Ausbildung
Plötzliches Ende

Zu Recht stellt sich die mit viel Glamour gestartete Journalistenakademie Intajour als Erfolg dar. Aber warum wickelt Bertelsmann sie jetzt ab? Und warum verhindert das Medienunternehmen den Fortbestand als unabhängige Akademie?

von Thomas Schuler

Schwer zu sagen, ob es um Leben und Tod ging. Sicher ist, dass es ernst war. Von all den Drohungen, Behinderungen und Angriffen ist Zenzele Ndebele ein Vorfall besonders in Erinnerung. Damals, 2008, überlebte er den Versuch einer Entführung auf offener Straße. Die Täter wurden nie gefasst oder bestraft. Damals hatte Ndebele einen Dokumentarfilm über einen Massenmord an dem Stamm der gleichnamigen Ndebele in Simbabwe gefertigt und in Südafrika und in Simbabwe heimlich vorgeführt. Der Film warf der Regierung in Simbabwe vor, dass sie zugesehen hatte, wie 20.000 Menschen getötet wurden. Der Mord sei unter Kontrolle des seit Jahrzehnten regierenden Staatschefs Robert Mugabe abgelaufen. Ein schwerer Vorwurf.

Ein Journalist wollte Ndebele dazu befragen. Er traf ihn an einem öffentlichen Ort, doch statt Fragen hatte der Journalist drei Männer zum Interview mitgebracht. Gemeinsam bedrängten sie Ndebele, und als dieser gehen wollte, griffen sie ihn an und versuchten, ihn in ein Auto zu ziehen. Ndebele wehrte sich und entkam. Die Polizei hat den Vorfall nie aufgeklärt. Ndebele vermutet, dass die Täter vom Geheimdienst kamen und dass der Angriff mit Wissen der Behörden ablief.

»Ich habe oft Schwierigkeiten mit unserer Regierung«, sagt der Journalist. Pressefreiheit sei in Simbabwe nicht gewährleistet. Drohungen seien Alltag für ihn. Im vergangenen Jahr wurde er von der Polizei festgenommen und Monate später zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er Kurzwellen-Radiogeräte an Arme verschenkte. Vor einem Monat wurden sein Büro und seine Wohnung durchsucht, weil er angeblich im Besitz geheimer Regierungsakten sei.

Das Programm hat sich bewährt

Wenn es einen idealen Kandidaten für Intajour gäbe, dann den 35-jährigen Ndebele. Schließlich machte es sich die International Academy of Journalism (Intajour) seit ihrer Gründung 2010 zur Aufgabe, Journalisten aus jenen Ländern zu helfen, in denen Pressefreiheit bedroht und unter Druck ist. Ndebele arbeitet bei dem unabhängigen Radiosender Radio Dialogue in Simbabwe. Seit der Gründung 2001 wartet der Sender vergeblich auf eine Lizenz, die die Behörden verweigern.

Zenzele Ndebele schreibt über Politik und Landwirtschaft, über den Alltag der Menschen und konzentriert sich dabei auf Korruption und Verletzung von Menschenrechten. Dinge, die die Behörden nicht gerne hören. Das Problem des Senders ist die Frage, wie er die Menschen erreicht. Gerade hier habe ihm Intajour sehr geholfen, sagt Zenzele Ndebele. »Ich habe bei Intajour viel über digitalen Journalismus gelernt.« Vor allem, wie man auf sozialen Netzwerken und Plattformen Geschichten verbreitet. Für einen Undergrundsender, der auf Kurzwelle via Satellit über London und Südafrika sendete und seine Inhalte früher auf CDs veröffentlichen musste, ist das ein großer Fortschritt. Seine Fortbildung habe Radio Dialogue stark verändert, sagt Ndebele. Davor nutzte der Sender keine Social Media; Ndebele selbst hatte weniger als 300 Follower auf Twitter. Heute hat der Sender mehr als 18.000 Freunde auf Facebook und nutzt Twitter. Intajour zeigte Ndebele, wie man online berichtet: Statt 10.000 Besucher im Monat hat die Website nun mehr als 100.000. Ndebele nutzt seine mehr als 2.000 Twitter-Kontakte, um Themen zu setzen. Radio Dialogue sei nun kein lokaler Sender mehr, sondern habe sich auf internationales Publikum ausgerichtet. Die zehn Monate bei Intajour waren für diesen Wandel entscheidend.

Das Baby vom Vorstandschef

Ähnlich positiv wie Ndebele beurteilen andere das Stipendiatenprogramm. Hoda Baraka aus Ägypten, die über Umweltthemen berichtet, sagt, sie habe gelernt, wie man für das Web schreibt und dafür Videos produziert. Maria Carvajal Alcívar aus Ecuador unterteilt ihre journalistische Karriere in die Zeit vor und nach Intajour, so sehr habe sie von der Ausbildung profitiert. 13 Jahre lang schrieb sie für eine gedruckte Zeitung; jetzt entwickelt sie die Zeitung multimedial weiter. Krishna Prasad Acharya aus Nepal, ein Stipendiat aus dem 1. Jahrgang, leitete eine Onlineredaktion und setzt sich heute bei der International Federation of Journalists für Pressefreiheit in Südasien ein. Ob man sich bei Teilnehmern oder Referenten umhört: Das Programm ist ein Erfolg. Und das wirft die Frage auf, warum es jetzt eingestellt wird.

