Naher Osten
Die Strippenzieher

Ohne ortskundige Vermittler sind Recherchen in Israel und denpalästinensi­schen Gebieten kaum möglich. Doch auch dieseStringer sind Teil des Konflikts. Und können nicht neutralarbeiten.

von Joanna Itzek

Ramallah ist bekloppt schön: Salim* lehnt sich aus dem Fenster undpustet Kringel aus Zigarettenrauch durch die von der Abend­sonneweichgezeichnete Gegend. Vor seinem Büro sind Autofahrer undFußgänger in waghalsige Choreographien verstrickt,palästinensische Nachwuchs-Hiphopper schlängeln sich zwischenhupenden Fahrzeugen in Richtung Stars and Bucks Café, derlokalen Interpretation der US-Kaffeekette Starbucks. Ein Händlerbremst mit einer Holzkarre voller Erdbeeren einen Mercedes aus undlacht laut auf.

Dieser Abend macht einen sehr sympathischen Eindruck, bis Salim aufeinen am Straßenrand wartenden Mann zeigt: »Der Typ da, ichkenne den über einen Freund, der ist vom Geheimdienst. Der Kleinedaneben auch.« Dann fällt sein Blick auf drei weißeJeeps: »Siehst du die? Das ist die Präsidentengarde, sie isthier in den letzten fünfzehn Minuten schon drei Malvorbeigekommen. Machmud Abbas ist in Südkorea, was hat seinebewaffnete Garde hier verloren?« Und, wo er schon so schöndabei ist, Ramallah­romantikphantasien zu zerlegen: »Wieviele Leute mit Waffen zählst du?« Ich überschlagedrei, Salim zeigt mir sieben.

Arbeit hinter den Kulissen

Während die Sicherheitskräfte der PalästinensischenAutonomiebehörde sich in Stellung bringen, gibt Salim gerade eineKostprobe dessen, was er an ausländische Journalisten verkauft:Ortskenntnis, im weitesten Sinne. Er ist in Ramallah aufgewachsen,kennt hier jede Ecke, ist bestens verlinkt mit den Ministerien undHinterzimmer dieser Stadt und spricht neben dem Arabischenfließend Englisch.

Netzwerke sind das Kapital von Journalisten, vor allem inunübersichtlichen Krisen- und Kriegsregionen, und deshalb isteiner wie Salim für jeden ortsfremden Reporter Gold wert. Der30-jährige Palästinenser arbeitet seit fünf Jahren alsStringer für verschiedene Medien, darunter BBC, The Guardian undüberregionale deutsche Tageszeitungen.

Sein Name taucht unter keinem Text und in keinem Abspann auf. Dass erseinen Korrespondenten Interviewpartner und Zugänge vermittelt,für sie Themen sucht und recherchiert, Gerüchte prüft,übersetzt und Drehs organisiert, bleibt hinter den Kulissen derNachrichtenproduktion.

Rundum-Service für Journalisten

Deutsche Nahost-Berichterstattung findet kaum ohne Stringer statt:Nahezu alle deutschen Korrespondenten arbeiten mit lokalen Helfern anihrer Seite, und tun es damit ihren internationalen Kollegen gleich.Derzeit sind rund 400 ausländische Journalisten bei der ForeignPress Association (FPA), der Vereinigung der Auslandspresse in Israel,akkreditiert.

Auf die hohe Medienpräsenz hat man sich vor Ort eingestellt. Esist eine Szene lokaler journalistischer Angebote entstanden, wie sie inkeinem anderen Land in der Region auch nur annähernd existiert.Medienbüros wie das Jerusalemer Media Central, das mit privatenSpenden jüdischer Nordamerikaner finanziert wird, bieten Reporternfür wenig Geld mehrtägige, organisierte Recherchereisen querdurch Israel und das Westjordanland und stellen Arbeitsräumefür lau – Internet, Telefon und gemeinsamen Umtrunk zumWochenende inklusive.

Das palästinensische Äquivalent namens Jerusalem Media andCommunications Centre umgarnt Jour­na­listen mit Ton- undBildmaterial zu aktuellen Er­eignissen, einemÜbersetzungsdienst palästinensischer Presse und demsogenannten Pitch of the Day: einem täglichen Themenvorschlagfür Reporter, denen gerade nichts Eigenes einfällt.

Damit sind nur zwei der zahlreichen Büros und Lobbygruppengenannt. Sie üben sich in permanentem Einfordern medialerAufmerksamkeit für die eigenen Sichtweisen, es ist einständiges Ringen um Deutungshoheit in einem Konflikt, in dem diemeiste Zeit nichts eindeutig ist.

Arabisch sprechende Helfer

Allen voran hat sich vor Ort eine rege Zusammenarbeit zwischenKorrespondenten und Stringern entwickelt. Besonders in denpalästinensischen Gebieten kommen Stringer zum Einsatz, denn diewenigsten Korrespondenten sprechen Arabisch. Im Gaza-Krieg vor 20Monaten – Israel hatte die Journalisten aus dem Gaza-Streifenausgesperrt – stemmten die Stringer vor Ort eigenverantwortlichdie Berichterstattung und schufen Alternativen zu dem von derradikalislamischen Hamas und Israel gesteuerten PR-Konzert: Denn dieHamas lieferte den Jour­na­listen in erster Linie Bilderleidender Kinder und mit Verletzten über­füllterKranken­­häuser. Eigene Kampf­handlungen waren nichtzu sehen, nur die Folgen israelischer Bomben. Das israelischeMilitär zeigte dagegen auf einem eigens eingerichtetenYoutube-Kanal in steriler Manier Luftangriffe auf Waffentransporte,begleitet von Aussagenkaskaden unzähliger Sprecher verschiedenerRegierungsstellen.

Bruchstücke der Realität

Umso wichtiger war es für die internationalen Medien, eigeneStringer im Kriegsgebiet zu haben, die …

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