Editorial

Liebe Leserinnen, Liebe Leser
Michael Haller

schon wieder lange her, das mit Winnenden – erinnern Sie sich? Liegt vier Monate zurück. Angeheizt von ihren Redaktionen, drehten viele Journalisten durch, twitterten Falschmeldungen, nötigten unter Schock stehende Jugendliche zu Unsinnsaussagen, quasselten vor laufender Kamera im Stil einer Sportübertragung, orakelten den Massenselbstmörder Tim K. zum Wahnsinnshelden (»Wenn Kinder zu Killern werden«, Titel des Spiegel der Folgewoche), nannten den Täter gleich mit vollem Namen (auch die Süddeutsche).

Was solls, werden jetzt manche denken, das haben wir längst durchdiskutiert. Journalistenschelte las man doch bei EPD Medien und in der DJV-Zeitschrift journalist, harte Medienkritik brachte »Zapp« auf NDR 3, und das Netzwerk Recherche hielt an seiner Jahrestagung sogar einen Workshop ab, wo Betroffene zeigen konnten, wie unmenschlich sich die Journalistenmeute in Winnenden verhalten hat.

Also was solls? Ist doch abgehakt und vorbei – morgen haben wir ein neues Thema und vielleicht ein anderes Problem.

Vielleicht wird es kein neues, sondern das immerzu selbe Problem sein: dass der Journalismus als Ganzes dumm und kopflos, also nicht fähig ist zu lernen. Die viel Älteren werden sich an die gefälschten »Hitler-Tagebücher« erinnern (1983), die Älteren an das Geiseldrama Gladbeck (1988), die noch nicht so Alten an jüngere Katastrophen (wie Tsunami) und Schul-Massaker (wie Erfurt) – und nicht dementieren können, dass jedes Mal dieselbe Kopflosigkeit und anschließend dieselbe scheinheilige Betroffenheit an den Tag gelegt wurde, ärger noch: dass es von Mal zu Mal kopfloser zuging, von Mal zu Mal desaströser, soweit es um Handwerksregeln und Berufsethik geht.

Gründe? Insbesondere die mit der Digitalisierung und dem schärfer werdenden Medienwettbewerb verbundene Beschleunigung der Aussagenproduktion. Es scheint, als wollten manche Onlinemedien das Spektakel schon schildern, noch ehe es sich zugetragen hat. Diese Beschleunigung – und damit die Frage nach den Chancen einer Entschleunigung – haben wir zum Titelthema dieses Heftes gemacht, um zu zeigen, dass hier ein journalismuszerstörerischer Trend abläuft.

Nicht minder zerstörerisch wirkt sich der viel diskutierte Medienwandel in den USA aus. Oder doch nicht? Unser zweiter Schwerpunkt versammelt mehrere Beiträge, die eine etwas andere Sicht auf die Medienkrise liefern. So hat Stephan Ruß-Mohl während seiner Studienreise in den USA wichtige, für Europa aufschlussreiche Beobachtungengemacht, während Hans J. Kleinsteuber und Thomas Schuler die Sonderrolle amerikanischer Medienstiftungen beleuchten.

Inmitten der hysterischen Aufgeregtheiten gibt es noch immer Orte, wo Journalisten mit Akribie und langem Atem herausragende Recherchen zustande bringen. Wir freuen uns, Ihnen anhand präziser Rechercheprotokolle Einblicke in zwei Enthüllungsrecherchen geben zu können: in die mit dem Henri-Nannen-Preis prämierte Arbeit über Investmentbanker von Melanie Bergermann und in die beeindruckende Zusammenarbeit von zehn europäischen Reportern, die einem weltweit agierenden Schmugglerring auf die Schliche kamen.

Dass Sie die Zeit für eine entschleunigende Lektüre dieser Message-Ausgabe finden werden, dies wünscht sich

Michael Haller

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