Bertelsmann startete Intajour 2010 bei der Unternehmensfeier zum 175-jährigen Bestehen mit kaum zu überbietendem PR-Aufwand: Bertelsmann wolle »etwas Bleibendes schaffen«, verkündete der damalige Vorstandschef Hartmut Ostrowski.

Erfolgreiche Arbeit der Akademie

Damals war viel von Tradition und Verantwortung die Rede und davon, dass man sich weltweit für Pressefreiheit und Demokratie einsetzen wolle, indem man gerade dort Journalisten helfe, wo Pressefreiheit unter Druck sei. In Ländern wie China, Ghana, Simbabwe, Pakistan, der Ukraine. Uneigennützig und selbstlos wolle man im Zeitalter des digitalen Journalismus Kenntnisse, Wissen und Kontakte weitergeben. In den ersten Jahren hörte man viel Positives von der Eignung der Fellows, vom großen Einsatz und »wachsenden Netzwerk« der Absolventen und »erfolgreicher Arbeit«. Unter den Fellows 2014 beispielsweise befindet sich Mustafa Nayyem, ein Journalist aus der Ukraine, der dort die Proteste auf dem Maidan mit angestoßen hat.

Im Bertelsmann-Geschäftsbericht 2011 gab es eine 28-seitige Sonderbeilage, so als sei die Akademiegründung die wichtigste unternehmerische Tat des Jahres. Sie sei seine persönliche Idee gewesen, sagte Ostrowski. Der Präsident der EU-Kommission, José Manuel Barroso, fungierte bei der Feier im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin als »Schirmherr des Gründungsaktes«. Er sagte in seiner Rede: »Qualitätsjournalismus ist ein Eckpfeiler unserer Demokratie!«

Im Publikum klatschten Bundeskanzlerin Angela Merkel, die die Festrede hielt, Bertelsmann-Eigentümerin Liz Mohn und 1.200 geladene Gäste. Den Beirat, der über die Inhalte wachen sollte, führte RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel zusammen mit anderen namhaften Journalisten des Hauses. Der Konzern präsentierte das Projekt damals als Beleg, dass man sich der eigenen Verantwortung als Medienunternehmen bewusst sei. Hans Mahr, RTL-Chefredakteur von 1994 bis 2004 und Mitglied des Kuratoriums von Intajour, versicherte: »Im Zweifelsfall geht bei Bertelsmann die journalistische Geschichte immer vor.«

36 Fellows aus 27 Ländern

Wirklich? Heute fragt man sich, ob die Akademie mit der Inszenierung ihrer Gründung ihren eigentlichen Zweck bereits erfüllt hatte. Die Vorgeschichte hilft, die Gründung zu verstehen. Im Jubiläumsjahr brauchte das Medienunternehmen dringend gute Presse. Ausgerechnet 2010 musste Hartmut Ostrowski jedoch erstmals einen Verlust in der Bilanz vermelden. Mit einem PR-Trick versuchte Bertelsmann das zu verschleiern und machte aus dem Verlust einen Gewinn, indem es sich auch Einnahmen zurechnete, die man an Minderheitsteilhaber abführen musste.

Dann kam Kritik an der Konstruktion von Bertelsmann auf, weil das Unternehmen verdeckt von der Stiftung geführt werde. Es sei ein Skandal, wie Bertelsmann das eigene Interesse als Gemeininteresse umdeute, betonte Peter Rawert, ein angesehener, auf Stiftungsrecht spezialisierter Jurist. Um Kritik zu dämpfen, schien die Akademie eine gute Idee.

Nach drei Jahren kam dann also das Ende. Was sagt Peter Kloeppel dazu? Er will sich nicht äußern und verweist auf die Bertelsmann-Pressestelle. Dort heißt es in einem Statement, in den drei Jahren haben 36 Fellows aus 27 Ländern teilgenommen. Der Konzern habe sich das einen siebenstelligen Betrag kosten lassen und wertet das Engagement als Erfolg. Von langfristigem Engagement ist keine Rede mehr.

Inhaltliche Kritik habe es nicht gegeben, sagen Beiräte und Dozenten. Der Leiter der Akademie, Werner Eggert, habe allerdings den Eindruck vermittelt und auch mehrfach davon gesprochen, dass die Akademie mindestens zehn Jahre oder länger bestehen sollte. Das habe Bertelsmann ihm bei der Gründung versprochen. Eggert selbst will sich dazu nicht äußern und verweist seinerseits auf die Pressestelle des Unternehmens, die das Projekt Intajour leitete. Dem Vernehmen nach wollte Eggert nach dem Ausstieg von Bertelsmann die Akademie in Eigenregie weiterführen – doch das Medienunternehmen verweigerte ihm das. Offenbar fürchtet der Konzern einen negativen PR-Effekt, denn eine erfolgreiche Fortsetzung würde stets an das gebrochene Versprechen von Bertelsmann erinnern. Das Unternehmen selbst äußert sich nicht dazu, warum man Eggert eine Fortführung verweigerte.

