Internet-Manifest
Dokument der schlechten Laune

Die Elite der deutschen Web-Journalisten hat Thesen zum Journalis-mus im Internet verabschiedet. Trotz großer Schwächen könnten sie Sprungbrett sein für Überlegungen zur Zukunft des Journalismus.

von Christoph Neuberger

Wagenburg-Mentalität oder barrierefreie Vernetzung? Auf diesen Nenner lässt sich der Konflikt über die Neudefinition des Journalismus im Internet bringen, der zurzeit zwischen Verlegern und »Netizens«, den Bürgern des Internet, ausgetragen wird. Die in Deutschland angestoßene Debatte findet mittlerweile auch international Beachtung.

Im Juni wandten sich zunächst Verleger in der »Hamburger Erklärung« gegen »raubkopierte« Texte im Internet und forderten ein Leistungsschutzrecht für Verlage. Helmut Heinen, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), kritisierte den »Content-Klau« im Internet.

Anfang September zog eine Gruppe von 15 Journalisten nach: Ihr »Internet-Manifest« soll eine »Klarstellung« sein, nachdem »in letzter Zeit doch viel Halbrichtiges über das Internet gesagt worden ist«: Sie bestätigen zwar, dass das Urheberrecht »ein zentraler Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet« ist, warnen aber davor, es als »Hebel« zu missbrauchen, um »überholte Distributionsmechanismen abzusichern«. Sie betonen die »offene Architektur« des Internets und die wichtige Rolle, die Links, Zitate und Nachrichtenaggregatoren darin spielen.

Texte nicht mehr in Stein gemeißelt?

In dem Streit geht es letztlich um eine fundamentale Frage: Beschränken sich Redaktionen nach wie vor auf das eigene Angebot, und schotten sie sich durch eine Mauer von ihrer Umwelt ab? Oder versucht der Journalismus, sich zu vernetzen, indem er aufgreift, was anderswo geschrieben steht, und indem er bereitwillig zur Verfügung stellt, was er selbst geschaffen hat? Besteht die journalistische Leistung weiterhin in fertigen, quasi »in Stein gemeißelten« Texten? Dann genügt die Mehrfachverwertung von Presseartikeln. Oder werden Texte im Internet dynamisch, weil sie fortlaufend aktualisiert und korrigiert werden, und werden sie zu gemeinschaftlichen Werken, weil die Leser mitrecherchieren und ihre Kommentare ergänzen?

Gegenverkehr auf der Einbahnstraße

Dass journalistische Artikel so weit geschützt werden müssen, dass auch die ausschnitthafte Wiedergabe zum Beispiel in Google News verhindert wird, entspricht dem herkömmlichen Denken im Journalismus: der Einbahnstraßen-Kommunikation in Presse und Rundfunk. In einem neuen Modell könnte der Journalismus die Rolle eines Moderators der gesellschaftlichen Selbstverständigung übernehmen: Er könnte einen webweiten Informationskreislauf in Gang setzen, indem er Themen aufgreift und die Aufmerksamkeit darauf fokussiert; er würde Debatten anstoßen, moderieren und dokumentieren; so würde er zum zentralen Knoten im großen Internet. Nach diesem Journalismusverständnis ist die externe Vernetzung in Gestalt von Links, Zitaten und Paraphrasen unerlässlich, um die Bezüge zu verdeutlichen, genauso sind Aggregatoren notwendig, um den Überblick zu behalten.

Man hätte sich gewünscht, dass ein solches Alternativmodell des Journalismus im Manifest konturiert wird – dafür aber bleiben die Hinweise zu vage. Vielleicht liegt es auch an der Textsorte: Das 17-Punkte-Programm verbreitet nicht gerade visionären Elan, oft verliert es sich im Allgemeinen. In These 1 heißt es über »die Medien«: »Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.« Dieser Aussage wird zwar niemand seine Zustimmung verweigern, doch wird sie in einem Tonfall vorgetragen, als ob sich Qualität befehlen ließe.

