Kolportage-Journalismus
Die Tage des Medienerregers

Ob Norovirus, Schweinegrippe oder EHEC: Wenn es um vermeintliche Pandemien geht, ist die Inkubationszeit der Medien erstaunlich kurz. Welche Ansteckungswege stecken hinter der Berichterstattung?

von Holger Müller

Gegen bestimmte Viren und Bakterien versagen die Abwehrkräfte unserer Medien kläglich. Kaum tritt ein unbekannter Krankheitserreger auf, zeigen sie erste Ausfallerscheinungen. Diese Diagnose bestätigt sich seit dem 20. Mai, als das Gesundheitsministerium in Schleswig-Holstein zum ersten Mal vor enterohämorrhagischen Escherichia coli warnte. Schon am Montag darauf fieberte das ARD-Boulevardmagazin Brisant: »Deutschland hat Angst vor dem Bakterium EHEC.« Und Bild.de legte nach, »Todes-Bakterium EHEC: Antibiotika können Erreger nicht stoppen!« – und die Presse erst recht nicht. Wie schon bei SARS, Vogel- und Schweinegrippe herrschte Pandemie-Panik, und zwar nicht nur auf dem Boulevard. Aber warum sind gerade Seuchen wie EHEC für die Redaktionen so ein dankbares Thema?

Die Ansteckung

Eine Antwort auf diese Frage versucht die Nachrichtenwerttheorie: Ein Ereignis ist erst dann für Redakteure berichtenswert, wenn es bestimmte Nachrichtenfaktoren erfüllt. Die kleinsten gemeinsamen Nenner in der einschlägigen Literatur lauten Betroffenheit, Reichweite, Nähe, Prominenz und Emotionen. Je mehr Faktoren auf ein Ereignis zutreffen, desto einfacher überwindet es die Nachrichtenschwelle. Sobald dann ein Thema etabliert ist, schaffen es weiterführende Berichte umso leichter in die Medien.

Im Fall von EHEC entsprechen die Nachrichtenfaktoren einem Fieberthermometer für die Berichterstattung. Betrachten wir also die erste Pressmitteilung aus dem Schleswig-Holsteinischen Gesundheitsministerium, Überschrift: »Gesundheitsministerium: Bei blutigen Durchfallerkrankungen Arzt aufsuchen – vermehrtes Auftreten im Norden«. In Behördensprech verpackt fallen noch die Namen EHEC und HUS, aber ansonsten vermeldet das Ministerium nichts Konkretes. Keine Opferzahlen, kein Hinweis auf die Infektionsquelle, kein Nachrichtenwert an einem Freitagnachmittag. Die Lokalpresse berichtete nur klein und auf den hinteren Seiten.

Erst nach einer Inkubationszeit von zwei Tagen haben die ersten großen deutschen Medien reagiert. Bild.de gab am 22. Mai die Richtung für den Boulevard vor: »Durchfall-Erkrankungen: Behörden warnen vor Todes-Keimen«. Spiegel Online formulierte zurückhaltender: »Ehec-Erreger: Zahl lebensgefährlicher Darminfekte im Norden steigt stark«. Bis zu diesem Sonntag waren in Norddeutschland etwa 70 EHEC-Verdachtsfälle bekannt geworden, Tote hatte die Infektion bis dahin noch nicht gefordert. Trotzdem erfüllt das Ereignis »EHEC-Erreger« aus Sicht der Redaktionen inzwischen genügend Nachrichtenfaktoren für eine bundesweite Berichterstattung: Nach Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen sind immer mehr Menschen in anderen Bundesländern betroffen (Reichweite/Nähe). Der Infektionsherd scheint genau das rohe Gemüse oder Obst zu sein, das wir alle jeden Tag essen (Betroffenheit), was ein Experte des Robert-Koch-Instituts bestätigt (Prominenz).

