Politiksprache In Den Medien
»Frau Merkel will bündeln«

Sind Politik-Journalisten nur Transporteure vonWorthülsen? Wo ist ihre Gegenmacht, die Kraft der Recherche,geblieben? Ein klärendes Gespräch überAuthentizität, Wahrhaftigkeit und Klarheit

von Indra Kley

Thomas Leif: HerrMeyer, Joachim Gauck hat in den zurückliegenden Monaten fast einenHeiligenstatus bekommen, nur weil er gut spricht. Haben Sie dasverstanden?

Frank A. Meyer: Ja, ichhabe das verstanden. Er spricht einfach, wie man spricht. Und damit istdie fundamentale Kritik an der Politik schon gemacht: Man spricht danicht, wie man spricht. Man spricht auch unter Journalisten nicht mehr,wie man spricht. Es gibt diesen Politiksprech, der noch übersetztwerden muss. Viele Kollegen haben damit Mühe. Daher waren siedankbar, dass Gauck das sozusagen von sich aus tat.

Leif: Also Sie sehen da keineüberragende rhetorische Großtat von Gauck? Der Konsens imFeuilleton war ja: »Da spricht jemand grandios. Endlich ist diepolitische Rede neu erfunden.«

Meyer: Nein. Das Normaleist grandios. Und Gauck hat normal gesprochen und die Dinge beim Namengenannt. Er spricht einfach so, er ist so sozialisiert. Ich habe ihneinmal im Interview mit zwei Kollegen gesehen: Die wollten ihn mitihrem Berliner Politiksprech in die Enge treiben, und es war nurpeinlich, wie die zwei sich an dieser authentischen Persönlichkeitabmühten.

Bunte Republik« wurde gesteckt

Leif: Kai Gniffke, wie haben Sie das beob­achtet? Was ist das Besondere an ihm?

Kai Gniffke: Wir hatten dasGlück, an dieser Stelle die Stärke des Fernsehens ausspielenzu können. Die Zeitungen können schreiben, was jemand sagt,und wir können zeigen, wie er es sagt. Und das ist, glaube ich,was ihn unterschieden hat. Die Leute haben ihm schlicht und ergreifendgeglaubt – auch und gerade aufgrund seiner Gesten, seiner Mimik.

Das können Kommunikationsberater niemandem zurechtlegen. Eskommt darauf an, wie jemand etwas rüberbringt. Gauck ist esgelungen, authentisch zu sein. Man glaubt ihm einfach. Da ist gar nichtso wichtig, was er sagt.

Leif: Tobias Korenke, Sie sindHistoriker, waren früher auf der anderen Seite, sind heutePublizist. Sie waren früher quasi der Erfinder von Sprachbildernfür Politiker, für sprachlose Menschen, fürIndustrielle. Warum haben wir bei Gauck so eine Manie entwickelt?

Tobias Korenke: Ichweiß nicht, ob es wirklich eine Manie war. Die Medien haben inder Tat eine interessante Rolle gespielt. Man konnte den Eindruckgewinnen, dass es Thomas Schmid – der Herausgeber der WELT-Gruppe– war, der Gauck ge- und »erfunden« hat. DieSpringer-Medien, auch die Bild, waren zunächst die Wortführerder Pro-Gauck-Stimmung. Erst etwas später begannen die meistenanderen führenden politischen Journalisten Gauck zuunterstützen. Nur zum Teil kann ich mir das mit der Sehnsucht nacheiner politischen Persönlichkeit erklären, die in der Lageist, einen Satz mit Subjekt, Prädikat und sogar einem Objekt zuformulieren und dabei auch noch authentisch ist.

