Frontjournalisten
Alles andere als embedded

Immer seltener kommen in Berichten aus Afghanistan auch Afghanen zu Wort. Im Dokumentarfilm »Generation Kunduz« ist das anders. Unser Autor gibt Einblicke in diese schwierige Arbeit.

von Martin Gerner

Mit angespanntem Blick schaut Leila* in die Kamera. Sie ist eine von wenigen Polizeibeamtinnen in Kunduz. Die Frau, Anfang 40, beobachtet, wie ihr Sohn mit einem Messer ein Stück Fleisch traktiert, das am Boden liegt. Eine Ziege wurde für das Opferfest geschlachtet, um den Segen des Allerhöchsten zu erbeten. Hier, hinter den Mauern ihres Hauses, ist Laila geschützt. Die Angst ist ihr trotzdem anzusehen. Sie kämpft sichtlich mit ihrer Entscheidung, uns, das Filmteam, zu sich nach Hause eingeladen zu haben. »Was, wenn die Nachbarn über mich reden, weil ihr hier Aufnahmen macht?« Ehe sich ihre Züge entspannen, ehe sie ihre Angst einigermaßen vergisst, vergehen zwanzig Minuten. Ihr Sohn schabt noch immer mit dem Messer an der Fettschicht der toten Ziege. »Er soll bloß kein Metzger werden, wenn er mal groß ist«, meint die Mutter von sieben Kindern. Dann bittet sie ihn, vor der Haustür nachzusehen, ob sich jemand an unserem Wagen zu schaffen macht.

Das Leben schildern, nicht den Krieg

Es sind Szenen wie diese, die etwas vom Leben in Kunduz vermitteln, von der Spannung, die in jeder scheinbar normalen Alltagssituation steckt. Die Angst von Leila steht beispielhaft für eine verunsicherte Bevölkerung in dieser afghanischen Stadt. Da sind einerseits die Drohungen der Taliban, die vor Kontakten mit den »Kafer«, den »Ungläubigen«, warnen. Und andererseits ist da die Präsenz des ausländischen Militärs, das die Afghanen meist nur als patrouillierende Konvois zu sehen bekommen und dem sie auch nicht recht trauen.

Diverse Aufenthalte und mehrere Monate für Recherche und Dreh sowie ein gutes halbes Jahr Schnitt brauchten die Arbeiten zu »Generation Kunduz – Der Krieg der Anderen«. Zusammen mit einem Kameramann als kleines Zwei-Mann-Team, so viel war klar, würde ich den Protagonisten des Filmes am ehesten nahekommen. Denn das möchte der Film: etwas vom Leben der Menschen erzählen, den Alltag der Afghanen im Krieg schildern – und das abseits des medialen Fokus auf deutsche und NATO-Soldaten.

Die Menschen in Afghanistan hinterfragen mittlerweile skeptisch die Identität ausländischer Journalisten – das bringt die unsichere Lage mit sich. Und so ging es auch uns: Ein Journalist aus der Fremde unterwegs ohne Hilfsorganisation? Womöglich könnte er ja mit der Kamera im Auftrag des Militärs oder von Geheimdiensten unterwegs sein.

2004 war ich zum ersten Mal in Afghanistan, um afghanische Journalistinnen und Journalisten auszubilden. Das tue ich bis heute. Es ist ein Feld, auf dem es übrigens eine Reihe von Fortschritten zu verzeichnen gibt. Außerdem arbeite ich als freier Korrespondent für überregionale deutsche Tageszeitungen und den ARD-Hörfunk. Bei jeder Rückkehr nach Deutschland irritiert mich das schiefe Afghanistanbild in unseren Medien: mittelalterlicher Islam, die Frau allein über die Burka definiert, die Afghanen als profillose Bittsteller. Unserem Afghanistan-Bild gilt es, seine weißen Flecken zu nehmen. Deshalb nähere ich mich den Protagonisten als handelnden Subjekten. Da ist Mirwais, ein 10-jähriger Schuhputzer, der über Krieg redet wie ein Erwachsener; Hassib, der als Wahlbeobachter erlebt, wie seine Vorstellungen von demokratischen Verhältnissen zerplatzen; oder Khatera, die als junge Reporterin Hoffnung in das Bloggen setzt.

Eine Folge der militärischen Auseinandersetzungen im Umfeld der Stadt, wie dem deutschen Luftangriff auf den bekannten Tanklaster am Kunduz-Fluss, ist Misstrauen in der Bevölkerung. Das machte unseren Dreh im Alltag von Afghanen erwartungsgemäß schwierig. So trafen wir auf der Suche nach Protagonisten mehrfach zunächst neugierige und an unserem Projekt interessierte junge Leute, die grundsätzlich bereit waren, uns ihre Geschichte zu erzählen – die Dinge, die sie auf dem Herzen haben. Nach, wie wir meinten, erfolgreichem Vorgespräch erschienen sie dann jedoch nicht mehr. Oder: Nach einer Woche gemeinsamer Arbeit wollte einer unserer Übersetzer plötzlich nicht mehr mit mir Seite an Seite in Kunduz gesehen werden. Als Sprachmittler für das deutsche Militär in Kunduz konnte er sich den Blicken seiner Landsleute im Militärlager am Rande der Stadt weitgehend entziehen. Nicht so während unseres Drehs. Die Folge war: Wir blieben zwar zusammen, aber er ging fortan mit 20 Meter Abstand vor uns her, wahlweise auch auf der anderen Straßenseite, bis wir unseren nächsten Treffpunkt erreicht hatten.

Zusammenarbeit mit Einheimischen

Sprachmittler sind in Kunduz mehr als Übersetzer. Oft sind sie …

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