Der Krankheitsverlauf

Jetzt den Medien pauschal »Sensationsgeilheit« zu attestieren, trifft den Kern des Problems nicht ganz. Da die Nachrichtenwerttheorie auf der Wahrnehmungspsychologie aufbaut, spiegeln die Nachrichtenfaktoren auch gewisse Erwartungen des Publikums wider.

In den vergangenen zwanzig Jahren haben sich die Ansprüche an das Mediensystem geändert. Früher erwartete die Öffentlichkeit von den Journalisten Kritik und Kontrolle, jetzt erhofft sie sich schnelle, relevante Informationen und Orientierung. Denn vor allem durch das Internet hat sich die Geschwindigkeit im Nachrichtenfluss drastisch gesteigert. Auch die klassischen Medien lassen sich an diesem Tempo messen. Diesen Anspruch drückt zum Beispiel auch der frühere Claim von B5 aktuell aus, der Nachrichtenwelle des Bayerischen Rundfunks: »In 15 Minuten kann sich die Welt verändern«.

Wie die EHEC-Epidemie zeigt, ergeben sich durch den Wettbewerb um die schnelle Information Probleme an den Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Politik und Medien: Infektionserkrankungen sind ein wissenschaftlich komplexes Thema, das Journalisten nur mühsam für ihr Publikum vereinfachen können. Die betroffenen Politiker wollen der Öffentlichkeit beweisen, dass sie die Lage unter Kontrolle haben. Allerdings oft ohne wirklich neue Erkenntnisse zu haben, denn wissenschaftliche Untersuchungen brauchen Zeit. Auf den Veröffentlichungsdruck reagieren Wissenschaftler und verantwortliche Politiker mit der Herausgabe von Zwischenergebnissen und Vermutungen. Das Gros der Medien stürzt sich auf der Suche nach einem neuen »Dreh« auf jede noch so kleine Neuigkeit.

Ein Beispiel für diese These ist die Pressekonferenz der Hamburger Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks am 26. Mai. Ein Zitat aus dem Vorspann der Pressemitteilung: »Das Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt (HU) der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz (BGV) hat eine Salatgurke aus Spanien eindeutig als Träger von Enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC) identifiziert.« Diese Nachricht verbreitete die dpa noch während der Pressekonferenz als Eilmeldung mit der Überschrift »Hygiene-Institut: Salatgurken aus Spanien EHEC-Träger«. Auf der Website der Hamburger Morgenpost stand: »Killer-Gurken aus Spanien. EHEC: Hamburger sollen auf Gemüse verzichten«. Der Nachsatz der Gesundheits-senatorin, der Verdacht hinsichtlich des Auslösers der Erkrankung gehe nun gezielt in Richtung Gurken, wurde in diesem Fall geflissentlich übergangen. Stattdessen bauschte der zuständige Redakteur die Nachricht weiter auf: Damit seien die heimischen Gemüsebauern erst einmal rehabilitiert. Am gleichen Abend berichtete ZDF-heute wesentlich vorsichtiger. Vor dem Schriftzug »EHEC an Salatgurken nachgewiesen«, sprach Matthias Fornoff davon, dass eine mögliche Infektionsquelle damit entdeckt sei – im Hintergrund die obligatorische Petrischale.

Fünf Tage später hat das Hamburger Hygiene-Institut seine Laboruntersuchungen an den verdächtigen Gurken abgeschlossen, Politik und Presse rudern öffentlich zurück: »Unsere Hoffnung, die Quelle der schweren Komplikationsfälle mit HUS-Syndrom zu entdecken, hat sich bei diesen ersten Ergebnissen leider nicht erfüllt«, spricht die Hamburger Gesundheitssenatorin. Und die Mopo gesteht: »Spanische Gurken sind doch nicht schuld!«

