Blogs und Journalismus
Die Ausweitung der Kampfzone

Blogs ermöglichen den herrschaftsfreien Diskurs. Ein demokratischer Mehrwert wäre möglich. Doch Verschwörungstheoretiker, Pöbeleien und ideologische Verblendung stehen dem im Weg.

von Lars Fischer

Mit jedem über alles reden: Durch Millionen Foren und Blogs, weltweit vernetzt, macht das Internet nicht nur Wissen verfügbar, sondern erzeugt eine neue, umfassendere Form der Meinungsfreiheit. Theoretisch zumindest.

Denn inzwischen scheint der herrschaftsfreie Diskurs sich selbst mehr und mehr die Grundlage zu entziehen. Die Macht des Internets, beliebige Aussagen interaktiv für jeden erreichbar zu machen, erweist sich zunehmend als fatal.

Wer zum Himmel aufsieht und sich über die Kondensstreifen wundert, kann im Internet mühelos herausfinden, dass es sich dabei um Wasser aus den Turbinenabgasen handelt – oder aber, dass als Fluggesellschaften getarnte Geheimdienste heimlich Chemikalien versprühen, um Klima, Funkverkehr oder Gedanken zu manipulieren.

Ein Do-it-Yourself-Weltbild entsteht

Wo es zu allem eine Gegenposition gibt und Menschen, die sie glauben, nur einen Mausklick weit weg sind, zerbricht der Konsens über die Real ität. An seine Stelle tritt ein Do-it- Your self-Weltbild, in dem alles widerspruchsfrei zusammenpasst und jede Behauptung durch einen Link auf eine geeignete Website als belegt erscheint.

So entstehen abseits vom öffentlichen Diskurs Gruppen mit ihren ganz eigenen Gegenwirklichkeiten: Die Amerikaner seien nie auf dem Mond gelandet, die Quantenmechanik erkläre übersinnliche Phänomene und der Large Hadron Collider drohe die Welt zu vernichten.

Einfache Wahrheiten unvorstellbar

Den Übergang von der Gegenöffentlichkeit zur Gegenwirklichkeit markiert die Verschwörungstheorie: Die Öko-, Wissenschafts- oder Konzern-Lobby, die Linken und Rechten, die Journalisten, sie haben sich verschworen. Weshalb sonst sollte sich eine offensichtliche Idee nicht auf Anhieb durchsetzen können, wenn sie nicht systematisch von mächtigen Feinden unterdrückt würde?

Dass jemand schlicht und einfach eine bestimmte Meinung vertreten kann, ohne gekauft oder von Ideologie verblendet zu sein, ohne sinistre Hintergedanken oder verborgene Motive zu haben – in der Gegenwirklichkeit nicht vorstellbar.

Eine aktuelle Fallstudie liefert die Diskussion um den LHC-Beschleuniger am CERN und den angeblich durch die physikalischen Experimente drohenden Weltuntergang. Das Schmunzeln, das die apokalyptische Prophetie auslöste, vergeht einem sehr schnell, wenn man Kommentare in den von den Wissenschaftlern betriebenen Blogs liest: »Jaja, ohne spektakuläre Experimente gibt‘s keine Forschungsgelder. Und ohne die sähen die Geldbeutel dieser schmarotzenden Eierköpfe ziemlich mager aus. Dann müssten unsere Klugscheißer womöglich arbeiten gehen«, pöbelt ein Kommentator bei Scienceblogs.de; ein anderer fordert, »gleich ne atombombe auf diese kranken eierköpfe und ihre todesmaschine« zu werfen.

»Ich ertappe mich dabei, dass ich mich richtiggehend davor fürchte, was denn jetzt schon wieder für Hasskommentare eingegangen sind«, schreibt die durchaus streitbare Planetologin Ludmila Carone in ihrem Blog. Und: »Ich kann inzwischen sehr gut verstehen, warum viele Forscher das Gespräch mit der Öffentlichkeit vermeiden.«

Das Korrektiv einfach umgehen

Wer im Alltag vom Grundkonsens abweicht, ist einer ständigen sozialen Kontrolle durch die schweigende Mehrheit ausgesetzt. Diese Mehrheit fungiert nicht nur als Bremse, sondern auch als Filter für Meinungen und Ideen.

Nur wer Menschen mit sehr unterschiedlichen Werdegängen und Ansichten davon überzeugen kann, dass seine Ansicht legitim ist, hat überhaupt eine Chance, in der weiteren Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. In den öffentlichen Räumen des Internets gibt es dieses Korrektiv ebenfalls – aber man kann ihm mühelos ausweichen.

Dafür sorgen themenspezifische Foren, Newsgroups und Blogs, in denen nicht nur Briefmarkensammler und Jungwissenschaftler, sondern eben auch Anhänger sehr abwegiger Thesen schnell Anschluss an Gleichgesinnte finden, die sie in ihren Ansichten bestärken – insbesondere darin, Anhänger einer unterdrückten Wahrheit zu sein und gegen einen übermächtigen Feind für das Gute zu streiten. Wo immer die Gegenwirklichkeit auf die Öffentlichkeit trifft, wird das Internet vom Diskussionsraum zur Kampfzone.

Grundkonsens geht verloren

Kaum eine kontroverse politische Debatte, ohne dass die Kontrahenten sich gegenseitig oder Dritten ideologische Verblendung oder böse Absicht unterstellen. Exemplarisch zeigt sich das im Blog Klimalounge, den der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf mit zwei seiner Kollegen betreibt.

Neben Kritik an seinem umstrittenen politischen Engagement zieht der Wissenschaftler einen steten Strom an Kommentatoren an, die ihm jede wissenschaftliche oder moralische Integrität absprechen – um es mal vorsichtig auszudrücken.

Damit droht eine wesentliche Voraussetzung für die offene Diskussion in einer demokratischen Gesellschaft verloren zu gehen: Der Grundkonsens, die gegenseitige Anerkennung, die den sozialen Frieden sichert und vor allem einen Rahmen bietet, in dem Differenzen ausgetragen werden können.

Verblendete Jünger

Diese Basis des gegenseitigen Verstehens ist durch die im Internet wabernden Gegenwirklichkeiten bedroht: Wenn jemand als Motivation seines Kontrahenten ausschließlich finstere Motive vermutet, ist eine Verständigung nicht mehr möglich. Ein Teil der Diskutanten scheint tatsächlich davon auszugehen, es nicht mit denkenden und fühlenden Menschen, sondern roboterhaften Feinden der Wahrheit und ihren verblendeten Jüngern zu tun zu haben.

Der Kommentarchef der Welt am Sonntag, Alan Posener, schrieb im Januar auf der Website seiner Zeitung, Journalisten und Publizisten müssten in den Kommentatoren das »eigene, zur Kenntlichkeit verzerrte Spiegelbild erkennen«. Posener sprach sich gegen »Maulkorb und Leinenzwang« aus. Doch durch dieses Laissez-faire ist das offene Kommunikationsmodell Internet gerade auf den großen Plattformen bedroht.

Immer mehr Leser wendeten sich per E-Mail an Blogger, statt zu kommentieren, weil sie »keine Lust haben, sich in den Kommentaren anpöbeln zu lassen«, zitierte zum Beispiel Johnny Haeusler von Spreeblick. de einen Leser.

Fazit

Bei aller Begeisterung für die freie Meinungsäußerung: In Teilen des Internet ist der herrschaftsfreie Diskurs von der schönen Utopie zum real existierenden Alptraum geworden, in dem der freie Austausch von Ideen nicht mehr, sondern weniger Demokratie erzeugt.

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