Blogs und Journalismus
Olympische Spiele: Boykott gegen China?

von Barbara Blay, Matthias Winkelmann und Piet Felber

An der Berichterstattung über den Tibet- Konflikt und den damit verbundenen Unterthemen (China-kritische Proteste, Men schenrechtsproblematik in China, Boykott-Diskussionen) lässt sich mustergültig die Entwicklung einer öffentlichen Debatte nachvollziehen.

Die Ereignisse in Tibet Mitte März wirken dabei wie eine Initialzündung. Die Olympischen Spiele rücken immer näher, die mediale Aufmerksamkeit wächst, ablesbar an den Berichten über den zeitgleich auf den Weg gebrachten Olympischen Fackellauf. Den ganzen Februar hindurch überwiegt noch die PRS gesteuerte China-freundliche Vorausberichtstattung, das Thema Menschenrechte kommt nur vereinzelt vor, etwa im Zusammenhang mit der breit berichteten Entscheidung Steven Spielbergs, sich nicht als künstlerischer Berater für die Eröffnungsfeier in Peking zur Verfügung zu stellen.

Tonlage und Themenfokus ändern sich schlagartig am 11. März: Die Mainstream-Medien berichten über Proteste von Tibetern gegen die chinesische Unterdrückung (FAZ: »Dalai Lama: In Tibet nimmt Unterdrückung zu«; Financial Times Deutschland: »Tibet trainiert für Olympia«).

Am 12. März berichten mehrere Zeitungen über den Protestmarsch tibetischer Mönche, vom 14. März an ist das Thema Tibet allgegenwärtig (»Chinas anderes Gesicht«, Tagesspiegel vom 16.3.). In der dritten Märzwoche dann die dritte Stufe: die Diskussion eines möglichen Olympiaboykotts (»Da darf man nicht nur spielen«, Tagesspiegel vom 18.3.).

Bis Ende März schwächt sich die Berichterstattung in den meisten Medien ab, spreizt sich aber in viele Aspekte auf. Am Beispiel der Welt ist diese Vielfalt gut zu sehen: Protest-Kultur (»Friedlich oder mit Gewalt?«), Sanktionen (»Ruf nach einem Olympia- Boykott wird lauter«), Personalisierung (»Gewinner: Willi Lemke«), Lesermeinungen (Leserbriefe), Auswirkungen auf Sport (»Sportler sind Teil einer verlogenen Inszenierung«), Reaktionen der Politik (»Wie Deutschland auf die Krise reagiert«) und schließlich die Berichterstattung über den Fackellauf (»China provoziert Tibeter mit Fackellauf«).

In der ersten Aprilhälfte erreicht die mediale Aufmerksamkeit mit den Berichten über den gestörten Fackellauf ihren Höhepunkt. Allein am 9. April wird der Fackellauf in der Taz an mindestens fünf Stellen thematisiert: Wenn es nicht gerade um die Fackel geht (»Auch in San Francisco hoffen Demonstranten auf ein Aus der olympischen Fackel. Eine kleine Löschanleitung«), ist der Fackellauf mindestens ein Unterthema (»Während sich Chinesen über westliche Proteste beim Fackellauf empören, reagiert das Olympische Organisationskomitee in Peking systemlogisch«) – oder dient als Aufhänger (»Die olympische Fackel erreicht San Francisco und entzündet die Boykott-Debatte auch im amerikanischen Wahlkampf«).

Nach dem Ende des Fackellaufs geht die mediale Aufmerksamkeit für diesen Themenaspekt rasch zurück, auch, weil mit dem Erdbeben andere Ereignisse in den Medienfokus geraten. Gleichwohl bleibt die Berichterstattung bis zum Ende des Untersuchungszeitraums deutlich über dem Februar- Niveau.

Leserdiskussion off- und online

In den Tageszeitungen haben die publizierten Leserzuschriften einen äußerst geringen Anteil an der gesamten Themenbehandlung. So veröffentlicht die Frankfurter Allgemeine Zeitung zwischen März und Mitte Mai nur fünf Leserbriefe. In der Süddeutschen Zeitung haben 14 Leser ihre Meinung publiziert.

Die meisten Leserbriefe greifen im März die Debatte um die Unruhen in Tibet auf und äußern sich zur Frage, ob die Spiele boykottiert werden sollten. Im April werden weniger Leserbriefe gedruckt, im Mai fast keine mehr, übereinstimmend mit den Rückgang an Berichten in den Zeitungen.

