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Ein Mensch voller Scham

»Jonas« ist pädophil. Seit seiner Jugend kämpft er dagegen an. Erst vor kurzem sagte er es seiner Familie. Eine Journalistin war dabei und erzählt die Geschichte eines Menschen, der innerlich zerrissen ist.

von Heike Faller

Meine Reportage »Der Getriebene« begann mit einer dramaturgischen Idee: Ich wollte eine Geschichte erzählen, in der ein Mensch einen schweren Konflikt meistert. In Amerika heißt dieses Genre »narrative journalism«, eine Form, die im Grunde funktioniert wie ein klassisches Drama oder ein Hollywood-Film: Ein Mensch steht vor einem Konflikt, versucht, diesen zu lösen, verändert sich dabei, und die Veränderung wird schließlich Teil der Lösung. Ich liebe diese Geschichten als Leserin, einfach weil sie so spannend erzählt sind, dass man sie kaum weglegen kann. Ich wollte das selbst ausprobieren – auch weil man in Zeiten, in denen die meisten Leser mediales Multitasking betreiben, beim Lesen E-Mails checken oder beim Fernsehen im Internet surfen, seine Leser wirklich packen muss. Ich suchte also einen Menschen mit einem starken Konflikt.

Ein ganz neue Erzählweise

Als ich – nicht zum ersten Mal – von der Pädophilen-Therapie der Charité las, dachte ich, dass ich dort so jemanden finden würde: einen Menschen mit einem großen Problem, der in einem überschaubaren Zeitraum eine Entwicklung durchmacht. Das Thema Pädophilie war dabei im Grunde nur ein Beispiel für einen besonders schweren Konflikt: Alle Menschen haben Probleme, die sie versuchen zu bewältigen. Pädophil zu sein und es nicht ausleben zu wollen, ist dabei nur ein besonders schweres menschliches Dilemma: Wie umgehen mit einer Sexualität, die man sich nicht ausgesucht hat, mit der man aber, wenn man sie ausleben würde, anderen Menschen schweren Schaden zufügen würde?

Um mich auf das Thema vorzubereiten, las ich einen Stapel Archivmaterial über das Charité-Projekt sowie über Pädophilie im Allgemeinen. Dann schlug ich das Thema meinen Chefs beim Zeitmagazin vor. Obwohl es schon viele Geschichten über das Charité-Projekt gegeben hatte, auch in unserer eigenen Zeitung, fanden sie, dass es mit dieser Erzählweise funktionieren könnte.

Der Wunsch nach Anonymität

Ich schrieb eine E-Mail an den Pressesprecher des Projekts, Jens Wagner, in der ich versuchte, deutlich zu machen, dass ich keinen voyeuristischen Blick auf eine Abart menschlicher Sexualität werfen wollte, sondern Prozesse beschreiben, die alle Menschen kennen. Wagner war sofort interessiert und versprach, geeignete Kandidaten zu fragen. »Jonas« war der erste, der mir vorgestellt wurde. Meinen unmittelbaren Eindruck beschrieb ich so:

»Der Mann, der an diesem Tag im September 2011 in das Büro im Institut für Sexualmedizin kommt, sieht aus wie ein Mensch auf dem Weg zur Urteilsverkündung. Zwei Mitarbeiter begleiten ihn. Er hält den Kopf gesenkt, seine Augen fliehen in alle Richtungen. Seine Bewegungen sind eckig, sein Händedruck ist nass. Er scheint vor allem aus Scham zu bestehen …

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