Finanzierungsmodelle
Richtung Wand?

Beim britischen Guardian heißt die publizistische Leitlinie seit einem Jahr: Digital First! Für Online-Leser gibt es alle Inhalte weiterhin zum Nulltarif – trotz hoher Verluste. Kann das gutgehen?

Von Henning Hoff

Der britische Guardian hat publizistisch zuletzt sehr viel richtig gemacht. Wäre nicht die links-liberale Tageszeitung und ihr nimmermüder, freier Sonderkorrespondent Nick Davies gewesen, dann wäre der Abhörskandal um das berühmt-berüchtigte Sonntagsboulevardblatt News of the World wohl nie ans Licht gekommen – samt all der korrupten Verfilzungen zwischen dem Medienkonzern von Rupert Murdoch (zu dem die News of the World gehörte), der britischen Politik und der Londoner Polizei. Mit diesem Klüngel befassen sich in diesen Tagen die Anhörungen zu »Kultur, Praxis und Ethik der Presse« unter dem Vorsitz von Lordrichter Leveson. Er soll Großbritannien eine neue Medienregulierung empfehlen. Der Kulturminister ist angeschlagen, der Finanzminister in heikler Lage, selbst Premierminister David Cameron wird aussagen müssen – der politisch-mediale Komplex des Landes sieht sich grell und unschön ausgeleuchtet, dank der Berichte des Guardian.

Digital-First erlebt Feuertaufe

Der Skandal erreichte am 7. Juli 2011 einen seiner Höhepunkte. Mit der überraschenden Ankündung Murdochs, die News of the World sang- und klanglos zu schließen, war das Ende der mit einer Auflage von rund 2,6 Millionen Exemplaren bis dato größten Sonntagszeitung Großbritanniens besiegelt. Für den Guardian war die Berichterstattung über die Ereignisse zugleich die Feuerprobe der neuen Digital-First-Strategie. Diese hatten Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger und der Geschäftsführer der Muttergesellschaft Guardian Media Group (GMG), Andrew Miller, am 15. Juni verkündet – zusammen mit einem abermals hohen Jahresverlust von 33 Millionen Pfund (38 Millionen Euro).

Für die Redaktion des Guardian bedeutete Digital First: Über den Skandal, den das Blatt noch ganz traditionell mit zwei großen Aufmacherstorys auf der Zeitungstitelseite 2009 zunächst ins Rollen brachte und dann am 5. Juli 2011 dramatisch zugespitzt hatte, wird in allen seinen Facetten auf der Guardian-Website berichtet. Alles stets so schnell wie möglich. »Wir hatten jeden Tag zwei oder drei Exklusivgeschichten auf der Website, die es verdient gehabt hätten, am nächsten Morgen der Aufmacher zu sein«, sagte der stellvertretende Guardian-Chefredakteur Ian Katz jüngst der Zeitschrift GQ (Juni 2012). Der Newsroom der Zeitung in Kings Place nahe des Londoner Bahnhofs Kings’ Cross sei in dieser Zeit »mit Adrenalin und Aufregung« aufgeladen gewesen. In der Zeitung erschien am nächsten Tag dann oft eher eine Art »Abhörskandal-Digest.«

Gratis-Strategie nicht aufgeben

Dabei stellte der Guardian schon einige Zeit Artikel erst online und dann ins Blatt. Digital First läuft aber praktisch auf den langfristigen Abschied von der Papierzeitung hinaus. Die Verantwortlichen dementieren das zwar hartnäckig. Denn per Statut ist ihnen von der Scott-Stiftung, der Besitzerin der Guardian Media Group, aufgetragen, die Zeitung »in Ewigkeit« zu erhalten. Dennoch: Der Guardian wolle ab sofort »alle Anstrengungen in den digitalen Bereich lenken, weil das unsere Zukunft ist«, erklärte Rusbridger vor einem Jahr. Infolgedessen wurden die Druckausgaben unter der Woche umgestaltet – sprich: ausgedünnt. …

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