Fact-Checking
Politikersätze auf der Goldwaage

Leere Versprechungen, unbelegte Tatsachenbehauptungen, ungenaue Zahlen – Politiker argumentieren nicht immer ganz wahrheitsgemäß. Fact-Checking-Medien kündigen dieser Praxis nun den Kampf an.

von Cary Spivak

Gib Heinz war absolut genervt, als die Seattle Times ihre »Truth Needle« startete, ein Fact-Checking-Projekt zur Überprüfung von Politiker-Aussagen. »Ich bin fassungslos!« schrieb der Mann aus Freeland, Washington, in einem Leserbief. »Diese Truth Needle will mir also Vorschriften machen? Nachrichtenjournalismus soll mir Nachrichten liefern, und ich will selbst darüber entscheiden, was richtig oder falsch ist.« – Sorry, Herr Heinz, aber Sie sollten sich an die Fact-Checker gewöhnen. Denn diese erleben gerade einen sagenhaften Boom.

Allein 2010 haben mindestens zwei Dutzend Medienunternehmen und Universitäten in den USA Fact-Checking-Initiativen gestartet oder sich welchen angeschlossen, zum Beispiel dem Politifact-Netzwerk der St. Petersburg Times. Im Rahmen dieser Projekte verlassen Journalisten nun die Gemütlichkeit der Pressetribüne, von der aus sie das Gesellschaftsspiel bisher beobachtet und kommentiert haben. Nun gehen sie aufs Feld und sind Schiedsrichter. »Es ist eine Revolution des Journalismus«, ist sich Jim Tharpe sicher. Tharpe ist Redakteur der Zeitung Atlanta Journal-Constitution, die Politifact Georgia betreut.

Fact-Checker füllen eine Leerstelle

Die Fact-Checking-Bewegung begann 2004, als die Gruppe »Swift Boat Veterans for Truth« John Kerry für vermeintliche Falschaussagen angriff. Die Medien konnten damit damals noch nicht allzu viel anfangen. Die Fact-Checking-Aktivitäten des Wahljahres 2010 sahen da schon ganz anders aus. Sie waren dagegen so etwas wie Fact-Checking auf Steroiden: Eine verbittert geteilte Wählerschaft, eine politische Landschaft voller schriller Behauptungen und Gegenbehauptungen – alles live im Fernsehen – und eine überdrehte Blogosphäre hatten neutrale Schiedsrichter unentbehrlich werden lassen. »Ich hätte nie gedacht, dass es mal einen solchen Journalismus geben würde«, sagt Bill Adair, Chefredakteur und Gründer von Politifact. Die Initiative wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und exportiert seit ihrer Gründung ihren Ansatz zu Lokalmedien im ganzen Land.

»Politifact und die anderen Initiativen füllen eine Leerstelle in der politischen Berichterstattung«, sagt David Broder, langjähriger Kolumnist und Politikjournalist der Washington Post. »Oft genug wurden Wähler ratlos mit gegensätzlichen Aussagen zurückgelassen, ohne dass eine dritte, objektive Quelle Klarheit geschaffen hätte.« Viele Politiker hassen den Gedanken, dass Journalisten jedes Detail ihrer Aussagen prüfen. »Sie fühlen sich von Journalisten, die ihnen Falschaussagen vorwerfen, schnell persönlich angegriffen«, weiß der Politikberater Rick Wiley, »erst recht, wenn man Sie Lügner nennt«.

Der Politikwissenschaftler Ken Goldstein kennt die Angst von Kandidaten für politische Ämter, dass sie von Politifact eine »Pants on Fire« verliehen bekommen. Die »Pants on Fire« weisen einen auf der Politifact-Skala für den Wahrheitsgehalt von Aussagen, dem »Truth-O-Meter«, geradezu als hanebüchenen Lügner aus. Viele Politiker reagieren prompt auf derartige Kritik und passen ihre Statements an, wenn Fact-Checker ihnen einen nicht ganz so wahren Satz nachgewiesen haben. Der Bürgermeister von Milwaukee, Tom Barrett, bekam beispielsweise von Politifact Wisconsin, das der Milwaukee Journal Sentinel betreibt, »Pants on Fire« für die Aussage, während seiner Amtszeit sei die Kriminalitätsrate in der Stadt um 20 Prozent gefallen. Er korrigierte das am nächsten Tag und gab zu: »Ich hätte es beinah selbst geglaubt.« Markos Moulitsas, der Mann hinter dem Blog Daily Kos wurde für die Aussage, dass die Türkei ein arabisches Land sei, zwar nur mit einem »Falsch« auf dem Truth-O-Meter belegt. Auch er bloggte jedoch sofort eine Richtigstellung.

Manche lügen einfach weiter

Aber noch lange nicht alle Ertappten sind reumütig. Schließlich …

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