleibt allzu offensichtlich, dass das Meiste nicht genuin journalistisch motiviert ist. Denn das Motto an Jahrestagen ist in den Redaktionen Folgendes, ich habe es selbst oft wörtlich gehört: »9/11 jährt sich wieder, dazu müssen wir unbedingt was machen.«

Peter Kloeppel würdigt Peter Kloeppel

Und so war es auch: Ob Spiegel, Welt, Handelsblatt oder stern.de – viele Printerzeugnisse und Online-Portale hatten bereits einige Wochen im Vorfeld des 11. September eigene Essay-Serien konzipiert. ARD und ZDF übertrugen nicht nur mehrere Stunden die Trauerfeier von Ground Zero, sondern strahlten – wie auch Phoenix, N-tv und N24 – mehrteilige Dokumentationen und natürlich eine ganze Reihe von Talkshows aus, die sich mit dem Thema befassten.

Die private Konkurrenz ……

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