Im Internet bietet Welt Online die bestgenutzte Leser-Plattform mit dem moderierten Forum »Debatte«. Einerseits bloggen Welt-Mitarbeiter, andererseits können sich Leser in den Foren und Welt- Blogs äußern. Auch beim Tagesspiegel können die User online über Artikel diskutieren. Allerdings wird davon kaum Gebrauch gemacht.

Die Taz bietet ebenfalls Leserforen und Online- Dokumentationen zu bestimmten Themen an, leider nicht zu dem hier behandelten. Die Berliner Zeitung bietet ihren Lesern keine Möglichkeit, an Debatten teilzunehmen.

Hervorzuheben ist die Frankfurter Rundschau, die neben der Veröffentlichung von Leserbriefen auch einen Blog anbietet (www.frblog.de/tibet). Hier zeichnet ein Redakteur am 20. März den Hintergrund und unterfüttert diesen mit Lesermeinungen. In der Folge entwickelt sich bis Mitte April eine teils sehr kontroverse Diskussion, die knapp 70 Posts hervorbringt.

Interessieren sich die A-Blogger?

Die öffentliche Debatte spiegelt sich in den hochfrequentierten Blogs kaum wider. Zum einen finden sich nur wenige Beiträge zu dem Thema, zum andern beschäftigen sich die Blogs nur mit sehr speziellen Aspekten des Themas.

  • Basicthinking: Hier findet sich das Thema zwei Mal: Einmal am 5. April mit einem satirischen Beitrag über angeblich konterrevolutionäre Kräfte in der chinesischen Führung (diese hatte den Dalai Lama als »Teufel« bezeichnet). Am 11. April greift dann ein Text das Thema in einem anderen Blog auf und äußert die These, die derzeitige »Sinophobie« sei das Gegenstück der Linken zur »Islamophobie« der Rechten. Der Autor merkt an, dass auch er ein vorgefertigtes, überwiegend negatives China-Bild habe.
    Der Eintrag zieht 21 Kommentare nach sich. Die Themenaspekte: Ist China wirklich kommunistisch oder eine Neuauflage des »Manchester-Kapitalismus«? Kann hier das Internet wirklich einen Beitrag zur kulturellen Verständigung leisten? Können Blogger politische Entscheidungen beeinflussen? Eine Verlinkung mit China-Watchblog »Eine Diktatur unter Beobachtung«, der sich mit der Rolle der Medien, den Olympischen Spielen und Tibet beschäftigt, ist eingebaut.
  • Spreeblick: Nur einmal gibt es am 15. April einen originären Eintrag »Another Tibet«, der sich an einen Artikel eines slowenischen Philosophieprofessors anlehnt. Der Westen glaube, alle Tibeter inklusive des Dalai Lama seien gut, aber das sei nicht so. Der Eintrag bringt 33 Posts, die überwiegend bestätigend abgefasst sind. Ein Blogger meint, wenn Brad Pitt einen Film »Sieben Jahre in Tschetschenien« gedreht hätte, würde die Sympathie im Westen für die Menschen dort auch weit höher sein.
    In mehreren Kommentaren ist die Ansicht zu lesen, in Sachen Tibet werde einfach eine vorgefertigte Meinung, die Allgemeinkonsens sei, übernommen. Es findet sich kein Post, der der Position des Autors begründet widerspricht.
    Spreeblick postet von der zweiten Aprilwoche an Einträge, die umgekehrt China mit den Nazis von 1936 und deren Propaganda-Erfolg vergleichen. Weiter wird das IOC kritisiert, weil es Sport als unpolitisch betrachte und deswegen keinen Boykott wolle. Am 11. April wird die Meldung einer Technikfirma gepostet, die keine Bauteile aus China mehr beziehen will. Diese Einträge ziehen zehn bis vierzig Kommentare nach sich. Auch auf dieser Seite gibt es einen Trackback zum China-Watchblog.
  • Stefan Niggemeier: Nur dieser Blog beschäftigt sich medienkritisch und zugleich journalistisch mit dem Thema. Am 20. März schreibt Niggemeier über die falsche Deklaration von Fernsehbildern: Vor allem RTL, N24 und N-TV benutzten solche aus anderen Ländern (z.B. Nepal) und »verkaufen« sie als Bilder von den Unruhen in Tibet. Niggemeier weist auch darauf hin, dass von tibetischer Seite ebenfalls Gewalt ausginge.
    Der Stimulus ist ungewöhnlich stark: Er löst 688 Kommentare aus, die sich über vier Wochen streuen. Stichprobenartig gelesen, befassen sie sich vor allem mit der Frage, wie blind wir den Mainstream-Medien glauben, die oft genug unseriös berichten. Im Fortgang wird diskutiert, wie wir China sehen und wie wohl die Chinesen uns sehen. Die durchgängige Meinung: Chinesen denken, dass wir uns ihnen immer noch überlegen fühlen. Außerdem sei für sie die koloniale Vergangenheit noch nah und allgegenwärtig.
  • Politblog: Auf der Plattform werden im fraglichen Zeitraum nur nationale Aspekte der deutschen Politik thematisiert. Kein einziger Eintrag beschäftigt sich mit dem politisch explosiven Thema.
  • Sichelputzer: Dieser Blog sticht insofern heraus, als dass er schon am 16. März explizit zum Boykott der Spiele aufruft (»Ihr machthaberischen Arschlöcher. Boykottiert China«, und: »Nieder mit Peking!«). Es ist der polemischste aller untersuchten Blogeinträge: »Nun frage ich mich eigentlich noch – Wer schließt sich dem China Olympia Boykott an? Wer verzichtet auf die Übertragung im Fernsehen von den Olympischen Spielen? Wer verzichtet auf den Kniefall vor einer propagandistisch umgesetzten Welt? Ich hoffe, dass ich mit meiner Meinung nicht allein im Web 2.0 von Deutschland stehe … Danke.«
    Dieser Eintrag ruft 36 Posts hervor, die sich kontrovers mit der Forderung beschäftigen. Der Autor bekommt viel Zuspruch, jedoch thematisieren die Posts zusehends die Frage, ob man auf Produkte aus China verzichten könne. Es melden sich auch Gegenstimmen, die meinen, dass ein Boykott schlecht wäre, weil er die kritische Kommunikation und damit den Einfluss auf China mindere.
    Entsprechend der Polemik des Eintrags fallen die Kommentare aus: »Die Spiele MÜSSEN boykottiert werden, und wenn die Politiker nicht in der Lage sind, die Spiele zu boykottieren, weil viel zu starke wirtschaftliche Interessen dahinterstehen müssen eben wir, die Masse, diese Spiele boykottieren. Wir dürfen die Spiele nicht konsumieren, das ist das Druckmittel das wir haben. Denn die Sponsoren wollen nur eins, ihre Produkte vermarkten, aber das geht nicht ohne Markt, und der sind wir.« Es zeigt sich hier deutlich ein direkter Zusammenhang zwischen der Qualität des Beitrages und dem der Posts.

