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Die Absahner von Long Island

Eine Lokalzeitung im Bundesstaat New York enthüllte, wie während drei Jahrzehnten Anwälte, Staatsdiener und Schulleiter die Kassen der Distrikte plünderten. Eine Story mit Sprengkraft.

von Sandra Peddie

Im Jahr 1978 bat ein Rechtsanwalt, der als Berater für einen kleinen Schuldistrikt auf Long Island tätig war, den für diesen Distrikt zuständigen gewählten Bildungsrat, ihn auf die Gehaltsliste zu setzen. Ohne groß zu überlegen, willigten die Ratsmitglieder ein. Infolge dieser Entscheidung nahm er über die Jahre Anwaltshonorare in vielfacher Millionenhöhe ein; zudem erwarb er Anspruch auf eine jährliche Rente in Höhe von 62.000 Dollar aus öffentlichen Mitteln und auf lebenslange kostenlose Gesundheitsfürsorge.

Obwohl private Berater keinen Anspruch auf staatliche Leistungen haben, versicherte er dem Gremium, dass dieses Prozedere völlig legal und gängige Praxis sei. Weil er als Rechtsberater des Bildungsrates fungierte, akzeptierten dessen Mitglieder – Ehrenamtliche aus der Gemeinde – seine Auskunft unhinterfragt. »Es war keine große Sache«, erinnert sich Lorraine Deller, die damals dem Rat angehörte.

Die Ratsmitglieder ahnten nicht, dass sie mit ihrer scheinbar unverfänglichen Entscheidung einem Skandal den Weg bereiteten, der dreißig Jahre später mit einem riesigen Knall aufflog und eine Kettenreaktion auslöste: Enthüllungsberichte, Ermittlungen der Bundes- und Staatsbehörden, grundlegende Reformen in der Rentengesetzgebung, die Rückerstattung von mehr als 4,3 Millionen Dollar in die Staatskasse und die Einsparung von zusätzlichen 10 Millionen Dollar aus illegalen Ruhegeldern, die nicht mehr weiter gezahlt wurden.

Die Geschichte traf einen empfindlichen Nerv in den Vereinigten Staaten, weil hier die Kluft zwischen Sozialleistungen im öffentlichen und im privaten Sektor immer breiter wird. Mit zunehmender Rezession haben private Unternehmen Betriebsrenten gestrichen und ihren Angestellten mehr Geld für deren Krankenversicherungen abgezogen. Renten- und Gesundheitsleistungen für Angestellte im öffentlichen Dienst blieben unterdessen größtenteils unangetastet. Und bei den Steuerzahlern in den USA wächst der Ärger darüber, dass ihre Abgaben in Leistungen fließen, die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes zugute kommen, für die meisten Steuerzahler aber unerreichbar sind.

Die Geschichte war maßgeschneidert für eine Zeitung. Am Jahresende 2008 hatte Newsday fast hundert Berichte, Kolumnen und Leitartikel veröffentlicht – ein beharrliches Engagement, das sich selten in Radio, Fernsehen oder Internet findet. Empörte Leser schalteten sich aktiv in das Geschehen ein und brachten durch Hinweise die Berichterstattung immer mehr in Schwung. Die Geschichte verbreitete sich über den ganzen Staat New York bis in andere Teile des Landes. Es war eine aufregende und aufreibende Arbeit, die zugleich aber auch ins Bewusstsein rief, dass Zeitungen im amerikanischen Journalismus eine einzigartige Nische besetzen.

Kleine Distrikte, große Ausgaben

Das Ganze begann mit dem Tipp eines entrüsteten Lesers. Ich hatte zuvor Reportagen über den Missbrauch von Steuergeldern in Sonderdistrikten (sogenannten »Special Districts«) geschrieben. Sonderdistrikte sind winzige Verwaltungseinheiten, die in bestimmten Gegenden der USA für Dienstleistungen wie Wasseranschlüsse und Müllabfuhr zuständig sind. Diese kleinen, unabhängigen Verwaltungseinheiten werden oft übersehen, doch allein in Long Island kosten sie die Steuerzahler fast 500 Millionen Dollar pro Jahr. Gerade deshalb waren sie ein ausgezeichnetes Objekt für Nachforschungen.

Laut den Gehaltslisten …

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