Internet-Manifest
Übermütige Utopisten – so einseitig wie die Bremser und Besitzstandswahrer


Zehn Jahre nach dem »Cluetrain-Manifest« enthält das »Internet-Manifest« nichts Neues. Ein Manifest sollte programmatisch nach vorne weisen. Das hätte dieses Manifest getan, wenn es im letzten Jahrtausend erschienen wäre. Dann wäre es bemerkenswert gewesen, von Journalisten und Medienunternehmen mehr Dialog oder die »Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten« zu fordern.

von Klaus Meier

Es ist bezeichnend, wenn 2009 einige kluge Köpfe des Online-Journalismus in 17 Thesen zur Frage »Wie Journalismus heute funktioniert« so tun, als ob die großen Fragen des digitalen Zeitalters mit undifferenzierten »Behauptungen« beantwortet werden könnten. Und wenn sie dabei faktisch übertreiben. Es stimmt eben (noch?) nicht, dass »für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt« Social Networks, Wikipedia oder YouTube zum Alltag gehören oder dass es so wahnsinnig viele Beispiele dafür gibt, mit journalistischen Inhalten im Internet Geld zu verdienen.

Den dicken Hals abreagiert

Man muss den Autoren zugute halten, dass sie eigentlich kein Manifest schreiben wollten, sondern ihren dicken Hals abreagieren. Ihre veröffentlichten Gedanken sind ein Reflex auf den »Heidelberger Appell«, die »Hamburger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums« und andere ähnlich einseitige Stellungnahmen von Verbänden und Lobbyisten, die sich in den letzten Monaten häuften und die ihr Heil darin sehen, auf Google einzuprügeln oder ihre alten Geschäftsmodelle in Blei – also in Gesetze – zu gießen. Auch das ist bezeichnend.

Evolution statt Revolution
Das Internet wirft mehr Fragen auf, als wir zurzeit beantworten können. Das ist die eigentliche Botschaft dieser Debatte: Journalismus im Internet macht keine revolutionären Sprünge. Vieles entwickelt sich evolutionär; viele Menschen werden mit Freude und Kreativität Neues entwickeln – aber nicht von heute auf morgen alles verändern. Die Bremser und Besitzstandswahrer agieren genauso einseitig wie übermütige Utopisten. Deshalb erscheinen uns die Textsorten »Appell«, »Erklärung« oder »Manifest« hier so enttäuschend.

Die Thesen des »Internet-Manifests« (und andere zum digitalen Journalismus) konnten wir schon 1999 lesen – und wir werden sie wohl auch im Jahr 2019 noch lesen müssen.

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