Medienethik
Bewährungsprobe im Terrorchaos

Norwegens Medien pflegen hohe ethische Standards. Bei der Berichterstattung über die Anschläge von Anders Behring Breivik wurden diese in vieler Hinsicht herausgefordert.

von Svein Brurås

Die norwegische Presse genießt den Ruf, im Vergleich zu vielen anderen Ländern ziemlich hohe ethische Standards einzuhalten. Die Nachrichtenmedien sind eher zurückhaltend, wenn es darum geht, Opfer von Unfällen oder Verbrechen aufzusuchen, zu interviewen oder zu fotografieren. Normalerweise halten sie Distanz zu Überlebenden oder Angehörigen, die nicht an die Öffentlichkeit gehen wollen. Sie zeigen auch keine Fotos von Toten oder Schwerverletzten am Unfall- oder Tatort. Die Medien veröffentlichen keine Namen oder Bilder von Personen, die eines Verbrechens verdächtigt oder angeklagt werden, es sei denn, es handelt sich um Prominente. Diese ethischen Regeln werden von den norwegischen Nachrichtenmedien weitgehend beachtet, und der Presserat – von der Presse selbst eingesetzt, um Beschwerden gegen die Medien nachzugehen – hat sich Autorität und Respekt verschafft.

Viel Lob für die Medien

Die Terrorattacken in Oslo und Utøya am 22. Juli dieses Jahres wurden zur Herausforderung für die Normen der Medienethik, denn sie übertrafen alles, was die norwegischen Medien jemals zuvor erlebt hatten. An einem ruhigen, sommerlichen Freitagnachmittag geschah ein Drama, das sich niemand hatte vorstellen können. Für die Nachrichtenmedien war die Lage chaotisch, komplex und anstrengend. Die norwegischen Medien haben viel Lob für ihre Berichterstattung über den 22. Juli bekommen, allerdings nicht ungeteilt. Überlebende und Angehörige von Opfern haben einige Aspekte der Medienberichterstattung kritisiert. Auch innerhalb der Presse gab es unterschiedliche Meinungen und eine recht intensive Debatte darüber, ob es den Medien gelungen ist, die hohen ethischen Standards in dieser Extremsituation zu halten.

Gerüchte und Spekulationen

In den Osloer Redaktionen konnte man die Explosion vor dem Regierungsgebäude um 15.26 Uhr hören. Die größte Zeitung Norwegens, Verdens Gang (VG), war sogar direkt von der Detonation betroffen: Fensterscheiben zer­brachen, die Mit­arbeiter mussten das Gebäude verlassen. Alle großen Nachrichtenmedien schickten sofort ihre Reporter auf die Straßen, um die Ereig­nisse zu verfolgen. Sie sahen enorme Schäden an Gebäuden, Staub und Glasscherben überall, und Menschen, die unter Schock umherrannten. Die Reporter machten Fotos von den Verletzten, die auf die Straße strömten und auf dem Bürgersteig medizinisch versorgt wurden, und auch von Toten – Bilder, die für norwegische Pressefotografen normalerweise tabu sind.

Die Berichterstattung basierte in den ersten Stunden auf Beobachtungen und Aussagen von Augenzeugen. Gerüchte und Spekulationen blühten, nicht zuletzt in den sozialen Netzwerken. Für die Nachrichtenmedien war die Situation schwierig: Sie mussten dem immensen Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit nachkommen; gleichzeitig mussten sie sichergehen, keine falsche Information zu verbreiten.

Im Rückblick können wir bestätigen, dass die norwegischen Medien im Großen und Ganzen tatsächlich sachlich korrekte Information lieferten, obwohl auch einige Fehlinformationen veröffentlicht wurden. Es scheint, dass die Journalisten ihre kritische Haltung gegenüber Quellen nicht aufgaben. Wir stellten auch fest, dass Fehlinformationen häufiger und über einen längeren Zeitraum in ausländischen Medien auftauchten, vor allem in amerikanischen.

Es wurden jedoch kritikwürdige Spekulationen darüber präsentiert, wer hinter dem Bombenanschlag stecken könnte. Mehrmals wurde in den ersten Stunden auf islamistische Gruppen verwiesen, was auch von Terrorismusexperten unterstützt wurde, die sofort in die Fernsehstudios gerufen wurden. Diese Experten warfen später den Medien vor, sie zu spekulativen Aussagen gedrängt zu haben, bevor es dafür eine Basis gab.

TV-Hubschrauber über Utøya

Während die Lage im Zentrum von Oslo weiter ungeklärt war, trafen erschreckende Nachrichten von der kleinen Insel Utøya ein. Teilnehmer des Jugendlagers auf Utøya sendeten dramatische Tweets und Telefonnachrichten an ihre Familien, in denen von einer Schießerei auf der Insel die Rede war. Die Nachrichten wurden per Facebook und Twitter weiterverbreitet und erreichten bald auch die Nachrichtenmedien.

Die Polizei war nicht in der Lage, irgendetwas von dem zu kommentieren oder zu bestätigen, was auf Utøya passierte. Daraufhin begannen Journalisten, Jugendliche auf der Insel anzurufen, noch während dort geschossen wurde. Das ist stark kritisiert worden, weil die jungen Leute auf Utøya zu der Zeit versuchten, sich vor dem mit der Waffe umherlaufenden Mörder zu verstecken. Einige, aber nicht alle, hatten ihre Mobiltelefone ausgeschaltet. Kritik richtete sich auch gegen den öffentlich-rechtlichen NRK, den größten Fernsehsender Norwegens, der zu dem Zeitpunkt einen Hubschrauber über Utøya kreisen ließ und versuchte, Gruppen von Jugendlichen zu filmen. Das erhöhte nach deren Aussage das Risiko, von dem Terroristen entdeckt zu werden. Die Medien hätten freilich niemals den Hubschrauber eingesetzt oder nach Utøya telefoniert, wenn sie sich des Risikos und der Konsequenzen bewusst gewesen wären …

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