Weitere Krankheitsbilder

Leider waren die spanischen Gurken kein Einzelfall in der EHEC-Berichterstattung. Schon am 25. Mai warnte das Robert-Koch-Institut, »Tomaten, Gurken und Blattsalate in Norddeutschland nicht roh zu verzehren.« Bild.de meldet daraufhin in Fettschrift: »Das RKI rät dringend, vorsorglich bis auf Weiteres Tomaten, Salatgurken und Blattsalate aus Norddeutschland nicht roh zu verzehren!« Und Marc Bator warnt mit deutlicher Betonung in der Tagesschau »[…] vor Salaten, Salatgurken und Tomaten – insbesondere aus Norddeutschland.« Auch wenn Bild und Tagesschau nicht viel gemeinsam haben, meldeten beide Redaktionen »aus« statt »in Norddeutschland«. Ist dieser Fehler einfach nur ein zufälliger Beweis für schlampigen Journalismus?

Nachdem öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunk, Nachrichtenportale und Presse diesen Fehler verbreiteten, liegt der Verdacht nahe: Die Fehlerquelle liegt in der Nachrichtenkette vor der produzierenden Redaktion. Und in der Tat, am 25. Mai geht um 19.12 Uhr bei der dpa folgende Eilmeldung über den Ticker: »RKI warnt vor Salat, Gurken und Tomaten aus Norddeutschland«. Selbst als der Fehler auffällt, belässt es die Redaktion der dpa bei einer versteckten Berichtigung in der Zusammenfassung von 20.45 Uhr: »EHEC: Warnung vor Salat, Gurken und rohen Tomaten im Norden«. Erst am nächsten Abend korrigierte dpa-Chef Wolfgang Büchner persönlich, versehen mit dem Hinweis: »Achtung: Damit wird die dpa 1812 vom 25. Mai präzisiert. Damit ist klargestellt, dass das RKI nicht ausdrücklich vor Gemüse aus Norddeutschland gewarnt hatte, sondern vor dem Verzehr roher Tomaten, Salatgurken und Blattsalate – insbesondere in Norddeutschland«.

In den meisten aktuellen Redaktionen arbeiten die Journalisten heutzutage unter einem ungeheuren zeitlichen und ökonomischen Druck. Dadurch sinkt der Stellenwert der Recherche. Die Zeiten, in denen ein Redakteur die Hälfte seiner Zeit für die Recherche verwenden konnte, sind längst vorbei – wenn es sie überhaupt jemals gab. Walter Lippmann beklagte bereits 1922: »Ohne Standardisierung, ohne Stereotypen, ohne Routineurteile, ohne eine ziemlich rücksichtslose Vernachlässigung der Feinheiten stürbe der Redakteur bald an Aufregungen.« Analog dazu gilt in vielen Redaktionen die ungeschriebene Regel: »Agenturmeldungen dürfen ungeprüft übernommen werden.« Daraus folgt: Die Qualität der Berichterstattung hängt von den Agenturen ab.

Die Therapie

Die Diagnose im Fall Medienerreger EHEC steht fest: Ein großer Teil der deutschen Medien reagiert mit seiner Berichterstattung zwanghaft auf Schlüsselreize. Dabei folgen sie bereits eingeübten Mustern, übertreiben in der Anfangsphase, um das Ereignis publikationswürdiger zu machen. Sie veröffentlichen kritiklos jeden noch so kleinen Informationsschnipsel. Die beste Therapie dagegen wäre wahrscheinlich eine Finanzspritze, um gute Recherche zu belohnen. Dazu noch der strikte ärztliche Rat zu mehr Ruhe und Gelassenheit. Der erste Therapieansatz ist leider Wunschdenken, der zweite ist dem Patienten durchaus bewusst.

Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, bekannte Anfang Juni 2011 im Medienmagazin Zapp: »Ich habe nach der Schweinegrippe auf so manchem Podium gesessen bei Medienkongressen. Wir haben uns alle selbstkritisch vorgenommen, zukünftig anders zu agieren. Und wenn ich mir dann die Medienlandschaft angucke, frage ich mich: Worüber haben wir geredet, da ist gar nichts passiert. Wir treiben im wahrsten Sinne des Wortes wieder jede Sau durchs Dorf.«

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