Dabei fällt es doch vor allem schwer, im Internet, dessen technisches Potenzial dem Journalismus so fantastische Möglichkeiten bietet, ein geeignetes Geschäftsmodell zu finden. Es fehlen allerdings stichhaltige Belege dafür, dass der Kern des Problems Nachrichtenaggregatoren sind, weil sich User mit den »Snippets« zufrieden geben. Im Gegenteil: Viele journalistische Websites profitieren vom Traffic, den sie darüber erhalten.

Dies wird im Manifest nicht zurechtgerückt. Es wäre aufschlussreich gewesen, wenn sich die Verfasser nicht nur mit den »technischen Realitäten« des Netzes, sondern auch mit dessen ökonomischen Realitäten auseinandergesetzt hätten: Wie lassen sich die Handlungsspielräume des professionellen Journalismus erweitern? In These 12 wird die Krise, auf die der Journalismus zusteuert, recht lapidar abgehandelt: »Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele.« Und in These 14 gibt es noch den Ratschlag: »Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden.«

Das Scheitern vieler Versuche, Nutzergebühren einzuführen, bleibt im Manifest ebenso unkommentiert wie der Umstand, dass es im Internet nicht mehr zwingend einer Redaktion bedarf, die ein attraktives Umfeld für Werbung schafft: Suchmaschinen, »User Generated Content« oder Jobbörsen kommen ohne sie aus. Wo also sollen die Erlösquellen sprudeln?

Schleusenwärter statt Schlüsselloch

Das Manifest weckt hohe Erwartungen: Immerhin ist es die erste Garde des neuen Journalismus in Deutschland, die sich darin zu Wort meldet, darunter Stefan Niggemeier, Mario Sixtus, Mercedes Bunz, Thomas Knüwer, Robin Meyer-Lucht und Kathrin Passig. Sicherlich, es enthält viele zutreffende Beobachtungen über das Internet, denen es allerdings im Jahr 2009 an Neuigkeitswert mangelt. In These 2 heißt es: »Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt – zum Glück.« Sieht man einmal davon ab, dass der Satz sprachlich verunglückt ist, bleibt immer noch die Frage, worin die »Schlüssellochfunktion« des Journalismus bestehen soll. Vermutlich ist seine Rolle als »Gatekeeper« gemeint, also jene als Schleusenwärter. Stattdessen soll der Internetjournalismus dialogfähig sein, die Nutzer zu Wort kommen lassen, er soll sich der Dynamik des Netzes anpassen und sich verlinken.

Joshua Quittner reloaded

14 Jahre sind vergangen, seitdem Joshua Quittner in seinem berühmten »Hotwired«-Text »Way New Journalism« die Vision eines ganz anderen Journalismus im Internet entwickelt hat. Es lohnt sich, Quittners Text noch einmal auf den Bildschirm zu holen: Er nennt nicht nur die Werkzeuge, die das Netz zur Verfügung stellt, sondern beschreibt auch deren möglichen Gebrauch: Multimedialität, Vertiefung, Dynamik der Texte, Journalismus als Gespräch, Publikumskritik, die Bedeutung von Amateuren – all das findet sich dort bereits. Seither ist viel Zeit für den Realitätstest gewesen, zu dem er damals aufgefordert hat. Das Manifest lässt wenig davon erkennen, dass der Erfahrungsschatz seither größer geworden ist.

Dass es anders ist, haben die Manifest-Verfasser selbst längst eindrucksvoll bewiesen: Der »Elektrische Reporter« (Sixtus, Endert), »Sixtus vs. Lobo«, das »Bildblog« (Niggemeier), »Carta« (Meyer-Lucht) und die »Riesenmaschine« (Passig) sind hervorragende Beispiele dafür, wie das Internet den Journalismus bereichern kann. In These 15 heißt es: »Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene.« Ob dieser Satz eine Gegenwartsbeschreibung, Prognose oder Forderung sein soll, ist unklar.