Die mediale Begeisterung für Gauck hatte gewiss noch einen anderenGrund: Er hat wirklich etwas zu sagen. Wenn man sich dieprogrammatische Rede anhört, die er am 22. Juni im DeutschenTheater in Berlin gehalten hat, wenn man erlebt, wie er sich mit demFreiheitsbegriff auseinandersetzt, wird deutlich, dass es ihm ernst istmit dem, was er sagt. Deshalb nimmt man ihn auch ernst. SeineBotschaften, insbesondere zur Freiheit, sind echt. Meine Vermutung ist,dass hier der Grund für die Euphorie eines Thomas Schmid liegt.Der ehemalige 68er-Aktivist hat in den vergangenen Jahren in durchausselbstkritischer Rückschau die Bedeutung der Freiheit erkannt undpostuliert. Gauck hat für sie gekämpft. Authentizitätaus Erfahrung, das ist es. Im Vergleich dazu wirkt die Antrittsrede desneuen Bundespräsidenten über die »bunte Republik«wenig authentisch. Sie wurde ganz offenbar für Christian Wulffgeschrieben – und das hat man deutlich gemerkt.

Meyer: Schon der Begriff»bunte Republik« wurde gesteckt, da bin ich mir sicher. Dersoll »laufen«. Den sollen wir jetzt mal sechs Monate langgebrauchen.

Leif: Was genau ist der Unterschied in den rhetorischen Auftritten und Sprach­benutzungen von Gauck und Wulff?

Korenke: Authentizitätund Glaubwür­dig­keit. Gaucks Wortwahl, die frei ist vonHülsen und Füllseln, drückt aus, wie ernst ihm seinezentrale Botschaft, die Freiheitsvision, ist. Das hat geradezu einekörperliche Dimension. Er hat Einschneidendes im Kampf fürdie Freiheit in der DDR erlebt. Daraus speist sich seine zentrale,starke Botschaft. Die möchte er weitergeben. Dagegen ist die»bunte Republik Deutschland« wahrscheinlich von solchenLeuten wie mir und Ihnen erfunden wurden. »Sei locker! Sei offen!Zeige mit diesem Begriff, dass du dieses Land irgendwie, nicht zu sehr,aber doch ein bisschen multi-ethnisch voranbringenmöchtest.« Da ist Wulff »sprechfähig«gemacht worden.

Es kommt auf Ihren Geldbeutel an

Leif: HerrWeber, wenn Sie Gauck bei Pleon »erfunden« hätten,wäre das ein großer Inszenierungserfolg gewesen? HättenSie einen Typen wie Gauck formen können?

Axel Weber: Nein, jemandenwie Gauck kann man nicht »machen«. Aus Sicht desKommunikationsberaters ergibt sich folgendes Bild: Gauck reflektiertGesprächsinhalte und übersetzt sie, um Dinge dann in seinerSprache sagen zu können. Das ist nicht das Alltagsgeschäftder Politik. Dort werden Begriffsideen für Politiker entwickeltund in einer Beratungsleistung der Politik vorgelegt. Da wird dannnatürlich noch dreimal gewaschen und rundgelutscht – damitdas Bonbon auch gut passt.

Leif:Ihr Job ist es ja, sprachlichen Analpha­beten aus der Politik oderWirtschaft auszuhelfen. Was können Sie leisten mit Ihrem Know-how,mit Ihren Möglichkeiten?

Weber: Als Unternehmer sage ich: Es kommt auf Ihren Geldbeutel an.

Leif: Sagenwir: Unbeschränkt. Sie haben alle Möglich­keiten.Könnten Sie das Profil einer schwachen Persönlichkeitgrundlegend schärfen?

Weber: Sie können auskeinem Schwachen einen Starken machen. Sie können Medienkompetenzstärken, Reden schulen und die Kommunikationsfähigkeitverbessern. Das ist aber nicht der Punkt. Der Punkt ist, ob dieMenschen dann auch authentisch erscheinen, auch hinterWortschöpfungen stehen können. Da kann man helfen. Aber eswird nie ein Erfolg werden, wenn die Menschen nicht in der Lage sind,selbständig zu kommunizieren. Unser Geschäft ist nicht,für sie zu kommunizieren, sondern, ihnen Empfehlungen zu geben,wie sie es machen können.

Leif: Kommen wir zu einem weiteren Beispiel: Was ist das Besondere an Guttenberg?

Meyer: Zu Guttenberg istzunächst – mit meiner Distanz als Schweizer gesprochen– eine Erfindung der Medien. Man braucht Ersatz für denMarienkult um Frau Merkel, den …

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