Editorial

Liebe Leserinnen, Liebe Leser
Michael HallerLutz Mükke

finden Sie es typisch für das Rechercheverständnis der Briten, wenn Journalisten der News of The World mit illegalen Methoden Handy-Gespräche mitgeschnitten, SMS-Nachrichten fingiert, Prostituierte für das Shooting schlüpfriger Bilder bezahlt und Politiker erpresst haben?

Oder glauben Sie, dass solche Recherche-Missbräuche auch anderswo anzutreffen sind? Wir haben bei investigativen Journalisten nachgefragt. Übrigens zeigen Erhebungen zum Berufsselbstverständnis, dass die Mehrheit der britischen Journalisten es angebracht findet, Informanten unter Druck zu setzen, Informationen auch ohne Zustimmung der Quelle zu publizieren und gegebenenfalls das Scheckbuch zu zücken. Vielleicht ist aus dieser Lust am Investigieren ein Zwang zum Skandalisieren geworden, weil man Auflage machen und Macht ausüben möchte: Motive, die selbst die meinungsoffenen Briten für unerträglich halten und – das ist neu – eine rechtliche Grenzziehung prüfen.

Gerade Krisensituationen machen deutlich, wie unterschiedlich die Journalismuskulturen in Europa weiterhin sind. Der Beitrag von Svein Brurås belegt dies eindrucksvoll: Während und nach dem fürchterlichen Massaker an Jugendlichen auf Utøya bei Oslo respektierte die norwegische Presse die Persönlichkeitsrechte, begrenzte den Nachspüreifer und folgte in Bezug auf die Betroffenen hohen ethischen Standards).

Recherche: In Deutschland entstand vor zehn Jahren das Netzwerk Recherche mit der Absicht, »Qualitätstreiber« des rechercheschwachen deutschen Journalismus zu sein. Thomas Leif war spiritus rector des Netzwerks und während zehn Jahren ein erster Vorsitzender, der das Profil der Vereinigung prägte wie kein anderer. Im Message-Gespräch hält er Rückschau auf zehn Jahre, während derer sich der Journalismus radikal verändert, aber auch die Geltung des Handwerks Recherche zugenommen hat. Und vielleicht auch die Eitelkeit der journalistischen Alpha-Tiere.

Zur Diskussion über die Bedeutung der Recherche gehört auch die Praxis. Wie die aussehen kann, zeigen zwei Recherche-Protokolle. Zum einen die Arbeit der Pulitzerpreisträgerin Paige St. John: Sie berichtet, wie sie in ihrer Lokalzeitung in Florida im Laufe einer dreijährigen Arbeit im großen Stil durchgezogene Betrügereien der Versicherungsindustrie enthüllte. Und zum andern der Bericht von Sam Roe von der Chicago Tribune. Er und ein Kollege klärten mysteriöse Todesfälle in einem Heim für schwerbehinderte Kinder auf. Fazit beider Protokolle: Gute Recherche braucht Methode, Köpfchen und Hartnäckigkeit, zusammengefasst: Leidenschaft.

Dass Sie auch die übrigen Analysen und Berichte dieser Ausgabe mit Gewinn lesen, dies wünschen sich Ihre Message-Herausgeber

Michael Haller

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