Im Internet bildet sich ein neuartiges Zusammenspiel aus professionellem Journalismus, Laienkommu-nikation und technischen Hilfsmitteln heraus. Dabei erscheint eine komplementäre Beziehung derzeit plausibler als ein Konkurrenzverhältnis. Hier sind die Autoren des Manifests aber anderer Auffassung: Was bisher »unzulängliche Technologie« verhindert habe und zum Beispiel von Medienhäusern erledigt werden musste, werde im Internet durch »individuelle Nachrichtenfilter« und »Suchmaschinen« erledigt – Technik ersetzt also den Menschen: »Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.« These 5 enthält drei problematische Annahmen: Filter und Suchmaschinen finden die relevanten Informationen, können ihre Qualität beurteilen – und im Internet sind auch jene Informationen vorhanden, nach denen gesucht wird.

In These 10 wird verlangt, dass neben den Profis auch Amateure in den Genuss der journalistischen Rechte kommen sollten: »Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgabe beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.« Wo hier eine Grenze gezogen werden soll, bleibt offen (jeder Blogger ein Journalist?); dabei soll bereits die bloße Fähigkeit (»beitragen kann«) ausreichen, um als »Journalist« anerkannt zu werden. Von der anderen Seite der Medaille, nämlich von den journalistischen Pflichten, ist an dieser Stelle keine Rede: Sorgfaltspflicht, Impressumspflicht, Gegendarstellungsrecht, Trennung von redaktionellem Teil und Werbung und so weiter. Schon eine Selbstverpflichtung auf solche journalistischen Standards ist in der »Blogosphäre« bisher nicht einmal ansatzweise gelungen. Und ist dies überhaupt wünschenswert?

Journalismus bis jetzt nicht ersetzbar

Keine Frage: Das Internet bietet dem Journalismus viele Möglichkeiten, seine Leistung zu verbessern. Darüber darf aber nicht in Vergessenheit geraten, was den Journalismus im Kern ausmacht, und zwar ganz unabhängig vom Medium: eine zeitlich aktuelle, neutrale, thematisch universelle und in weiten Teilen selbst recherchierte Berichterstattung, bei der bereits vor der Veröffentlichung sämtliche Informationen gründlich geprüft worden sind. Sie kann – bei aller berechtigter Kritik an seinen Schwächen – bisher nur der professionelle Journalismus mit seinen eingespielten Nachrichtenorganisationen bieten. Jedenfalls bis auf weiteres.

Die auf Freiwilligkeit und Offenheit basierende Laienkommunikation führt zu Lücken im Nachrichtenangebot und erheblichen Qualitätsschwankungen. Ein Manko des »partizipativen Journalismus« ist zum Beispiel die kurze Zeitspanne, die für Themensuche, Recherche und Präsentation zur Verfügung steht: Im Unterschied zur Wikipedia, in der Beiträge zu Stichwörtern über Monate und Jahre hinweg bearbeitet und verbessert werden können, verlieren journalistische Beiträge sehr schnell an Relevanz.

Virtuose Grenzgänger fehlen

Das »Internet-Manifest« könnte zum Ausgangspunkt einer intensiveren Debatte über den Journalismus werden, in der die angerissenen Fragen vertieft werden. Hier hat das deutsche Internet einen Nachholbedarf. Im Unterschied zu den USA gibt es hierzulande keine virtuosen Grenzgänger wie Chris Anderson (»Long Tail«, »Free«), Howard Rheingold (»Virtual Community«), Jeff Howe (»Crowdsourcing«), Cass R. Sunstein (»Infotopia«), Jeff Jarvis und Clay Shirky, die Erfahrungen aus erster Hand und wissenschaftlich Fundiertes nutzen, um neue Ideen in ihren Büchern zu lancieren. Ihnen gelingt es auch, gesellschaftlich Wünschenswertes und harte ökonomische Tatsachen zusammenzudenken.

Und: Sie verbreiten Optimismus und Entdeckergeist. Dagegen ist das Manifest zum Internetjournalismus ein Dokument der schlechten Laune.

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