Fazit: Insgesamt fällt auf, dass sich die A-Blogs im Fortgang der China-Diskussion zwar oft an den etablierten Medien orientieren, aber andere Aspekte in den Mittelpunkt stellen und andere Meinungsbilder präsentieren. Verschiedene Posts bieten bereichernde, auch mit Wissen gestützte Argumente und Verlinkungen zu Wissensbeständen und Archiven. Die Blogger beziehen sich meist auf journalistische Berichte und setzen Links vor allem zu Mainstream- Medien: Die etablierten Medien scheinen trotz aller Kritik zugleich eine breite Akzeptanz in der Bloggerszene zu besitzen. Die mit Abstand größte Resonanz aber erzielt der mit journalistischen Kriterien und Recherchehandwerk erstellte Blog von Niggemeier.

Diskussion in gewöhnlichen Blogs

Die Absuche mit Blogpulse (»china« and »tibet«) zeigt, dass auch in der breiten internationalen Bloggerszene das Thema tagesaktuell bezogen diskutiert wird. Im Unterschied zur Szene der ABlogger verläuft hier die Diskussion synchron zur Medienberichterstattung.

Beispielhaft zeigen wir dies an der Intensität der (online verfügbaren) Berichte der Tageszeitungen Die Welt und Tagesspiegel sowie der Themenresonanz in der Bloggerwelt (vgl. Grafik Seite 28 oben).

Um möglichst viele fremdsprachige Blogs auszuschließen, haben wir testweise das deutsche Attribut »und« eingefügt. Die Zahl der Treffer sinkt um eine ganze Potenz, die Debattenstruktur verliert die zweite Spitze, die den Fackellauf und die Boykott-Debatte als Kernthema betrifft.

