Ostalgie
Die Bedrohung aus der Vergangenheit

Im Wende-Jubiläumsjahr kommt das Schreckgespenst der Ostalgie zurück. Die Medien fordern mehr Aufklärung – doch dadurch würde sich das Problem eher verschärfen, meint unser Autor.

von Hans-jörg Stiehler

60 Jahre Bundesrepublik, 20 Jahre Mauerfall und Ende der DDR: So viel Geschichte wie in diesem Jahr war selten in den Medien. Typisch für Jahrestage sind Bilanzen, da sich mit ihrer Hilfe eine Gesellschaft ihrer selbst vergewissert. Ostdeutsche Bilanzen stehen auf einem besonderen Prüfstand, aufgrund der besonderen politischen Konstellationen und sozialen Lagen.

Glaubt man den Medien, muss man sich ernsthafte Sorgen um die Ostdeutschen machen. »Heimweh nach der DDR. Die Verklärung der DDR erreicht einen neuen Höhepunkt«, schreibt der Spiegel am 29.6.2009. Am Samstag davor hieß es in den Tageszeitungen: »Ostdeutsche verklären die DDR« (Stuttgarter Zeitung, 27./28.6.2009), »Osten blickt milde auf DDR« (Mitteldeutsche Zeitung), »Positives DDR-Bild im Osten« (Süddeutsche Zeitung). Etwas schärfer und ironischer die Junge Welt: »Umerziehung im Osten gescheitert«. Was war passiert?

Widerstand gegen offiziellen Diskurs

Tags zuvor hatte Wolfgang Tiefensee, Bundesverkehrsminister und Beauftragter für die neuen Länder, eine Studie vorgestellt, die im Auftrag seines Ministeriums von dem Historiker Stefan Wolle erarbeitet worden war: »Rückblicke und Ausblicke. 20 Jahre nach der Friedlichen Revolution in der DDR«. Teil dieser Studie war eine Emnid-Befragung vom April 2009 zu »privaten« Vereinigungsbilanzen und zu Rückblicken auf die DDR.

Diese Bilanzen der Ostdeutschen fallen eigentlich differenziert aus. Addiert man die Antworten etwas anders als in den Medien geschehen, kann gesagt werden: Zwar schließen sich 92 Prozent der ostdeutschen Befragten dem Satz »Es war nicht alles schlecht in der DDR« an (der es mittlerweile zu einem ironischen Kommentar auf alles Mögliche gebracht hat), aber genauso viele sagen »Es war eben nicht alles gut«. In der Studie selbst sind es 81 Prozent, die mit unterschiedlichen Gewichtungen gute und schlechte Seiten der DDR sahen. Wenn man will, kann man das Widerständigkeit gegen den offiziellen und öffentlichen Diskurs über die DDR nennen.

Von der Demokratie enttäuscht

Ein schwerwiegender Befund wird nur am Rande erwähnt: Nur 37 Prozent sehen ihre Hoffnungen auf demokratische Teilhabe als verwirklicht an. Wer sich mit sinkender Wahlbeteiligung beschäftigt oder mit den regelmäßig erscheinenden Daten zur Demokratiezufriedenheit (zum Beispiel im zweijährlich erscheinenden Datenreport des Statistischen Bundesamtes), der konnte nicht sonderlich überrascht sein.

Stefan Wolle, Mitarbeiter im Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin und wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums Berlin, hatte die undankbare Aufgabe, diese »ostalgischen Tendenzen« der Meinungsumfrage mit dem historischen Verdikt über die DDR und den Erfolgen des Aufbaus Ost in Einklang zu bringen: »Trotz der positiven Bewertung der friedlichen Revolution will man das Leben in der DDR von dem heute dominierenden historischen Negativurteil wenigstens teilweise ausklammern. Es geht vielen Menschen offenbar gar nicht mehr um ein analytisches Urteil über politische Strukturen und um die historischen Zusammenhänge. Es geht um den Wert der eigenen Biografie.«

Ist das nun wirklich die berüchtigte, unausrottbare Ostalgie? Viele Blätter zitierten jedenfalls im selben Atemzug die Forderung Tiefensees nach »mehr Aufklärung über die deutsch-deutsche Geschichte«, in Kommentaren wurden mit erhobenem Zeigefinger Gegenmaßnahmen gefordert: »Eltern sind in der Pflicht, ihren Kindern neben den vielen positiven Alltagserfahrungen auch von den Repressionen des Regimes zu berichten«, damit diese »hoffentlich ankommen im wiedervereinigten Deutschland« (Leipziger Volkszeitung, 27./28.6.2009). Schließlich werde es »noch eine Weile dauern, bis die DDR des gutmenschlichen Mantels beraubt ist, der sie noch umgibt, und sie als das gilt, was sie war: eine ungute Episode der europäischen Geschichte« (Welt, 27./28.6.2009).

Nur wenige Blätter haben sich aber mit dem Kleingedruckten der Umfrage beschäftigt. Fraglich ist etwa, ob ein kurzes Telefoninterview geeignet ist, tiefgründige Bilanzen zu ermitteln; ob für deutsch-deutsche Vergleiche eine Stichprobe von 1.208 Personen ausreichend und wie groß dann die Fehlermargen der Befunde sind. Unhinterfragt bleibt auch, ob die Formulierung »Es gab ein paar Probleme, aber man konnte dort leben« dasselbe aussagt wie »Die DDR hatte mehr gute als schlechte Seiten« (wie viele Seiten hatte sie eigentlich?). Auch wollte keiner der Journalisten genauer wissen, ob etwa Junge oder Alte, Einheitsgewinner oder Einheitsverlierer, Anhänger der verschiedenen Parteien sich in ihrem Bild von der DDR unterscheiden.

Verklärung ist notwendig

Will man diese subjektiven Bilanzen verstehen, ist …

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