Es bleibt große Verwunderung

Bis Juli lief der dritte Jahrgang. Vertraulich betonen Beiräte, das schnelle Ende komme für sie überraschend. Zwar hätten sie teilweise von Beginn an gefragt, ob das Projekt gelingen könne. Kommen die Teilnehmer wieder wohlbehalten in ihre Länder zurück? Aber Intajour habe die Zweifel zerstreut, indem die Akademie gute Arbeit leistete. Umso mehr sei das Ende zu bedauern. Aber offenbar wollte sich keiner von ihnen für Intajour einsetzen. Vielleicht war ihnen gar nicht klar, dass die Entscheidung in Gütersloh längst gefallen war. Denn während ein Sprecher des Unternehmens betont, Bertelsmann habe den Beiräten das Ende »klipp und klar« kommuniziert, sagen die Betroffenen etwas anderes und zeigen sich überrascht.

In einer E-Mail Ende November 2013 schrieb Pressechefin Karin Schlautmann den Journalisten lediglich, einen vierten Jahrgang werde Intajour nicht mehr ausschreiben, und »dass Bertelsmann Intajour mittelfristig nicht in ihrer bisherigen Form weiterführen wird«. Das klingt, als ob Intajour in anderer Form weitergeführt werde. Doch das war offenbar nie geplant.

Vermutlich war das Ende von Intajour schon besiegelt, als die Akademie 2011 ihre Arbeit aufnahm. Denn im gleichen Jahr trat überraschend der Vorstandsvorsitzende Hartmut Ostrowski wegen Überarbeitung ab. Die Akademie war seine Idee gewesen. Deshalb fühlte er sich ihr verpflichtet und traf sich mit den Fellows des ersten Jahrgangs und diskutierte mit ihnen. Ostrowski und seine Mitarbeiter schienen stolz zu sein auf die Journalistenschule, sagt Krishna Prasad Acharya. »Ich hatte den Eindruck, als würden sie diese Akademie auf viele Jahre hinaus betreiben und ausbauen wollen.« Das plötzliche Ende habe ihn sehr überrascht. Jetzt ist in Gütersloh davon die Rede, dass mit der Schließung von Intajour alte Rechnungen unter Managern beglichen werden.

Keine Kostenfrage

Tatsächlich war das Interesse an Intajour bereits nach Ostrowskis Abgang geschwunden, sagen Beteiligte. Nur konnte das Medienunternehmen das nicht offen zeigen und die Journalistenschule bereits ein Jahr nach der Gründung einstellen. Wie hätte das ausgesehen? Deshalb wurden noch zwei weitere Jahrgänge gefördert, ausgebildet und auf die Bertelsmann-Party eingeladen, um dort vor Fotografen Ostrowskis Nachfolger Thomas Rabe und Eigentümerin Liz Mohn die Hand zu schütteln.

Einen Grund für die Einstellung nennt Bertelsmann auch auf mehrfache Nachfrage nicht. Vertraulich weist man in Gütersloh auf die Probleme der Druckerei in Itzehoe hin und darauf, dass Mitarbeiter in der Krise ihre Arbeit verlören. Es müsse doch erlaubt sein, dass Bertelsmann neue Schwerpunkte setze. Allerdings war die Akademie nie Teil der Geschäftsstrategie, wie ein Sprecher betont. Warum also das Ende mit Problemen im Geschäft begründen?

An den Kosten kann es eigentlich kaum gelegen haben. Das Büro kam bei der Henri-Nannen-Schule in Hamburg unter, die zwölf Fellows trafen sich nur dreimal im Jahr für insgesamt sechs Wochen in Hamburg, Köln und Berlin; Reise- und Hotelkosten übernahm Bertelsmann. Die restliche Zeit arbeiteten die Teilnehmer von ihren Redaktionen aus an gemeinsamen Projekten. Der Unterricht fand übers Internet statt, etwa im »Webinar« mit dem US-Medienprofessor Jeff Jarvis.

Naheliegend ist: Die Akademie war offenbar nur eine PR-Nummer, die zur Jubiläumsfeier für positive Berichterstattung sorgen sollte und ihren Zweck damit erfüllt hat. Nicht ohne Grund lag die Akademie in der Zuständigkeit der Pressestelle. In beiden Gremien, die Intajour zur Seite gestellt wurden, saß PR- und Pressechefin Karin Schlautmann – sie hatte als einzige eine Doppelfunktion.

In seinem Sender hat Ndebele am Empfang Broschüren von Intajour ausgelegt, damit Kollegen sich bewerben. Als er vom Ende erfuhr, ließ er sie verschwinden. »Intajour war gut. Ich hatte gehofft, dass mehr Journalisten davon profitieren würden.«

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