Stichproben bestätigen, dass die deutsche Bloggerszene sich überwiegend mit den im März berichteten Vorgängen in Tibet befasst, an der in der Öffentlichkeit weitergeführten Debatte (Olympia- Boykott) aber nur geringes Interesse hat.

Der Themenvergleich

Vergleicht man diese Diskussion mit unserem Referenz thema »Datenspeicherung«, ergibt sich auch hier der Befund: Die medial erzeugte Aufregung über Chinas Vorgehen in Tibet sowie die menschenrechtlich zentrierte Frage, ob ein Boykott zielführend sei, beschäftigt die Bloggerwelt nur marginal.

Der Spitzenwert für das Thema »China-Tibet« liegt bei 0,01 Prozent, der Spitzenwert des Themas »Vorratsdaten speicherung« ist mit 0,034 um das Dreifache höher.


Literatur:

  • Alphonso, Don/Kai Pahl (Hrsg.): Blogs! Text und Form im Internet. Berlin 2004, S. 23–43.
  • Armborst, Matthias: Kopfjäger im Internet oder publizistische Avantgarde? Was Journalisten über Weblogs und ihre Macher wissen sollten. Berlin 2006.
  • Bruns, Axel: Gatewatching. Collaborative Online News Production. New York 2005, S. 201–236.
  • Edelman (Rick Murray): A Corporate Guide to the Global Blogosphere. The new model of peer-to-peer communications. 2007. Quelle: http://www.edelman.com/image/ insights/content/whitepaper011107sm.pdf.
  • Haas, Tanni: From »Public Journalism« to the »Public’s Journalism«? Rhetoric and reality in the discourse on weblogs. In: Journalism Studies 6, 3/2005, S. 387–396. Kantel, Jörg: Weblogs und Journalismus: 5 Thesen zu einem Mißverständnis. 10. 9. 2006. Quelle: http://www.schockwellenreiter. de/gems/5thesen.pdf.
  • Lenhart, Amanda/Susannah Fox: Bloggers. A portrait of the internet’s new storytellers. Pew Internet & American Life Project. Washington, D.C., 19. 7. 2006. Quelle: http:// www.pewinternet.org/PPF/r/186/report_display.asp. Lowrey, Wilson: Mapping the journalism-blogging relationship. In: Journalism, 7, 4/2006, S. 477–500.
  • Neuberger Christoph, Christian Nuernbergk und Melanie Rischke: Weblogs und Journalismus: Konkurrenz, Ergänzung oder Integration? Eine Forschungssynopse zum Wandel der Öffentlichkeit im Internet, in: Media Perspektiven 2/2007, S. 96-112.
  • Neuberger, Christoph: Nutzerbeteiligung im Online- Journalismus. Perspektiven und Probleme der Partizipation im Internet. In: Rau, Harald (Hrsg.): Zur Zukunft des Journalismus. Frankfurt a. M. u. a. 2006, S. 61–94.
  • Neuberger, Christoph: »Weblogs = Journalismus«? Kritik einer populären These. In: Diemand, Vanessa/Michael Mangold/Peter Weibel (Hrsg.): Weblogs, Podcasting und Videojournalismus. Neue Medien zwischen demokratischen und ökonomischen Potenzialen. Heidelberg 2006, S. 107–137.
  • Project for Excellence in Journalism: Blogs, A Day in the Life: 2006 Annual Report. 13.3.2006. Quelle: http://www. journalism.org/node/865/print.
  • Pörksen, Bernhard (Hrsg.): Webwatching. Trends der Netzkultur (Februar 2006). 19 Interviews mit Medienwissenschaftlern, Webbeobachtern und Webbloggern. Quelle: http://www.webwatching.info/editorial.php. Universal McCann: The New ‚Digital Divide‘. How the New Generation of Digital Consumers are Transforming Mass Communication. August 2006. Quelle: http://www. universalmccann.com/downloads/papers/The%20New% 20Digital%20Divide.pdf.
  • Zerfaß, Ansgar; Janine Bogoysan: Blogstudie 2007. Informationssuche im Internet – Blogs als neues Recherchetool (Ergebnisbericht). Universität Leipzig, Februar 2007. Quelle: http://www.blogstudie2007.de/ inc/blogstudie2007_ergebnisbericht.pdf.

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